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Updated: 11 hours 8 min ago

Durch Gruppen-Zirkeltraining nach Schlaganfall wieder schneller auf die Beine?

Tue, 09/19/2017 - 14:13

 

Der Name sagt es: ein Schlaganfall tritt in aller Regel „schlagartig“ auf, meist ohne erkenntliche Vorboten. Und versursacht dabei häufig Einschränkungen und Behinderungen, die alles andere als schlagartig wieder weggehen und oftmals einer langwierigen Rehabilitation bedürfen.

Während in Deutschland jährlich rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall erleiden, sind in der Schweiz durchschnittlich 12.000Menschen jährlich hiervon betroffen. Ein Schlaganfall ist eine akute Schädigung von Teilen des Gehirns, die entweder durch eine Minderdurchblutung (durch Gefäßverschluss) oder eine Hirnblutung verursacht werden kann. Abhängig von Art, Ort und Ausdehnung kann ein Schlaganfall zu erheblichen Behinderungen führen. Zu den häufigsten Folgen gehören halbseitige Lähmungen, Sprachstörungen, Beeinträchtigungen des Gleichgewichts sowie Gefühls- und Wahrnehmungsstörungen. Diese Beeinträchtigungen können die Durchführung alltäglicher Aktivitäten wie das Anziehen, Einkaufen und Essen oder Treppensteigen und damit die gesellschaftliche Teilhabe an sozialen Anlässen und Freizeitaktivitäten und das Ausüben eines Berufes erheblich erschweren oder gar unmöglich machen.

Physiotherapeutische Einzeltherapie ist essenziell, aber häufig nicht ausreichend

Physiotherapie ist in aller Regel ein zentraler Bestandteil der Rehabilitation von Menschen nach einem Schlaganfall. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus bzw. der Rehabilitationsklinik bedürfen viele dieser Menschen einer kontinuierlichen ambulanten Weiterbehandlung. Diese erfolgt in erster Linie im Rahmen einer physiotherapeutischen Einzelbetreuung. Die Vorteile einer individuellen Physiotherapie liegen auf der Hand: individuelle Defizite können gezielt aufgearbeitet und die Behandlung auf die spezifischen Bedürfnisse des einzelnen Patienten zugeschnitten werden. Diesen Vorteilen stehen jedoch insbesondere Beschränkungen der Behandlungsfrequenz und -dauer entgegen. Die Einzeltherapie wird sowohl von Patienten als auch Therapeuten oft als „nicht ausreichend“ betrachtet. Der Zugang zu einer umfänglicheren Behandlung, insbesondere aber zu intensiveren Rehabilitationsmaßnahmen, ist in aller Regel sehr begrenzt.

Fortschritte durch stetiges Üben

Neuere Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften unterstreichen die Bedeutung einer ausreichend umfänglichen Therapie. So zeigen Forschungsergebnisse zum „Motorischen Lernen“, dass viele Übungswiederholungen notwendig sind, um eine Verbesserung motorischer (bewegungsbezogener) Funktionen zu erreichen (Lohse et al. 2014). Dabei wird empfohlen, keine abstrakten „Turnübungen“ durchzuführen, sondern bevorzugt Übungen mit einem konkreten Bezug zu Aufgaben aus dem Alltag, wie zum Beispiel das Aufstehen von einem Stuhl oder das Greifen eines Gegenstandes. Ein kürzlich veröffentlichter Cochrane Review enthielt Evidenz dafür, dass ein solches aufgabenorientiertes Training die Arm- und Beinfunktion wirksam verbessern kann.

Gruppen-Zirkeltraining um schneller wieder auf die Beine zu kommen

Ein Zirkeltraining in der Gruppe könnte eine sinnvolle und möglicherweise leichter zugängliche Option für eine aufgabenspezifische Therapie mit vielen Übungswiederholungen darstellen. Bei einem solchen Training werden alltagsbezogene und aufgabenorientierte Aktivitäten gezielt und wiederholt geübt, mitunter kombiniert mit einem Krafttraining. Das Trainieren in der Gruppe mit anderen Betroffenen kann auch die Motivation positiv beeinflussen.

Ist ein Gruppen-Zirkeltraining wirklich eine wirksame und zudem sichere Maßnahme zur Verbesserung der Durchführung von Alltagsaktivitäten, des Gleichgewichts und anderer Einschränkungen? Ein aktualisierter Cochrane Review ist dieser Frage nachgegangen und hat die Wirksamkeit von Zirkeltraining für von einem Schlaganfall betroffene Menschen untersucht. In den Review wurden 17 Studien mit insgesamt 1297 erwachsenen Teilnehmern eingeschlossen. In den Studien wurde ein Zirkeltraining mit der üblichen Versorgung bzw. einer Scheinrehabilitation verglichen. Die meisten Studienteilnehmer konnten zu Beginn der Studien mindestens 10 Meter ohne Unterstützung gehen. Die Autoren fanden Evidenz von moderater Qualität dafür, dass ein Gruppen-Zirkeltraining in Bezug auf die Fähigkeit, weiter, unabhängiger und schneller zu gehen sowie, in einigen Fällen, das Gleichgewicht leichter und sicherer zu halten, wirksamer ist als andere Therapieformen.

Sie fanden zudem heraus, dass die positiven Wirkungen des Zirkeltrainings gleichermaßen bei Patienten auftraten, deren Schlaganfall über ein Jahr zurücklag, und solchen, deren Schlaganfall sich innerhalb des vorausgegangenen Jahres ereignet hatte. Dies bedeutet, dass Patienten nach einem Schlaganfall länger Fortschritte machen können als bislang beschrieben wurde. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass es weiterer Forschung bedarf um zu ermitteln, ob ein Gruppen-Zirkeltraining für Patienten mit Schlaganfällen jeglicher Ausprägung geeignet ist, und ob bestimmte Aufgaben bevorzugt geübt werden sollten..

Es kann sich also für von einem Schlaganfall betroffene Menschen lohnen, an einem wohnortnahen Zirkeltraining teilzunehmen. Physiotherapiepraxen sollten über solche Angebote Auskunft geben können.

Text: Cordula Braun und Gudrun Diermayr

Cordula Braun: Physiotherapeutin; PhD im Bereich Orthopädie/Physiotherapie, Teesside Unversity, GB; seit 2009 Dozentin für Physiotherapie im Bereich Gesundheit an der Hochschule 21, Buxtehude; u.a. Autorin des monatlichen „Cochrane Updates“ in der „pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten“ und der „Cochrane für die Physiotherapie“-Datenbank; Beteiligung an Cochrane-Übersetzungen Physiotherapie; aktuelle Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Muskuloskelettale Physiotherapie, Evidenzbasierte Praxis/Gesundheitsversorgung.

Gudrun Diermayr: Physiotherapeutin; PhD im Bereich Motorische Kontrolle/Motorisches Lernen, Columbia University, USA; seit 2013 Professorin für Neurorehabilitation an der Fakultät für Therapiewissenschaften, SRH Hochschule Heidelberg. Mitglied im Cochrane Übersetzungsteam Physiotherapie; aktuelle Arbeits- & Forschungsschwerpunkte: Neurorehabilitation und Umsetzung Evidenzbasierte Praxis.

 

Literatur

Lohse, K. R., Lang, C. E., & Boyd, L. A. (2014). Is more better? Using metadata to explore dose
response relationships in stroke rehabilitation. Stroke, 45(7), 2053–2058.
doi:10.1161/STROKEAHA.114.004695

Cochrane Deutschland ist dabei: Global Evidence Summit 2017 in Kapstadt

Tue, 09/12/2017 - 09:10

Der Global Evidence Summit (GESummit 2017, 13. – 16. September 2017 in Kapstadt) ist in der internationalen Kongresslandschaft 2017 ein Höhepunkt: Fünf internationale Organisationen und Institutionen – Cochrane, Campbell, das Guidelines International Network, das Joanna Briggs Institute und die International Society for Evidence Based Healthcare – bündeln in dieser Konferenz ihre Ressourcen um unter anderem den ‚state of the art’ einer evidenzbasierten Gesundheitsversorgung zu präsentieren. Cochrane Deutschland freut sich sehr, an dieser Konferenz teilnehmen zu können. Einige der TeilnehmerInnen beschreiben hier ihre Erwartungen an das Event sowie ihre individuellen Kongress-Beiträge.

Der Summit vereint erstmals fünf führende internationale Organisationen, die sich seit etlichen Jahren erfolgreich mit Knowledge Translation, d. h. Wissensgenerierung, Synthese und Implementierung, beschäftigen. Dabei wenden sie insbesondere die Methodik der systematischen Übersichtsarbeiten an und entwickeln diese weiter. Neu beim Summit ist, dass sich eine solche Konferenz über verschiedene Themengebiete und Anwender- und Nutzergruppen erstreckt. Dies ist Ausdruck der Akzeptanz von evidenzbasiertem Vorgehen bei gesundheitsbezogenen Entscheidungen auf individueller, institutioneller oder auch gesellschaftlicher Ebene. Die zentrale Frage ist “What works?“, und die Antworten hierauf werden u. a. mit Hilfe der Techniken von Systematischen Übersichtsarbeiten geliefert.

Der Kongress ist ein weiterer Schritt, das Konzept einer evidenzbasierten Gesundheitsversorgung weltweit zu verankern. Ein ambitioniertes Ziel, zu dessen Erreichung wir von Cochrane Deutschland beitragen wollen, auch durch die Präsentation unserer Arbeit, über die wir ausführlich berichten wollen.

Hier ein kurzer Blick auf einige aus unserer „Cochrane Deutschland GESummit-Crew“:

Katharina Kunzweiler – Physiotherapeutin, MPH
Eine fehlende oder unvollständige Publikation von Studienergebnissen führt zu Wissensverlust. Zudem führt es zu einer falschen Wissensbasis für daraus abgeleitete medizinische Entscheidungen. Ein Mittel, dieser Entwicklung entgegenzusteuern, ist die Registrierung klinischer Studien (inkl. deren Ergebnisse).
Damit wird die Existenz einer Studie dokumentiert und Ergebnisse werden nach Studienende festgehalten. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Transparenz in der Medizin. Auf dem Global Evidence Summit in Kapstadt werden wir mit einem Poster unser Projekt vorstellen, in dem wir überprüft haben, wie viele im Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS) registrierte und beendete Studien Ergebnisse veröffentlicht haben. Plenary 1, Mittwoch, 13. September 2017, 12:30 bis 14:00 Uhr

Christine Schmucker – Senior Researcher, Dr. sc. hum.
Meine Motivation, am Global Evidence Summit teilzunehmen, begründet sich zum einen darin, dass wir unsere neuesten Projektergebnisse zum Thema „Netzwerkmetaanalysen in der Leitlinienentwicklung“ vorstellen werden, zum anderen bietet mir ein so großer internationaler Kongress viele Gelegenheiten, mich mit exzellenten Wissenschaftlern auszutauschen. Darüber hinaus werde ich mich inspirieren lassen, wie man gemeinsam Herausforderungen in der Gesundheitsversorgung angehen kann. Halls 1 and 2, Freitag, 15. September 2017, 12:30 bis 14:00 Uhr

Harriet Sommer – Mathematikerin, Dipl.-Math.
Mein Forschungsschwerpunkt sind Metaanalysen, insbesondere Netzwerkmetaanalysen. Netzwerkmetaanalysen sind Erweiterungen der konventionellen paarweisen Metaanalyse und ermöglichen es, mehr als zwei Therapieoptionen miteinander zu vergleichen.
Hierbei gewinnt die frei verfügbare Statistik-Software R mehr und mehr an Bedeutung. Auf dem Global Evidence Summit in Kapstadt geben mein Kollege Guido Schwarzer und ich zwei Workshops, in denen wir die Software vorstellen. Ziel der Workshops ist, die TeilnehmerInnen zu befähigen, die Software anzuwenden, selbstständig Therapieeffekte mit R zu bestimmen und auch Netzwerkmetaanalysen durchzuführen. Ich freue mich jetzt schon darauf, die Fortschritte der Teilnehmenden zu sehen. Workshop “Use R! An Introduction to Meta-Analysis with R”: Roof Terrace Room, Donnerstag, 14. September 2017, 14:00 bis 15:30 Uhr. Workshop “Use R! Network Meta-Analysis with R”: Meeting Room 2.63, Freitag, 15. September 2017, 11:00 bis 12:30 Uhr

Ingrid Toews – M.Sc.
Auf dem Global Evidence Summit stelle ich Forschungsergebnisse und laufende Aktivitäten von Cochrane Deutschland vor. Zu den Forschungsprojekten gehört zum einen eine Langzeitstudie zu den Auswirkungen der Einhaltung von Leitlinien zur Berichterstellung auf den Journal Impact Factor.
In einem anderen Projekt haben meine Kolleginnen und ich ROBINS-I, ein relativ neues Tool zur Bewertung des Risikos für Bias in nicht-randomisierten Studien angewandt, und ich werde über unsere Erfahrungen berichten. Auf einen Austausch, wie andere Wissenschaftler das Tool benutzen, bin ich sehr gespannt. Meeting Room 1.61, Donnerstag., 14. September 2017, 11:00 bis 12.30 Uhr
Besonders freue ich mich auf die Special Session zu Disseminationsbias unter der Leitung von Simon Lewin. Hier können interessierte Teilnehmer darüber diskutieren, wie die Auswirkungen von Disseminationsbias in der qualitativen Forschung festgestellt werden können. Dies ist vor allem für Evidenzsynthesen qualitativer Studien wichtig, welche bei Cochrane eine immer sichtbarere Rolle spielen. Ballroom West, Donnerstag., 14. September 2017, 16:00 bis 17:30 Uhr

Während und nach dem GES werden wir Sie auf unserer Cochrane E-Mail-Liste (Abonnieren auf cochrane.de) sowie über Twitter und Facebook über Highlights und Ergebnisse informieren.

Das Summit auf Twitter und Facebook:
Twitter: @GESummit ; hashtag #GESummit17
Facebook: facebook.com/globalevidencesummit

Text (Einleitung, Schluss): Gerd Antes

Macht späterer Unterrichtsbeginn Jugendliche klüger?

Fri, 09/01/2017 - 11:54

Das neue Schuljahr beginnt vielerorts und für Jugendliche und Eltern heisst es wieder früh aufstehen. Ob sich Frühaufstehen mit dem natürlichen Biorhythmus von Jugendlichen verträgt, wird derzeit vermehrt diskutiert. Cochrane Autoren wollten wissen, ob ein späterer Unterrichtsbeginn positive Auswirkungen auf Gesundheit, schulische Leistungen und Wohlbefinden der Jugendlichen hat.

In vielen Schweizer Kantonen läutet die Schulglocke täglich bereits um 7:30 Uhr. Begründet wird dieser frühe Schulbeginn u.a. damit, dass die obligatorische Betreuungszeit früh am Morgen vielen berufstätigen Eltern entgegenkomme sowie den Familien morgens ein gemeinsames Frühstück ermögliche. Zudem könne durch den frühen Unterrichtsbeginn die vergleichsweise hohe Anzahl der empfohlenen Schulstunden für die weiterführenden Schulen in der Schweiz gewährleistet werden. Ausserdem bliebe den Jugendlichen dadurch auch mehr Zeit am Nachmittag für Hausaufgaben, Familie, Freunde und Hobbys.

Unterrichtsbeginn im europäischen Vergleich

Nur in Polen müssen die Schülerinnen und Schüler ähnlich früh aus den Federn wie in der Schweiz. In anderen europäischen Ländern können Jugendliche oft etwas länger schlafen. Beispielsweise beginnt in Deutschland und Österreich die Schule in der Regel um 8:00 Uhr. In Finnland fängt der Unterricht erst um 9:00 Uhr an. Trotzdem ist das Land im internationalen Vergleich von Schulleistungen (PISA-Studie) seit langem Spitzenreiter. Hinzu kommt, dass laut den Eurydice Erhebungen der Europäischen Kommission die Schweizer Schülerinnen und Schüler nicht nur früher am Morgen sondern auch insgesamt länger unterrichtet werden. Die empfohlene Mindestunterrichtszeit bei der höheren Schulbildung beträgt in der Schweiz 958 Stunden pro Jahr, während diese in Deutschland bei 914 und in Österreich bei 900 liegt. Im PISA-Vorzeigeland Finnland gehen Jugendliche sogar „nur“ 844 Stunden pro Jahr zur Schule.

Sollte der Unterricht später beginnen?

In der Pubertät verschiebt sich der natürliche Biorhythmus nach hinten, das heisst, Jugendliche schlafen abends später ein und wachen – wenn man sie lässt – entsprechend später am Morgen auf. Dies wird durch das Hormon Melatonin beeinflusst, welches bei Pubertierenden später am Abend als bei Kleinkindern oder Erwachsenen ausgeschüttet wird. Dennoch brauchen sie rund 9 Stunden Schlaf für eine optimale Leistung und eine gesunde Hirnentwicklung. Bereits 30 bis 60 Minuten mehr Schlaf könnte bei den Jugendlichen zu verbesserten schulischen Leistungen und einer höheren Motivation beitragen. Dagegen kann Schlafmangel unter anderem das Erinnerungsvermögen, die Rechengeschwindigkeit, die verbale Ausdrucksstärke, das abstrakte Denken und andere kognitive Fähigkeiten beeinträchtigen. All diese Fähigkeiten sind für gute schulische Leistungen von Bedeutung.

Wie sieht die Evidenz für einen späteren Unterrichtsbeginn aus?

Ein neuer Cochrane Review ging der Frage nach, wie sich ein späterer Unterrichtsbeginn auf die Schulleistungen, die Quantität und Qualität des Schlafs, das Wohlbefinden, die Anwesenheit und die Aufmerksamkeit der Jugendlichen im Unterricht auswirkt. Hierzu wurden 11 Studien mit insgesamt 297.994 Teilnehmenden im Alter von 13 bis 19 Jahren untersucht. Die Studien verglichen einen frühen mit einem um 15 bis 60 Minuten späteren Unterrichtsbeginn. Der spätere Unterrichtsbeginn wurde zwischen 2 Wochen bis zu einem Jahr erprobt. Auch wenn die Qualität der Evidenz der eingeschlossenen Studien sehr niedrig ist, weisen die Ergebnisse des Reviews darauf hin, dass ein späterer Unterrichtsbeginn sich möglicherweise positiv auf die schulischen Leistungen und die soziale Integration auswirkt und die Jugendlichen insgesamt länger schlafen. Jugendliche, die später in die Schule mussten, wiesen zudem einen geringeren Körperfettanteil, einen geringeren Body-Mass-Index und einen geringeren Taillenumfang als ihre Mitschüler und -schülerinnen auf. Ein späterer Unterrichtsbeginn kann sich auch positiv auf die psychische Gesundheit der Jugendlichen auswirken. Die Ergebnisse bezüglich der Unterrichts-Fehlzeiten bzw. der Aufmerksamkeit der Jugendlichen waren jedoch zu unterschiedlich, als dass sie Rückschlüsse für oder gegen einen späteren Unterrichtsbeginn zuliessen. Ein späterer Unterrichtsbeginn könnte auch negative Folgen nach sich ziehen, wie beispielsweise weniger Interaktionsmöglichkeiten am Morgen zwischen Eltern und Kindern. Aufgrund der Mängel in den einzelnen Studien müssen die Ergebnisse des Cochrane Reviews jedoch mit Vorsicht interpretiert werden.

Aktueller Stand im deutschsprachigen Raum

Im deutschsprachigen Raum wird schon seit einiger Zeit der spätere Unterrichtsbeginn diskutiert. In Deutschland gibt es bereits Schulen mit gleitendem Schulbeginn und offenem Schulende. So können beispielsweise die Schülerinnen und Schüler in manchen Gymnasien in Berlin und in einer Schule bei Aachen selbst entscheiden, ob Sie bereits zur ersten Stunde um 8:00 Uhr oder erst zur zweiten Stunde gegen 9:00 Uhr in der Schule erscheinen. Dieser gleitende Unterrichtsbeginn stösst nicht nur bei den Jugendlichen sondern auch bei den Lehrerinnen und Lehrern und Eltern auf Zustimmung. Da diese Form der gleitenden Unterrichtszeit erst seit 1,5 Jahren besteht, muss sich allerdings noch zeigen, ob sich dieses Modell auch langfristig bewährt. Auch in der Schweiz gab es bereits auf kantonaler Ebene und von einzelnen Schulen Initiativen, den späteren Unterrichtsbeginn einzuführen. Während parlamentarische Vorstösse in den Kantonen Zürich und St. Gallen abgelehnt wurden, haben einzelne Schulen in den Kantonen Basel-Land, St. Gallen, Bern oder Appenzell-Ausserrhoden ihren Unterricht bereits 20 bis 50 Minuten nach hinten verschoben und zum Teil auch eine Auffangzeit für die Frühaussteher eingerichtet. Jedoch stösst der spätere Unterrichtsbeginn nicht nur auf Zustimmung. An manchen Schulen sind bereits Diskussionen im Gange, ihn wieder aufzuheben.

Kurzum, ein gleitender Unterrichtsbeginn mit eventuell verkürzter Mittagspause und einer morgendlichen Auffangzeit könnte für alle Beteiligten eine Verbesserung darstellen. Hierdurch würden die Jugendlichen insgesamt mehr schlafen und dennoch Zeit für ihre Hausaufgaben, Freizeitaktivitäten und Familie haben. Über ausgeschlafenere Jugendliche würden sich wohl auch die Eltern und, nicht zuletzt, die Lehrerinnen und Lehrer freuen.

 

Text: Anne Borchard

Cochrane für eine gesunde Gesellschaft in Europa

Tue, 08/22/2017 - 12:24

Führen kleinere Portionen und Verpackungen dazu, dass Menschen weniger essen? Hilft eine Steuer auf fetthaltige Produkte dabei, dass sich Menschen gesünder ernähren? Oder allgemein: Was kann man tun, um die Gesundheit auf Gesellschaftsebene zu verbessern? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Cochrane Public Health Gruppe mit Sitz in Melbourne, Australien. Seit 2015 gibt es auch in Europa eine Vertretung dieser Gruppe mit Partnerinstitutionen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Aktuell befinden sich in der Cochrane Library (der Datenbank, die alle Cochrane Reviews beinhaltet) fast 100 Cochrane Reviews, die sich mit Fragestellungen rund um Public Health beschäftigen. Die Cochrane Public Health Gruppe unterstützt zum einen die AutorInnen dieser Reviews, zum anderen hilft sie dabei, dass die Ergebnisse sowohl EntscheidungsträgerInnen als auch der breiten Bevölkerung bekannt gemacht werden.

Vertretung in Europa

Um diese Ziele auch im deutschsprachigen Raum stärker zu verfolgen, haben sich Partnerorganisationen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz zusammengetan und 2015 Cochrane Public Health Europa (CPHE) gegründet.

Nach den ersten zwei Jahren Koordination aus München, wird CPHE seit Juni 2017 von Cochrane Österreich koordiniert. Wir unterstützen die Erstellung von Cochrane Reviews indem wir beispielsweise die geplante methodische Herangehensweise in den Reviews prüfen und AutorInnen während der Erstellung der Reviews beratend zur Seite stehen. Wir führen auch Methodenprojekte durch, um zu einer Verbesserung der Public Health-Forschung in Europa beizutragen. Zum Beispiel untersuchen wir gerade, was aus Sicht von EntscheidungsträgerInnen die Public Health-Themen sind, zu denen es am dringendsten einen Cochrane Review braucht (Link zum Studienprotokoll).

Wie kommen die Forschungsergebnisse in die Praxis?

Unsere wohl wichtigste Aufgabe ist die Verbreitung der Ergebnisse von Cochrane Public Health Reviews in Europa, und besonders in den deutschsprachigen Ländern. Denn was helfen Forschungsergebnisse, wenn sie nicht als Grundlage für Entscheidungen herangezogen werden?

Um herauszufinden, wie Cochrane-Evidenz zu Public Health-Themen am besten und effektivsten vermittelt werden, haben Mitglieder von CPHE ein gemeinsames Forschungsprojekt durchgeführt. Wir entwickelten ein kurzes Kommunikationsformat und testeten dieses bei interessierten Stakeholdergruppen – politischen EntscheidungsträgerInnen, deren unterstützende Gremien, Sozialversicherungen, Berufsverbänden und Interessensvertretungen im Public Health-Bereich. Insgesamt wurden 18 Personen in Österreich, Deutschland und der Schweiz in Interviews befragt. Die Befragten fanden es besonders ansprechend, Informationen in verkürzter Form und in deutscher Sprache zu erhalten. Gleichzeitig fanden sie aber eine kondensierte Darstellungsform auf vier Seiten wenig hilfreich. Stattdessen wünschten sie sich eine klare Struktur mit den wichtigsten Informationen, wie die Relevanz für die Praxis und die Kernaussagen auf der ersten Seite. Teilweise hatten sie auch Probleme mit dem Verständnis von statistischen Fachbegriffen. In einer neuen Version wurden die Verbesserungsvorschläge weitgehend umgesetzt. Wir hoffen damit zukünftig Informationen aus Cochrane Reviews so präsentieren zu können, dass sie genau an die Informationsbedürfnisse der EntscheidungsträgerInnen angepasst sind und von ihnen gelesen und genutzt werden.

Und was sagt die Evidenz nun zu den beiden oben erwähnten Fragen?

Der Trick mit der Portionsgröße

Ein häufig gelesener Cochrane Public Health Review hat untersucht, wie sich die von Kindern oder Erwachsenen ausgewählte oder konsumierte Menge an Lebensmitteln, Alkohol oder Tabak verändert, wenn sie größere oder kleinere (beziehungsweise anders geformte) Portionen oder Verpackungen bzw. Essgeschirr bekommen. Insgesamt wurden 72 Studien in den Review eingeschlossen; die meisten untersuchten die Auswirkungen auf den Konsum von Lebensmitteln.

Es zeigte sich, dass die Menge an ausgewählten und tatsächlich konsumierten Lebensmitteln durch eine Verminderung der Größe, der Verfügbarkeit und des Anreizes größerer Portionen, Verpackungen oder Essgeschirrs vermindert werden kann. Die deutsche Zusammenfassung dieses Reviews gibt es hier, einen Beitrag auf Wissen was wirkt hier.

Sind Steuern auf ungesunde Lebensmittel sinnvoll?

Die Zahl der übergewichtigen Kinder und Erwachsenen ist in den vergangenen Jahren weltweit rasant angestiegen. Manche Länder haben mit Steuern auf zuckerhaltige Getränke, fettreiche oder zuckerhaltige Lebensmittel reagiert oder überlegen derartige Steuern einzuführen. Aber was bringen Steuern auf ungesunde Lebensmittel? Kann damit die Adipositasepidemie eingedämmt werden? Diese Frage untersuchen wir gerade in drei Cochrane Public Health Reviews. Anfang 2018 werden die Ergebnisse dazu vorliegen (Links zu den Protokollen: hier, hier und hier).

Alle weiteren Cochrane Reviews und Protokolle zu Public Health-Themen finden Sie in der Cochrane Library.

Deutsche Kurzzusammenfassungen von Cochrane Public Health Reviews finden Sie auf Cochrane Kompakt.

Autorin: Ursula Griebler, PhD MPH

Studienregister – für mehr Transparenz bei Studien

Tue, 08/08/2017 - 11:48

Bisher war es ein großes Problem, dass viele durchgeführte Studien nie veröffentlicht wurden. Studienregister sollen Abhilfe schaffen und ein umfassendes Bild über alle geplanten, laufenden und abgeschlossenen Studien liefern. Studienverantwortliche können darin kostenlos eine Kurzbeschreibung und weitere wichtige Eckdaten zu ihren Studien hinterlegen. Das globale Ziel ist, dass wichtige Informationen über alle Studien der Öffentlichkeit transparent zur Verfügung gestellt werden.

Stellen Sie sich vor, Sie leiden an einer Krankheit und werden eingeladen an einer Studie teilzunehmen, die ein neues, vielversprechendes Medikament zur Behandlung Ihrer Erkrankung testet. Es soll untersucht werden, ob das neue Medikament wirksamer ist und weniger Nebenwirkungen verursacht als die Standardtherapie.

Bei einer Studie mitzumachen bedeutet neben dem Risiko, das man auf sich nimmt, weil man ein noch nicht zugelassenes Medikament testet, auch Mehraufwand. Sie müssten sich Zeit nehmen für Voruntersuchungen, Behandlungen und Nachbesprechungen während der Studienlaufzeit und hätten unter Umständen auch noch weite Strecken zum Studienzentrum zurückzulegen. Das alles nehmen Sie in Kauf, weil Sie zum einen darauf hoffen, dass Sie von dem neuen Medikament profitieren, zum anderen gehen Sie auch davon aus, dass Sie damit anderen Menschen, die auf eine wirksame Behandlung der gleichen Krankheit hoffen, helfen. Sie stellen sich also in den Dienst der Wissenschaft.

Nach Studienende, werden Ihre Daten zusammen mit denen der anderen Studienteilnehmer ausgewertet. Dann zeigt sich, ob das untersuchte Medikament wirksamer war als die Kontrollintervention (Standardmedikament). Sie als Studienteilnehmer sind in diesen Teil der Studie nicht mehr aktiv involviert – Sie werden jedoch sicher gespannt sein, wie das Ergebnis der Studie lautet. Schließlich wollen Sie wissen, wie Ihr Beitrag zur Forschung die weitere Behandlung Ihrer Krankheit beeinflusst hat.

Mangelnde oder fehlende Veröffentlichung von Studienergebnissen

Viele ehemalige StudienteilnehmerInnen haben den gleichen Wunsch. Leider sieht die Realität oft so aus, dass viele Studienergebnisse nicht, oder nur sehr spät oder unvollständig, veröffentlicht werden. Wenn Studienergebnisse nicht veröffentlicht werden, können Sie auch nicht für weitere Entscheidungen im Gesundheitswesen herangezogen werden und anderen Betroffenen helfen. Der ganze Aufwand und die Risiken, die Sie durch Ihre Teilnahme an der Studie auf sich genommen haben, wären umsonst gewesen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass circa 50 % aller beendeten Studien niemals publiziert werden. Das Zurückhalten von Daten ist ein häufig beobachtetes Phänomen, vor allem wenn negative Ergebnisse (d. h. das Medikament zeigte keine Überlegenheit) oder nicht gewünschte Ergebnisse (z. B. Nebenwirkungen) nicht an die Öffentlichkeit geraten sollen (Antes et al. 2015). Ingrid Töws beschreibt dieses Phänomen eindrücklich in ihrem kürzlich veröffentlichten Wissen Was Wirkt-Artikel zu Disseminationsbias.

Diese Unterschlagung von Ergebnissen kann dazu führen, dass untersuchte Therapien zu optimistisch bewertet werden, da wichtige Nebenwirkungen oder Ergebnisse nicht berichtet werden. Dies wiederum kann zu Fehlverhalten in der Gesundheitsversorgung sowie bei Entscheidungsträgern oder Krankenversicherungen führen, indem beispielsweise weniger wirksame bzw. mit vielen Nebenwirkungen behaftete Therapien angewandt werden.

Registrierung von klinischen Studien: die Grundlage für einen schnellen Transfer von der Forschung in die medizinische Praxis

Eine unterstützende Maßnahme, um Daten und Ergebnisse aus klinischen Studien nutzbar zu machen und das bewusste Vorenthalten von Studienergebnissen zu verhindern, ist die Registrierung von Studien vor Studienbeginn, also bevor der erste Teilnehmer eingeschlossen wird. So wird sichergestellt, dass alle durchgeführten Studien bekannt sind und es kann überprüft werden, ob sich die Studienverantwortlichen an ihre geplante Methode halten und alle Ergebnisse veröffentlichen.

Studienregister sind für viele Interessensgruppen nützlich, so z. B. für:

  • WissenschaftlerInnen: Ein Studienregister kann dabei helfen die Erstellung von Systematischen Reviews mit Meta-Analysen zu erleichtern, indem Studiendaten zu einer Fragestellung recherchiert und kostenlos verwendet werden können. Des Weiteren können somit nicht publizierte Studien gefunden und in die Analysen integriert werden. Außerdem geben Register einen Überblick über die Forschungsaktivität, Expertise und wissenschaftlichen Schwerpunkte eines Standortes. Dies kann im Rahmen von Forschungsförderung oder bei der Anbahnung neuer Kooperationen eine wichtige Rolle spielen
  • PatientenInnen und behandelnde Ärzte und Ärztinnen: Klinische Studien können neue Therapieansätze, die noch nicht in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen sind, untersuchen. Gerade bei Betroffenen, bei denen die bisher verfügbaren Therapien sich als wirkungslos erwiesen haben, bilden derartige neue Therapieansätze eine letzte Hoffnung. Auch wenn die behandelnden ÄrztInnen einen solchen Wunsch auf Einsatz einer noch in Erprobung befindlichen Therapie unterstützen, werden die Kosten durch die Krankenkassen erst übernommen, wenn das Medikament einer umfangreichen Prüfung nach sehr strengen Kriterien standhält. Die Teilnahme in einer Studie könnte dann eine Möglichkeit sein, den Betroffenen Zugang zur Therapie zu vermitteln. Register beiten bieten die Möglichkeit, schnell zu prüfen, ob es geeignete Studien gibt.

Durch die Registrierung von Studiendaten und deren Ergebnissen werden diese für die Öffentlichkeit transparent und tragen dazu bei, eine optimale Patientenversorgung zu gewährleisten, die auf vollständig berichteten Studienergebnissen basiert. In der Schweiz zum Beispiel ist die Studienregistrierung für alle Studien am Menschen seit 2014 gesetzlich vorgeschrieben.

Weltweites Netzwerk von nationalen Studienregistern hilft, den Überblick zu behalten

Unter Koordination der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich mittlerweile ein weltweites Netzwerk von nationalen Studienregistern entwickelt. Das Register für Deutschland ist das Deutsche Register Klinischer Studien (DRKS). Das DRKS arbeitet an einer möglichst vollständigen Eintragung sämtlicher Studien und bietet Betroffenen und behandelnden Ärzten und Ärztinnen einen uneingeschränkten und nicht vorselektierten Zugang auf diese Eintragungen. Dazu wird den Studienverantwortlichen ermöglicht, Angaben zu ihren Studien, wie den Ein- und Ausschlusskriterien, dem Studienziel, der Behandlungsform, u. v. a. im Register zu dokumentieren und damit der Öffentlichkeit Informationen zu laufenden, geplanten oder bereits abgeschlossenen Studien zu liefern. Eine Dokumentation aller Studien in einem Studienregister dient allen im Gesundheitsbereich Tätigen sowie den Patienten und Patientinnen. Nur durch eine vollständige Offenlegung aller Daten und Ergebnisse wird die bestmögliche Gesundheitsversorgung gewährleistet sein.

Auf der kostenlosen und öffentlich zugänglichen Internetseite des DRKS können durch Suchanfragen Studien zu bestimmten Themen gefunden werden. Der Rekrutierungsstatus einer Studie kann abgefragt werden, sodass PatienteInnen und ÄrztInnen direkt Teilnahmemöglichkeiten an geeigneten Studien feststellen können. Die Inhalte sind in deutscher und in englischer Sprache verfügbar. Zudem wird eine Kurzbeschreibung in allgemein verständlicher Sprache zu den eingetragenen Studien angeboten.

Das DRKS gehört seit dem 1. Juli 2017 dauerhaft zum Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) in Köln, im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit. Zuvor war das Register seit der Gründung am Institut für Medizinische Biometrie und Statistik der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg angesiedelt.

Text: Katharina Kunzweiler

Katharina Kunzweiler ist seit 2015 als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Cochrane Deutschland tätig. Zuvor war sie zuständig für Öffentlichkeitsarbeit am Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS). Sie ist ausgebildete Physiotherapeutin und hat einen Master-Abschluss in Public Health/Gesundheitswissenschaften. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt im Bereich Wissenstransfer und –synthese für nicht-ärztliche Gesundheitsberufe sowie medizinische Laien.

Hepatitis eliminieren! Das Motto zum Welt-Hepatitis-Tag

Wed, 07/26/2017 - 09:41

28. Juli 2017 – Welt–Hepatitis-Tag. Virushepatitis ist und bleibt weltweit noch immer eine medizinische Herausforderung. Die Sterberate steigt und das, obwohl es Schutzimpfungen und Therapien gibt. „Hepatitis eliminieren!“ ist das Motto der WHO zum diesjährigen Welt-Hepatitis-Tag. Ist das möglich, was sagt die Evidenz dazu?

325 Millionen Menschen weltweit lebten 2015 mit chronischer Hepatitis (WHO). Geschätzte 1,34 Millionen Menschen sterben jährlich infolge einer Virushepatitis. Tuberkulose, HIV/AIDS oder Malaria fordern ähnlich viele Tote. Doch im Gegensatz zu Letzteren steigen die Hepatitis-bedingten Sterberaten. Die WHO hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, die virusbedingte Hepatitis bis 2030 zu eliminieren.

Was steckt hinter der Virus-Hepatitis?

Hepatitis, also eine Entzündung der Leber, kann durch unterschiedliche Erreger oder Umstände verursacht werden. Meistens sind jedoch Viren die Übeltäter. Bislang sind fünf unterschiedliche Hepatitis-Virustypen bekannt (A, B, C, D, E), die alle ein gemeinsames Angriffsziel teilen – die Leber. Dort lösen sie unterschiedlich schwere Erkrankungen aus. Im besten Fall verläuft eine Hepatitis akut, das heißt sie heilt nach wenigen Wochen aus. Sie kann aber auch einen chronischen Verlauf nehmen. Da eine Infektion oft nur mit unspezifischen oder grippeähnlichen Symptomen wie Müdigkeit, Gelenk- oder Oberbauchbeschwerde einhergeht, bleibt sie oft unbemerkt und unbehandelt. Das auffälligste Symptom, die Gelbsucht (Gelbfärbung der Haut und Augen), tritt nämlich nur selten auf. Die Virustypen A und E lösen nahezu immer eine akute Hepatitis aus. B verläuft in 5-10 % der Fälle chronisch, während C bei 80 % der Betroffenen eine chronische Hepatitis auslöst. Hepatitis D tritt nur in Verbindung mit Hepatitis B Infektionen auf. Im Fokus der WHO-Strategie liegen die Virustypen B und C, da diese für 96 % aller weltweiten Hepatitis-bedingten Todesfälle verantwortlich sind (WHO).

Hepatitis B & C – hochansteckend mit schwerwiegenden Folgen

Der Hepatitis B Virus ist der ansteckendste Hepatitis Virus (Deutsche Leberstiftung). Er ist bis zu 100 mal infektiöser als HIV und wird ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen – über Blut, Speichel und Sperma. Auch eine Übertragung von Mutter zu Kind im Mutterleib bzw. während der Geburt ist möglich. In Deutschland liegt die geschätzte Zahl der Hepatitis B Erkrankten bei 400.000 bis 500.000 Menschen (Deutsche Leberstiftung).

Bei über 90-95 % der Fälle heilt eine akute Hepatitis B Infektion bei Erwachsenen von alleine aus. Bei bis zu zehn Prozent der Infizierten und vor allem bei Kleinkindern überdauert die Infektion jedoch einen Zeitraum von sechs Monaten und nimmt somit einen chronischen Verlauf. Die unbehandelte, chronische Infektion kann zu Leberzirrhose und –Krebs führen. Hepatitis B ist für 80 Prozent der Leberkrebsfälle weltweit verantwortlich.

Hepatitis C wird vorrangig über das Blut übertragen (Deutsche Leberstiftung). Die Nutzung nicht-steriler Injektionsnadeln, Tätowier-Nadeln oder Rasiermesser und Bluttransfusionen sind häufige Infektionswege. Während weltweit zwar Hepatitis B am häufigsten auftritt, ist Hepatitis C in Deutschland mit 500.000 bis 800.000 Virusträgern noch stärker verbreitet. In ca. 20 % der Fälle heilt die Erkrankung spontan aus, meistens nimmt die Hepatitis C Infektion jedoch einen chronischen Verlauf. In 15-20 % aller chronischen Fälle entsteht eine Leberzirrhose. Wiederum 20 % dieser unter Zirrhose leidenden Menschen entwickelt in weiterer Folge Leberkrebs.

Schutz gegen Hepatitis Infektion

Eine Möglichkeit Hepatitis Viren den Kampf anzusagen sind Impfungen. Eine Hepatitis B Infektion lässt sich zum Beispiel seit 1982 durch eine Schutzimpfung verhindern (WHO), welche seit 1992 vor allem für Säuglinge innerhalb von 24 Stunden nach ihrer Geburt und für Erwachsene in Risikogruppen (z. B. Gesundheitspersonal) von der WHO empfohlen wird. In Deutschland sind heute etwa 80 % aller Schulkinder gegen Hepatitis B geimpft (Deutsche Leberstiftung). Laut WHO zeigen Schutzimpfungen große Erfolge, da weltweit der Anteil von infizierten Kindern unter dem fünften Lebensjahr seit Einführung der Impfung von 4.7 % auf 1.3 % gefallen ist (WHO).

Ein großes Problem stellt jedoch die Übertragung von Hepatitis B von der Mutter auf das Kind dar. Ein 2014 veröffentlichter Cochrane Review wollte untersuchen, ob eine Schutzimpfung, die einer infizierten Mutter während der Schwangerschaft gegeben wird, das Kind vor einer Infektion schützen kann. Es konnte leider keine Studie gefunden werden, die dies untersucht hatte.

Ein anderer Cochrane Review aus 2017 untersuchte, ob die Verabreichung von Hepatitis B Antikörpern (Immunglobulin, HBIG) während der Schwangerschaft eine Mutter-zu-Kind Übertragung des Virus verhindern kann. Die 36 eingeschlossenen Studien wiesen zwar darauf hin, dass eine vorgeburtliche Verabreichung von Antikörpern eine Infizierung verhindern könnte, doch die Qualität der Evidenz war so niedrig, dass die Autoren keine Schlüsse über die Wirksamkeit von Antikörper-Verabreichung während der Geburt ziehen wollten. Außerdem gab es kaum Daten zu möglichen Nebenwirkungen für Mutter und Kind.

Gegen Hepatitis C gibt es leider keine Impfung. Hier empfehlen jedoch viele Länder Screening-Untersuchungen — meist für Risikogruppen –, um eine Infektion rechtzeitig zu entdecken und zu behandeln, noch bevor schwere Leberschäden entstehen (WHO).

Medizinische Fortschritte ermöglichen Heilung

Die Therapiemöglichkeiten von Hepatitis entwickeln sich stetig weiter. In der Behandlung von Hepatitis C wird mittlerweile Heilung angestrebt. Medikamente wie Sofosbuvir, Daclatasvir und die Sofosbuvir/Ledipasvir Kombination können laut Informationen der WHO 95 % der Betroffenen dauerhaft von ihrer Infektion befreien. Die WHO berichtet auch, dass durch die Therapie mit direkt wirkenden antiviralen Präparaten (Direct-acting antivirals -DAAs) Heilung bei den meisten Hepatitis C infizierten Menschen meist schon innerhalb 12 Wochen erfolgen kann. Laut WHO ist mit dieser Therapie eine Eliminierung von Hepatitis realistisch geworden.

Ein kürzlich veröffentlichter Cochrane Review hat sich auch mit dem Nutzen und Schaden von DAAs bei der Behandlung von Hepatitis C befasst, hat jedoch kritischere Schlüsse gezogen. Alle einbezogenen Studien und deren Ergebnisse, so die Autoren, seien einem hohen Bias-Risiko unterlegen und daher mit Vorsicht zu interpretieren.

Nichtsdestotrotz, die Behandlungsmöglichkeiten für Hepatitis C haben sich in den letzten Jahren stetig verbessert. Dies gilt auch, aber nicht im gleichen Maße, für die Behandlung von chronischer Hepatitis B (WHO, WHO-factsheet).

Schwierigkeiten bei der Eliminierung von Hepatitis

Obwohl die Durchimpfungsrate steigt und es gute Therapien gibt, steht der Elimination von Hepatitis so Manches im Weg. Durch das oft symptomlose Erscheinen der Infektion bleiben viele Fälle unentdeckt. Wer nichts von seiner Infektion weiß, sucht keine Behandlung, kann aber dennoch andere infizieren. Gemäß dem WHO Global hepatitis report (2017) hat die große Mehrheit der Betroffenen weltweit keinen angemessenen Zugang zu passenden Screenings und Behandlungen. Die Versorgung weltweit zu verbessern wäre also, neben der Weiterentwicklung von wirksamen Therapieformen, ein notwendiger nächster Schritt zur Eliminierung von Hepatitis.

Text: Barbara Nußbaumer-Streit und Andrea Puhl

WHO: Hepatitis – Strategic directions

Disseminationsbias – wenn nur die halbe Wahrheit erzählt wird

Wed, 07/19/2017 - 11:41

Bei Fragen zu Medikamenten, Therapien und Interventionen im Bereich Gesundheit interessiert uns häufig nur, welche davon wirklich wirksam sind. Schließlich wollen wir wissen, was wir tun sollten, um unseren Blutdruck zu senken oder wie wir den ersten Sonnenbrand des Jahres lindern können. Jedoch entgehen dem Leser dabei (un-)freiwillig wichtige Informationen, nämlich die über Wirkungslosigkeit oder Gleichwertigkeit.

Was ist Disseminationsbias?

In den Medien wird bevorzugt von Studienergebnissen berichtet, die eine Wirksamkeit belegen – Studienergebnisse, die keinen deutlichen Effekt zeigen machen seltener Schlagzeilen. Auch in der Wissenschaft werden eher „positive“ Studienergebnisse veröffentlicht als „negative“. „Positiv“ heißt hier, dass die Ergebnisse eine Wirkung belegen oder die Hypothesen der Wissenschaftler bestätigen. „Negative“ Ergebnisse hingegen, welche keine Wirksamkeit zeigen oder die Hypothesen der Wissenschaftler nicht belegen, werden häufig – teils bewusst – nicht veröffentlicht.

In der klinischen Forschung werden sehr häufig mehrere Studien zu einer bestimmten Fragestellung durchgeführt. Zufällige Fehler, die in der Durchführung nie vollständig kontrolliert werden können, und Ungenauigkeit führen dazu, dass manche Studien einen stärkeren bzw. einen schwächeren oder keinen Effekt zeigen. Wenn man sich mit diesem Wissen um die Ungenauigkeit und den zufälligen Fehler bevorzugt auf positive Ergebnisse konzentriert, stehen uns Studienergebnisse, die darauf hinweisen, dass eine Intervention nicht wirksam ist oder „nur“ genauso gut wirkt wie eine andere Intervention nicht gleichermaßen zur Verfügung wie Ergebnisse, die eine Wirksamkeit belegen. Wenn man nun für ein systematisches Review überwiegend Studien mit „positiven“ Ergebnissen identifiziert hat, und einige der Studien, die keine Effekte gefunden haben, nicht gefunden und somit nicht eingeschlossen hat, führt das zu einer Überschätzung der Wirksamkeit. Dieses Problem nennt man Disseminationsbias (auch bekannt als Publikationsbias).

Seit den 1950er Jahren ist dieses Problem bekannt und mittlerweile durch viele Studien und systematische Reviews belegt. Damals untersuchte man 294 Studien, die in psychologischen Fachzeitschriften veröffentlicht worden waren. 97 % dieser Studien enthielten statistisch signifikante Ergebnisse. Im Jahr 2013 zeigte ein systematisches Review, dass die Chance für eine Veröffentlichung von Studien mit statistisch signifikanten Ergebnissen mindestens doppelt so hoch war im Vergleich zu Studien mit statistisch nicht-signifikanten Ergebnissen.

Was sind die Auswirkungen?

Um systematische Fehler zu vermeiden, ist die Grundidee von Cochrane Reviews alle Studien, die zu einer Fragestellung durchgeführt wurden, zu berücksichtigen. Also alle Studien ungeachtet der Richtung (Wirksamkeit oder Wirkungslosigkeit) und Stärke (Effektgröße) der Studienergebnisse. Wenn nun Studien, die eine Wirkung belegen, wahrscheinlicher verfügbar sind, verzerrt sich das Gesamtbild der Evidenz. Es kann passieren, dass sich eine Therapie wirksamer darstellt, als sie in Wirklichkeit ist. Wenn Disseminationsbias vorliegt, kommt diese vermeintliche Wirksamkeit jedoch nur zustande, weil die Studien mit „negativen“ Ergebnissen nicht auf der Bildfläche erscheinen und nicht miteinbezogen wurden. Kritisch wird das Ganze dann, wenn Entscheidungen auf Basis dieser verfälschten Ergebnisse gefällt werden.

Leider gibt es dafür einige reale Beispiele. Eines davon handelt vom Medikament Tamiflu, das basierend auf ausgewählten Studiendaten gegen die sog. Vogelgrippe als wirksam bewertet wurde. Große internationale Organisationen empfahlen die Einnahme, politische Entscheidungsträger unterstützten die Beschaffung großer Mengen des Medikaments. Später wurde bekannt, dass 8 von 10 Studien, die zu Tamiflu durchgeführt wurden, nicht veröffentlicht waren. Gerade diese Studien zeigten keinen relevanten Nutzen von Tamiflu gegenüber Placebo. Ausführliche Informationen zu den Ereignissen rund um Tamiflu gibt es hier.

Um das Vorhandensein von Disseminationsbias zu prüfen, können statistische Tests durchgeführt werden (z. B. Eggers sog. Liner Regression Method). Solche Tests sind anwendbar, wenn es um Studien mit numerischen, quantitativen Ergebnissen handelt. Hierfür müssen jedoch gewisse Voraussetzungen gegeben sein, die nicht immer erfüllt werden, wie beispielsweise eine ausreichende Anzahl an Studien (in der Regel mindestens 10).

Auch in der qualitativen Forschung, deren Daten und Ergebnisse aus Worten und Texten bestehen, vermuten wir, dass Disseminationsbias existiert. Wenn dies der Fall wäre, müssten wir Disseminationsbias als Komponente berücksichtigen, die die Verlässlichkeit der Ergebnisse in Reviews qualitativer Studien (qualitative Evidenzsynthesen) beeinflussen könnte.

Qualitative und quantitative Forschung und ihre Ergebnisse sind in einigen Aspekten sehr unterschiedlich. Bis jetzt gehen wir aber davon aus, dass es in den Mechanismen, die zu Disseminationsbias führen, Ähnlichkeiten zwischen der quantitativen und qualitativen Forschung gibt. Allerdings sind wir noch ganz am Anfang, Disseminationsbias in der qualitativen Forschung zu verstehen.

Was wir dagegen tun?

Aus der quantitativen Forschung wissen wir, dass unterschiedliche Faktoren und Akteure eine Rolle in Bezug auf Disseminationsbias spielen. Wir Wissenschaftler, die auch als externe Gutachter für Fachartikel (Peer-Reviewer) oder als Editorinnen von Fachzeitschriften fungieren, spielen sicher eine der Hauptrollen. Wir sollten uns bemühen auch Studien zu veröffentlichen, die nicht das zeigen, was wir uns erhofft hatten, bzw. die Wirksamkeit nicht belegen. Kurzum, wir sollten uns trauen, in unserer Arbeit Integrität zu leben, auch wenn leistungsorientierte Systeme uns nur bedingt darin unterstützen.

Um Studiendaten für Reviews verfügbar zu machen, stellen beispielsweise Studienregister, in denen Informationen zu geplanten und begonnen Studien hinterlegt sind, einen vielversprechenden Lösungsansatz dar. In Registern wie dem Deutschen Register Klinischer Studien oder ClinicalTrials.gov können Angaben zum Studiendesign gemacht werden, aber auch numerische Ergebnisse von Studien lassen sich dort speichern. Somit sind die Ergebnisse für andere Wissenschaftler und die Allgemeinheit leichter auffindbar und verwendbar.

Im Bereich der qualitativen Forschung führen wir bei Cochrane Deutschland derzeit Forschungsarbeiten durch, um mehr über die Auswirkung von Disseminationsbias in der qualitativen Forschung zu erfahren und halten euch gern dazu auf dem Laufenden.

Letztlich sollten wir Wissenschaftler uns als Konsumenten von wissenschaftlichen Publikationen bewusst sein, dass auch nicht-Wirksamkeit relevant für uns und die medizinische Versorgung ist und beispielsweise hin und wieder einen Blick in Journal werfen, die Studien auch veröffentlichen, wenn der Effekt nicht signifikant ist und das Ergebnis den Erwartungen der Wissenschaftler widerspricht (z. B. PloS One oder BMJ Open).

Und wer den Beitrag nur gelesen hat, weil er wissen will, was gegen Sonnenbrand hilft, schaut hier: http://www.wissenwaswirkt.org/mit-honig-im-gepaeck-zum-strand.

 

Text: Ingrid Toews

 

Für die, die mehr über Disseminationsbias in wissenschaftlichen Publikationen lesen möchten:

-Dwan K, Gamble C, Williamson PR, Kirkham JJ, the Reporting Bias G. Systematic Review of the Empirical Evidence of Study Publication Bias and Outcome Reporting Bias — An Updated Review. PLoS ONE. 2013;8:e66844.
-Schmucker, C., et al., Extent of non-publication in cohorts of studies approved by research ethics committees or included in trial registries. PLoS One, 2014. 9(12): p. e114023.
-Toews, I., et al., Extent, Awareness and Perception of Dissemination Bias in Qualitative Research: An Explorative Survey. PLoS ONE, 2016. 11(8): p. e0159290.
-Toews, I., et al., Dissemination Bias in Qualitative Research: conceptual considerations. Journal of Clinical Epidemiology, 2017 [in press].

15 Gründe, am Global Evidence Summit 2017 teilzunehmen

Wed, 07/12/2017 - 08:01

Der Global Evidence Summit 2017 (#GESummit17) ersetzt in diesem Jahr erstmalig das jährliche Cochrane Colloquium: Fünf führende, internationale Organisationen treffen sich vom 13. – 16. September in Kapstadt, Südafrika, um sich über Forschung, Evidenz und deren Nutzung auszutauschen.

Die fünf Organisationen sind: Cochrane, die Campbell Collaboration , das Guidelines International Network, die International Society for Evidence-based Health Care, und das Joanna Briggs Institute.

Was können Teilnehmer erwarten?

Plenarsitzungen in denen sie….

  • Verstehen, wie Evidenz zu einer gerechteren Welt beitragen kann. Zum Beispiel werden Redner wie Sipho Mthathi von Oxfam South Africa und John-Arne Røttingen vom Research Council of Norway ihre Erfahrungen teilen, wie internationale Kollaboration und Innovation humanitäre Krisen überwinden können.
  • Lernen, wie ein digitales und verlässliches Evidenz-Ökosystem die Leitlinienentwicklung weiterbringen wird.
  • Erfahren, welche Methoden und Instrumente benötigt werden, um internationale Gesundheits- und soziale Herausforderungen anzugehen.
  • Sich inspirieren lassen, wie die Evidenz-Community gemeinsam die post-faktische Welt (post-truth world) überwinden kann.

Ergänzende Debatten und Diskussionen darüber:

  • Wie große und vielschichtige Datenmengen („big data“) die Erstellung von systematischen Reviews und Leitlinien beeinflussen.
  • Die Integration von evidenzbasierter Gesundheitsversorgung und gemeinsamer Entscheidungsfindung („shared decision-making“).
  • Wie stetig aktualisierte Leitlinienempfehlungen („living guideline recommendations“) mit stetig aktualisierten systematischen Reviews („living systematic reviews“) zusammenhängen.
  • Herausforderungen, die uns in der post-faktischen Welt begegnen, und wie sich diese auf evidenzbasiertes Handeln auswirken.

Vorträge und Posterpräsentationen über:

  • “Evidenz” unter Alltags-Bedingungen (“Real-World Evidence”).
  • Priorisierung.
  • Entwicklung von Leitlinen.
  • Kommunikation von Forschungsergebnissen.
  • Verbreitung und Anwendung von Evidenz.

Südafrikas kulturelle Highlights:

  • Machen Sie eine der vielen Sightseeing Tours.
  • Zeigen Sie uns wie Sie mit Gummistiefeln tanzen!

 

Wir freuen uns, Euch beim ersten Global Evidence Summit sehen.

 

Englischer Text: Find out why you should come to #GESummit17

Übersetzung und Adaptation: Andrea Puhl

Tweet Tweet: Cochrane, systematische Reviews und soziale Medien

Tue, 07/04/2017 - 11:36

Der Nutzen sozialer Medien zur Verbreitung von Forschungsergebnissen ist umstritten. Einerseits lassen sich „Ergebnisse“ schneller verbreiten. Andererseits lässt sich qualitativ hochwertige Arbeit oft nicht in ein paar Zeilen packen. Trotzdem werden Facebook, Twitter und Co. zur Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse benutzt, auch bei Cochrane. Worauf kommt es uns dabei an?

Seit 2004 haben soziale Medien einen großen Aufschwung erlebt und sind für viele Menschen fast so üblich wie das tägliche Frühstück. Auch im Gesundheitsbereich ist die Nutzung von sozialen Medien gang und gäbe. Hier können sie dazu beitragen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse schnell und einfach viele Menschen erreichen. Zum Beispiel können so wichtige Informationen in Not- oder Katastrophensituationen schneller und zielgerichteter verbreitet werden als über konventionelle Medien. Bei Pandemiefällen, zum Beispiel, können sich Behörden und Einwohner gegenseitig über die Ausbreitung in Echtzeit informieren.

Gerade wegen dieser schnellen Verbreitung ist es extrem wichtig, auf die Formulierung der Nachricht zu achten. „Catchy“ mag gut sein, um Massen zu erreichen, doch wenn es auf Kosten der Präzision geht, könnte dies im Gesundheitswesen ungünstige Auswirkungen haben. Die Beweislage ist meist viel zu komplex, um Inhalte in wenigen Worten wiederzugeben, ohne sie zu verzerren.

Dies gilt auch für die oft vielschichtigen Ergebnisse von Cochrane Reviews. Deshalb scheint es uns verantwortungsbewusster, den Fokus der sozialen Medien darauf zu setzen, auf die Quelle oder die Reviews zu verweisen, als die Ergebnisse vereinfacht zu verkünden. Funktioniert das auch?

Auswirkungen von sozialen Medien auf den Zugriff von Cochrane Reviews

Eine in BMJ Open veröffentlichte Studie untersuchte, ob Social-Media Aktivitäten (Twitter und Weibo) den Web-Zugriff auf die Startseiten einzelner systematischer Reviews beeinflusste. Das heißt, in dieser Studie waren die Reviews selbst einmal die „Studienteilnehmer“. Es handelte sich um 170 Cochrane-Reviews, deren laienverständliche Zusammenfassungen online kostenfrei zugänglich waren.

In der Studie wurden die Reviews in zwei Gruppen unterteilt: 85 waren in der Interventions- und 85 in der Kontrollgruppe. Für die Reviews der Interventionsgruppe wurden drei leicht unterschiedliche Kurznachrichten (oder Tweets von maximal 140 Zeichen Länge) plus Link verfasst und an einem Tag zu unterschiedlichen Zeiten gepostet. Für die Kontrollgruppenreviews wurden keine Posts erstellt.

Das Ergebnis: Die Reviews der Interventionsgruppe wurden 1.162 Mal angesehen und die in der Kontrollgruppe 449 Mal (gemessen wurden primär die Web-Hits nach genau einer Woche). Das heißt die Reviews, über die getwittert und „geweibotet“ wurde, wurden im Schnitt 2.6 mal so oft angesehen als jene, über die nicht gepostet wurde.

Deutschsprachige soziale Medien-Accounts von Cochrane

In Facebook-Beiträgen und Tweets von wissenwaswirkt.org, Cochrane Österreich und Cochrane Schweiz – und seit neustem auch von Cochrane Deutschland – achten wir sehr darauf, dass die Beweislage nicht verzerrt wird. Anstatt den Fokus auf „catchy“ zu richten, entscheiden wir uns eher für Präzision und verweisen auf die entsprechenden Inhalte, zum Beispiel in der Cochrane Library, um neue, unabhängige und verlässliche Informationen zu Gesundheitsfragen sichtbarer zu machen. Bei Interesse, schauen Sie doch einfach vorbei!

Deutschsprachige Nachrichten in den sozialen Medien von Cochrane finden Sie hier: Cochrane Deutschland:

Cochrane Österreich:

Cochrane Schweiz:

Wissenwaswirkt.org:

(Gut zu wissen: die wissenwaswirkt.org-Facebook- und Twitter-Inhalte werden von nun an etwas zielgerichteter gestaltet, indem sie eher Inhalte der wissenwaswirkt.org Blog-Beiträge aufgreifen anstatt über Cochrane generell zu informieren. Informationen zu Cochrane Aktivitäten, Events, Trainings usw. werden von nun an über die nationalen Cochrane Accounts laufen.)

Text: Andrea Puhl

Sprechstunde in der Apotheke: ein Versorgungsmodell mit Zukunft?

Wed, 06/28/2017 - 08:33

Der Andrang in den Notfallaufnahmen in Krankenhäusern wird stetig grösser. Mittlerweile ist jedoch jeder zweite Fall, für den eine Notfallaufnahme aufgesucht wird, aus medizinischer Sicht eine Bagatelle. Hierdurch stoßen die Krankenhäuser nicht nur an ihre Kapazitätsgrenzen, sondern dadurch steigen auch die Gesundheitskosten. Um diesem Trend entgegenzuwirken, werden derzeit innovative Modelle ausprobiert, bei denen die Apotheken stärker in die Grundversorgung eingebunden sind.

Viele Gründe führen dazu, dass Patient*innen direkt eine Notfallaufnahme im Krankenhaus statt einer Hausarztpraxis aufsuchen: so sind beispielsweise die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser rund um die Uhr geöffnet. Als Patient*in werde ich ohne Voranmeldung untersucht und wenn nötig gleich behandelt. Dagegen muss ich bei der Hausärztin bzw. dem Hausarzt zunächst einen Termin vereinbaren und werde womöglich doch für weitere Abklärungen an einen Spezialisten oder dann doch ins Krankenhaus überwiesen.

Viele Menschen, insbesondere die Generation unter 30 Jahren und Migrantinnen bzw. Migranten, haben gar keine Hausärztin bzw. Hausarzt. Auf dem Land kommt dazu, dass durch den zunehmenden Ärztemangel der Weg zur Praxis, die Bereitschaftsdienst hat, ohnehin schon weit sein kann. Da liegt es nahe, dass ich als Patient*in lieber gleich in die Notfallaufnahme gehe. Was viele aber nicht wissen: im Schnitt ist eine Konsultation im Krankenhaus ungefähr doppelt so teuer wie in der Hausarztpraxis. Zudem wird mit unnötigen Besuchen in der Notfallaufnahme das medizinische Personal „blockiert“, das seine Zeit und Aufmerksamkeit stattdessen den tatsächlichen Notfällen widmen könnte. Die Tendenz, auch bei einer Bagatelle – wie einer leichten Verletzung, Übelkeit oder grippalen Infekten – die nächstgelegenste Notfallaufnahme eines Krankenhauses aufzusuchen, trägt also zu den steigenden Gesundheitskosten bei.

Zusatzangebot in den Apotheken

Um die Notfallaufnahmen in den Krankenhäusern von den Bagatellfällen zu entlasten, werden verschiedene Versorgungsmodelle entwickelt, bei denen sich die Patient*innen niederschwellig untersuchen und beraten lassen können. In der Schweiz entstanden zwei Modelle, bei denen ein zusätzliches Angebot in den Apotheken im Zentrum steht: das Projekt netCare ist bereits seit 2012 im Aufbau und bisher beteiligen sich über 300 Apotheken in der Schweiz. Das zweite Projekt namens aprioris wurde erst Anfang 2017 in zwei Apotheken bei Zürich und Lausanne in Form eines Pilotprojektes gestartet und läuft vorerst bis Ende 2018.

Beiden Modellen gemeinsam ist, dass sich Patient*innen zu den Öffnungszeiten der Apotheke (also auch samstags) in einem Nebenraum beraten lassen können und medizinische Soforthilfe bei akuten Beschwerden oder kleineren Verletzungen erhalten. Die Beratung wird bei netCare durch Apotheker*innen und bei aprioris von erfahrenen Pflegefachpersonen durchgeführt. Hierfür stehen ihnen verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung, wie beispielsweise Computerprogramme mit Algorithmen als Entscheidungshilfe. Bei Bedarf kann zudem eine Ärztin oder ein Arzt über Telemedizin zu Rate gezogen werden (netCare) oder die Patientin bzw. der Patient direkt an eine Ärztin bzw. einen Arzt in der Nähe überwiesen werden (aprioris). In Deutschland stellen manche Apotheken, wie etwa diejenigen mit dem Label „Gesund ist bunt“, eine kostenlose 24-Stunden-Hotline bereit und beantworten Fragen zu Apotheken- und Ärzte-Notdiensten, Arzneimitteln und allgemeinen medizinischen Problemen. Somit sind alle diese Modelle interessante Varianten der telemedizinischen Versorgung, die generell einen starken Aufwind in Deutschland, Österreich und in der Schweiz erfahren.

Wurden solche Modelle wissenschaftlich untersucht?

Um herauszufinden, ob solche innovativen Versorgungsmodelle besser oder schlechter als die Standardversorgung sind, sind Studien nötig, die einen aussagekräftigen Vergleich ermöglichen. Leider werden davon jedoch nur wenige durchgeführt.

Ein Cochrane Review von 2016 ging der Frage nach, ob geschultes nicht-medizinisches Personal (insbesondere Apotheker*innen und Pflegefachpersonen) gleich gute Resultate wie medizinisches Personal erzielt, wenn sie im Rahmen der Behandlung von chronischen Erkrankungen Medikamente verschreiben. Die Ergebnisse der 45 eingeschlossenen Studien mit insgesamt 37.337 Teilnehmenden zeigten, dass für eine ganze Reihe von Kriterien vergleichbare Ergebnisse erzielt wurden. Dazu zählten die Kontrolle von Bluthochdruck, Blutzucker- und Cholesterinwerten, die Zuverlässigkeit bei der Medikamenteneinnahme, die Zufriedenheit der teilnehmenden Patient*innen und die gesundheitsbezogene Lebensqualität. Hierbei war es besonders wichtig, dass das nicht-medizinische Personal ausreichend geschult wurde. Dies zeigte auch eine im Jahr 2008 veröffentlichte Leitlinie der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Ein erwünschter Nebeneffekt: verbesserte interprofessionelle Zusammenarbeit

Bei diesen innovativen Modellen wird ganz nebenbei auch die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsberufen gefördert. Sie bietet den beteiligten Fachpersonen Chancen, gegenseitig von ihrem jeweiligen Fachwissen zu profitieren und erhöht gleichzeitig die Attraktivität der einzelnen Gesundheitsberufe. Auch wenn für diese innovativen Ansätze noch die wissenschaftliche Evidenz aussteht, sind aus meiner Sicht solche Modelle aufgrund ihrer vielfältigen Vorteile vielversprechend, nicht nur zur Behandlung von Bagatellfällen, sondern auch für die Begleitung und Behandlung der grösser werdenden Gruppe von Patient*innen mit chronischen Erkrankungen.

Text: Annegret Borchard

Über die Autorin:

Seit Mai 2017 bin ich neu im Team von Cochrane Schweiz und trage hier unter anderem zu Projekten im Bereich Wissenstransfer von Cochrane Schweiz bei – so auch zu dem Blog „Wissen was Wirkt“. Die Blog-Beiträge stellen für mich eine gute Möglichkeit dar, die Cochrane-Evidenz und die deutschen Übersetzungen auf Cochrane Kompakt für ein breite Leserschaft zugänglich und verständlich zu machen. Zuvor engagierte ich mich auf Bundes- und interkantonaler Ebene als auch in national-tätigen, nicht-staatlichen Organisationen in der Schweiz.

Netzwerkmetaanalysen: Wie man vergleichen kann, was nie verglichen wurde

Wed, 06/21/2017 - 09:45

Aus einer Fülle von Therapiemöglichkeiten die beste zu wählen ist schwierig für ÄrztInnen, aber auch für EntwicklerInnen von medizinischen Leitlinien. Hilfestellung können sogenannte Netzwerkmetaanalysen innerhalb systematischer Übersichtsarbeiten geben.

Systematische Übersichtsarbeiten fassen vorhandene klinische Studien zu einer Fragestellung kritisch zusammen und haben damit zentrale Bedeutung für die Patientenversorgung, aber auch für die Gesundheitspolitik. Ein wichtiger Teil von systematischen Übersichtsarbeiten sind sogenannte Metaanalysen. Diese dienen dazu, die einzelnen Ergebnisse aus mehreren voneinander unabhängigen Studien statistisch zusammenzufassen und die Aussagekraft gegenüber Einzelstudien zu erhöhen.

Wurde z. B. in mehreren klinischen Studien die Wirkung der beiden Antidepressiva A und B miteinander verglichen, können einzelne Studienergebnisse widersprüchlich sein. ÄrztInnen, aber auch EntscheidungsträgerInnen in der Gesundheitsversorgung stehen dann vor der Frage, auf welches Studienergebnis sie ihre Entscheidung stützen sollen. Metaanalysen können hier Klarheit schaffen, indem sie aus den Ergebnissen der Einzelstudien ein studienübergreifendes Gesamtergebnis berechnen.

Was ist die beste Therapie, wenn mehr als zwei zur Auswahl stehen?

In konventionellen Metaanalysen werden jeweils nur zwei Therapieoptionen miteinander verglichen, man spricht deshalb von paarweisen Metaanalysen. Allerdings gibt es häufig mehr als zwei Therapieoptionen. Kommen für einen Patienten z. B. drei unterschiedliche Antidepressiva A, B oder C in Frage, ist die Wahl der besten Therapie schwierig. Es ist nötig, alle Optionen miteinander zu vergleichen. Doch oft gibt es keine Studien in denen mehrere Therapien miteinander direkt verglichen werden.

Eine Netzwerkmetaanalyse (NMA) ermöglicht es, mehr als zwei Therapieoptionen oder „Interventionen“ miteinander zu vergleichen. Sie ist eine Erweiterung der konventionellen paarweisen Metaanalyse. Eine NMA schätzt die Wirkung aller relevanten Interventionen basierend auf der gesamten Evidenz zu den vorhandenen Therapieoptionen. Sie lässt die Erstellung einer Rangliste von der „besten” bis zur „schlechtesten” Intervention zu. Dabei wird sowohl direkte Evidenz verwendet, d. h. Evidenz aus Studien, die zwei Interventionen direkt miteinander vergleichen, als auch indirekte Evidenz, d. h. Evidenz aus Vergleichen, die nicht unmittelbar durchgeführt wurden. Gibt es beispielsweise zwei Studien, die jeweils Antidepressivum A oder B mit einem Placebo vergleichen, kann die relative Wirksamkeit von A verglichen mit B über den gemeinsamen Vergleich mit Placebo indirekt geschätzt werden.

Therapieoptionen als Spinnennetz darstellen

Grafisch kann man sich ein solches Netzwerk wie ein Spinnennetz vorstellen, bei dem die Knotenpunkte die einzelnen Interventionen und die Fäden die durchgeführten Studien darstellen, in denen direkte Vergleiche zwischen zwei Interventionen vorgenommen wurden. Die folgende Abbildung zeigt ein Netzwerk mit den vier Interventionen A, B, C und D. Es gibt  direkte Evidenz für alle Vergleiche außer dem zwischen A und C:

Den indirekten Vergleich A – C kann man als einen Mittelwert über die beiden Pfade von A nach C über B (also A – B – C) bzw. über D (also A – D – C) berechnen. In symbolischer Schreibweise lautet das

A – C = [(A – B) + (B – C)]/2 + [(A – D) + (D – C)]/2,

wobei z. B. A – B die Differenz der Behandlungseffekte von A und B bezeichnet. Doch strenggenommen gilt dies nur, wenn alle Vergleiche gleich stark gewichtet werden.

Ein reales Beispiel zu einer NMA ist der Vergleich von zwölf Antidepressiva der zweiten Generation, der von dem Psychiater Andrea Cipriani und seinen Kollegen im Jahr 2009 durchgeführt wurde. Insgesamt wurden 117 randomisierte klinische Studien mit über 25.000 Patienten eingeschlossen:

Die Methodik der NMA gewinnt mehr und mehr an Bedeutung und ist in der englischsprachigen Literatur auch bekannt als „Mixed Treatment Meta-Analysis” oder „Multiple Treatment Meta-Analysis”.

Ohne StatistikerInnen keine Netzwerkmetaanalyse

Die mathematischen Verfahren zur Erstellung von NMAs sind im Allgemeinen viel komplexer als die vergleichsweise einfachen Methoden der paarweisen Metaanalyse und erfordern statistisches Fachwissen. Wer eine Standard-NMA adäquat durchführen möchte, arbeitet unter folgenden Annahmen:

  • Ähnlichkeitsannahme: Alle eingeschlossenen Studien sind vergleichbar, was den Studienaufbau angeht (z. B. nur randomisierte kontrollierte Studien), und wurden mit PatientInnen durchgeführt, die ähnliche Charakteristika aufwiesen (z. B. ähnliches Alter oder sonstige soziodemographische Daten). Nur so kann das zusammengefasste Ergebnis sinnvoll interpretiert und auf zukünftige PatientInnen übertragen werden.
  • Homogenitätsannahme: In den jeweiligen paarweisen Vergleichen liegen keine bedeutenden Unterschiede vor, d. h. das Ausmaß, inwieweit sich die Ergebnisse der in die paarweisen Metaanalysen eingeflossenen Studien unterscheiden, ist mit dem Zufall vereinbar.
  • Konsistenzannahme: Zwischen direkter und indirekter Evidenz liegen keine bedeutsamen Widersprüche vor.

Diese Annahmen sind aufgrund mangelnder Datenlage häufig nicht ausreichend überprüfbar und werden, auch wenn verfügbar, oft nicht routinemäßig untersucht. Daher kann den Ergebnissen einer NMA oft nur bedingt getraut werden. So liefern z. B. größere Netzwerke mehr Evidenz, haben aber auch mehr Potenzial für Heterogenität und Inkonsistenz.

Bewertung der Qualität einer NMA

NMAs sind eine bedeutende Weiterentwicklung konventioneller Metaanalysen und ermöglichen die Schätzung von Effekten für den Vergleich von Interventionen, auch wenn es hierzu keine direkte Evidenz gibt. Dies ist auch für die EntwicklerInnen von klinischen Leitlinien wichtig, die auf der Suche nach der besten Evidenz für ihre Fragestellung sind.
Aufgrund einer ständig wachsenden Zahl an Behandlungsmöglichkeiten zieht auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) NMAs zur Evidenzsynthese für die Erstellung ihrer Leitlinien heran, beispielsweise zur HIV-Prävention, Diagnose und Behandlung oder zur Früherkennung und Behandlung chronischer Hepatitis C.

Auch Cochrane Reviews enthalten immer häufiger NMAs zur Beantwortung von Fragestellungen, wie beispielsweise zu Interventionen, die die Abstoßung von Lebertransplantaten verhindern oder zur Behandlung von rheumatoider Arthritis.

Auch wenn NMAs immer häufiger verwendet werden, sollte man diese stets mit Vorsicht interpretieren, denn Ergebnisse aus NMAs sind im Vergleich zu adäquaten paarweisen Metaanalysen im Allgemeinen weniger vertrauenswürdig. Als Hilfestellung können Checklisten zur Bewertung von NMAs herangezogen werden. Es gibt auch eine PRISMA-Checkliste zur Berichterstattung von systematischen Übersichtsarbeiten, die eine NMA enthalten. Wer noch tiefer in die vielfältige Methodik der NMA eintauchen will, sei an einen aktuellen Methodenreview von Orestis Efthimiou und KollegInnen verwiesen.

 

Text: Harriet Sommer, Gerta Rücker und Valérie Labonté