Wissen was wirkt

Subscribe to Wissen was wirkt feed
Cochrane bloggt
Updated: 3 hours 36 min ago

Kategorie: Kritisch! – Wege, Antibiotika-Resistenzen anzugehen

Tue, 03/21/2017 - 09:34

Die Dringlichkeit, gegen Antibiotika-Resistenzen aktiv zu werden rückt weltweit in den Fokus von Öffentlichkeit, Forschung und Politik. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichte Ende Februar erstmals eine Liste der 12 gefährlichsten Bakterienstämme/familien. Der Aufruf, dass dringend neue Wege gefunden werden müssen um Antibiotika-Resistenzen entgegenzuwirken, hallt laut und deutlich.

Viele Wege können zum Ziel führen, doch welche kommen an?

Wenn es um die Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen geht, sollte der Weg ein möglichst direkter sein. Einer wäre, auf die Entwicklung neuer Antibiotika zu drängen – ein großes Anliegen der WHO:

„Wenn wir es alleine den Marktkräften überlassen, werden die neuen Antibiotika, die am nötigsten gebraucht würden, nicht rechtzeitig entwickelt werden“, so Marie-Paule Kieny, Assistent Director General – Health Systems and Innovation, WHO.

Entsprechend der Dringlichkeit, dagegen anzugehen teilte die WHO die Liste der zwölf gefährlichsten Bakterienfamilien in drei Kategorien ein: Priorität 1 – Kritisch; Priorität 2 – Hoch; Priorität 3 – Mittel.

Zur „kritischsten“ aller Kategorien zählen multi-resistente Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika zugleich widerstandfähig sind. Diese stellen eine besondere Gefahr in Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen dar. Zu dieser Kategorie gehören Gattungen wie etwa Acinetobacter, Pseudomonas und verschiedene Enterobacteriaceae, welche schwere und oft auch lebensbedrohliche Infektionen auslösen können, zum Beispiel Lungenentzündungen.

Die Entwicklung neuer Antibiotika ist deshalb wesentlich wird aber wahrscheinlich noch Jahre dauern. Was kann zwischenzeitlich getan werden? Wie kann man jetzt schon gegen Antibiotika-Resistenzen vorgehen, vor allem in Krankenhäusern?

Ein neuer Cochrane Review zeigt praktische Wege auf, den Einsatz von Antibiotika zu optimieren

Zu der Frage kann ein aktualisierter Cochrane Review Antworten liefern. Zwar nicht auf dem vermeintlich „direkten Wege“, d.h. der Entwicklung neuer Medikamente, sondern auf dem „indirekten“: dass wirksame Interventionen zur Verfügung stehen, welche unnötige Verschreibungen von Antibiotika in Krankenhäusern reduzieren, den angemessenen Einsatz aber gewährleisten und somit indirekt der Resistenzentstehung den Boden entziehen.

Um welche Interventionen geht es im Review genau?

Antibiotika werden in Krankenhäusern viel häufiger als notwendig verschrieben. Deshalb untersuchten die AutorInnen die Wirksamkeit und Sicherheit von Maßnahmen, die die Art und Weise, wie ÄrztInnen in Krankenhäusern Antibiotika verschreiben, verbessern sollen. Auch untersuchten Sie, welche dieser Maßnahmen besser als andere wirken.

Die untersuchten Maßnahmen können in eine von zwei Kategorien gruppiert werden: 1- „Einschränkende“ Maßnahmen, wie zum Beispiel Verschreibungsvorgaben und Regeln für ÄrztInnen und 2 – „befähigende“ Maßnahmen, die ÄrztInnen durch Feedback und Beratung bei Verschreibungen unterstützen sollen. Beide Maßnahmen haben das gleiche Ziel: die Anzahl der korrekten Verschreibungsentscheidungen zu erhöhen, sodass PatientInnen, die wahrscheinlich nicht von Antibiotika profitieren, diese auch nicht bekommen, jedoch jene, die von Antibiotika einen Nutzen haben, sehr wohl.

Ergebnisse auf den Punkt gebracht

Die AutorInnen des Reviews fanden 221 Studien aus den USA, Europa, Asien, Südamerika und Australien. Sie fanden Evidenz von hoher Qualität in 29 randomisierten kontrollierten Studien, an denen insgesamt 23.394 stationäre PatientInnen teilgenommen hatten. Bei allen Arten von Interventionen zur Verbesserung der Verschreibungspraxis erhielten 58 % der stationären KrankenhauspatientInnen die Behandlung im Einklang mit den Verschreibungsleitlinien, verglichen mit 43 % in der Gruppe mit Standardverschreibungspraxis.

Die Maßnahmen verkürzten die Einnahmezeit von Antibiotika pro PatientIn von 11 auf 9 Tage und reduzierten auch die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus pro PatientIn von im Schnitt 13 auf 12 Tage. Daten aus 28 randomisierten Studien mit 15.827 PatientInnen zeigten, dass das Sterberisiko in beiden Behandlungsgruppen bei 11 % lag, was darauf hinweist, dass ein verringerter Einsatz von Antibiotika sich nicht nachteilig auf die Sterblichkeit auswirkt.

Daten aus 26 nicht-randomisierten Studien lieferten nur begrenzte Evidenz in Bezug auf den Zusammenhang zwischen der Einführung von Maßnahmen zur Verbesserung der Verschreibungspraxis und der Reduktion von Krankenhausinfektionen.

Schlussfolgerungen

Was meinen die AutorInnen zu den Kernergebnissen ihres Berichtes? Wie sicher sind sie sich?

„Wir brauchen nicht noch mehr Studien, um die Frage zu beantworten, ob diese Interventionen den unnötigen Einsatz von Antibiotika verringern, sondern wir brauchen mehr Forschung, um zu verstehen, warum die wirksamsten Interventionen zur Verhaltensänderung nicht allgemein in Krankenhäusern übernommen werden“ , so Erstautor Peter Davey.

 

Text: Andrea Puhl

Zum Cochrane Review auf Cochrane Kompakt.
Mehr zum Thema Antibiotika-Resistenz auf Cochrane Kompakt.

Mehr zum Thema auf Wissen Was Wirkt:
Helfen Patienteninformationen gegen unnütze Antibiotikagabe bei Erkältungen?
Antibiotika-Resistenz – ein Grund zu Besorgnis für uns Alle!

Pressemitteilung
der WHO.

Antibiotika-Resistenz – ein Grund zu Besorgnis für uns Alle!

Tue, 03/14/2017 - 08:31

Dieser Artikel ist der erste und einleitende Teil von drei Beiträgen zum Thema Antibiotika und antibakterielle Resistenzen.

„Es kann niemanden kalt lassen, dass immer mehr Menschen weltweit an Keimen sterben, die gegen Antibiotika resistent sind“, so Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in einer Pressemitteilung im Februar 2017 zur Bekanntmachung zum Förderschwerpunkt „Antibiotika-Resistenzen und nosokomiale Infektionen“.

Supernova – Foto: NASA

Auch mich lässt es nicht kalt. Ich denke an meine Scharlach-Infektion vor ein paar Jahren. Antibiotika verhalfen mir hier zu einer schnellen Genesung. Scharlach, wie so viele bakterielle Infektionen, kann lebensbedrohliche Folgen haben, aber kann heute dank Antibiotika schnell und erfolgreich behandelt werden.

Somit gehört die Entdeckung von Antibiotika Anfang des letzten Jahrhunderts zu den Sternstunden der Medizingeschichte. Durch die weltweit steigenden Antibiotika-Resistenzen hingegen droht dieser Stern nun wieder zu erlöschen.

Warum Antibiotika-Resistenz ein zunehmender Grund zur Besorgnis ist

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann man bei steigender Antibiotika-Resistenz bis 2050 weltweit mit etwa zehn Millionen Todesfällen pro Jahr als Folge von Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien rechnen. Die Zahlen sprechen für sich, vor allem wenn man sich klar macht, dass in den letzten Jahrzehnten nur wenige neue Antibiotika entwickelt wurden. Zudem setzen sich oft schnell nach der Markteinführung eines neuen Antibiotikums Resistenzen durch.

„Wenn keine wirksamen neuen Antibiotika gefunden werden und sich die Resistenzen weiter ausbreiten, droht der Gesellschaft eine Rückkehr zu Verhältnissen, wie sie vor der Entdeckung der Antibiotika herrschten, als Kinder oft an einer einfachen Lungenentzündung starben und Ärzte gegen Meningitis machtlos waren“, gemäß Informationen der WHO.

Resistenz – wie kommt’s?

WHO Fakten und Zahlen

Resistenzen entstehen durch natürliche Anpassungen von Bakterien an ihre „Lebensumstände“: Bei Antibiotikaanwendung kann sich das Erbgut (Genom) einiger Bakterien so verändern oder anpassen (Mutation), dass sie unempfindlich gegenüber Antibiotika werden und diese somit nicht mehr wirken. Die resistent gewordenen Bakterienstämme haben dadurch einen Überlebensvorteil gegenüber nicht resistenten Stämmen und können sich ausbreiten. So wird deutlich, dass der unangemessene oder übermäßige Einsatz von Antibiotika („Umstand“) die Resistenzentwicklung („Anpassung“) von Erregern fördert.

Leichtfertiger Einsatz von Antibiotika zählt zu den Hauptfaktoren für Resistenzen

Unsachgemäßer Einsatz von Antibiotika kann von Ärzten ausgehen, die Antibiotika leichtfertig oder routinemäßig verschreiben, wie zum Beispiel bei Erkältungen. Oder durch übermäßige Verwendung von Breitband-Antibiotika, welche zwar auf eine Reihe von Erregern wirken, aber im Gegenzug auch die Resistenz dieser „Reihe“ fördern.

So manche meiner tropischen Reiseapotheken kommt mir gerade in den Sinn, die meine Ärzte oft mit Antibiotika aufstockten „für den Fall, dass….“. Natürlich fühlte es sich beruhigend an, gut „vorbereitet“ zu sein. Auf der anderen Seite hätte ich mich bei Einnahme auf Beipackzettel und Selbstdiagnose verlassen müssen!

Mein eigenes Beispiel macht hier deutlich, dass die unsachgemäße Anwendung auch leicht von Patienten ausgehen kann, die durch Selbstdiagnosen, mangelnde Aufklärung oder Informationen unbegründet auf Antibiotika bestehen, oder diese schlicht und einfach falsch anwenden. Denn auch wenn Antibiotika nicht lange genug eingenommen werden, können krankmachende Bakterien im Körper überleben, sich anpassen und Resistenzen entwickeln.

Krankenhausinfektionen sind ein besonderer Grund zur Besorgnis

Hinzu kommt, dass Bakterien zugleich gegen mehrere Antibiotika widerstandfähig werden können. Solche multi-resistenten Bakterien finden sich oft in Krankenhäusern oder anderen Gesundheitseinrichtungen, wo zum einen viele Krankheitserreger aufeinandertreffen und zum anderen viele Antibiotika eingesetzt werden. Somit sind Infektionen, die sich Patienten durch den Besuch einer Gesundheitseinrichtung zuziehen (fachsprachlich nosokomiale Infektionen genannt), oft besonders schwerwiegend.

„Es trifft immer die anderen. Die anderen denken das auch“ – Petrus Ceelen

In der Tat erkranken laut der Internetseite zu Antibiotikaresistenzen des Bundesministeriums für Gesundheit in Deutschland jährlich 400.000 bis 600.000 Menschen an nosokomialen Infektionen, 10.000 bis 15.000 sterben daran. Zumindest ein Teil dieser erworbenen Infektionen sollen durch resistente Erreger verursacht sein. Laut WHO sterben jedes Jahr allein in Europa geschätzt 25.000 Menschen an schweren Infektionen mit resistenten Bakterien, die in einer Gesundheitseinrichtung erworben wurden.

Verstärkte Kenntnisse zum gezielten, sachgerechten Einsatz von Antibiotika dringend notwendig

Dies macht nicht nur die Dringlichkeit des von Hermann Gröhe verkündeten Förderschwerpunkts zu „Antibiotika-Resistenzen und nosokomialen Infektionen“ mit rund 4 Millionen Euro als Teil der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie DART, deutlich, es zeigt auch die Notwendigkeit relevanter Informationen und Forschungsergebnisse, denn:

„Kenntnisse über den Umgang mit Antibiotika und die Ursachen von Resistenzen sind eine grundlegende Voraussetzung für deren sachgerechte Anwendung“, laut der Mitteilung zum Förderschwerpunkt.

Cochrane trägt mit einschlägigen Informationen zur sachgerechten Antibiotika Anwendung bei

Mehrere Cochrane Reviews widmen sich dem Thema, wie Antibiotika besser angewendet werden können und dadurch indirekt auch damit, wie Resistenzen vermindert werden können. So zum Beispiel auch der kürzlich veröffentlichte Cochrane Review unter dem Titel „Interventions to improve antibiotic prescribing practices for hospital inpatients“, welcher einschlägige Schlussfolgerungen lieferte. Mehr zu den Ergebnissen dieses aktuellen Reviews gibt es im nächsten Wissen Was Wirkt-Beitrag.

Stay tuned!

Text: Andrea Puhl

 

Quellen:

„Antibiotikaresistenz.“  WHO/Regionalbüro für Europa. Weltgesundheitsorganisation WHO, 22 Februar 2017. Web. 22 Februar 2017. http://www.euro.who.int/de/health-topics/disease-prevention/antimicrobial-resistance/antibiotic-resistance.

„Antibiotika richtig anwenden und Resistenzen vermeiden.“ Gesundheitsinformationen.de. Medikamenten-Anwendung. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), 18. Dezember 2013. Web. 20 Februar 2017. https://www.gesundheitsinformation.de/antibiotika-richtig-anwenden-und-resistenzen.2321.de.html?part=meddrei-ci.

„Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Krankenhausinfektionen und Antibiotikaresistenz.“ Robert Koch Institute, FAQ. Robert Koch Institute, 16 November 2016. Web. 20 Februar 2017. http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Antibiotikaresistenz/FAQ/FAQ_node.html.

„Aures, der Österreichische Antibiotikaresistenz-Bericht.“ Antibiotikaresistenz.  Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, 23 November 2015. Web. 20 Februar 2017. http://www.bmgf.gv.at/home/Gesundheit/Krankheiten/Antibiotikaresistenz/AURES_der_oesterreichische_Antibiotikaresistenz_Bericht.

„Faktenblatt für die breite Öffentlichkeit.“ Europäischer Antibiotikatag, ECDC.  European Centre for Disease Prevention and Control, ECDC. Web. 20 Februar 2017.  http://ecdc.europa.eu/de/eaad/antibiotics-get-informed/factsheets/Pages/general-public.aspx.

„Fragen und Antworten.“  Antibiotikaresistenzen. Bundesministerium für Gesundheit, 11 März 2016. Web. 20 Februar 2017.  https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/antibiotika-resistenzen/fragen-und-antworten.html.

Viel hilft viel! Oder? Zwischen Über- und Unterversorgung

Wed, 03/01/2017 - 08:36

Ein Drittel der Krankenhausaufenthalte in Deutschland sind überflüssig, knapp die Hälfte aller Magenspiegelungen in der Schweiz wäre nicht nötig. Rund die Hälfte der Erkälteten mit viralen Infektionen der oberen Atemwege bekommt in Schweden, Polen und Großbritannien ein Antibiotikum verschrieben obwohl solches nur bei bakteriellen Infektionen hilft.

Zu viele Medikamente, überflüssige Tests oder vermeidbare Krankenhausaufenthalte können PatientInnen sehr belasten – gesundheitlich, psychisch und finanziell. Überversorgung kostet auch unsere Gesundheitssyteme viel Geld, das letztlich alle Versicherten zahlen. Und während einige Kranke mehr Pflege erhalten als ihnen guttut, werden andere unterversorgt. Über- und Unterversorgung haben die AutorInnen einer vierteiligen Artikel-Serie über angemessene Gesundheitsversorgung beleuchtet, die kürzlich im Fachjournal The Lancet erschien und hier erläutert wird.

Überversorgung ist überflüssige Versorgung

Unter Überversorgung versteht man die Versorgung mit medizinischen Leistungen, die entweder überflüssig oder gar schädlich sind. Sie tritt weltweit auf, sogar in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen, in denen die Mittel für Gesundheitsversorgung knapp bemessen sind. In Tansania, Nepal oder Bangladesch beispielsweise steigen die Kaiserschnittraten bei Geburten, die aus medizinischer Sicht natürlich ablaufen könnten, unter anderem weil Kliniken oder privat niedergelassene Ärzte daran gut verdienen können.

Unterversorgung ist nicht ausreichende Versorgung

Gleichzeitig besteht in Tansania gravierende Unterversorgung in der Geburtshilfe: 50 % aller Geburten finden dort gänzlich ohne professionelle Hilfe statt. Gründe dafür können Kosten oder große Entfernungen zur nächsten medizinischen Einrichtung sein. Unterversorgung bedeutet, dass medizinische Dienste nicht gewährleistet werden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die Lebensqualität und -länge positiv beeinflussen würden. Auch Unterversorgung ist ein weltweites Phänomen.

Große Entfernungen können beispielsweise auch in Deutschland ein Problem sein: der Haus- & Fachärztemangel auf dem Land führt dazu, dass Kranke weite Strecken auf sich nehmen müssen und daher wichtige Untersuchungen vielleicht nicht in Anspruch nehmen. In einigen Schweizer Städten führt der Ärztemangel gar dazu, dass Praxen einen Aufnahmestopp verhängt haben. Und in Österreich fehlt es angesichts einer großen Pensionierungswelle an ärztlichem Nachwuchs. Beides führt zu langen Wartezeiten.

Kranke optimal zu versorgen war schon immer eine schwierige Aufgabe für Ärztinnen und Ärzte und ist es heutzutage auch für die Gesundheitssysteme. Leitfragen dazu sind: Welche Behandlung bringt einen Nutzen und welche schadet? Wieviel kostet eine Behandlung und wer zahlt? Was wollen PatientInnen und was brauchen sie?

Schlechte Versorgung hat verwobene und vielfältige Ursachen

Ursachen für schlechte Versorgung – sowohl Über- als auch Unterversorgung – lassen sich also nicht ganz einfach identifizieren. Geld, Wissen, Fehlannahmen, Macht, Politik und menschliche Beziehungen spielen eine Rolle.

Auf der individuellen Ebene kann fehlendes Vertrauen zwischen Kranken und medizinischem Personal zu suboptimalen oder gar schädlichen Behandlungen führen. Zum Beispiel würde die bessere Information von Patienten dazu führen, dass diese weniger medizinische Wahlleistungen wollen würden. Andererseits führen Ärztinnen und Ärzte wiederum gelegentlich überflüssige Untersuchungen durch, um im Falle einer Anklage auf der sicheren Seite zu stehen.

Auf Versorgungsebene begünstigt die Abrechnung pro Krankenhaustag beispielsweise längere Krankenhausaufenthalte als nötig. Erhalten Krankenhäuser dagegen ein Gesamtbudget kann das zu Unterversorgung und langen Wartezeiten führen. Zuzahlungen von Patientenseite reduzieren zwar den Missbrauch von medizinischen Diensten, können aber auch dazu führen, dass Patienten nötige Behandlungen oder Medikamente nicht erhalten, weil sie nicht zahlen wollen oder können.

Auch die verbreitete Annahme, dass neue und teure Behandlungen besser seien als bewährte und gegebenenfalls kostengünstigere kann zu Fehlbehandlungen führen. Andererseits tun sich Ärzte und Ärztinnen zuweilen schwer neue, gesicherte Erkenntnisse in ihren klinischen Alltag zu integrieren, wenn diese ihren bisherigen Überzeugungen widersprechen. Einer der Hauptgründe für Über- und Unterversorgung ist demnach das Ignorieren von vorhandener Evidenz. Hier setzt unter anderem Cochrane an, indem gesicherte Evidenz für Fachpublikum (zum Beispiel Cochrane Clinical Answers) und Interessierte (zum Beispiel Wissen was wirkt) verständlich und praxisbezogen aufbereitet wird.

Wie kann man Gesundheitssysteme bestmöglich gestalten?

Weitere Möglichkeiten zu besserer Versorgung – und damit zur Minimierung von Über- und Unterversorgung – zeigen die AutorInnen im letzten Artikel ihrer Serie auf: Dazu gehört eine universelle Krankenversicherung, damit alle notwendige und bezahlbare Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen können. Verfügbare Ressourcen müssten zudem so verteilt werden, dass die Bedürfnisse lokaler Bevölkerungen bestmöglich berücksichtigt werden. PatientInnen müssen sicher sein, dass sie die Versorgung bekommen, die sie benötigen. Sie sollten in Entscheidungen mit einbezogen werden und von kommerziellen Interessen geschützt sein. Medizintechnik-Folgenabschätzung (health technology assessment, HTA) zur Bewertung medizinischer Leistungen, sollte garantieren, dass sichere, wirksame und wirtschaftliche Leistungen optimal im Gesundheitssystem angeboten werden. Zudem müssten Ärzte und Ärztinnen genügend Zeit für die Betreuung ihrer PatientInnen haben, in deren Interesse handeln und sich dabei vom Gesundheitssystem, der Politik und dem Gesetzgeber unterstützt fühlen.

Text: Valérie Labonté

 

Alle 4 Artikel der Serie „Right Care“ (Zusammenfassung kostenlos, ganzer Artikel kostenpflichtig)

Evidence for overuse of medical services around the world
Brownlee et al. Lancet. 2017 Jan 6. doi: 10.1016/S0140-6736(16)32585-5.

Evidence for underuse of effective medical services around the world
Glasziou et al. Lancet. 2017 Jan 6. doi: 10.1016/S0140-6736(16)30946-1.

Drivers of poor medical care
Saini et al. Lancet. 2017 Jan 6. doi: 10.1016/S0140-6736(16)30947-3.

Levers for addressing medical underuse and overuse: achieving high-value health care
Elshaug et al. Lancet. 2017 Jan 6. doi: 10.1016/S0140-6736(16)32586-7.

Gelenkkontrakturen: ist Dehnen sinnvoll?

Tue, 02/21/2017 - 09:27

 

Eine Gelenkkontraktur bezeichnet eine Bewegungs- und Funktionseinschränkung von Gelenken, oft mitverursacht durch zu wenig Bewegung. Muskeln, Sehnen und Gelenkkapseln verhärten sich und die betroffenen Gelenke lassen sich nicht, oder nur schwer, bewegen. Dazu kommt, dass Bewegungen oft sehr schmerzhaft sind. Was tun?

Dehnung gehört zu den am weitesten verbreiteten Behandlungsformen von Kontrakturen. Doch nur weil etwas üblich ist, heißt das noch lange nicht, dass es auch nützlich ist. Ein Team von Cochrane-Autoren beleuchtete dieses Thema in einem aktuellen Review.

Was genau wurde untersucht?

Ziel war es, herauszufinden, ob Dehnung bei Menschen mit Gelenkkontrakturen oder der Veranlagung dazu, auch wirklich Linderung verschafft. Genauer: ob Dehnungsanwendungen wie zum Beispiel Schienung, Gipsverbände, die regelmäßig angepasst werden oder aber auch manuelle, z.B. durch einen Therapeuten angewandte Dehnungen bei Menschen mit neurologischen (z.B. Schlaganfall, Rückenmarksverletzungen) und nicht-neurologischen (z.B. Verbrennungen, Knochenbrüche) Erkrankungen oder Verletzungen wirksam sind, um Kontrakturen vorzubeugen oder sie zu behandeln.

Untersucht wurde die Wirkung von Dehnungsanwendungen auf die folgenden Ergebniskriterien (auch Endpunkte genannt): Gelenkbeweglichkeit, Spastik (erhöhte Eigenspannung), Schmerzen, Bewegungsfähigkeit, Fähigkeit zur Teilhabe am täglichen Leben, Lebensqualität sowie unerwünschte Ereignisse. Die kurzfristigen (unter einer Woche) und langfristigen (über einer Woche) Wirkungen wurden getrennt voneinander ermittelt.

Was kam dabei raus?

„Falsch hört nicht auf falsch zu sein, nur weil sich die Mehrheit daran beteiligt“ – Leo Tolstoi

Ob Dehnung als solches falsch ist stand natürlich in dem Review nicht zur Debatte. Deshalb trifft das Zitat des berühmten russischen Schriftstellers hier nicht ganz zu. Dennoch waren die Ergebnisse des Reviews aussagekräftig und die Schlussfolgerungen eindeutig – jedenfalls in Bezug auf die Gelenkbeweglichkeit:

Dehnungen, wenn kürzer als 7 Monate angewandt, haben bei Menschen mit neurologischen oder nicht-neurologischen Erkrankungen und Verletzungen keine klinisch relevante Wirkung auf die Gelenkbeweglichkeit. Außerdem ist Dehnung anscheinend nicht wirksam zur Behandlung und Vorbeugung von Kontrakturen und scheint keine kurzfristigen Wirkungen auf die Lebensqualität und auf Schmerzen bei Menschen mit nicht-neurologischen Erkrankungen und Verletzungen zu haben. Die kurz- und langfristigen Wirkungen von Dehnung auf andere oben genannte Endpunkte wurden in den Studien nicht untersucht.

Mehr zum Thema Kontrakturen:

Ein anderer Cochrane Review, der ausschließlich passive – zum Beispiel durch einen Therapeuten durchgeführte – Bewegungsformen untersuchte, erzielte ähnliche Ergebnisse: „Es ist unklar, ob passive Bewegungen wirksam für die Behandlung und die Vorbeugung von Kontrakturen sind“, schlussfolgerten die Hauptautoren hier.

Aber was wirkt denn nun? Da müssen noch weitere Untersuchungen her. Gut zu wissen, denn auf dieser Basis können nun gezieltere Studien durchgeführt werden.

Details auf Cochrane Kompakt
Zum Cochrane Review Volltext auf Englisch

Text: Andrea Puhl

 

Rauf auf die Matte: Yoga gegen Rückenschmerzen

Tue, 02/07/2017 - 09:15

Anfang Februar, der Winterschlaf lässt nach, mein Körper sehnt sich nach Bewegung, doch mein Rücken schmerzt schon seit Wochen vom vielen Sitzen. Was tun? Sport ist kaum vorstellbar, doch mich nicht zu bewegen brachte bisher auch nichts.

Noch verschlafen logge ich mich auf Facebook ein. In meinem Newsstream lese ich: „Ein aktueller Cochrane Review zeigt, dass Yoga chronische, unspezifische Rückenschmerzen kurzfristig lindern und die Funktionalität des Rückens verbessern kann.“ Prima!

Wie Sand am Meer

Tatsächlich habe ich mich schon länger mit der Idee Yoga zu machen beschäftigt. Was mich bisher abgeschreckt hat: die Qual der Wahl. Von traditionellen Formen bis hin zu Lach-Yoga gibt es alles. Beim Heli-Yoga wird man sogar (wie beim Heli-Skiing) in die Berge geflogen, abgesetzt und macht Yoga in der Höhe. Bei diesem verwirrenden Überangebot fehlte mir, bis jetzt, die notwendige Motivation, tiefer in das Thema einzusteigen.

Yoga ist für „Yeden“

Beim Stöbern online fand ich ein paar interessante Fakten. In der Tat erlebt Yoga seit den 70ern im deutschsprachigen Raum einen regelrechten Boom. Der wurde mitunter durch Kareen Zebroff ausgelöst, die 1973 das Buch „The ABC of Yoga“ schrieb. Im Zweiten Deutschen Fernsehen gab es dann in der Sendung „Sportinformationen“ regelmäßig „Yoga für Yeden“: fünfminütige, praktische Yogaübungen zum Mitmachen für jedermann. Seitdem hat sich Yoga hier, von der spirituellen Dimension des Ostens leicht abweichend, eher zu einer gesundheits- und fitnessfördernden Bewegungsform entwickelt.

Yoga kann die Rücken-Funktionalität verbessern und Schmerzen etwas lindern

Aber was heißt das? Der Facebook-Post zu unserem Cochrane Blog „Wissen was wirkt“ verlinkt mich auf eine kurze deutschsprachige Zusammenfassung des wissenschaftlich fundierten Reviews zum Thema auf Cochrane Kompakt. Zunächst finde ich heraus, was in diesem Fall mit „chronisch“ gemeint ist: Schmerzen, die drei Monate oder länger anhalten. Das ist bei mir also der Fall. Weiter erfahre ich, dass „unspezifisch“ lediglich bedeutet, dass die Ursachen für den Schmerz unbekannt sind. Wiederum fühle ich mich angesprochen, denn ich habe keine Ahnung, wo meine Rückenschmerzen herkommen. Mein Arzt auch nicht.

Weiter lese ich, dass Yoga für 3 Monate im Vergleich zu keiner körperlichen Übung die Rücken-Funktionalität verbessern und Schmerzen für 6-12 Monate lindern kann. Die Schmerzlinderung war jedoch relativ gering. Allerdings steht dort auch, dass im Fall von Schmerzzunahme das Risiko schädlicher Wirkungen durch Yoga größer sein kann als wenn keine Übungen gemacht werden. Dieses Risiko scheint aber ähnlich zu sein wie bei anderen Rückenübungen. In jedem Fall scheint Yoga aber nicht zu schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen zu führen.

Spezielle, auf Rückenschmerzen ausgerichtete Übungen wurden getestet

Doch welche Form von Yoga soll ich machen? Der Review untersuchte Yoga-Übungen, die speziell auf Personen mit Rückenschmerzen ausgerichtet waren, und von erfahrenen YogalehrerInnen angeleitet wurden. Sie waren also, wie es mir scheint, nicht einer bestimmten Art von Yoga zugeordnet. Naja, da muss ich wohl im Konkreten doch noch etwas länger suchen, um das entsprechende Programm und die passenden LehrerInnen für mich zu finden.

Weitere Cochrane Reviews haben andere Maßnahmen zur Verbesserung von Kreuzschmerzen untersucht. Mehr hier: Paracetamol bei Rückenschmerzen, Chronische Kreuzschmerzen sanft wegtrainieren und Pilates gegen Kreuzschmerzen.

Text: Andrea Puhl

Über die Autorin: Brandneu bei Cochrane als Translation and Dissemination Officer angestellt erkunde ich gerade die Bandbreite der Cochrane-Evidenz. Die Möglichkeit, kurze Blogbeiträge für Wissen Was Wirkt zu erstellen hilft mir nicht nur dabei, mich einzuarbeiten, sondern zeigt mir auch, wie sehr Cochrane-Evidenz und speziell deutsche Übersetzungen auf Cochrane Kompakt auch in meinem Privatleben relevant sind. Zuvor arbeitete ich als Communication Officer in der europäischen Bildungspolitik in Brüssel.

Details auf Cochrane Kompakt.

Dein Arzttermin am Telefon: sind Mediziner ausreichend dafür geschult?

Fri, 01/27/2017 - 08:31

1879 ist das Jahr, in dem  das erste, oder zumindest das erst-dokumentierte, Beratungsgespräch zwischen Arzt und Patient am Telefon stattgefunden hat. Das ist eine Weile her. Heute finden mehr als 25% aller medizinischen Beratungen, auch populär Telemedizin, Telekonsultation oder telefonische Fernbehandlung genannt, am Telefon statt.

Doch werden Ärzte und Ärztinnen ausreichend auf diese oft sehr sensible und schwierige Form der Kommunikation vorbereitet? Gibt es Studien, die mit einschlägigen Informationen diesbezüglich Trainingsprogramme für Mediziner unterstützen können? Cochrane wollte es wissen.

Telemedizin kann zu einem verbesserten und flexibleren Zugang zur Gesundheitsversorgung beitragen

„Die Ergebnisse Ihrer Blutuntersuchungen sollten am Dienstag vorliegen, “ bestätigt mir mein Arzt am Telefon, „sie können mich dann wieder anrufen und wenn nötig stelle ich Ihnen ein neues Rezept aus.“

„Welch ein Traum“, denke ich, erleichtert, dass medizinische Fernbehandlungen so normal geworden sind. Das spart mir Zeit und ermöglicht es mir, meinen Hausarzt auch in der Mittagspause zu kontaktieren.

Telemedizinische Beratungen wie diese haben viele Vorteile. Sie können, erstens, dem Patienten den mühseligen Weg zur Klinik oder Praxis sparen, und, zweitens, Ärzten Zeit geben, sich anderen Angelegenheiten, wie zum Beispiel Notfällen zu widmen.

Die Zahl der medizinischen Fernbehandlungen über Telekommunikationsnetze steigt

Medizinische Telefonberatungen sind heute Gang und Gebe und werden  im Allgemeinen schon als sichere Behandlungsmethode angesehen, wie zum Beispiel von der British Medical Association[1]. Tatsächlich finden mehr als ein Viertel aller ärztlichen Patientenberatungen heutzutage am Telefon statt.

Sowohl Ärzte als auch Betroffene machen sich das Telefon zunutze, um Verschreibungen zu erneuern, Testergebnisse mitzuteilen oder auch Routinegespräche zu führen. Aber auch in Notfällen wie Herzversagen oder in der Palliativversorgung wird  das Telefon zur Kommunikation zwischen Arzt und Patient genutzt.

Wie sehr die Telemedizin im Trend liegt kann man auch an den Dienstleistungen öffentlicher Krankenkassen sehen, die speziell für ihre Mitglieder medizinische Telefonberatungsdienste bereitstellen.

Andere Berufsgruppen werden speziell geschult um Telefonberatungen erfolgreich  durchzuführen. Sind Ärzte es auch?

Doch wie werden Ärzte auf diese Form der Gesprächsführung vorbereitet?  Schließlich kann telefonieren eine hochsensible Angelegenheit sein. Vor Allem wenn es darum geht, klare Anweisungen zu geben oder persönliche Inhalte, die oft auch mit einschneidenden Konsequenzen verbunden sein können,  zu kommunizieren.

Gibt es bestimmte Trainings- oder Schulungsmaßnamen die besser als andere sind um Ärzten diese Fähigkeit zu vermitteln? Dies war die Kernfrage eines kürzlich veröffentlichten Cochrane-Reviews zu „Trainingsmaßnahmen zur Verbesserung der telefonischen Beratungskompetenz bei Klinikern“.

Schulungsmaßnahmen für Mediziner im Bereich Telekommunikation sind unzulänglich

Frühere Studien zeigen, dass Mediziner und Medizinerinnen generell unzureichende spezifische Trainings zur erfolgreichen Telekommunikation in ihrer Ausbildung erhalten. Dieser Review fand auch  keine Studien zur Wirkung von spezifischen Kommunikationstrainingsmaßnahmen für Ärzte auf die Endpunkte von Patienten. Das Autoren-Team fand deshalb keine Evidenz, die zur Gestaltung von Trainings oder Ausbildungen von Klinikern im Bereich der telefonischen Beratung beitragen könnte.

Gute Studien im Bereich Telekommunikationstraining für Ärzte werden dringend benötigt

In der Tat scheint die Verantwortung, diese heutzutage unentbehrliche berufliche Fähigkeit zu kultivieren und zu verbessern, oft der Intuition oder dem Kommunikationsvermögen des einzelnen Arztes überlassen. Der Review zieht daher den Schluss, dass qualitativ hochwertige Studien auf diesem Gebiet dringend benötigt werden. Gut zu wissen.

Mehr Details bei Cochrane Kompakt.

Words are, of course, the most powerful drug used by mankind. – Rudyard Kipling

Text: Andrea Puhl

[1] British Medical Association, General Practitioners Committee. Consulting in the Modern World: Guidance for GPs. London: British Medical Association, 2001.

Cochrane Kompakt – ein Übersetzungsprojekt, das weiterhilft

Fri, 01/20/2017 - 08:40

Es war wirklich ein Schock. Gleich an vier Stellen Karies! Dabei putzen wir doch wirklich regelmäßig und gründlich die Zähne mit unserer achtjährigen Tochter. Was machen wir falsch? Oder vielmehr: Was können wir besser machen? Eine Freundin schwört zur Vorbeugung von Karies auf fluoridhaltige Mundspülung. Aber hilft das wirklich?

Die Suchanfrage bei Google ergibt über 300 000 Treffer. Darunter finden sich neben viel Werbung auch obskure Beiträge in Foren und alle Arten von Artikeln, deren Inhalt sich häufig widerspricht.

Zuverlässige Informationen gesucht

Nicht nur besorgte Eltern wie ich, sondern auch Leute vom Fach wie Ärzte und Ärztinnen, Pflegekräfte und Therapeuten stehen vor dieser Frage. Sie haben zwar oft Zugang zu Fachliteratur aus medizinischen Datenbanken, aber auch hier ergeben Suchen oft so viele Treffer, dass man Wochen bräuchte, um alle relevanten Artikel zu lesen. Und außerdem sind die meisten davon auf Englisch.

Wir alle brauchen schnellen Zugang zu aktuellen und verlässlichen Gesundheitsinformationen auf Deutsch. Deshalb arbeitet Cochrane seit 2014 verstärkt daran, dass Cochrane Reviews bekannt und verfügbar gemacht werden. Cochrane Reviews sind systematische Übersichtsarbeiten, die aktuelle Forschungsergebnisse zu einer genau definierten Fragestellung im Gesundheitsbereich zusammenfassen, z. B. zur Wirkung fluoridhaltiger Mundspülungen bei Kindern.

Cochrane Kompakt – kurz, verständlich und auf Deutsch

Cochrane Kompakt ist das von Cochrane Schweiz, Österreich und Deutschland gemeinsam betriebene Übersetzungsprojekt. Relevante und aktuelle Inhalte aus Cochrane Reviews, die sonst nur auf Englisch zur Verfügung stünden, werden auf Deutsch übersetzt.

So sollen sie rascher an diejenigen gelangen, die Fragen zu Gesundheitsthemen haben – und das sind wir alle: ich als besorgte Mutter genauso wie eine Chefärztin. Letztlich kann die Gesundheitsversorgung nur verbessert werden, wenn aktuelle Forschungsergebnisse dann zur Verfügung stehen, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen.

Die Texte in Cochrane Kompakt erfüllen drei wichtige Bedingungen, die Gesundheitsinformationen haben sollten: Sie sind kurz, verständlich und in der eigenen Muttersprache verfasst.

Die erste Bedingung erfüllen zwar schon die wissenschaftlichen Abstracts (Zusammenfassungen) der Cochrane Reviews. Für Personen, die wenig Expertise auf dem jeweiligen Gebiet haben, sind diese wissenschaftlichen Abstracts jedoch oft schwer verständlich. Deshalb stellt Cochrane zusätzlich sogenannte Plain Language Summaries (PLS) auf Englisch zur Verfügung. Das sind leichter verständliche Zusammenfassungen ohne medizinischen Fachjargon oder schwierige statistische Zahlenangaben.

Inzwischen wurden bereits mehr als 1 000 solcher Zusammenfassungen ins Deutsche übersetzt. Weltweit sind es schon weit über 4 000  solcher Texte, die in 13 Sprachen übersetzt wurden.

Neben besonders aktuellen Themen wurden bisher vor allem Zusammenfassungen in den Gebieten Public Health, Physiotherapie und Urologie auf Deutsch übersetzt. Dafür wird mit Fachorganisationen zusammengearbeitet. Dieses Jahr werden verstärkt auch Reviews zu Schwangerschaft und Geburtshilfe übersetzt werden können, da Cochrane Kompakt dafür von einer Stiftung Unterstützung erhält.

Fazit

Und die Mundspülung? Hilft die nun gegen Karies? Folgende Schlussfolgerung habe ich auf der Webseite von Cochrane Kompakt gefunden: „Die regelmäßige Anwendung von fluoridhaltiger Mundspülung unter Aufsicht führt zu einer starken Verminderung von Zahnkaries in den bleibenden Zähnen von Kindern.“ Das hilft mir weiter.

Wer via Twitter über die Übersetzungen auf dem Laufenden bleiben möchte, sollte @CochraneLingual folgen  – und natürlich uns.

Text: Miriam Seifert

Helfen Patienteninformationen gegen unnütze Antibiotikagabe bei Erkältungen?

Thu, 01/12/2017 - 09:46

Bei fiesem Husten und Kratzen im Hals wollen viele Betroffene ein Antibiotikum einnehmen, weil sie denken, dies würde ihnen am besten und am schnellsten helfen. Dass Antibiotika bei Infektionen der oberen Atemwege meist nutzlos sind, wissen die wenigsten. Umso unzufriedener sind viele mit der ärztlichen Behandlung, wenn sie keines bekommen. Was kann man da tun?

Erkältungen mit Husten, Schnupfen, Halsschmerzen und vielleicht auch Fieber können sich bedenklich schlimm anfühlen, sind aber meist relativ harmlos und bessern sich nach ein paar Tagen von selbst. Gewöhnlich lösen Viren diese typischen Symptome aus. Gegen eine virale Infektion dieser Art gibt es keine Medizin, der Körper muss – und kann – sich selbst dagegen wehren.

Erkältete Personen denken oft, ein Antibiotikum könne ihnen helfen schneller wieder auf die Beine zu kommen und bitten in der Arztpraxis darum. Antibiotika sind bei viralen Infektionen allerdings wirkungslos; sie helfen nur gegen bakterielle Infektionen (wie zum Beispiel eine Blasenentzündung). Ärztinnen und Ärzte wissen das, resignieren aber zuweilen vor den Wünschen wehklagender Patienten.

Antibiotikaresistenzen

Das hat katastrophale Folgen: Die falsche Anwendung von Antibiotika führt dazu, dass immer mehr Bakterienstämme unempfindlich dagegen werden und die Antibiotika nicht mehr wirksam gegen sie sind; man spricht von Antibiotikaresistenzen. Zur Resistenzentwicklung trägt unter anderem der massenhafte Einsatz von (Breitband-)Antibiotika bei Menschen und auch in der Tierhaltung bei. Ein weiterer Grund ist das frühzeitige Absetzen von Antibiotika, nachdem die ersten Krankheitssymptome sich gebessert haben. Viele durch Bakterien verursachte Krankheiten, die man noch vor wenigen Jahrzehnten gut mit Antibiotika behandeln konnte, lassen sich deshalb inzwischen nur noch schwer behandeln. Das gilt vor allem für Infektionen, die man sich im Krankenhaus zuziehen kann, beispielsweise Lungenentzündungen und Blutvergiftungen (Sepsis).

Viele Patienten und Patientinnen sind sich dieser Konsequenzen nicht bewusst. Damit sie nicht denken, ihnen würde eine wirkungsvolle Behandlung verwehrt, wenn sie bei einer Erkältung kein Antibiotikum verschrieben bekommen, ist eine verständliche Aufklärung wichtig. Weil es für Laien aber nicht einfach ist, den Unterschied zwischen Viren und Bakterien und die Wirkungsweise von Antibiotika zu verstehen, braucht es oft mehr als eine kurze Erklärung in der Sprechstunde. Patienteninformationen wie diese vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln können bei der Aufklärung helfen.

Was sagt die Evidenz?

Ob solche Patienteninformationen tatsächlich die Häufigkeit der Antibiotikaverordnungen bzw. -einnahmen bei Infektionen der oberen Atemwege senken, hat ein britisch-australisches Team in einem Cochrane Review untersucht. Es fand in der medizinischen Fachliteratur zwei randomisierte kontrollierte Studien aus Großbritannien und Kentucky, USA. An beiden Studien nahmen Eltern von Kindern mit akuter Infektion der oberen Atemwege teil, die in zwei oder mehr Vergleichsgruppen zufällig eingeteilt wurden, die entweder Informationsmaterial erhielten oder nicht.

Weniger Antibiotika und trotzdem zufrieden

Ein achtseitiges Informationsheftchen, dessen Inhalt den Eltern zusätzlich vom Arzt erklärt wurde, führte dazu, dass die Antibiotikaeinnahme der Kinder von 42% auf 22% sank, ohne dass die Eltern mit der Behandlung unzufriedener gewesen wären oder öfter wegen der gleichen Erkrankung erneut in die Sprechstunde kamen. Die Qualität der Evidenz dieser britischen Studie bewertete das Reviewer-Team allerdings nur als „moderat“, weil unter anderem die Ärzte und Ärztinnen speziell darin trainiert waren den Eltern den Inhalt des Heftchens zu erklären. Daher sind die Studienergebnisse nicht uneingeschränkt verallgemeinerbar und künftige Studien müssten zum Beispiel mit Ärzten und Ärztinnen ohne vorheriges Training durchgeführt werden. Ergebnisse aus solchen Studien würden vermutlich zeigen, dass die Antibiotikaeinnahme nicht so stark reduziert wird.

Kombinierte man die Ergebnisse beider Studien zeigte sich, dass schriftliche Informationen auch insgesamt die Häufigkeit von Antibiotikaverschreibungen für erkältete Kinder senkten (41% im Vergleich zu 20 %). Hier bewerteten die Review-Autoren die Qualität der Evidenz gar als „niedrig“, was bedeutet, dass weitere Forschung sehr wahrscheinlich einen gewissen Einfluss auf die Häufigkeit der Antibiotikaverschreibungen haben wird.

Informationen schaffen Bewusstsein

Die Ergebnisse dieses Cochrane Reviews erlauben keine abschließenden Schlussfolgerungen über die beste Art der Patientenaufklärung. Es ist aber unbestritten, dass die Bereitstellung von Information für Patienten und Patientinnen (aber auch für Ärztinnen und Ärzte) wichtig ist, um ein Bewusstsein für das stetig wachsende Problem der Antibiotikaresistenzen zu schaffen. Aufklärung ist auch meist in den Strategien festgeschrieben, die immer mehr Länder der Welt entwickeln um der Resistenzproblematik entgegenzuwirken. Auch Deutschland (Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie DART), Österreich (Nationaler Aktionsplan zur Antibiotikaresistenz NAP-AMR) und die Schweiz (Nationale Strategie Antibiotikaresistenzen StAR) setzen in ihren nationalen Strategien unter anderem auf Information und Aufklärung.

Valérie Labonté

Bildnachweis: Tim Reckmann, Tabletten mit Rezept CC BY-NC-SA 2.0

Hier geht’s zum Cochrane Review: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD011360.pub2/full#CD011360-bbs1-0002

Gedächtnisstörungen nach einem Schlaganfall: hilft die kognitive Rehabilitation?

Mon, 01/02/2017 - 10:58

Beim Stichwort Schlaganfall denken viele zuerst an Lähmungen. Aber neben den körperlichen Fähigkeiten können auch die kognitiven Fähigkeiten stark beeinträchtigt sein. Ein Cochrane-Review hat untersucht, wie wirksam Maßnahmen zur Rehabilitation des Gedächtnisses nach einem Schlaganfall sind.

Plötzlich bleibt ein Blutgerinnsel irgendwo in einer kleinen Ader des Gehirns stecken und führt zu einer Minderdurchblutung, durch die Gehirnzellen absterben können. Oder ein kleines Blutgefäß im Gehirn platzt und es kommt zu einer Blutung. Beide Ereignisse nennt man landläufig Schlaganfall. Die Symptome treten „wie auf einen Schlag“ auf: ein Taubheitsgefühl oder eine Lähmung in Gesicht, Armen oder Beinen oder eine Sprachstörung, Sehen von Doppelbildern oder Probleme bei der Koordination. In den Industrieländern ist der Schlaganfall zudem die dritthäufigste Todesursache nach Herzerkrankungen und Krebs. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Schlaganfälle für rund 6 % aller Todesfälle verantwortlich. Wird ein Schlaganfall jedoch rechtzeitig erkannt und behandelt, können sich die Symptome zurückbilden. Auch im höheren Alter ist das Gehirn flexibel genug um durch gezieltes Training zu lernen und betroffene Funktionen ganz oder teilweise zurückzugewinnen.

Gedächtnis-Rehabilitation als Therapie

Wenig bekannt ist, dass die Betroffenen neben den körperlichen auch mit kognitiven Beschwerden wie Gedächtnisproblemen und Stimmungsschwankungen zu kämpfen haben. Auch Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit ähnlich wie bei Demenzerkrankungen kommen vor. Das kann zu vielen Schwierigkeiten im alltäglichen Leben führen und die Betroffenen abhängig von der Hilfe durch Angehörige oder Pflegende machen. Dabei hängen die Art und das Ausmaß der Gedächtnisbeeinträchtigung vom Schweregrad der Hirnschädigung, dem Alter und dem vorherigen Gesundheitszustand ab. Bei Schlaganfallpatienten werden kognitive Rehabilitationsprogramme eingesetzt, in denen beispielsweise Gedächtnisübungen gemacht oder Merksprüche eingeübt werden, um die Gedächtnisleistungen zu verbessern.

Ein neuer Cochrane-Review prüft die Wirksamkeit kognitiver Rehabilitation bei Menschen, die nach einem Schlaganfall von Gedächtnisproblemen betroffen sind. Die Autoren fanden 13 Studien mit insgesamt 514 Teilnehmern, deren Durchschnittsalter zwischen 31 und 68 Jahren lag und die entweder zuhause oder im Krankenhaus behandelt wurden. Die Patienten nahmen entweder einzeln oder in Gruppen an den Übungen teil und erhielten in einem Zeitraum von zwei bis zehn Wochen verschiedene Arten von Gedächtnistraining. Dabei wurde jede Form von Therapie, die die Gedächtnisfunktion verbessern könnte, als Gedächtnis-Rehabilitation eingestuft. Bei „internen“ Hilfestellungen stand das Erlernen von Eselsbrücken, Sprechübungen und bildlichen Vorstellungen im Vordergrund. „Externe“ Hilfsmittel wie Tagebücher oder Kalender sollten beim Erinnern und beim Abrufen von Information helfen. In den Kontrollgruppen bekamen die Patienten keine solchen gezielten Therapien zur Verbesserung der Gedächtnisleistung, jedoch verschiedene andere Reha-Maßnahmen.

Um herauszufinden, ob die Teilnehmer mit der Reha bessere Ergebnisse erzielten als die jeweilige Kontrollgruppe, benutzten die Forscher subjektive Bewertungen und objektive Messungen der Gedächtnisfunktionen. So wurden sowohl kurz- wie auch langfristige Wirkungen auf die Gedächtnisleistung, funktionelle Fertigkeiten, die Stimmung und die Lebensqualität betrachtet.

Wirkung kurzfristig und nicht objektiv messbar

Im Vergleich zu den Kontrollgruppen war die Verbesserung der subjektiven Gedächtnisleistung mit der Reha nur kurzfristig – etwa in den ersten vier Wochen nach der Behandlung – nachweisbar. Es gab keine ausreichende Evidenz, dass diese Verbesserung länger anhielt zum Beispiel wenn die Studienteilnehmer nach drei Monaten oder später erneut befragt wurden. Die Review-Autoren fanden keine signifikante kurz- oder langfristige Wirkung auf objektive Gedächtnistests oder funktionelle Fertigkeiten. Auch schien es keine Verbesserungen bezüglich Unabhängigkeit im alltäglichen Leben, Stimmung oder Lebensqualität der Betroffenen zu geben. Der Nutzen von Gedächtnis-Rehabilitation nach einem Schlaganfall war also, wenn überhaupt, nur subjektiv vorhanden und nicht von Dauer. Dies heißt nun nicht, dass in der Rehabilitation von Menschen nach einem Schlaganfall nicht auch versucht werden sollte, vorhandene Gedächtnisprobleme anzugehen. Leider war die Anzahl und Qualität der bisherigen randomisiert-kontrollierten Studien in diesem Bereich jedoch nicht ausreichend, um eine klare evidenzbasierte Empfehlung auszusprechen.

Text: Stephanie Heyl und Erik von Elm

Hier geht´s zum Cochrane Review: http://www.cochrane.org/CD002293/STROKE_cognitive-rehabilitation-memory-deficits-after-stroke

Umfassende gesetzliche Rauchverbote schützen Nichtraucher

Wed, 12/28/2016 - 12:24

Eine Zigarette oder Zigarre nach dem Festmahl gehört für viele zu einem gelungenen Festabend dazu. Auch wenn es gemütlich ist drinnen bei den Liebsten zu rauchen, sollte man sich überlegen doch lieber vor die Tür zu gehen. Denn Passivrauch schadet der Gesundheit von Nichtrauchern – ob groß oder klein.

Auch wenn über 70 Prozent der Deutschen nicht rauchen, sind viele Menschen durch Passivrauch gefährdet. Dieser birgt nämlich erhebliche gesundheitliche Gefahren. Daher ist ein (gesetzlicher) Nichtraucherschutz wichtig. Vor allem, weil Rauchen das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko darstellt.
Erfreulich ist, dass im deutschsprachigen Raum ein deutlicher Trend zum Nichtrauchen über alle Altersgruppen hinweg erkennbar ist. Am stärksten ist dieser Trend bei Kindern und Jugendlichen: Nur noch zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen greifen aktuell regelmäßig zum Glimmstängel. Vor 20 Jahren waren es fast dreimal so viele.

Eher unerfreulich ist hingegen die Tatsache, dass 2014 jede fünfte Person über 15 Jahre in der EU Passivrauch ausgesetzt war. Fast die Hälfte aller Passivraucher sind Kinder. Sie sind unter anderem  wegen ihrer höheren Atemfrequenz besonders von den giftigen Substanzen im Rauch gefährdet.

Laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) sind etwa 90 Stoffe des Zigarettenrauchs krebserregend oder potentiell krebserregend.
Jeder, der den blauen Dunst einatmet, erhöht sein Risiko für Lungenkrebs, und jüngere Frauen wahrscheinlich auch ihr Brustkrebsrisiko. Bei Nichtrauchern erhöht sich durch Passivrauch auch das Risiko für Herzkreislauferkrankungen mit Folgen wie Infarkten und Schlaganfällen, wenn auch nicht so gravierend wie bei Aktivrauchern.

Weltweit sterben ca. sechs Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens. Geschätzte weitere 331.000 Menschen sind Opfer der Passivrauchfolgen, berichtete das Fachmagazin Lancet in einer Studie von 2015. Die Europäische Union schätzte die Anzahl der Todesopfer durch Passivrauch in der EU im Jahr 2007 auf über 200 pro Tag.

Handlungsfreiheit der Raucher nachrangig

Aufgrund des Rechts der Nichtraucher auf körperliche Unversehrtheit kann die allgemeine Handlungsfreiheit von Rauchern sekundär eingeschränkt werden.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz hat jeder Arbeitnehmer und jede Arbeitnehmerin einen Rechtsanspruch auf einen rauchfreien Arbeitsplatz.  Trotzdem darf in Österreich in Restaurants, Bars geraucht werden. Wenn ein Restaurant klein ist, braucht es nicht einmal einen Nicht-Raucherbereich.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz gelten seit einigen Jahren Gesetzte, die dass das Rauchen in öffentlichen Gebäuden, öffentlichen Verkehrsmitteln und Plätzen verbieten.
Primäres Ziel aus Sicht der Gesundheitsvorsorge muss der Schutz des Nichtrauchers vor Gesundheitsschäden sein, ein weiterer wichtiger Aspekt ist aber auch die Schaffung von Möglichkeiten für Raucher, um mit dem Rauchen aufzuhören.

Verbote bieten zugleich das Potential, soziale Werte und Normen bezüglich des Rauchverhaltens zu beeinflussen.

Interventionen zur Reduktion von Umgebungsrauch

In einem aktualisierten Cochrane Review wurde untersucht, welche Wirkung gesetzliche Rauchverbote auf die Gesundheit von Passivrauchern, und das Rauchverhalten aktiver Raucher haben. Die Autoren suchten in Datenbanken und auf Webseiten bis Februar 2015 nach Studien, die die Wirkung des Rauchverbots auf Gesundheitsaspekte und das Rauchverhalten untersuchen. Insgesamt wurden im aktualisierten Review 77 Studien begutachtet, 12 Studien wurden aus einem bestehenden Cochrane Review (2010) übernommen, 65 neue identifiziert.

Rauchverbote können auf lokalem, regionalem oder nationalem Level verhängt werden und sich auch in ihrem Ausmaß unterscheiden. So wurden gesetzliche Komplettverbote in Innenräumen inklusive Bars und Restaurants von den Review Autoren als ‘umfassende Rauchverbote‘ eingestuft; solche Komplettverbote wurden in der Mehrheit der begutachteten Studien untersucht (n=nicht berichtet). Solche, die das Rauchen in bestimmten Bereichen erlaubten, wurden als ‘partielle Rauchverbote‘ eingestuft (18 Studien).

In 42 Studien wurden Krankenhausdaten analysiert, um die Aufnahme- und Entlassungszahlen bestimmter Jahrgänge in verschiedenen Ländern zu untersuchen. Elf Studien verwendeten länderspezifische Umfragen bezüglich aktiver Rauchexposition in der Bevölkerung und vier Studien setzten passive Rauchexposition am Arbeitsplatz in Zusammenhang mit Gesundheitsergebnissen.

Was bringts?

Insgesamt zeigt sich ein Trend, dass insbesondere die Einführung von umfassenden Rauchverboten zur Reduktion von rauchbedingten kardiovaskulären Krankheiten und Todesfällen und somit zu verbesserter Gesundheit führt. Wurde nur ein partielles Verbot untersucht, waren die Ergebnisse nicht so deutlich. Interessant: Bei einer längeren Nachbeobachtung nach Einführung der Rauchverbote, stellen die Autoren fest, dass die positiven Gesundheitsergebnisse entweder konstant blieben oder sich sogar noch verbesserten.
Derartige Rauchverbote beziehen sich natürlich nur auf den öffentlichen Raum. Zuhause muss jeder und jede selbst Lösungen für ein gesundes Raumklima finden. Ein bisschen unverqualmte Luft wäre aber auf jeden Fall eine origineller Vorsatz für das neue Jahr.

Text: Stephanie Heyl

Hier geht´s zum Cochrane Review:  http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD005992.pub3/abstract;jsessionid=8E5062F7D039A671BFCC4C6A331D728B.f04t02

 

Cochrane Reviews informieren 90% der WHO Leitlinien

Mon, 12/19/2016 - 08:30

WHO Leitlinien dienen weltweit als Entscheidungshilfen in der gesundheitlichen Versorgung und tragen damit zu guten gesundheitspolitischen Entscheidungen und optimaler Therapie und mehr Sicherheit im klinischen Alltag bei. In viele dieser Leitlinien fließt Evidenz aus systematischen Reviews von Cochrane ein.

Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist „Gesundheit für alle“. Dies hat die WHO in ihrer gleichnamigen Strategie festgehalten und in kleinere, konkrete Schritte eingeteilt. Dazu gehören beispielsweise die Reduktion von verschiedenen Krankheiten, eine gesunde Umwelt oder adäquate Gesundheitsversorgung.

Die Entscheidungen, wie diese Ziele tatsächlich erreicht werden sollen, müssen durch wissenschaftliche Evidenz aus Studien gestützt werden, die darüber informiert, welche Maßnahmen erfolgsversprechend sind, und welche eher nicht.

Wissensexplosion

Jeden Tag erscheinen aber Unmengen an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. In „PubMed“ – einer der wichtigsten Literaturdatenbanken der Medizin – werden jedes Jahr allein über 20.000 randomisierte, kontrollierte Studien gelistet und es werden jährlich mehr. All jene, die Antworten auf Fragen suchen, haben es deshalb schwer: Wie den Überblick behalten? Welchen Informationen trauen?

Systematische Reviews, wie sie von Cochrane Autoren erstellt werden, können Struktur in die Informationsflut bringen. Reviews fassen alle Studien zu einer gemeinsamen klinischen oder gesundheitsrelevanten Fragestellung zusammen, kombinieren die Ergebnisse aus Einzelstudien zu einem Gesamtergebnis (sog. Metaanalyse) und beurteilen, wie verlässlich dieses Gesamtergebnis ist.

Auf Basis solcher systematischen Reviews ist es viel leichter einen Überblick über die verfügbare Evidenz zu erhalten und die Wirksamkeit und Risiken von Maßnahmen einzuschätzen. Reviews sortieren praktisch die Evidenz. So bilden sie die Grundlage für Leitlinien, die konkrete Handlungsempfehlungen aussprechen.

Die Arbeit von Cochrane findet international Beachtung: einen Großteil der WHO Leitlinien bezieht sich auf Evidenz aus Cochrane Reviews. Somit beeinflussen Cochrane Reviews weltweit Gesundheitspolitik und Behandlungspraxis.

90% der WHO Leitlinien enthalten Cochrane Evidenz

Der Anteil der WHO Leitlinien, die Cochrane Reviews bei der Entwicklung verwendet hat, erreicht einen neuen Rekord. War bis 2015 bereits in 75% der WHO Leitlinien Cochrane Evidenz enthalten, ist der Anteil seit diesem Jahr sogar bei 90%. Bis zum 26. September 2016 wurden 474 Cochrane Reviews für 160 WHO Leitlinien (und für andere evidenzbasierte Empfehlungen) verwendet, die zwischen den Jahren 2008 und 2016 veröffentlicht wurden. 14 dieser 160 WHO Leitlinien haben sogar mehr als 10 Cochrane Reviews bei ihrer Erstellung verwendet.

Leitlinien: Entscheidungshilfen für eine bessere Versorgung und mehr Sicherheit

Systematisch entwickelte Leitlinien sind eine große Hilfe für Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Sie helfen, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern, da sie bei speziellen Fragestellungen und/oder Krankheiten praxisorientierte und aktuelle Informationen zur Behandlung und Entscheidungsfindung liefern. Sie unterstützen rationale Entscheidungen unter Einbezug von Patientenpräferenzen und vorhandenen Ressourcen. Obwohl Leitlinien nicht verbindlich sind, sind sie ein vielgenutztes Tool.

Evidenzbasierte Leitlinien fördern auch die Transparenz der medizinischen Entscheidung, indem sie nach einem definierten Vorgehen entwickelt werden. In die Entwicklung einer Leitlinie sind idealerweise Experten aus verschiedenen Fachbereichen und Regionen, sowie Patienten mit eingebunden. Nicht selten werden Leitlinien auch für einen bestimmten geographischen Kontext oder für eine bestimmte Personengruppe, beispielsweise ältere Personen oder Kinder.

Text: K. Sauer

Cochrane Crowd: Mitmachen erwünscht!

Mon, 12/12/2016 - 09:53

Sie messen die Temperatur von Flüssen, kartografieren die Ausbreitung von eingeschleppten Pflanzenarten oder befragen Bauern nach ihrer Mundart. Der neue Trend heisst Citizen
Science, zu Deutsch: Bürgerwissenschaft.

Manche Projekte werden von engagierten Laien angeregt und durchgeführt, andere werden von Wissenschaftlern geplant, wären aber ohne die
tatkräftige Unterstützung von Laien schlichtweg nicht durchführbar. Bei Cochrane tragen seit März 2014 Citizen Scientists auf einer neuen Online-Plattform zur Identifikation von
randomisierten kontrollierten Studien (kurz: RCTs) bei. Das gleicht der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen, macht aber trotzdem Spass.

Im Hobbykeller selbst Teilchen zu beschleunigen und ein bisschen Antimaterie zu erzeugen, wird wohl auch weiterhin Utopie bleiben. Trotzdem ist es für Laien in vielen Bereichen möglich, eigene
Fragen zu stellen, damit die Forschungslandschaft etwas mitzugestalten oder mit der kostbaren Ressource Zeit ein sinnvolles Projekt zu unterstützen. Ganz nebenbei trägt das auch zu einer
Demokratisierung des Wissenschaftsbetriebs bei.

Seit der Zugang zum Internet in unseren Breiten von fast überall möglich ist, wird auch die Mitarbeit in Forschungsprojekten immer einfacher und findet so ausserhalb der „Elfenbeintürme“ der akademischen Wissenschaft statt.

Die Arbeit von Cochrane wäre ohne die vielen kleinen Beiträge Einzelner ohnehin schwer vorstellbar. Das fängt mit dem Engagement der vielen TeilnehmerInnen in klinischen Studien an. Und geht weiter mit den vielen verschiedenen Schritten, die nötig sind, bis die Daten einer Studie möglichst vollständig erhoben, analysiert und veröffentlicht sind.

Bevor dann – oft Jahre später – ein Autorenteam einen systematischen Review zu einer definierten Fragestellung erstellen kann, muss die vorhandene Forschungsliteratur in elektronischen Datenbanken erfasst und mit Schlagwörtern „suchbar“ gemacht werden. Schon früh wurde bei Cochrane erkannt, dass ein eigenes Register sinnvoll ist, das aus mehreren Quellen mit Angaben zur wissenschaftlichen Literatur gespeist wird und in das nur Referenzen von kontrollierten Vergleichsstudien Eingang finden.

Das Cochrane Central Register of Controlled Trials (kurz: CENTRAL) umfasst heute fast eine Million Referenzen zu solchen Studien. Jeder kann mithelfen, anhand der Titel und Zusammenfassungen (den sogenannten „Abstracts“) der bereits veröffentlichten Artikel diejenigen herauszufiltern, die von RCTs berichten und für zukünftige systematische Reviews besonders wichtig sein könnten. Dafür sind ein solides Leseverständnis in Englisch gefragt und die Bereitschaft zu lernen, wie einige wesentliche Studientypen unterschieden werden.

Cochrane Crowd: Plattform für Citizen Scientists

Konkret sieht das so aus: Die Plattform Cochrane Crowd enthält aktuell eine große Menge an unsortierter Referenzen inklusive Titel und das Abstract aus der Datenbank EMBASE. Die Citizen Scientists sichten diese kurzen Texte und entscheiden, ob es sich dabei um einen RCT handelt, die Referenz also für eine mögliche Aufnahme in CENTRAL geeignet ist.

Eine spielerische Anleitung erklärt, wie die RCTs erkannt und von den vielen weniger interessanten Studien unterschieden werden können, die keine zufällige Zuteilung der Teilnehmer in die Vergleichsgruppen benutzt haben. Dabei gibt es Entscheidungshilfen und einige Testläufe am Anfang. Wer diese erfolgreich absolviert hat, wird auf die echten Referenzen losgelassen. Aber keine Angst: dabei ist niemand alleine. Ein ausgetüftelter Algorithmus legt fest, welches Abstract von wie vielen Reviewern unabhängig voneinander klassifiziert wird und wie viele Klassifizierungen vor Aufnahme in CENTRAL (oder Ausschluss) nötig sind.

Die Citizen Scientists können bequem zuhause am Computer oder unterwegs am Smartphone so viele oder wenige Abstracts sichten wie sie wollen. Das Ganze funktioniert auch offline. Mit hinterlegten Suchwörtern können dazu auch eigene Interessenschwerpunkte festgelegt werden. Auch wenn jede(r) nur wenige Klassifizierungen vornimmt, kommt insgesamt eine ansehnliche Anzahl zusammen.

Eine Million – ein hochgestecktes Ziel

Schon zehn Minuten Mitarbeit am Tag, zum Beispiel am Morgen im Bus, bringen das gesamte Projekt weiter. Seit Beginn haben bereits fast 4000 Menschen aus 88 Ländern zu Cochrane Crowd beigetragen. Jetzt nähert sich Cochrane Crowd dem Meilenstein von einer Million einzelnen Klassifizierungen!

Um diese magische Grenze noch in diesem Jahr zu knacken, startet am 19. Dezember um 11 Uhr MEZ ein sogenannter Challenge. In den folgenden 48 Stunden sollen so viele Klassifizierungen wie möglich vorgenommen werden. Alles wird genau gezählt und für jede neue macht Cochrane eine Spende an Ärzte ohne Grenzen oder UNICEF in Großbritannien. Es gibt also gleich mehrere Gründe zum Mitmachen!

Wir hoffen, die Server sind auf den Ansturm vorbereitet…

Text: Stephanie Heyl und Erik von Elm