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Cochrane bloggt auf deutsch
Updated: 6 hours 36 min ago

Vitamin C gar kein Wundermittel gegen Erkältung

Thu, 02/22/2018 - 09:03

Die Erkältungswelle scheint dieses Jahr besonders hartnäckig. Es gibt mehr als 200 Viren, die Erkältungssymptome, wie eine laufende oder verstopfte Nase, Niesen, Halsschmerzen, Husten und manchmal auch Kopfschmerzen, Fieber und gerötete Augen, hervorrufen. Aber was tun anstelle oder neben der Einnahme üblicher Pharmazeutika? Wissen Was Wirkt stellt zu diesem Thema eine kurze Serie zu beliebten Hausmitteln bei Erkältungen vor. Hier geht es um Vitamin C.

Nach dem Blog-Beitrag letzte Woche zum Inhalieren erhitzter, befeuchteter  Luft durchsuchte ich die Cochrane Library zu weiteren, beliebten Hausmitteln zur Verbeugung oder Behandlungen von Erkältungen und stellte fest, dass Cochrane auf dem Gebiet so Einiges zu bieten hat. Zudem wurde mir klar, dass die Ergebnisse bei manch einem, der auf die ein oder andere Behandlung schwört, zu einer Desillusionierung führen könnten. Wie steht es diesbezüglich mit der Einnahme des beliebten Vitamin C?

Vitamin C bei Erkältung – eine (fast) 100-jährige Geschichte

Vitamin C (Ascorbinsäure) ist wohl das bekannteste aller Vitamine. Es unterstützt die natürliche Immunabwehr, indem es gegen den oxidativen Stress, der während einer Infektion erzeugt wird, schützt. Vitamin C wurde in den 1930er Jahren erstmals isoliert und seither als Möglichkeit zur Behandlung von Atemwegsinfektionen genannt. Nachdem tierexperimentelle Studien gezeigt hatten, dass Vitamin C die generelle Infektionsresistenz gegen Viren und Bakterien beeinflusst, wurden Anfang der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts dann verstärkt Studien durchgeführt, um die Einfluss von Vitamin C auf Erkältungserkrankungen zu untersuchen. In den 1970ern schloss schließlich der Nobelpreisträger Linus Pauling aus früheren, placebo-kontrollierten Studien (kontrollierte Studien, die die Ergebnisse einer Behandlung mit denen einer Scheinbehandlung vergleichen), dass Vitamin C Erkältungen verhindern und ihre Symptome abmildern kann. Sein im Jahr 1970 veröffentlichtes Buch „Vitamin C and the Common Cold“ ist bis heute sehr einflussreich. Es propagierte Vitamin C weltweit erfolgreich als Mittel zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen – wer würde einem zweifachen Nobelpreisträger (Nobelpreis für Chemie im Jahr 1954 und Friedensnobelpreis in 1962) widersprechen wollen?

Cochrane versus Pauling?

Ein 2013 veröffentlichter Cochrane Review untersuchte, ob Vitamin C das Auftreten von Erkältungen oder die Dauer oder Schwere einer bereits eingetretenen Erkältung verringern kann, entweder bei regelmäßiger Einnahme oder als Behandlungsform bei einer anstehenden Erkältung. Der Review analysierte insgesamt 67 randomisierte, placebo-kontrollierte  Studien, in denen Vitamin C in einer Dosis von 0,2 g/Tag oder mehr untersucht wurde.

Hauptergebnisse:

• Die regelmäßige Einnahme von Vitamin C hat keinen Einfluss auf das Auftreten von Erkältungen in der normalen Bevölkerung.
• Bei Sportlern und Menschen, die wirklich extremer körperlicher Belastung ausgesetzt sind wie Marathonläufer oder Soldaten, die Winterübungen im Gebirge machen, kann Vitamin C das Erkältungsrisiko halbieren.
• Die regelmäßige Nahrungsergänzung mit Vitamin C könnte die Dauer von Erkältungssymptomen reduzieren, wenn auch nur recht wenig (bei Erwachsenen von 7 auf 6,5 Tage, bei Kindern von 7 auf 6 Tage).
• Nebenwirkungen wurden nicht untersucht.

Fazit

Die von Cochrane analysierten Studien zeigen, dass die regelmäßige Einnahme von Vitamin C Eine Erkältung also nicht verhindern kann. Sie kann aber die Dauer der Erkältung geringfügig reduzieren. Dazu mussten die Studienteilnehmenden allerdings über einen langen Zeitraum vorbeugend Vitamin C einnehmen.

Was würde wohl Pauling zu diesem zusammengefassten Ergebnis sagen? Für mich persönlich ist es jedenfalls Grund genug, weiterhin darauf zu achten, dass ich über meine natürliche Ernährung zumindest den täglichen Bedarf von 100 Milligramm in Form von Obst und Gemüse zu mir nehme. Das ist eigentlich ganz einfach. Dazu reicht es, täglich zwei Kiwis oder Orangen zu essen.

Text: Andrea Puhl

Erkältung: Nützt Inhalieren?

Thu, 02/15/2018 - 08:30

Jetzt einmal ehrlich! Wie oft hat man Ihnen bei Erkältungen schon geraten, erhitzte, befeuchtete Luft zu inhalieren, mit der Vorhersage, dass Sie sich danach besser fühlen? Aber hilft Inhalieren denn wirklich bei einer Erkältung? Ein aktualisierter Cochrane Review hat sich genau mit dieser Frage beschäftigt. Untersucht wurde Inhalieren mit einem speziellen Inhalationsgerät (RhinoTherm). Können Sie das Fazit schon erahnen?

Schon von klein auf hat mich meine Mutter bei jeder Erkältung oder verstopften Nase „heißen Dampf“ inhalieren lassen. Damals lief das so: Kopf über einen Topf mit heißem Wasser und Kräutern, Handtuch über den Kopf damit der Dampf nicht entweicht, und dann kräftig ein- und ausatmen. Soweit ich mich erinnern kann, ging es meiner Erkältung danach manchmal besser, manchmal aber auch nicht. Woran ich mich allerdings sehr gut erinnere, ist, dass ich das ganze Ritual als sehr unangenehm empfand. Denn schicke Inhalationsgeräte wie das RhinoTherm Gerät hatten wir damals nicht. 

Was wurde untersucht

Die Frage, ob Inhalieren bei Erkältungen hilfreich ist, haben sich neben mir auch schon andere gestellt. Ein Cochrane Review, der im August 2017 aktualisiert wurde, fasste die Ergebnisse sechs randomisierter, doppelblinder Studien mit insgesamt 387 Teilnehmenden jeder Altersgruppe zusammen, um festzustellen, ob und wie die Inhalation heißer, feuchter Luft durch ein RhinoTherm Gerät auf Erkältungssymptome wie das Ausscheiden von Rhinoviren wirkt. Erkältungssymptome, die beobachtet wurden, waren unter anderem Fieber, Appetitlosigkeit, Unwohlsein und Frösteln einhergehend mit Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und allgemeinen Schmerzen.

Die einbezogenen Studien wurden alle zwischen 1987 und 1995 veröffentlicht, neuere wurden nicht gefunden. Die meisten Studien schlossen Menschen mit natürlich auftretenden Erkältungen ein. Eine Studie induzierte Erkältungen durch Infektion der Teilnehmenden.

Alles heiße Luft?

Keine der eingeschlossenen Studien berichtete über eine Verschlechterung der klinischen Symptome nach dem Inhalieren heißer, feuchter Luft. Allerdings zeigte auch keine der Studien aussagekräftige Evidenz, die eine gesundheitliche Verbesserung bestätigen könnte. Die Teilnehmenden in zwei Studien zeigten weniger anhaltende Symptome, aber die Ergebnisse waren widersprüchlich. Auch berichteten zwei Studien über geringfügige unerwünschte Ereignisse, wie Unbehagen oder Irritationen der Nase. Die Behandlung hatte keine Wirkung auf die Rhinovirus-Freisetzung aus der Nasenschleimhaut.

Zudem wurden die Teilnehmer nach ihrem subjektiven Empfinden gefragt. Die Antworten fielen leicht positiv für ein Wohlbefinden nach Inhalation aus. Der Unterschied zur Vergleichsgruppe war aber so gering, dass die Autoren keine klare Aussage machen konnten.

Insgesamt wurde die Qualität der einbezogenen Studien als niedrig eingestuft. Das heißt, dass neue Studien eventuell zu anderen Ergebnissen führen könnten. Deshalb plädieren die Autoren stark für die Durchführung weiterer gut konzipierter, randomisierter, doppelblinder Studien auf diesem Gebiet.

Fazit

Die Autoren des Reviews fassen zusammen:

Die aktuelle Evidenz zeigt weder Vor- noch Nachteile einer Erkältungsbehandlung durch feuchte, warme Luft mit Hilfe eines RhinoTherm Inhalators. Alle Ergebnisse müssen mit Vorsicht interpretiert werden.

Mein Fazit deshalb an alle Inhalations-Freunde: einfach der Freude folgen! Und für die, die es nicht mögen: kein schlechtes Gewissen haben, das Inhalieren ausfallen zu lassen! Hätte ich das damals gewusst, hätte ich mich vielleicht leichter durchsetzen können.

Text: Andrea Puhl

Zum vollständigen Review:

Heated, humidified air for the common cold

Weitere Wissen Was Wirkt Artikel zum Thema Erkältung:

Echinacea: Sonnenhut gegen Erkältungen
Gefährlicher Hustensaft
Helfen Patienteninformationen gegen unnütze Antibiotikagabe bei Erkältungen?

Weitere Cochrane Evidenz auf Deutsch zum Thema Erkältung:

Vitamin C zur Vorbeugung und Behandlung von Erkältungen
Probiotika (lebende Mikroorganismen) zur Verhinderung von Infektionen der oberen Atemwege (z. B. Erkältung)
Knoblauch gegen grippale Infekte

Frühe Palliativversorgung bei fortgeschrittenem Krebs?

Thu, 02/01/2018 - 10:38

Bei manchen Krebspatienten ist die Krankheit zum Zeitpunkt der Diagnose schon so weit fortgeschritten, dass Krebstherapien nicht mehr helfen. Diese Patienten können allerdings immer noch von einer Palliativversorgung profitieren. Dies zeigte ein im Juni 2017 aktualisierter Cochrane Review, der die Wirkung von palliativer Versorgung nach der Diagnose einer fortgeschrittenen Krebserkrankung untersuchte.

Wer schon einmal einen Menschen mit fortgeschrittenem Krebs in der letzten Lebensphase begleitet hat, weiß, wie schwierig diese Phase vor allem auf der emotional-psychischen Ebene sein kann. Das gilt sowohl für den Patienten* als auch für die Angehörigen. Die körperlichen Bürden müssen natürlich die Patienten alleine tragen, doch oft werden die emotional-psychischen Lasten von beiden Seiten geteilt, auch wenn sie sich unterschiedlich ausdrücken.

Dies war zumindest meine Erfahrung, als ich meine Tante nach ihrer Knochenkrebsdiagnose bis zum Ende ihres Lebens intensiv begleitete. Drei Monate vor ihrem Tod wurde sie durch einen Wirbelbruch halb gelähmt. Es gab neben der Palliativintervention keine Möglichkeit mehr, sie zu versorgen.

Palliativversorgung mit Herz

Zuerst war meine Tante von der Idee auf eine Palliativstation zu wechseln nicht überzeugt und wollte nicht von zuhause weg, ganz gleich wie stark die Schmerzen waren. Doch als sie erst einmal auf der Station war, sah alles anders aus. Die Ärzte und alle weiteren Gesundheitsfachpersonen waren herzlich und achtsam, und strahlten eine gütige Menschlichkeit und Offenheit aus, die ich bisher in sonst fast keinem Arbeitsbereich in diesem Maße erlebt habe. Sie erhielt „Musiktherapie“, welche ihr sehr gut gefiel und hatte auch einen Psychologen und Priester zur Seite – um nur einige Angebote des Instituts zu nennen. Damals dachte ich mir „eigentlich schade, mit so viel Achtsamkeit und Respekt sollten wir alle während unseres ganzen Lebens miteinander umgehen“. Das nur am Rande. Doch auch war mir bewusst, dass diese Art der Palliativversorgung bei der Diagnose „fortgeschrittener Krebs“ definitiv ein gutes Betreuungs- und Behandlungsangebot ist.

Frühe Palliativversorgung schon zum Zeitpunkt der Diagnose möglich

Die Ergebnisse des im Juni 2017 aktualisierten Cochrane Reviews zu früher Palliativversorgung bei fortgeschrittenem Krebs bekräftigen meine persönliche Meinung mit wissenschaftlichen Daten.

Erstautor Markus Haun vom Universitätsklinikum Heidelberg und sein Autorenteam machen darauf aufmerksam, dass palliative Versorgung bereits früh, also zum Zeitpunkt der Diagnose einer fortgeschrittenen Krebserkrankung oder kurz danach in Anspruch genommen werden kann. Zudem wird sie dann häufig mit einer Standardbehandlung für Krebs kombiniert, z.B. mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung. Die Versorgung beinhaltet die einfühlsame Kommunikation mit den Patienten über ihre Prognose, Vorausplanung der Pflege und Versorgung und Symptombeurteilung und -kontrolle. Insgesamt ist Palliativversorgung darauf ausgerichtet, die Lebensqualität von den Patienten und auch die ihrer Familienmitglieder, zu verbessern, indem sie eine sorgfältige Schmerzeinschätzung und -behandlung vornimmt, und auf andere Probleme körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art vollständig eingeht (WHO 2013).

Frühe Palliativversorgung kann Lebensqualität womöglich verbessern

Der Review zeigte, dass eine frühe palliative Versorgung die Lebensqualität bei Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung möglicherweise geringfügig verbessern könnte. Sie könnte außerdem möglicherweise die Symptomintensität etwas verringern. Die Wirkung auf die Überlebensrate und Depressionen sind unklar. Nur eine einzelne im Review eingeschlossene Studie berichtete über Nebenwirkungen, beispielsweise mehr Schmerzen und verminderten Appetit.

Eine weitere Meta-Analyse, die im Juli 2017 von unter anderem Cochrane Deutschland Autoren im BMJ veröffentlicht wurde, zeigte ähnliche Ergebnisse bezüglich einer eventuell geringfügig verbesserten Lebensqualität bei Krebspatienten, die früh mit der Palliativversorgung begannen.

 

Ergebnisse müssen mit Vorsicht interpretiert werden

Haun kommentierte jedoch in Bezug auf seine Studie in einem Podcast, dass

„obwohl der Review darauf hindeutet, dass frühe palliative Versorgungsinterventionen einen größeren Nutzen auf die Lebensqualität und die Symptomintensität bei Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen haben als die Standard-Krebsversorgung alleine, müssen wir die Ergebnisse mit Vorsicht interpretieren.“

„Insgesamt war die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz niedrig bis sehr niedrig aufgrund der geringen Anzahl von Studien, aufgrund von Problemen bei der Studiendurchführung und Unterschieden zwischen den Studien.“

 

Fazit

Palliative Versorgung könnte möglicherweise eine Wirkung auf eine verbesserte Lebensqualität und verminderte Symptomintensität von Krebspatienten im fortgeschrittenen Stadium haben. Jedoch werden mehr Studien, auch Studien die sich mit Palliativversorgung als solches detaillierter beschäftigen, benötigt, um klarere Aussagen treffen zu können.

Mein persönliches Fazit aus meiner Lebenserfahrung und „Beobachterperspektive“ ist da etwas optimistischer. Vor allem der ganzheitliche Rahmen der Palliativversorgung, der Körper und Psyche einbezieht, kann eine wahrhaftig positive Wirkung auf die Lebensqualität in einer sonst eventuell recht trüben Lebensphase erzielen.

Anlaufstellen und Hilfe

Anlaufstellen für Betroffene/ ihre Angehörigen und Interessierte gibt es unter anderem hier:

Deutschland: 

Österreich:

Schweiz: 

 Text: Andrea Puhl

 

*Es sind immer Patientinnen und Patienten, Autorinnen und Autoren, etc. gemeint.

 

 

Quellen:

 

Vorbeugung von Diabetes Typ 2 – was wirklich hilft

Mon, 01/29/2018 - 10:24

Weltweit hat sich seit 1980 die Anzahl an Menschen, die an der Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) leiden fast vervierfacht. Diese wird insbesondere durch einen ungesunden Lebensstil begünstigt. Eine ausgewogene Ernährung und ausreichende Bewegung können jedoch der Entstehung von Diabetes mellitus vorbeugen oder sie verzögern. Dabei sind kombinierte Ernährungs- und Bewegungsinterventionen deutlich wirksamer als eine ausschliessliche Ernährungsumstellung oder eine alleinige Erhöhung der körperlichen Aktivität. Dies zeigte ein aktualisierter Cochrane Review.

Als Studentin kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit dem Thema „Diabetes“ bei der Diabetessprechstunde in einem Krankenhaus in Heidelberg. Hier erfuhr ich, wie schwer es Betroffenen fiel, ihre Ernährungsgewohnheiten umzustellen und sich körperlich mehr zu bewegen – insbesondere wenn sie bereits an Übergewicht oder Adipositas litten. Es gab aber auch Erfolgsgeschichten: mit einem speziell im Krankenhaus angebotenen Bewegungs- und Ernährungs-Programm konnten einige wenige PatientInnen ihren Blutzuckerspiegel wieder in den Normalbereich senken und über einen längeren Zeitraum auch niedrig halten.

Vor 1.5 Jahren wurde dann Diabetes in meinem persönlichen Umfeld zum Thema. Mein Mann (48 Jahre) fragte bei einer Routineuntersuchung seinen Arzt, ob er den Blutzucker messen könne. Der Wert lag über dem Normalwert aber noch unter der Schwelle zur Diagnose Diabetes Typ 2, er hatte also eine Vorstufe des Diabetes, auch Prädiabetes genannt. So kaufte mein Mann sich ein Blutzuckermessgerät und begann, regelmässig zu messen, sich mehr zu bewegen und mehr Sport zu machen, und stellte seine Ernährung komplett um. Sein Ziel war es, auf keinen Fall Diabetes zu bekommen oder Medikamente nehmen zu müssen. Diese Massnahmen halfen ihm, zunächst an Gewicht zu verlieren (rund 15 Kilo seit seiner Diagnose) und die Blutzucker-Werte wieder in den Griff zu bekommen.

Seither habe ich mich eingehender mit dem Thema Diabetes beschäftigt. Einige Fakten möchte ich im Folgenden teilen.

Diabetes: Fakten & Zahlen

Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselkrankheit. Beim Typ 1 liegt eine Autoimmunkrankheit vor, die schon oft im Kindes- oder Jugendalter auftritt und zu einem Mangel des Hormons Insulin führt. Beim viel häufigeren Typ 2 wird Insulin nicht in ausreichender Menge in der Bauchspeicheldrüse produziert oder die Körperzellen können den Zucker (Glukose) nicht mehr wirksam aus dem Blut aufnehmen und verwenden. Früher trat Diabetes mellitus Typ 2 meist nur bei Menschen von über 40 Jahren auf. Heute sind auch zunehmend jüngere Menschen davon betroffen. Risikofaktoren für die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2 sind Übergewicht, Adipositas, mangelhafte – oftmals energiereiche und einseitige – Ernährung, geringe körperliche Aktivität, Rauchen, höheres Alter und familiäre Vorbelastung. So waren in Europa im Jahr 2017 schätzungsweise 58 Millionen Menschen zwischen 20 und 70 Jahren von Diabetes betroffen, von denen bei 22 Millionen Menschen die Erkrankung noch nicht diagnostiziert wurde (sog. „Dunkelziffer“). Zusätzlich wiesen im gleichen Jahr 36 Millionen Menschen eine verminderte Glukosetoleranz auf. Wenn dies der Fall ist oder der Nüchtern-Blutzuckerspiegel 110 – 125mg/dl erhöht ist, liegt, wie bei meinem Mann, ein Prädiabetes vor.

Knapp die Hälfte der Menschen mit Prädiabetes entwickeln innerhalb von 10 Jahren einen richtigen Diabetes. Jedoch bleibt dieser oftmals lange unbemerkt, da er meist keine Beschwerden verursacht. Das ist jedoch sehr tückisch, denn der dauerhaft erhöhte Blutzuckerspiegel hinterlässt seine Spuren im Körper: sowohl Diabetes als auch Prädiabetes können zu Komplikationen wie koronarer Herzerkrankung, Schlaganfall, Nierenversagen, Verlust des Sehvermögens und Nervenschädigungen führen.

Hilft die Kombination verschiedener Massnahmen?

Ein Ende letzten Jahres aktualisierter Cochrane-Review bestätigte meine persönliche Erfahrung mit Diabetes. Die Review-Autoren wollten wissen, ob Ernährungsumstellung, körperliche Aktivität oder beides zusammen bei Personen mit moderat erhöhten Blutzucker (Prädiabetes) der Entstehung von Diabetes Typ 2 und den damit einhergehenden Komplikationen vorbeugen oder sie verzögern können. In dem Review wurden mögliche Komplikationen wie Nieren- und Augenkrankheiten, Herzinfarkt und Schlaganfall, Mortalität und Lebensqualität sowie mögliche Nebenwirkungen von Sport und Ernährung oder der medikamentösen Standardbehandlung untersucht. Es wurden 12 Studien mit 5238 Teilnehmenden eingeschlossen. Eine Studie verglich eine alleinige Ernährungsumstellung mit einer alleinigen Erhöhung der körperlichen Aktivität. Zwei Studien verglichen körperliche Aktivität mit einer medikamentösen Standardbehandlung, und 11 Studien untersuchten eine Kombination aus Ernährungsumstellung und körperlicher Aktivität im Vergleich zu Medikamentengabe oder keiner Behandlung. Die Behandlungsdauer variierte zwischen 2 und 6 Jahren.

Die Review-Ergebnisse zeigten, dass die Kombination aus Ernährungsumstellung und körperliche Aktivität im Vergleich zur Standardbehandlung die Entwicklung von Diabetes Typ 2 reduzieren oder verzögern konnte (Evidenz von moderater Qualität). Für die Wirksamkeit der isolierten Massnahmen war die Evidenz nur von geringer Qualität, bedingt durch die geringe Anzahl an Teilnehmenden.

Vorbeugen ist besser…

Ein gesundheitsfördernder Lebensstil ist wohl die wichtigste Massnahme, um von Prädiabetes und Diabetes verschont zu bleiben. Mit einer ausgewogenen Ernährung und ausreichender Bewegung kann jeder Einzelne viel tun, um die Balance zwischen Energiezufuhr und -verbrauch zu halten. Eine ausgewogene Ernährung versorgt den Körper mit ausreichend Energie und lebensnotwendigen Nährstoffen, wie beispielsweise Vitaminen und Mineralstoffen. Das fängt schon bei dem Kleinsten an . Als ausreichende körperliche Aktivität gelten für Erwachsene mindestens 150 Minuten pro Woche Bewegung mit leicht beschleunigtem Atem und Herzschlag oder 75 Minuten, während denen man ins Schwitzen kommt. Ganz nebenbei steigert die Aktivität auch das Wohlbefinden und wirkt sich auf die psychische Gesundheit positiv aus.

Neben dem individuellen Engagement jedes Einzelnen werden auch auf Verhältnisebene weltweit verschiedenste Massnahmen ergriffen. Beispielsweise werden mehr Bewegungsräume und -angebote geschaffen. Auch durch Änderung der Zusammensetzung von Lebensmitteln und damit einem gesünderen Lebensmittelangebot für die Konsumenten wird versucht, dem Trend ernährungsassoziierter Erkrankungen gegenzusteuern. Ziel all dieser Massnahmen ist es, Übergewicht und Adipositas und das damit einhergehende Risiko für die Entstehung von Prädiabetes und Diabetes zu reduzieren.

Fazit

Dass die Zivilisationskrankheit Diabetes mit all ihren Folgen weiter im Vormarsch ist, stellt weltweit mitunter eine der grössten Herausforderungen für die Gesundheitssysteme dar. Für die von Prädiabetes Betroffenen und ihre Angehörigen sollte zukünftig noch besser erforscht werden, ob und wie genau Ernährungs- und Bewegungsinterventionen das langfristige Risiko von Diabetes bzw. seinen Komplikationen reduzieren können. Nur in Studien mit grösseren Teilnehmerzahlen und geeignetem Studienaufbau kann die Wirksamkeit von einzelnen Massnahmen – wie einer alleinigen Ernährungsumstellung oder einer ausschliesslichen Bewegungsintervention – untersucht werden.

Text: Anne Borchard

Scheinstatistik – stellt die Wahrheit in den Schatten

Mon, 01/15/2018 - 09:07

Aus Fehlern lernt man, besagt eine alte Weisheit. Stimmt das auch, wenn man die Fehler nicht selbst macht? Wir glauben schon. Immerhin hat schon der österreichische Philosoph Karl Popper das Grundprinzip seiner Wissenschaftstheorie als trial and error bezeichnet − also aus den Fehlversuchen zu lernen. Im folgenden Beitrag geht der Statistiker Erich Kvas auf einige der häufigsten Statistik-fehler ein.

Gewusst wie bzw. wie nicht

Bei statistischen Auswertungen kann es passieren, dass WissenschaftlerInnen sich falsch entscheiden und früher oder später in einem ausgetrockneten Flussbett anstatt an der Quelle der Erkenntnis ankommen. Manche entscheiden sich sogar bewusst für die falsche Methode, weil ihre Interessen nicht hauptsächlich wissenschaftlicher Natur sind und sie statistische Methoden dazu missbrauchen, die Ergebnisse zu erzeugen, die sie erreichen möchten. Die richtige Anwendung der Methode ist also ausschlaggebend dafür, dass man zur Erkenntnis gelangt.

Häufige Fehler im Bereich Statistik hängen mit der falschen Anwendung der Methoden und der Fehlinterpretation von Auswertungen zusammen. Als AnwenderIn von Statistik aber auch als LeserIn von Studien ist es wichtig, diese zu erkennen. Hier ein paar Beispiele:

Der Prävalenzfehler:

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau an Brustkrebs erkrankt ist, falls ihr Screening-Befund positiv ist? Wenn ein Screening-Test mit 90 % Wahrscheinlichkeit erkennen kann, ob eine Frau Brustkrebs hat oder nicht, so würde man annehmen, dass eine Frau mit einem positiven Befund höchst wahrscheinlich Brustkrebs hat. So einfach ist das aber nicht, denn die Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) muss bei der Interpretation des Screening-Tests berücksichtigt werden. Die Prävalenz gibt an, wie viele Menschen einer bestimmten Gruppe von einer Krankheit betroffen sind. Wenn beispielsweise Brustkrebs in der gesamten Frauenpopulation nur mit einer Häufigkeit von 1 % auftritt, so ist die Frau in unserem Beispiel trotz positivem Befund nur mit einer geringen Wahrscheinlichkeit wirklich krank (< 10 %). Liegt die Prävalenz der Erkrankung jedoch bei 50 %, so ist die Frau mit dem positiven Befund höchstwahrscheinlich wirklich krank (90 %).

Der Prävalenzfehler führt dazu, dass wir Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen falsch einschätzen, wenn wir vergessen, sie in den richtigen Bezugsrahmen zu stellen, also beispielsweise nicht beachten wie häufig eine Erkrankung generell in der Bevölkerung auftritt. Mehr zu diesem Thema gibt es hier: Positiv getestet und doch nicht krank? Alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit.

Die Interpretation des p-Werts:

Werden in Studien zwei Interventionen miteinander verglichen, wird mit einem statistischen Test errechnet, ob die beobachteten Unterschiede zwischen den Studiengruppen zufällig oder nicht zufällig zustande gekommen sind. Mithilfe des p-Werts schätzt man ab, ob diese Grenze überschritten wurde. Bei einem p-Wert von 0,05 oder kleiner, spricht man von einem statistisch signifikanten Unterschied – also einem Unterschied zwischen den Gruppen, der nicht mehr durch den Zufall erklärt werden kann. Bei der Interpretation des p-Werts kommt es aber häufig zu Missverständnissen. Nehmen wir dieses Beispiel: eine Studie zeigt einen statistisch signifikanten Unterschied in der Wirksamkeit eines Medikaments gegenüber Placebo, weil der abschließende Test einen p-Wert von 0,01 erzeugt. Oft lautet die Interpretation dann: Die Wahrscheinlichkeit, dass das Medikament und Placebo ähnlich (un)wirksam sind (Nullhypothese), liegt nur bei 1 %. Woraus zu folgen scheint, dass das Medikament mit 99 % Wahrscheinlichkeit wirksamer ist als Placebo (Alternativhypothese).

Das ist nicht so. Ein p-Wert von 0,01 sagt aus, dass Unterschiede zwischen Medikament und Placebo wie in dieser Studie (oder noch größere) mit 1 % Wahrscheinlichkeit für Medikamente auftreten, die nicht besser wirken als Placebo. Das hört sich vielleicht ähnlich an, bedeutet aber ganz etwas anderes. Ein Hypothesentest kann nicht bestimmen wie wahrscheinlich die Nullhypothese oder die Alternative wahr ist.

Multiples Testen und p-Hacking:

Der häufig gewählte p-Wert von 0,05 deutet an, dass die Wahrscheinlichkeit dieses Stichprobenergebnis zu erhalten 5 % oder kleiner ist, vorausgesetzt die Nullhypothese (es gibt keinen Unterschied zwischen den Gruppen) ist wahr. Man hat also bei einem Signifikanztest immer auch ein kleines Risiko, fälschlicherweise einen Unterschied zwischen den Gruppen festzustellen, obwohl in Wirklichkeit keiner vorliegt. Dieser Fehler wird auch „Fehler erster Art“ genannt. Wenn wir beispielsweise nicht nur testen, ob sich zwei Medikamente unterschiedlich auf die Sterblichkeit auswirken, sondern auch ob es Unterschiede in Bezug auf andere Endpunkte wie Schmerzen, Lebensqualität, Nebenwirkungen usw. gibt und wir nicht berücksichtigen, dass wir im gleichen Datensatz mehrfach Tests durchführen, erhöht sich die Gefahr für einen Fehler erster Art. In anderen Worten, es wird wahrscheinlicher, dass wir fälschlicherweise einen Unterschied als statistisch signifikant identifizieren. Es gibt Methoden dieses mehrfache (multiple) Testen in der statistischen Analyse zu berücksichtigen. In manchen Studien wird diese erhöhte Fehlerwahrscheinlichkeit aber sogar bewusst ausgenützt, um die Ergebnisse zu erzeugen, die StudienautorInnen zeigen möchten. Man testet dann einfach ganz viele Endpunkte auf Unterschiede und betreibt sogenanntes p-Hacking. Dies resultiert darin, dass man allein durch Zufall statistisch signifikante Unterschiede findet. Johannes Bohannon und KollegInnen zeigten 2015 in einer Studie wie leicht p-Hacking funktioniert. Sie untersuchten bei 15 StudienteilnehmerInnen die Wirkung von Schokolade in Bezug auf sehr viele, nämlich 18 verschiedene Endpunkte (Gewicht, Cholesterin, Schlafqualität etc.). Sie korrigierten nicht für multiples Testen und hatten somit eine sehr große Chance einen signifikanten Unterschied bei einem der Endpunkte zu finden, auch wenn es in Wahrheit keinen gab. Und siehe da – es funktionierte: TeilnehmerInnen, die regelmäßig Schokolade aßen, hatten statistisch signifikant mehr Gewicht verloren.

Fallzahl und Power:

Die Fallzahl beschreibt die Anzahl an StudienteilnehmerInnen. Die Power, auch Teststärke genannt, beschreibt mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Signifikanztest einen statistisch signifikanten Unterschied richtig erkennt, wenn tatsächlich ein Unterschied zwischen den Gruppen vorliegt. Nehmen wir folgendes Beispiel: eine Studie mit zwei Gruppen zu jeweils zehn PatientInnen zeigt keinen statistisch signifikanten Unterschied zwischen PatientInnen, die ein Medikament bekommen und jenen, die Placebo erhalten (p-Wert > 0.05). Können wir nun daraus schließen, dass das Medikament nicht wirkt? Bei so einer kleinen Studiengröße von gerade mal 10 PatientInnen pro Gruppe war die Studie underpowered, d.h. selbst wenn es zwischen Medikament und Placebo einen statistisch signifikanten Unterschied gibt, kann die Studie aufgrund der geringen Anzahl an StudienteilnehmerInnen einen Unterschied mit weniger als 20 % auch zeigen. Der wahre Effekt des Medikaments würde erst bei Fallzahlen ab 2×100 PatientInnen mit hoher Wahrscheinlichkeit signifikant auftreten. Denn in diesem Fall läge die Power bei über 90 % und die meisten Studien dieser Größenordnung würden statistisch signifikante Effekte zeigen, wenn es welche gibt (9 von 10 Studien).

Korrelation und Kausalität:

Manchmal treten zwei Sachverhalte gemeinsam auf, das muss aber nicht heißen, dass ihr Auftreten auch wirklich miteinander zusammenhängt. Wenn beispielsweise die Scheidungsrate in einem Land sich ähnlich wie der pro Kopf Margarineverbrauch entwickelt, können wir dann schließen, dass reduzierter Margarinekonsum das Scheidungsrisiko senkt oder eine Scheidung den Margarinekonsum erhöht? Wohl eher nicht. Man darf aus einem beobachteten Zusammenhang (Korrelation) zwischen zwei Faktoren nicht auf Kausalität, also eine Ursache-Wirkungsbeziehung schließen. Leider sind viele Korrelationen, die wir berechnen sogenannte Scheinkorrelationen. Erst wenn wir ausschließen können, dass keine Scheinkorrelation vorliegt, und das statistische Ergebnis inhaltlich erklären können, können wir vorsichtig annehmen, einen realen Zusammenhang beobachtet zu haben.

Kritisch sein

Als AnwenderIn von statistischen Methoden ist es wichtig, diese Fehlerquellen zu meiden und auch bei der Interpretation der statistischen Auswertungen zu berücksichtigen. Als LeserIn von Studien, ist es ebenfalls notwendig, diese statistischen Fehler zu kennen, da sie teilweise unbeabsichtigt, teilweise aber bewusst von AutorInnen eingebaut werden, um deren Wunschaussagen treffen zu können. Seien Sie also kritisch und prüfen Sie die Interpretationen und Schlussfolgerungen von Studien.

Cochrane Workshops zum Thema Statistik

Cochrane Österreich bietet 2018 einen eintägigen Workshop über häufige Statistikfehler und das Entlarven von Wissenschaftsbetrug, sowie zwei weitere aufeinander aufbauende zweitägige Statistikkurse an.
Cochrane Deutschland bietet 2018 einen Workshop zu „statistischen Auswertungen jenseits von RevMan – Metaanalysen mit R“ an.
Cochrane Schweiz bietet 2018 einen Workshop zu „Meta-analysis: Advanced methods using the Stata software” an.

Text: Erich Kvas

Diplom Ingenieur Erich Kvas ist ein österreichischer Statistiker und seit 1998 mit seiner Firma Hermesoft selbstständig. Zusätzlich unterrichtet er auf Universitäten und Fachhochschulen in Österreich und hält Statistik-Workshops für Cochrane Österreich ab.

„O du fröhliche“ – Musiktherapie bei Depression

Mon, 12/18/2017 - 12:44

Für viele Menschen ist Weihnachten eine ‚lichte’ Zeit, die für besinnliche Stunden in Gemeinschaft mit Familie und Freunden bestimmt ist. Doch für Menschen, die Weihnachten alleine verbringen, kann diese Zeit bedrückend sein. Sie fühlen sich womöglich noch einsamer als sonst. Für Menschen, die unter Depressionen leiden, könnte Weihnachten zu einer äußerst düsteren Zeit werden.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden weltweit rund 300 Millionen Menschen an einer Depression, Tendenz steigend. Gemäß der deutschen Depressionshilfe ist in Deutschland etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. Im Jahr 2014 ergab eine Befragung in Österreich, dass rund 6 % der Männer und 10 % der Frauen im Jahr davor an einer Depression litten. In der Schweiz gaben rund 6 % der Männer und 7 % der Frauen in der Gesundheitsbefragung von 2012 an, an einer Depression zu leiden. Hauptkennzeichen der häufigen Erkrankung sind Stimmungsänderungen, Antriebslosigkeit, Angstzustände sowie Verlust der Lebensfreude.

Auch wenn die Weihnachtszeit manchmal als emotional aufgeladen wahrgenommen wird und somit Stimmungsschwankungen hervorrufen kann, bieten viele weihnachtliche Traditionen Möglichkeiten sich etwas Gutes zu tun. Musik zum Beispiel spielt während der Weinachtzeit eine wichtige Rolle. Orchester und Chöre bieten ihre Weihnachtssymphonien an und auch auf den Straßen und Märkten tönt oft Musik. Ein aktueller Cochrane-Review befasste sich mit dem Thema „Musik“ und gibt Hinweise, dass Musiktherapie sich positiv auf Menschen mit Depressionen auswirkt.

Musiktherapie bei Depression

Musiktherapie umfasst regelmäßige Treffen mit qualifizierten MusiktherapeutInnen, mit dem Ziel, die Stimmung durch den musikalischen Ausdruck von Emotionen zu verbessern. Ein Cochrane-Review untersuchte, ob Musiktherapie hilft, Depressionen zu mildern.

Der Review beinhaltet neun Studien mit insgesamt 421 Menschen jeder Altersgruppe, von Jugendlichen bis hin zu älteren Personen. Die eingeschlossenen Studien verglichen die Wirkung der Musiktherapie mit üblicher Behandlung bei Depression. Diese sogenannte übliche Behandlung bestand in den Studien aus einer Kombination aus verschiedenen Therapien oder Aktivitäten, wie z. B. Psychotherapie, Medikamente oder Ergotherapie. Außerdem wurden die Unterschiede zwischen zwei verschiedenen Formen der Musiktherapie untersucht: bei der aktiven Musiktherapie sangen oder musizierten die TeilnehmerInnen selbst, bei der passiven Musiktherapie hörten sie innerhalb des Therapieprogrammes der Musik zu.

Kann Musik Depression lindern?

Es gibt Hinweise darauf, dass Musiktherapie depressive Symptome und Ängste mildern und Betroffenen dabei helfen kann, die Berufsfähigkeit sowie persönliche Beziehungen aufrecht zu erhalten und aktiv am Leben teilzunehmen.

Musiktherapie in Kombination mit der Standardtherapie scheint dabei wirksamer zu sein als die Standardtherapie alleine, sowohl bei klinisch-diagnostizierten depressiven Symptomen sowie als auch bei selbstberichteten Symptomen, und auch die Nebenwirkungen unterscheiden sich nicht.

Ein wichtiger Punkt für den Erfolg der Musiktherapie ist jedoch die aktive und aufmerksame Teilhabe der TeilnehmerInnen während des Therapie-Prozesses, ganz gleich ob es sich um die aktive oder die passive Variante der Musiktherapie handelte.

Welche der beiden Varianten, also aktiv musizieren oder der Musik innerhalb des Programmes zuzuhören, die bessere ist, geht aus dem Cochrane Review nicht hervor, da die Anzahl an identifizierten Studien und Teilnehmern zu gering sind, um eine sichere Aussage treffen zu können.

Die Auswirkungen von Musiktherapie auf die Gesundheit wurden bereits im Jahr 2011 in einem anderen Cochrane-Review untersucht. Darin wurde der Frage nachgegangen, ob Musiktherapie eine positive Wirkung auf Ängste, Schmerzen und Müdigkeit bei Krebspatienten hat. Auch hier fanden die AutorInnen einige positive Auswirkungen dieser Therapieart.

Fazit

Es gibt Hinweise, dass sich Musiktherapie positiv auf die Symptome einer Depression auswirkt. Zwar müssten diese Hinweise durch weitere Studien bestätigt werden, dennoch ist Musik im Allgemeinen sicher eine gute Möglichkeit, um sich in der Weihnachtszeit wohl(er) zu fühlen.

Text: Anette Blümle

Viel Angebot, wenig Evidenz: Ernährung und Nahrungsergänzung bei Multipler Sklerose

Wed, 12/13/2017 - 09:27

In diesem dritten Beitrag zu Multipler Sklerose (MS) geht Übersetzerin Brita Fiess auf Reviews zum Thema Ernährung und Nahrungsergänzung bei MS ein, die sie bei einer Recherche in der Cochrane Library identifiziert hat. 

Internet, Buchläden und auch Patientenbroschüren sind generell voll von Ernährungstipps, auch für Multiple Sklerose-Patienten und Patientinnen. Doch helfen diese Ernährungsinterventionen wirklich, den Verlauf einer Multiplen Sklerose zu beeinflussen?

Neben den herkömmlichen medizinischen Behandlungen bei Multipler Sklerose (MS), die in den ersten beiden Artikeln dieser Mini-Serie zu MS und verlaufsmodifizierenden Therapien erwähnt wurden, besteht bei den Betroffenen, die ich kennengelernt habe, meist auch der Wunsch, über so genannte alternative Maßnahmen einen positiven Einfluss auf den Verlauf ihrer Erkrankung zu nehmen. Diese beinhalten unter anderem eine angepasste Ernährung oder die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Deshalb beschloss ich, während meines Übersetzungsprojektes einen genaueren Blick auf dieses Thema und die Evidenz aus Cochrane Reviews zu werfen.

Von der „Low-Carb“-Diät bis zum Paläo-Programm, das Web hat Alles zu bieten

Im Internet werden die unterschiedlichsten Ernährungsinterventionen bei MS diskutiert. Das beginnt bei der ,Low-Carb’-Diät, auch als ketogene Ernährung bezeichnet, bei der man nur wenige Kohlehydrate, dafür jedoch mehr Fette zu sich nimmt. Weiter geht es mit einer gluten- oder laktosefreien Ernährung, die ebenso wie eine vegane Lebensweise Vorzüge für MS-Betroffene haben soll. Auch ,exotischere’ Ernährungsinterventionen werden angepriesen, wie die so genannte ,Steinzeit- oder Paläo-Diät’. Diese sieht vor, dass man nur Nahrungsmittel verzehrt, von denen sich schon unsere Vorfahren als Jäger und Sammler ernährten, und bei welcher Getreide und Milchprodukte vom Speiseplan gestrichen sind.

Und die Evidenz?

Obwohl das Internet von Tipps und Ratschlägen überflutet ist, bin ich in meiner Übersetzungsarbeit der laienverständlichen Zusammenfassungen von Cochrane Reviews (zurückreichend bis 2012) zu MS nur auf einen Review zu Ernährungsinterventionen gestoßen. Hier untersuchten Cochrane-AutorInnen, inwiefern Veränderungen der Essgewohnheiten tatsächlich einen Einfluss auf den Verlauf einer MS-Erkrankung haben können. Konkret betrachteten sie Nahrungsergänzungsmittel im Hinblick auf ihren Nutzen bei MS. Sie untersuchten zum Beispiel die Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren, mit Vitaminen – mit Ausnahme von Vitamin D, das bereits Gegenstand eines 2010 Reviews war – und Mikronährstoffen. Zudem zogen sie Antioxidantien wie bspw. Selen in Betracht, das den Entzündungsprozessen bei MS vorbeugen soll oder Gingko biloba zur Steigerung der Gedächtnisleistung sowie eine Supplementierung mit Coenzym Q10, dessen Wirkung auf den Schutz fetthaltiger Gewebestrukturen wie bspw. der des Nervensystems helfen soll. Auch die bereits genannte gluten- und laktosefreie Ernährung wurde in diesem Review untersucht.

Die AutorInnen fanden sechs randomisierte kontrollierte Studien, die die Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren untersuchten, und die die Anforderungen für einen Einschluss in ihren Review erfüllte. Sie stellten fest, dass die Datenlage für eine Bewertung des Nutzens (oder Schadens) von Nahrungsergänzung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren nicht ausreichte. Die AutorInnen arbeiteten heraus, dass eine Supplementierung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren keinen wesentlichen Einfluss auf das Fortschreiten der MS-Erkrankung zu haben scheint. Trotzdem muss festgehalten werden, dass die Supplementierung die Häufigkeit von Schüben über einen Zeitraum von zwei Jahren vermindern könnte. Zu den anderen möglichen Ernährungsinterventionen wie bspw. eine Supplementierung mit Vitaminen oder Antioxidantien fanden die AutorInnen jedoch keine geeigneten Studien.

Das Fazit

Aufgrund der Vielzahl vorgeschlagener Diäten und Ernährungsweisen im Internet und in den zahlreichen Kochbüchern, die spezielle Rezepte für eine „MS-Ernährung“ beinhalten, sind unabhängige Studien zu Ernährungsinterventionen bei MS dringend erforderlich. Betroffene, die zusätzlich zu ihrer medizinischen Behandlung auch über die Ernährung auf den Verlauf ihrer Krankheit einwirken möchten, könnten sich damit objektiv über den Nutzen oder auch Schaden bestimmter Diäten oder Nahrungsergänzungsmittel bei MS informieren.

Text: Brita Fiess

Weitere Blogartikel zu MS:

Living systematic reviews – immer am aktuellsten Stand der Forschung

Mon, 12/04/2017 - 12:25

Es ist aufwändig, systematische Reviews auf dem aktuellen Stand der Forschung zu halten. Bisher werden Reviews, wenn überhaupt, nur in bestimmten Zeitabständen aktualisiert. Eine Gruppe von WissenschaftlerInnen hat sich einen neuen Ansatz überlegt, wie Reviews aktuell bleiben können.

Systematische Reviews verlieren mit der Zeit an Aktualität. In Fachgebieten in denen sehr viel Forschung betrieben wird (z.B. Krebsforschung) kann ein Review schnell überholt sein. Für LeserInnen ist es schwierig zu erkennen, wann Reviews zu alt sind, um den Ergebnissen vertrauen zu können. Denn ohne eine Suche in Literaturdatenbanken und anderen Quellen kann man kaum feststellen, ob es neue, relevante Studien gibt, die der Review noch nicht berücksichtigt hat. Und selbst wenn neue Studien gefunden werden, ist es ohne Durchführung einer Meta-Analyse häufig nicht ersichtlich, ob diese neuen Studien die Ergebnisse des bestehenden Reviews verändern.

Auch Cochrane AutorInnen haben mit „alternden“ Reviews zu kämpfen. Zwar versuchen die AutorInnen, ihren Cochrane Review alle zwei Jahre zu aktualisieren, das gelingt aber aufgrund der großen Anzahl an Cochrane Reviews (aktuell mehr als 7.000) nur für einen Bruchteil und verhindert auch nicht, dass ein Review möglicherweise schon vor Ablauf der Zweijahresfrist nicht mehr up-to-date ist.

Bisher sind systematische Reviews Momentaufnahmen der aktuellen Evidenz: Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird nach Studien gesucht, ihre Ergebnisse werden zusammengefasst (evtl. in Meta-Analysen) und der Review wird publiziert. Damit ist die Arbeit für die AutorInnen abgeschlossen, bis zwei Jahre später oder zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht eine Aktualisierung durchgeführt wird.

Eine Gruppe von WissenschaftlerInnen (Living Systematic Review Network) schlägt ein neues Verfahren vor, um Reviews stets aktuell zu halten und hat ihre Überlegungen dazu im September 2017 in einer vierteiligen Serie im Journal of Clinical Epidemiology publiziert. Sie nennt den neuen Ansatz „Living Systematic Review“ (LSR) und meint damit Reviews, die kontinuierlich aktualisiert werden und neue Studien einschließen, sobald diese verfügbar sind. Einige Ideen der Serie stellen wir hier vor.

Wie wird ein LSR durchgeführt?

Der LSR folgt auf ein Protokoll und einen aktuellen „Standard-Review“. Im Protokoll sollte bereits festgehalten werden, dass der Review ein LSR wird, in welchen Abständen nach neuen Studien gesucht wird und wann neue Studienergebnisse in den Review eingefügt werden. Generell sollten NutzerInnen über den aktuellen Stand des LSR aktiv informiert werden, beispielsweise wenn neue Evidenz unterwegs oder eingearbeitet ist. Somit wissen die NutzerInnen, wann eine Aktualisierung zu erwarten ist.

Dabei bedeutet nicht jede neue Studie automatisch, dass der Review sofort komplett aktualisiert werden muss: Ändern die neuen Studien das Ergebnis des Reviews nicht, ist es durchaus möglich die Aktualisierung zu einem späteren Zeitpunkt durchzuführen. Wichtig ist nur, dass die Studien und die Gründe für eine spätere Aktualisierung transparent dargestellt werden.

Ansonsten bleibt es aber bei den Standardmethoden für Reviews, wie sie beispielsweise im Cochrane Handbook zu finden sind. Bei häufigen Aktualisierungen von Reviews sind allerdings einige statistische Besonderheiten zu beachten, denen sich Teil 3 der Artikelserie im Journal of Clinical Epidemiology zu LSR widmet.

Um den vermehrten Aufwand, den dieser Ansatz mit sich bringt, in Grenzen zu halten, stellt Teil 2 der Artikelserie die Möglichkeiten von automatisierten Prozessen bei der Erstellung von LSR vor, die auch für andere Formen der Evidenzsynthese interessant sind. So können Review-AutorInnen zum Beispiel in vielen Literaturdatenbanken sogenannte „auto-alerts“ festlegen, die automatisch z.B. per E-Mail informieren, wenn es neue, relevante Forschungsergebnisse gibt. Es gibt außerdem die Möglichkeit, in Meta-Datenbanken zu suchen, die eine Suche in vielen Datenbanken gleichzeitig durchführen, wie Epistemonikos oder Health Database Advanced Search.

Auch für die Datenextraktion gibt es Ansätze, die sich in frühen Entwicklungsphasen befinden, beispielsweise die automatische Extraktion von Daten aus Tabellen und Diagrammen (z.B. Content Mine oder Graph2Data). Diese Programme könnten Review-AutorInnen beispielsweise nutzen, in dem die Datenextraktion nicht wie bisher von zwei menschlichen ReviewerInnen, sondern nur von einem Menschen und der Software ausgeführt wird. Für die Risiko für Bias-Bewertung gibt es sogar Entwicklungen im maschinellen Lernen (z.B. RobotReviewer).

Wann ist ein „Living Systematic Review“ sinnvoll?

Es ist nicht für jeden Review sinnvoll zum LSR zu werden, u.a. weil der Ansatz einiges an Aufwand mit sich bringt. Die WissenschaftlerInnen schlagen vor, dass der Ansatz nur für solche Reviews genutzt wird, die

1) sehr wichtig für eine Entscheidung über eine bestimmte Behandlung sind, wenn

2) die Ergebnisse des Reviews derzeit unsicher sind, sodass neue Studien die Ergebnisse des Reviews ändern könnten und wenn

3) die Durchführung neuer Studien wahrscheinlich ist, weil z.B. die Forschung in dem Gebiet der Fragestellung relativ schnell voranschreitet.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Review nicht für immer ein LSR bleiben muss: Treffen die oben genannten Kriterien nicht mehr auf ihn zu, wird er wieder zum „Standard-Review“, der nach längeren Zeitabständen aktualisiert wird.

Welchen Vorteil haben LSR?

LSR tragen dazu bei, dass neue relevante Forschungsergebnisse schneller in die Praxis einfließen, damit im Gesundheitswesen Tätige sie früher anwenden und PatientInnen schneller davon profitieren. In diesem Prozess können auch „Living Guidelines“ eine entscheidende Rolle spielen: Klinische Leitlinien, deren Empfehlungen aktualisiert werden sobald neue relevante Evidenz zur Verfügung steht und denen sich Teil 4 der Artikelserie widmet.

Fazit

Aktuell werden erste Reviews innerhalb aber auch außerhalb von Cochrane in LSR umgewandelt. Ein Beispiel ist der Cochrane Review, der Maßnahmen untersucht, wie der Obst- und Gemüseverzehr bei Kindern unter 5 Jahren erhöht werden kann.

Es bleibt abzuwarten, welchen Aufwand an Ressourcen dieser Ansatz benötigt und welche Stärken und Schwächen sich bei einer kontinuierlichen Aktualisierung zeigen.

Sicherlich kann man aber sagen, dass sich der Prozess der Review-Erstellung, so wie wir ihn im Moment kennen, in den nächsten Jahren verändern wird. Denn vor Allem ist es wünschenswert, dass aktuelle Evidenz schneller bei PatientInnen ankommt.

Text: Claudia Bollig, Cochrane Deutschland

 

Journal of Clinical Epidemiology – Publikationen zu Living Systematic Reviews 

• Elliott JH, Synnot A, Turner T, Simmonds M, Akl EA, McDonald S, et al. Living systematic review: 1. Introduction-the why, what, when, and how. J Clin Epidemiol 2017

• Thomas J, Noel-Storr A, Marshall I, Wallace B, McDonald S, Mavergames C, et al. Living systematic reviews: 2. Combining human and machine effort. Journal of Clinical Epidemiology 2017

• Simmonds M, Salanti G, McKenzie J, Elliott J. Living systematic reviews: 3. Statistical methods for updating meta-analyses. J Clin Epidemiol 2017

• Akl EA, Meerpohl JJ, Elliott J, Kahale LA, Schunemann HJ. Living systematic reviews: 4. living guideline recommendations. J Clin Epidemiol 2017

Verlaufsmodifizierende Therapien bei MS – Recap der Cochrane Evidenz

Tue, 11/28/2017 - 14:24

In diesem zweiten von drei Beiträgen zu Multipler Sklerose (MS) teilt die freiwillige Cochrane Übersetzerin Brita Fiess Fakten zu verlaufsmodifizierenden Therapien bei MS, die sie im Laufe ihrer Arbeit in Erfahrung gebracht hat. Sie berichtet über diese Therapieform, da sie der langfristigen Behandlung von MS dient und daher für alle Verlaufsformen von MS von Bedeutung ist.

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, d.h. das Immunsystem des Körpers, das eigentlich dazu dienen soll, diesen vor Krankheitserregern zu schützen, richtet sich gegen den eigenen gesunden Körper. Verlaufsmodifizierende Therapien stellen eine der grundlegenden Therapieformen bei MS dar und wirken direkt auf das Immunsystem. Wie aussagekräftig ist die Evidenz bezüglich dieser Behandlungsform?

Die Ursache, weshalb sich bei MS das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet ist noch nicht abschließend geklärt. Hier sind neben genetischen Faktoren, Umwelteinflüsse, Vitamin-D-Mangel und die Ernährung im Gespräch.

Was jedoch sicher zu sein scheint, ist, dass sich bei MS die für die Immunabwehr des Körpers zuständigen B- und T-Zellen gegen die Substanz richten, die die Nervenfasern umhüllt, das so genannte Myelin. Das Myelin gewährleistet als Schutzhülle, dass die elektrischen Impulse im Nervensystem weitergeleitet werden. Der Angriff der B- und T-Zellen auf die Myelinhülle der Neuronen löst eine Entzündung aus und führt zu verschiedenen Symptomen. Das Auftreten eines oder mehrerer MS-Symptome, die über 24 Stunden hinaus bestehen, wird als Schub bezeichnet.

Verlaufsmodifizierende Therapie als MS-Therapie-Form

Die Behandlung von MS zielt auf verschiedene Ebenen: Neben der Schubtherapie, die auf die Behandlung eines akuten Schubs abzielt, und der symptomatischen Therapie, die zur Linderung von Symptomen eingesetzt wird, die durch die Entzündungsprozesse hervorgerufen werden, stellt die so genannte verlaufsmodifizierende Therapie eine der bedeutenden Therapiesäulen bei MS dar. Diese Behandlung wirkt auf die der Krankheit zugrundeliegenden Mechanismen, d.h. direkt auf das Immunsystem. Die verlaufsmodifizierende Therapie soll verhindern, dass die entzündlichen Veränderungen fortschreiten und Entzündungsherde zunehmen. Somit soll sie dem MS-PatientInnen zu einer möglichst lang andauernden beschwerdefreien bzw. beschwerdearmen Zeit verhelfen.

Wie funktioniert die verlaufsmodifizierende Therapie?

Bei der verlaufsmodifizierenden Therapie kommen so genannte Immunsuppressiva und Immunmodulatoren zum Einsatz. Letztere beeinflussen die Immunreaktion des Körpers und stellen eine Balance zwischen immunstimulierenden und immunhemmenden Mechanismen her. Typische medikamentöse Immunmodulatoren sind z.B. so genannte rekombinante, d.h. biotechnologisch hergestellte Beta-Interferone, die wie natürliche, im Körper vorkommende Botenstoffe das Immunsystem regulieren und im Gleichgewicht halten. Immunsuppressiva hingegen sind bspw. aus der Transplantationsmedizin bekannt, wo sie zur Unterdrückung der Abstoßungsreaktion dienen. Sie unterdrücken die Funktion der Immunzellen in einem Umfang, dass ihr Angriff auf die Neuronen verhindert wird.

Was sagt die Evidenz?

Cochrane-AutorInnen untersuchten in elf Reviews verschiedene verlaufsmodifizierende MS-Therapien.

Die beiden am häufigsten angewendeten verlaufsmodifizierenden MS-Therapien sind der Immunmodulator Glatirameracetat, ein synthetisches Eiweißmolekül, das dem Myelin ähnelt und die Entzündungsreaktion bei MS reduzieren soll, und die oben schon erwähnten immunmodulatorisch wirkenden Beta-Interferone. Die Wirksamkeit beider Maßnahmen wurde von Cochrane-AutorInnen in einem in 2016 aktualisierten Review untersucht. Dabei stellten sie fest, dass die beiden Therapien anscheinend ähnliche Wirkungen in Bezug auf Rückfälle und Progression haben, bzw., dass nur geringfügige Unterschiede bestehen. Die Qualität der Evidenz wurde als moderat eingestuft.

Tatsächlich wurde bei nur drei von elf Reviews die Qualität der eingeschlossenen Studien als „hoch“ eingestuft. Einer dieser Reviews untersuchte das Immunsuppressivum Alemtuzumab, einen in der MS-Therapie eingesetzten Antikörper, der die B- und T-Zellen zerstört. Der Review betrachtete diesen Wirkstoff im Vergleich zu einem subkutan (unter die Haut) verabreichten Beta-Interferon, Interferon-beta-1a. Dabei senkte Alemtuzumab das Risiko eines Rückfalls, verbesserte die Körperfunktion und schien das Gesamtrisiko für Nebenwirkungen nicht zu erhöhen. Die Cochrane-AutorInnen stellten jedoch bei ihrer Betrachtung auch fest, dass die Qualität der Evidenz für die wichtigsten Endpunkte, rückfallfreies Überleben, progressionsfreies Überleben und unerwünschte Ereignisse, sehr niedrig bis moderat sei.

Die anderen beiden Reviews (Immunmodulatoren und Immunsuppressiva bei Multipler Sklerose: Eine Netzwerk-Metaanalyse; Immunmodulatoren und Immunsuppressiva bei schubförmig remittierender multipler Sklerose: Netzwerk-Meta-Analyse) beinhalteten Netzwerk-Metaanalysen. Diese untersuchten die Wirksamkeit und das Nutzen-Risiko-Profil von 15 bzw. 11 in der Behandlung von MS zum Einsatz kommenden Wirkstoffen auf der Basis mehrerer Studien (39 bzw. 44) an einer großen Anzahl von PatientInnen (25.113 bzw. 17.401). Hierbei zeigte sich, dass einige Wirkstoffe (Interferon-β-1a und -1b, Glatirameracetat, Natalizumab, Mitoxantron) Schüben und dem Fortschreiten einer Behinderung bei Personen mit schubförmiger MS vorbeugen können.

In beiden Reviews zeigte sich ein anderes Problem, das die Aussagekraft von Studien zu MS-Medikamenten beeinträchtigt: die kurze Studiendauer. Die AutorInnen dieser – und auch anderer – Reviews bemängeln, dass diese häufig zu kurz (meist nur 24 Monate) ist, um die langfristige Sicherheit und Wirksamkeit der Präparate ermitteln zu können. Dies ist insbesondere bei einer chronischen Krankheit wie MS von besonderer Bedeutung, da die PatientInnen die Medikamente über lange Zeiträume anwenden müssen. Beide oben genannten Netzwerk-Metaanalysen sowie der Review zu Glatirameracetat und Beta-Interferonen sind auch auf andere Weise exemplarisch – bei diesen wiesen die AutorInnen darauf hin, dass die zugrundeliegenden Studien von der pharmazeutischen Industrie finanziert wurden. Die Unabhängigkeit ist somit möglicherweise nicht gewährleistet.

Weitere Studien werden benötigt

In Anbetracht der besonderen Rolle, die der verlaufsmodifizierenden Therapie als Möglichkeit zur Verlängerung des beschwerdefreien Zeitraums für die MS-PatientInnen zukommt, sind die Ergebnisse der AutorInnen eher ernüchternd. Unabhängige Studien, qualitativ hochwertige Evidenz und vor allem Studien zur Sicherheit und Langzeitwirksamkeit von Immunsuppressiva und Immunmodulatoren werden benötigt, damit sich MS-PatientInnen objektiv über die für sie so wichtigen Präparate informieren können.

Text: Brita Fiess

11 Cochrane Review-Zusammenfassungen zu MS:

1.„Immunmodulatoren und Immunsuppressiva bei schubförmig remittierender multipler Sklerose: Netzwerk-Meta-Analyse“
2. „Immunmodulatoren und Immunsuppressiva bei Multipler Sklerose: Eine Netzwerk-Metaanalyse“
3. „Ein Vergleich der Wirksamkeit und Sicherheit der zwei häufigsten Therapien für Personen mit Multipler Sklerose (MS)“
4. „Beta-Interferon bei sekundär progredienter Multipler Sklerose“
5. „Daclizumab bei schubförmig remittierender Multipler Sklerose“
6. „Laquinimod bei Multipler Sklerose“
7. „Teriflunomid bei Multipler Sklerose“
8. „Rituximab bei schubförmig remittierender Multipler Sklerose“
9. „Fingolimod bei rezidivierend-remittierender multipler Sklerose“
10. „Alemtuzumab bei Multipler Sklerose“
11. „Mycophenolat-Mofetil bei schubförmig remittierender Multipler Sklerose“

 

5 am Tag – auch schon für die Kleinsten

Tue, 11/21/2017 - 12:52

Eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse kann das Risiko von Zivilisationskrankheiten langfristig senken. Daher gilt die Faustregel, täglich fünf Portionen Obst und Gemüse zu essen, auch bereits für Kinder. Cochrane-Autoren wollten wissen, wie der Obst- und Gemüseverzehr bei Kindern unter 5 Jahren erhöht werden kann.

Ein hoher Obst- und Gemüseverzehr in der Kindheit kann chronische Erkrankungen im Erwachsenenalter reduzieren. Weltweit werden 2.8% der Todesfälle auf einen geringen Obst- und Gemüsekonsum zurückgeführt. Die Basis für eine dauerhaft gesunde und abwechslungsreiche Ernährung kann bereits früh geschaffen werden. Es ist leichter, sich von Anfang an gesund zu ernähren, als später im Erwachsenenalter alte Vorlieben aufzugeben oder auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten. Daher zielen viele Public Health-Interventionen darauf ab, bereits im Kindesalter den Früchte- und Gemüsekonsum zu erhöhen.

Positive Auswirkungen von Obst und Gemüse auf die Gesundheit

Obst und Gemüse versorgen den Körper mit wichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und sekundären Pflanzeninhaltsstoffen. Zudem senken sie das Risiko von nicht-übertragbaren Erkrankungen (NCD) wie Herzkreislauferkrankungen, verschiedenen Krebsarten, Diabetes oder Bluthochdruck. Diese nehmen noch immer zu und verursachen in Europa 86% der Todesfälle und 77% der Krankheitslast. Übergewicht und Adipositas gelten als wichtige Risikofaktoren bei ihrer Entstehung. In der EU sind je nach Land bereits zwischen 12% und 33% der 4-jährigen Kinder übergewichtig oder adipös. In der Schweiz sind es im Kindergartenalter 15% und in der Unter- und Mittelstufe bereits 20% der Kinder. Gründe hierfür sind mangelnde Bewegung sowie Aufnahme von energiereichen Lebensmitteln, die viel Fett oder Zucker enthalten. Obst und Gemüse tragen durch die geringe Energiedichte und den hohen Ballaststoffgehalt zu einer schnelleren und langanhaltenden Sättigung bei. Das kann bei der Prävention von Übergewicht und Adipositas genutzt werden.

Empfohlene Menge und tatsächlicher Konsum

Die Weltgesundheitsorganisation (World Health Oganization (WHO)) und die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (Food and Agriculture Organization (FAO)) empfehlen einen täglichen Verzehr von mindestens 400 g Obst und Gemüse. Um dies zu erreichen, entstand in der EU die Kampagne „5 am Tag“. Hierbei sollen mindestens fünf Portionen Obst- und Gemüse täglich konsumiert werden, davon etwa die Hälfte roh. Eine Portion entspricht dabei jeweils der eigenen Handgrösse; bei Kindern je nach Alter 40 bis 120 g und bei Erwachsenen ca. 120 g. In der Schweiz konsumieren laut der landesweiten Ernährungsumfrage MenuCH nur 13% der Bevölkerung täglich die empfohlenen 5 Portionen Obst und Gemüse. In Deutschland erreichten dies 2014 knapp 10% der Erwachsenen und in Österreich 9%. Bei den Kindern wurde das Ziel in Deutschland nur von 17-20% erreicht.

Welche Massnahmen erhöhen den Obst- und Gemüsekonsum bei Kindern wirkungsvoll?

Ein Cochrane Review ging der Frage nach, mit welchen Massnahmen der Obst- und Gemüsekonsum bei Kindern unter 5 Jahren erhöht werden kann. Es wurden 50 Studien mit 10.267 Teilnehmenden eingeschlossen: 30 Studien untersuchten die Ernährung von Kindern, 11 Studien Schulungsmassnahmen für Eltern bezüglich Kinderernährung, 8 Studien mehrteilige Massnahmen und eine Studie untersuchte die Schulung der Kinder bezüglich ihrer Ernährung. Die Metaanalysen zeigten nur eine positive Wirkung bei Massnahmen, welche die Ernährung der Kinder direkt betrafen; wie beispielsweise der Verzehr von mehr Obst- und Gemüseportionen pro Tag. Hier erhöhte sich der Gemüsekonsum der Kinder um durchschnittlich etwa 4 g im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die anderen untersuchten Massnahmen zeigten keinen Einfluss auf den Früchte- und Gemüseverzehr. Die Evidenz für die Wirkung der untersuchten Massnahmen bei jüngeren Kindern ist eher gering. Jedoch müssen die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden, da das Vertrauen in die Ergebnisse niedrig ist und sich diese sehr wahrscheinlich noch durch zukünftige Studien verändern.

Bisherige Massnahmen im deutschsprachigen Raum

Kinder erwerben ihre Essgewohnheiten zunächst durch das Imitieren ihrer Eltern, später dann auch durch das Essensangebot von Krippen, Kindergärten oder Schulen. Hier setzen die verschiedenen Programme, wie beispielsweise das „EU-Schulprogramm“ an. Ziel dieses Programms ist es, dass 3- bis 10-jährige Kinder mehr Obst, Gemüse und Milch verzehren. Durch das tägliche Angebot sollen die Essgewohnheiten der Kinder langfristig positiv beeinflusst werden. In der Schweiz bestehen ebenfalls Programme und Projekte für Kinder bis 5 Jahren, wie beispielsweise “Purzelbaum”. Das Projekt setzt sich für mehr Bewegung und gesunde Ernährung in Spielgruppen, Kindertagesstätten, Kindergärten und in Primarschulen ein und wird bisher in 20 Kantonen umgesetzt. In Deutschland wird im Rahmen des Nationalen Aktionsplans „IN FORM“ auch durch verschiedene Projekte und Programme eine gesunde Ernährung und Verpflegung in Kindergärten und Schulen gefördert.

Neben diesen Programmen existieren auch Broschüren zur Elternbildung; wie in der Schweiz „Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern” oder in Deutschland „Empfehlung für die Ernährung von Kindern und Jugendlichen“.

Fazit

Um die Kleinen schon früh an viel Obst und Gemüse zu gewöhnen, gibt es mehrere vielversprechende Strategien: so lernen Kinder sehr viel durch Beobachtung und Nachahmung der Grossen. Wenn Obst und Gemüse über den Tag hinweg in verschiedenen Formen, wie z.B. als Rohkost oder als leckeren Saft, angeboten werden, kann damit der Früchte- und Gemüsekonsum der Kleinen gesteigert werden. Also warum nicht gemeinsam mit den Kindern statt des Schokoladenriegels aus der Werbung eine saftige Apfelsine oder einen knackigen Apfel als Snack zwischendurch geniessen?

Text: Anne Borchard

Multiple-Sklerose: eine Krankheit, viele Gesichter, wenig gute Informationen

Wed, 11/15/2017 - 09:14

In diesem ersten Gastbeitrag berichtet unsere freiwillige Übersetzerin Brita Fiess von ihrer Motivation, zum Thema Multiple Sklerose (MS) zu arbeiten. Es folgen zwei weitere Beiträge, einer zu verlaufsmodifizierenden Therapien und ein Zweiter zu Ernährungsinterventionen bei MS.

Lange gehörte Multiple Sklerose (MS) zu den Krankheiten, mit denen ich als medizinische Übersetzerin zwar öfter konfrontiert wurde, die ich aber nicht wirklich einordnen konnte. Meine Motivation, mehr über MS zu lernen und letztendlich zur Übersetzung von laienverständlichen Zusammenfassungen von Cochrane Reviews beizutragen, verstärkte sich, als die Krankheit für mich ein konkretes Gesicht erhielt.

Multiple Sklerose: Fakten & Zahlen

In Deutschland ist MS mit ca. 200.000 Betroffenen eine der häufigsten Erkrankungen des Zentralnervensystems. In der Schweiz gab es im Jahr 2016 zwischen 10.000 und 15.000 Betroffene und in Österreich sind es rund 8.500. Weltweit sind schätzungsweise 2,5 Mio. Menschen erkrankt; Frauen häufiger als Männer. Betroffene Personen erkranken typischerweise im Alter von 20 bis 40 Jahren.

Wie MS in meinem Leben ein Gesicht annahm

Soweit die Fakten, die ich durch meine bis dahin eher vereinzelten Übersetzungsarbeiten über MS in Erfahrung gebracht hatte. Doch war mir nicht bewusst, was Menschen, die unter MS leiden, eigentlich durchleben. All das änderte sich prompt als ich eine Betroffene kennen- und wertschätzen lernte. In persönlichen Gesprächen erfuhr ich plötzlich eine Menge über die Vielschichtigkeit der Probleme, mit denen MS-Erkrankte zu kämpfen haben. Eine Herausforderung ist beispielsweise der schwierige Zugang zu objektiven Informationen über Behandlungsmöglichkeiten.

MS Internetrecherche – viel zu viel und doch zu wenig

Nach dieser Begegnung begann ich mich intensiver mit MS auseinanderzusetzen. Zuerst tat ich, was wohl alle tun würden, ich fing an zu „googlen“. Meine Internetrecherche lieferte zwar zahlreiche Treffer und Informationsseiten, doch bei näherer Betrachtung zeigten diese sehr schnell ihre Schwächen auf. Meist wurde lediglich ein kurzer Überblick über die Erkrankung geliefert, ganz ähnlich den Fakten, die ich schon von meinen vorherigen Übersetzungsarbeiten kannte.

Was ist Multiple Sklerose?

MS oder Encephalomyelitis disseminata (ED) ist eine Erkrankung des Zentralnervensystems (ZNS), d.h. sie betrifft das Gehirn und das Rückenmark. Über die Nervenfasern, die so genannten Neuronen, werden Signale vom Gehirn über das Rückenmark an den Körper gesendet. Damit die Signale fehlerfrei übermittelt werden können, sind die Neuronen von einer Schutzschicht aus Myelin umgeben. Das ist vergleichbar mit der Isolierung von Stromkabeln. Ist jemand an Multipler Sklerose erkrankt, wird die Myelinschutzhülle um die Nervenfasern durch körpereigene Abwehrprozesse zerstört. Wie bei Kabeln ist dann die Signalübertragung beeinträchtigt und es kommt zu neurologischen Symptomen, wie beispielsweise Sehstörungen oder Veränderungen des Gangbilds.

Viel weiter brachten mich meine Internetrecherchen auch nicht. Einige Quellen führten lediglich noch verschiedene Behandlungsmöglichkeiten auf mit Schwerpunkt auf medikamentöse Therapien. Jedoch fand ich zur Wirksamkeit und zu den Nebenwirkungen der Therapien kaum Informationen. Auch lieferten die Treffer zahlreiche Informationen, die von Pharmaunternehmen verbreitet wurden, sodass die Unabhängigkeit der angebotenen Informationen fraglich war. Lediglich die Internetportale der Deutschen Multiplen Sklerose Gesellschaft oder der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft bildeten hier eine Ausnahme.

Cochrane Reviews zu übersetzen half mir, Wissenslücken zu füllen

Als medizinische Übersetzerin kam mir natürlich Cochrane als unabhängige Informationsquelle in den Sinn, zumal ich einige Monate zuvor schon begonnen hatte, ehrenamtlich laienverständliche Cochrane Review-Zusammenfassungen ins Deutsche zu übersetzten (zu finden unter Cochrane Kompakt). Eine schnelle Recherche in der Cochrane Library zeigte, dass zwar viele Cochrane Reviews zu MS vorhanden waren, aber nicht auf Deutsch. Kurzum: die Informationen waren eventuell zwar wertvoll, aber für Betroffene, die kein oder wenig Englisch verstehen, nutzlos. Deshalb entschloss ich mich alle Review Zusammenfassungen zu MS ins Deutsche zu übersetzten.

So übersetzte ich innerhalb einer Woche insgesamt 18 Review-Zusammenfassungen zu Multipler Sklerose: 12 Reviews zur medikamentösen Behandlung von MS bzw. MS-spezifischer Symptome und 6 Reviews zu unterstützenden und alternativen Therapien (z.B. Ernährungsinterventionen oder Gesamtkörper-Vibrationstraining).

Was mich am meisten während meiner Übersetzungsarbeit verblüffte war, dass von den 18 Reviews nur bei zweien die Qualität der Evidenz als „hoch“ eingestuft wurde. Häufig wurde in den Reviews festgestellt, dass eigentlich weitere Studien erforderlich wären, um eine Einschätzung der Wirksamkeit und Sicherheit geben zu können.

Viel Arbeit für ein Ergebnis, das für mich sehr ernüchternd schien: Offensichtlich stellten auch Cochrane-AutorInnen fest, dass unabhängige, qualitativ hochwertige Evidenz zum Thema MS gebraucht werden. Dennoch war mein Projekt für mich aufschlussreich und wertvoll. Dadurch wird die Information, dass wir dringend mehr unabhängige und verlässliche Evidenz zu MS brauchen auch im deutschsprachigen Raum verbreitet. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Über die Krankheit habe ich ebenfalls viel gelernt, sodass ich mich nun besser auf die Bedürfnisse meiner Bekannten einstellen kann.

Text: Brita Fiess

 Über die Autorin: Studium der Allgemeinen und Indogermanischen Sprachwissenschaft, der Englischen Philologie und Ethnologie an der Georg-August-Universität Göttingen (Magister Artium). Auslandsaufenthalte an der Universität von Jyväskylä (Finnland) und der Universität von Athen (Griechenland). Im Anschluss an das Studium Lehrbeauftragte für Neugriechische Sprache am Seminar für Klassische Philologie der Georg-August-Universität Göttingen. Erste Schritte als Übersetzerin im Rahmen einer Tätigkeit als Angestellte im Fremdsprachendienst am Göttingen Genomics Laboratory des Instituts für Mikrobiologie und Genetik der Georg-August-Universität Göttingen. Seit 2007 hauptberuflich freiberufliche Übersetzerin.

 

Literaturverzeichnis:

Petersen, G., Wittmann, R., Arndt, V. et al. Nervenarzt (2014) 85: 990. https://doi.org/10.1007/s00115-014-4097-4 https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-014-4097-4
Baumhackl U, Eibl G, Ganzinger U, Hartung H, P, Mamoli B, Pfeiffer K, P, Fazekas F, Vass K, Prevalence of Multiple Sclerosis in Austria. Neuroepidemiology 2002;21:226-234