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Updated: 3 hours 7 min ago

Rauf auf die Matte: Yoga gegen Rückenschmerzen

Tue, 02/07/2017 - 09:15

Anfang Februar, der Winterschlaf lässt nach, mein Körper sehnt sich nach Bewegung, doch mein Rücken schmerzt schon seit Wochen vom vielen Sitzen. Was tun? Sport ist kaum vorstellbar, doch mich nicht zu bewegen brachte bisher auch nichts.

Noch verschlafen logge ich mich auf Facebook ein. In meinem Newsstream lese ich: „Ein aktueller Cochrane Review zeigt, dass Yoga chronische, unspezifische Rückenschmerzen kurzfristig lindern und die Funktionalität des Rückens verbessern kann.“ Prima!

Wie Sand am Meer

Tatsächlich habe ich mich schon länger mit der Idee Yoga zu machen beschäftigt. Was mich bisher abgeschreckt hat: die Qual der Wahl. Von traditionellen Formen bis hin zu Lach-Yoga gibt es alles. Beim Heli-Yoga wird man sogar (wie beim Heli-Skiing) in die Berge geflogen, abgesetzt und macht Yoga in der Höhe. Bei diesem verwirrenden Überangebot fehlte mir, bis jetzt, die notwendige Motivation, tiefer in das Thema einzusteigen.

Yoga ist für „Yeden“

Beim Stöbern online fand ich ein paar interessante Fakten. In der Tat erlebt Yoga seit den 70ern im deutschsprachigen Raum einen regelrechten Boom. Der wurde mitunter durch Kareen Zebroff ausgelöst, die 1973 das Buch „The ABC of Yoga“ schrieb. Im Zweiten Deutschen Fernsehen gab es dann in der Sendung „Sportinformationen“ regelmäßig „Yoga für Yeden“: fünfminütige, praktische Yogaübungen zum Mitmachen für jedermann. Seitdem hat sich Yoga hier, von der spirituellen Dimension des Ostens leicht abweichend, eher zu einer gesundheits- und fitnessfördernden Bewegungsform entwickelt.

Yoga kann die Rücken-Funktionalität verbessern und Schmerzen etwas lindern

Aber was heißt das? Der Facebook-Post zu unserem Cochrane Blog „Wissen was wirkt“ verlinkt mich auf eine kurze deutschsprachige Zusammenfassung des wissenschaftlich fundierten Reviews zum Thema auf Cochrane Kompakt. Zunächst finde ich heraus, was in diesem Fall mit „chronisch“ gemeint ist: Schmerzen, die drei Monate oder länger anhalten. Das ist bei mir also der Fall. Weiter erfahre ich, dass „unspezifisch“ lediglich bedeutet, dass die Ursachen für den Schmerz unbekannt sind. Wiederum fühle ich mich angesprochen, denn ich habe keine Ahnung, wo meine Rückenschmerzen herkommen. Mein Arzt auch nicht.

Weiter lese ich, dass Yoga für 3 Monate im Vergleich zu keiner körperlichen Übung die Rücken-Funktionalität verbessern und Schmerzen für 6-12 Monate lindern kann. Die Schmerzlinderung war jedoch relativ gering. Allerdings steht dort auch, dass im Fall von Schmerzzunahme das Risiko schädlicher Wirkungen durch Yoga größer sein kann als wenn keine Übungen gemacht werden. Dieses Risiko scheint aber ähnlich zu sein wie bei anderen Rückenübungen. In jedem Fall scheint Yoga aber nicht zu schwerwiegenden unerwünschten Ereignissen zu führen.

Spezielle, auf Rückenschmerzen ausgerichtete Übungen wurden getestet

Doch welche Form von Yoga soll ich machen? Der Review untersuchte Yoga-Übungen, die speziell auf Personen mit Rückenschmerzen ausgerichtet waren, und von erfahrenen YogalehrerInnen angeleitet wurden. Sie waren also, wie es mir scheint, nicht einer bestimmten Art von Yoga zugeordnet. Naja, da muss ich wohl im Konkreten doch noch etwas länger suchen, um das entsprechende Programm und die passenden LehrerInnen für mich zu finden.

Weitere Cochrane Reviews haben andere Maßnahmen zur Verbesserung von Kreuzschmerzen untersucht. Mehr hier: Paracetamol bei Rückenschmerzen, Chronische Kreuzschmerzen sanft wegtrainieren und Pilates gegen Kreuzschmerzen.

Text: Andrea Puhl

Über die Autorin: Brandneu bei Cochrane als Translation and Dissemination Officer angestellt erkunde ich gerade die Bandbreite der Cochrane-Evidenz. Die Möglichkeit, kurze Blogbeiträge für Wissen Was Wirkt zu erstellen hilft mir nicht nur dabei, mich einzuarbeiten, sondern zeigt mir auch, wie sehr Cochrane-Evidenz und speziell deutsche Übersetzungen auf Cochrane Kompakt auch in meinem Privatleben relevant sind. Zuvor arbeitete ich als Communication Officer in der europäischen Bildungspolitik in Brüssel.

Details auf Cochrane Kompakt.

Dein Arzttermin am Telefon: sind Mediziner ausreichend dafür geschult?

Fri, 01/27/2017 - 08:31

1879 ist das Jahr, in dem  das erste, oder zumindest das erst-dokumentierte, Beratungsgespräch zwischen Arzt und Patient am Telefon stattgefunden hat. Das ist eine Weile her. Heute finden mehr als 25% aller medizinischen Beratungen, auch populär Telemedizin, Telekonsultation oder telefonische Fernbehandlung genannt, am Telefon statt.

Doch werden Ärzte und Ärztinnen ausreichend auf diese oft sehr sensible und schwierige Form der Kommunikation vorbereitet? Gibt es Studien, die mit einschlägigen Informationen diesbezüglich Trainingsprogramme für Mediziner unterstützen können? Cochrane wollte es wissen.

Telemedizin kann zu einem verbesserten und flexibleren Zugang zur Gesundheitsversorgung beitragen

„Die Ergebnisse Ihrer Blutuntersuchungen sollten am Dienstag vorliegen, “ bestätigt mir mein Arzt am Telefon, „sie können mich dann wieder anrufen und wenn nötig stelle ich Ihnen ein neues Rezept aus.“

„Welch ein Traum“, denke ich, erleichtert, dass medizinische Fernbehandlungen so normal geworden sind. Das spart mir Zeit und ermöglicht es mir, meinen Hausarzt auch in der Mittagspause zu kontaktieren.

Telemedizinische Beratungen wie diese haben viele Vorteile. Sie können, erstens, dem Patienten den mühseligen Weg zur Klinik oder Praxis sparen, und, zweitens, Ärzten Zeit geben, sich anderen Angelegenheiten, wie zum Beispiel Notfällen zu widmen.

Die Zahl der medizinischen Fernbehandlungen über Telekommunikationsnetze steigt

Medizinische Telefonberatungen sind heute Gang und Gebe und werden  im Allgemeinen schon als sichere Behandlungsmethode angesehen, wie zum Beispiel von der British Medical Association[1]. Tatsächlich finden mehr als ein Viertel aller ärztlichen Patientenberatungen heutzutage am Telefon statt.

Sowohl Ärzte als auch Betroffene machen sich das Telefon zunutze, um Verschreibungen zu erneuern, Testergebnisse mitzuteilen oder auch Routinegespräche zu führen. Aber auch in Notfällen wie Herzversagen oder in der Palliativversorgung wird  das Telefon zur Kommunikation zwischen Arzt und Patient genutzt.

Wie sehr die Telemedizin im Trend liegt kann man auch an den Dienstleistungen öffentlicher Krankenkassen sehen, die speziell für ihre Mitglieder medizinische Telefonberatungsdienste bereitstellen.

Andere Berufsgruppen werden speziell geschult um Telefonberatungen erfolgreich  durchzuführen. Sind Ärzte es auch?

Doch wie werden Ärzte auf diese Form der Gesprächsführung vorbereitet?  Schließlich kann telefonieren eine hochsensible Angelegenheit sein. Vor Allem wenn es darum geht, klare Anweisungen zu geben oder persönliche Inhalte, die oft auch mit einschneidenden Konsequenzen verbunden sein können,  zu kommunizieren.

Gibt es bestimmte Trainings- oder Schulungsmaßnamen die besser als andere sind um Ärzten diese Fähigkeit zu vermitteln? Dies war die Kernfrage eines kürzlich veröffentlichten Cochrane-Reviews zu „Trainingsmaßnahmen zur Verbesserung der telefonischen Beratungskompetenz bei Klinikern“.

Schulungsmaßnahmen für Mediziner im Bereich Telekommunikation sind unzulänglich

Frühere Studien zeigen, dass Mediziner und Medizinerinnen generell unzureichende spezifische Trainings zur erfolgreichen Telekommunikation in ihrer Ausbildung erhalten. Dieser Review fand auch  keine Studien zur Wirkung von spezifischen Kommunikationstrainingsmaßnahmen für Ärzte auf die Endpunkte von Patienten. Das Autoren-Team fand deshalb keine Evidenz, die zur Gestaltung von Trainings oder Ausbildungen von Klinikern im Bereich der telefonischen Beratung beitragen könnte.

Gute Studien im Bereich Telekommunikationstraining für Ärzte werden dringend benötigt

In der Tat scheint die Verantwortung, diese heutzutage unentbehrliche berufliche Fähigkeit zu kultivieren und zu verbessern, oft der Intuition oder dem Kommunikationsvermögen des einzelnen Arztes überlassen. Der Review zieht daher den Schluss, dass qualitativ hochwertige Studien auf diesem Gebiet dringend benötigt werden. Gut zu wissen.

Mehr Details bei Cochrane Kompakt.

Words are, of course, the most powerful drug used by mankind. – Rudyard Kipling

Text: Andrea Puhl

[1] British Medical Association, General Practitioners Committee. Consulting in the Modern World: Guidance for GPs. London: British Medical Association, 2001.

Cochrane Kompakt – ein Übersetzungsprojekt, das weiterhilft

Fri, 01/20/2017 - 08:40

Es war wirklich ein Schock. Gleich an vier Stellen Karies! Dabei putzen wir doch wirklich regelmäßig und gründlich die Zähne mit unserer achtjährigen Tochter. Was machen wir falsch? Oder vielmehr: Was können wir besser machen? Eine Freundin schwört zur Vorbeugung von Karies auf fluoridhaltige Mundspülung. Aber hilft das wirklich?

Die Suchanfrage bei Google ergibt über 300 000 Treffer. Darunter finden sich neben viel Werbung auch obskure Beiträge in Foren und alle Arten von Artikeln, deren Inhalt sich häufig widerspricht.

Zuverlässige Informationen gesucht

Nicht nur besorgte Eltern wie ich, sondern auch Leute vom Fach wie Ärzte und Ärztinnen, Pflegekräfte und Therapeuten stehen vor dieser Frage. Sie haben zwar oft Zugang zu Fachliteratur aus medizinischen Datenbanken, aber auch hier ergeben Suchen oft so viele Treffer, dass man Wochen bräuchte, um alle relevanten Artikel zu lesen. Und außerdem sind die meisten davon auf Englisch.

Wir alle brauchen schnellen Zugang zu aktuellen und verlässlichen Gesundheitsinformationen auf Deutsch. Deshalb arbeitet Cochrane seit 2014 verstärkt daran, dass Cochrane Reviews bekannt und verfügbar gemacht werden. Cochrane Reviews sind systematische Übersichtsarbeiten, die aktuelle Forschungsergebnisse zu einer genau definierten Fragestellung im Gesundheitsbereich zusammenfassen, z. B. zur Wirkung fluoridhaltiger Mundspülungen bei Kindern.

Cochrane Kompakt – kurz, verständlich und auf Deutsch

Cochrane Kompakt ist das von Cochrane Schweiz, Österreich und Deutschland gemeinsam betriebene Übersetzungsprojekt. Relevante und aktuelle Inhalte aus Cochrane Reviews, die sonst nur auf Englisch zur Verfügung stünden, werden auf Deutsch übersetzt.

So sollen sie rascher an diejenigen gelangen, die Fragen zu Gesundheitsthemen haben – und das sind wir alle: ich als besorgte Mutter genauso wie eine Chefärztin. Letztlich kann die Gesundheitsversorgung nur verbessert werden, wenn aktuelle Forschungsergebnisse dann zur Verfügung stehen, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen.

Die Texte in Cochrane Kompakt erfüllen drei wichtige Bedingungen, die Gesundheitsinformationen haben sollten: Sie sind kurz, verständlich und in der eigenen Muttersprache verfasst.

Die erste Bedingung erfüllen zwar schon die wissenschaftlichen Abstracts (Zusammenfassungen) der Cochrane Reviews. Für Personen, die wenig Expertise auf dem jeweiligen Gebiet haben, sind diese wissenschaftlichen Abstracts jedoch oft schwer verständlich. Deshalb stellt Cochrane zusätzlich sogenannte Plain Language Summaries (PLS) auf Englisch zur Verfügung. Das sind leichter verständliche Zusammenfassungen ohne medizinischen Fachjargon oder schwierige statistische Zahlenangaben.

Inzwischen wurden bereits mehr als 1 000 solcher Zusammenfassungen ins Deutsche übersetzt. Weltweit sind es schon weit über 4 000  solcher Texte, die in 13 Sprachen übersetzt wurden.

Neben besonders aktuellen Themen wurden bisher vor allem Zusammenfassungen in den Gebieten Public Health, Physiotherapie und Urologie auf Deutsch übersetzt. Dafür wird mit Fachorganisationen zusammengearbeitet. Dieses Jahr werden verstärkt auch Reviews zu Schwangerschaft und Geburtshilfe übersetzt werden können, da Cochrane Kompakt dafür von einer Stiftung Unterstützung erhält.

Fazit

Und die Mundspülung? Hilft die nun gegen Karies? Folgende Schlussfolgerung habe ich auf der Webseite von Cochrane Kompakt gefunden: „Die regelmäßige Anwendung von fluoridhaltiger Mundspülung unter Aufsicht führt zu einer starken Verminderung von Zahnkaries in den bleibenden Zähnen von Kindern.“ Das hilft mir weiter.

Wer via Twitter über die Übersetzungen auf dem Laufenden bleiben möchte, sollte @CochraneLingual folgen  – und natürlich uns.

Text: Miriam Seifert

Helfen Patienteninformationen gegen unnütze Antibiotikagabe bei Erkältungen?

Thu, 01/12/2017 - 09:46

Bei fiesem Husten und Kratzen im Hals wollen viele Betroffene ein Antibiotikum einnehmen, weil sie denken, dies würde ihnen am besten und am schnellsten helfen. Dass Antibiotika bei Infektionen der oberen Atemwege meist nutzlos sind, wissen die wenigsten. Umso unzufriedener sind viele mit der ärztlichen Behandlung, wenn sie keines bekommen. Was kann man da tun?

Erkältungen mit Husten, Schnupfen, Halsschmerzen und vielleicht auch Fieber können sich bedenklich schlimm anfühlen, sind aber meist relativ harmlos und bessern sich nach ein paar Tagen von selbst. Gewöhnlich lösen Viren diese typischen Symptome aus. Gegen eine virale Infektion dieser Art gibt es keine Medizin, der Körper muss – und kann – sich selbst dagegen wehren.

Erkältete Personen denken oft, ein Antibiotikum könne ihnen helfen schneller wieder auf die Beine zu kommen und bitten in der Arztpraxis darum. Antibiotika sind bei viralen Infektionen allerdings wirkungslos; sie helfen nur gegen bakterielle Infektionen (wie zum Beispiel eine Blasenentzündung). Ärztinnen und Ärzte wissen das, resignieren aber zuweilen vor den Wünschen wehklagender Patienten.

Antibiotikaresistenzen

Das hat katastrophale Folgen: Die falsche Anwendung von Antibiotika führt dazu, dass immer mehr Bakterienstämme unempfindlich dagegen werden und die Antibiotika nicht mehr wirksam gegen sie sind; man spricht von Antibiotikaresistenzen. Zur Resistenzentwicklung trägt unter anderem der massenhafte Einsatz von (Breitband-)Antibiotika bei Menschen und auch in der Tierhaltung bei. Ein weiterer Grund ist das frühzeitige Absetzen von Antibiotika, nachdem die ersten Krankheitssymptome sich gebessert haben. Viele durch Bakterien verursachte Krankheiten, die man noch vor wenigen Jahrzehnten gut mit Antibiotika behandeln konnte, lassen sich deshalb inzwischen nur noch schwer behandeln. Das gilt vor allem für Infektionen, die man sich im Krankenhaus zuziehen kann, beispielsweise Lungenentzündungen und Blutvergiftungen (Sepsis).

Viele Patienten und Patientinnen sind sich dieser Konsequenzen nicht bewusst. Damit sie nicht denken, ihnen würde eine wirkungsvolle Behandlung verwehrt, wenn sie bei einer Erkältung kein Antibiotikum verschrieben bekommen, ist eine verständliche Aufklärung wichtig. Weil es für Laien aber nicht einfach ist, den Unterschied zwischen Viren und Bakterien und die Wirkungsweise von Antibiotika zu verstehen, braucht es oft mehr als eine kurze Erklärung in der Sprechstunde. Patienteninformationen wie diese vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln können bei der Aufklärung helfen.

Was sagt die Evidenz?

Ob solche Patienteninformationen tatsächlich die Häufigkeit der Antibiotikaverordnungen bzw. -einnahmen bei Infektionen der oberen Atemwege senken, hat ein britisch-australisches Team in einem Cochrane Review untersucht. Es fand in der medizinischen Fachliteratur zwei randomisierte kontrollierte Studien aus Großbritannien und Kentucky, USA. An beiden Studien nahmen Eltern von Kindern mit akuter Infektion der oberen Atemwege teil, die in zwei oder mehr Vergleichsgruppen zufällig eingeteilt wurden, die entweder Informationsmaterial erhielten oder nicht.

Weniger Antibiotika und trotzdem zufrieden

Ein achtseitiges Informationsheftchen, dessen Inhalt den Eltern zusätzlich vom Arzt erklärt wurde, führte dazu, dass die Antibiotikaeinnahme der Kinder von 42% auf 22% sank, ohne dass die Eltern mit der Behandlung unzufriedener gewesen wären oder öfter wegen der gleichen Erkrankung erneut in die Sprechstunde kamen. Die Qualität der Evidenz dieser britischen Studie bewertete das Reviewer-Team allerdings nur als „moderat“, weil unter anderem die Ärzte und Ärztinnen speziell darin trainiert waren den Eltern den Inhalt des Heftchens zu erklären. Daher sind die Studienergebnisse nicht uneingeschränkt verallgemeinerbar und künftige Studien müssten zum Beispiel mit Ärzten und Ärztinnen ohne vorheriges Training durchgeführt werden. Ergebnisse aus solchen Studien würden vermutlich zeigen, dass die Antibiotikaeinnahme nicht so stark reduziert wird.

Kombinierte man die Ergebnisse beider Studien zeigte sich, dass schriftliche Informationen auch insgesamt die Häufigkeit von Antibiotikaverschreibungen für erkältete Kinder senkten (41% im Vergleich zu 20 %). Hier bewerteten die Review-Autoren die Qualität der Evidenz gar als „niedrig“, was bedeutet, dass weitere Forschung sehr wahrscheinlich einen gewissen Einfluss auf die Häufigkeit der Antibiotikaverschreibungen haben wird.

Informationen schaffen Bewusstsein

Die Ergebnisse dieses Cochrane Reviews erlauben keine abschließenden Schlussfolgerungen über die beste Art der Patientenaufklärung. Es ist aber unbestritten, dass die Bereitstellung von Information für Patienten und Patientinnen (aber auch für Ärztinnen und Ärzte) wichtig ist, um ein Bewusstsein für das stetig wachsende Problem der Antibiotikaresistenzen zu schaffen. Aufklärung ist auch meist in den Strategien festgeschrieben, die immer mehr Länder der Welt entwickeln um der Resistenzproblematik entgegenzuwirken. Auch Deutschland (Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie DART), Österreich (Nationaler Aktionsplan zur Antibiotikaresistenz NAP-AMR) und die Schweiz (Nationale Strategie Antibiotikaresistenzen StAR) setzen in ihren nationalen Strategien unter anderem auf Information und Aufklärung.

Valérie Labonté

Bildnachweis: Tim Reckmann, Tabletten mit Rezept CC BY-NC-SA 2.0

Hier geht’s zum Cochrane Review: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD011360.pub2/full#CD011360-bbs1-0002

Gedächtnisstörungen nach einem Schlaganfall: hilft die kognitive Rehabilitation?

Mon, 01/02/2017 - 10:58

Beim Stichwort Schlaganfall denken viele zuerst an Lähmungen. Aber neben den körperlichen Fähigkeiten können auch die kognitiven Fähigkeiten stark beeinträchtigt sein. Ein Cochrane-Review hat untersucht, wie wirksam Maßnahmen zur Rehabilitation des Gedächtnisses nach einem Schlaganfall sind.

Plötzlich bleibt ein Blutgerinnsel irgendwo in einer kleinen Ader des Gehirns stecken und führt zu einer Minderdurchblutung, durch die Gehirnzellen absterben können. Oder ein kleines Blutgefäß im Gehirn platzt und es kommt zu einer Blutung. Beide Ereignisse nennt man landläufig Schlaganfall. Die Symptome treten „wie auf einen Schlag“ auf: ein Taubheitsgefühl oder eine Lähmung in Gesicht, Armen oder Beinen oder eine Sprachstörung, Sehen von Doppelbildern oder Probleme bei der Koordination. In den Industrieländern ist der Schlaganfall zudem die dritthäufigste Todesursache nach Herzerkrankungen und Krebs. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Schlaganfälle für rund 6 % aller Todesfälle verantwortlich. Wird ein Schlaganfall jedoch rechtzeitig erkannt und behandelt, können sich die Symptome zurückbilden. Auch im höheren Alter ist das Gehirn flexibel genug um durch gezieltes Training zu lernen und betroffene Funktionen ganz oder teilweise zurückzugewinnen.

Gedächtnis-Rehabilitation als Therapie

Wenig bekannt ist, dass die Betroffenen neben den körperlichen auch mit kognitiven Beschwerden wie Gedächtnisproblemen und Stimmungsschwankungen zu kämpfen haben. Auch Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit ähnlich wie bei Demenzerkrankungen kommen vor. Das kann zu vielen Schwierigkeiten im alltäglichen Leben führen und die Betroffenen abhängig von der Hilfe durch Angehörige oder Pflegende machen. Dabei hängen die Art und das Ausmaß der Gedächtnisbeeinträchtigung vom Schweregrad der Hirnschädigung, dem Alter und dem vorherigen Gesundheitszustand ab. Bei Schlaganfallpatienten werden kognitive Rehabilitationsprogramme eingesetzt, in denen beispielsweise Gedächtnisübungen gemacht oder Merksprüche eingeübt werden, um die Gedächtnisleistungen zu verbessern.

Ein neuer Cochrane-Review prüft die Wirksamkeit kognitiver Rehabilitation bei Menschen, die nach einem Schlaganfall von Gedächtnisproblemen betroffen sind. Die Autoren fanden 13 Studien mit insgesamt 514 Teilnehmern, deren Durchschnittsalter zwischen 31 und 68 Jahren lag und die entweder zuhause oder im Krankenhaus behandelt wurden. Die Patienten nahmen entweder einzeln oder in Gruppen an den Übungen teil und erhielten in einem Zeitraum von zwei bis zehn Wochen verschiedene Arten von Gedächtnistraining. Dabei wurde jede Form von Therapie, die die Gedächtnisfunktion verbessern könnte, als Gedächtnis-Rehabilitation eingestuft. Bei „internen“ Hilfestellungen stand das Erlernen von Eselsbrücken, Sprechübungen und bildlichen Vorstellungen im Vordergrund. „Externe“ Hilfsmittel wie Tagebücher oder Kalender sollten beim Erinnern und beim Abrufen von Information helfen. In den Kontrollgruppen bekamen die Patienten keine solchen gezielten Therapien zur Verbesserung der Gedächtnisleistung, jedoch verschiedene andere Reha-Maßnahmen.

Um herauszufinden, ob die Teilnehmer mit der Reha bessere Ergebnisse erzielten als die jeweilige Kontrollgruppe, benutzten die Forscher subjektive Bewertungen und objektive Messungen der Gedächtnisfunktionen. So wurden sowohl kurz- wie auch langfristige Wirkungen auf die Gedächtnisleistung, funktionelle Fertigkeiten, die Stimmung und die Lebensqualität betrachtet.

Wirkung kurzfristig und nicht objektiv messbar

Im Vergleich zu den Kontrollgruppen war die Verbesserung der subjektiven Gedächtnisleistung mit der Reha nur kurzfristig – etwa in den ersten vier Wochen nach der Behandlung – nachweisbar. Es gab keine ausreichende Evidenz, dass diese Verbesserung länger anhielt zum Beispiel wenn die Studienteilnehmer nach drei Monaten oder später erneut befragt wurden. Die Review-Autoren fanden keine signifikante kurz- oder langfristige Wirkung auf objektive Gedächtnistests oder funktionelle Fertigkeiten. Auch schien es keine Verbesserungen bezüglich Unabhängigkeit im alltäglichen Leben, Stimmung oder Lebensqualität der Betroffenen zu geben. Der Nutzen von Gedächtnis-Rehabilitation nach einem Schlaganfall war also, wenn überhaupt, nur subjektiv vorhanden und nicht von Dauer. Dies heißt nun nicht, dass in der Rehabilitation von Menschen nach einem Schlaganfall nicht auch versucht werden sollte, vorhandene Gedächtnisprobleme anzugehen. Leider war die Anzahl und Qualität der bisherigen randomisiert-kontrollierten Studien in diesem Bereich jedoch nicht ausreichend, um eine klare evidenzbasierte Empfehlung auszusprechen.

Text: Stephanie Heyl und Erik von Elm

Hier geht´s zum Cochrane Review: http://www.cochrane.org/CD002293/STROKE_cognitive-rehabilitation-memory-deficits-after-stroke

Umfassende gesetzliche Rauchverbote schützen Nichtraucher

Wed, 12/28/2016 - 12:24

Eine Zigarette oder Zigarre nach dem Festmahl gehört für viele zu einem gelungenen Festabend dazu. Auch wenn es gemütlich ist drinnen bei den Liebsten zu rauchen, sollte man sich überlegen doch lieber vor die Tür zu gehen. Denn Passivrauch schadet der Gesundheit von Nichtrauchern – ob groß oder klein.

Auch wenn über 70 Prozent der Deutschen nicht rauchen, sind viele Menschen durch Passivrauch gefährdet. Dieser birgt nämlich erhebliche gesundheitliche Gefahren. Daher ist ein (gesetzlicher) Nichtraucherschutz wichtig. Vor allem, weil Rauchen das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko darstellt.
Erfreulich ist, dass im deutschsprachigen Raum ein deutlicher Trend zum Nichtrauchen über alle Altersgruppen hinweg erkennbar ist. Am stärksten ist dieser Trend bei Kindern und Jugendlichen: Nur noch zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen greifen aktuell regelmäßig zum Glimmstängel. Vor 20 Jahren waren es fast dreimal so viele.

Eher unerfreulich ist hingegen die Tatsache, dass 2014 jede fünfte Person über 15 Jahre in der EU Passivrauch ausgesetzt war. Fast die Hälfte aller Passivraucher sind Kinder. Sie sind unter anderem  wegen ihrer höheren Atemfrequenz besonders von den giftigen Substanzen im Rauch gefährdet.

Laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) sind etwa 90 Stoffe des Zigarettenrauchs krebserregend oder potentiell krebserregend.
Jeder, der den blauen Dunst einatmet, erhöht sein Risiko für Lungenkrebs, und jüngere Frauen wahrscheinlich auch ihr Brustkrebsrisiko. Bei Nichtrauchern erhöht sich durch Passivrauch auch das Risiko für Herzkreislauferkrankungen mit Folgen wie Infarkten und Schlaganfällen, wenn auch nicht so gravierend wie bei Aktivrauchern.

Weltweit sterben ca. sechs Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens. Geschätzte weitere 331.000 Menschen sind Opfer der Passivrauchfolgen, berichtete das Fachmagazin Lancet in einer Studie von 2015. Die Europäische Union schätzte die Anzahl der Todesopfer durch Passivrauch in der EU im Jahr 2007 auf über 200 pro Tag.

Handlungsfreiheit der Raucher nachrangig

Aufgrund des Rechts der Nichtraucher auf körperliche Unversehrtheit kann die allgemeine Handlungsfreiheit von Rauchern sekundär eingeschränkt werden.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz hat jeder Arbeitnehmer und jede Arbeitnehmerin einen Rechtsanspruch auf einen rauchfreien Arbeitsplatz.  Trotzdem darf in Österreich in Restaurants, Bars geraucht werden. Wenn ein Restaurant klein ist, braucht es nicht einmal einen Nicht-Raucherbereich.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz gelten seit einigen Jahren Gesetzte, die dass das Rauchen in öffentlichen Gebäuden, öffentlichen Verkehrsmitteln und Plätzen verbieten.
Primäres Ziel aus Sicht der Gesundheitsvorsorge muss der Schutz des Nichtrauchers vor Gesundheitsschäden sein, ein weiterer wichtiger Aspekt ist aber auch die Schaffung von Möglichkeiten für Raucher, um mit dem Rauchen aufzuhören.

Verbote bieten zugleich das Potential, soziale Werte und Normen bezüglich des Rauchverhaltens zu beeinflussen.

Interventionen zur Reduktion von Umgebungsrauch

In einem aktualisierten Cochrane Review wurde untersucht, welche Wirkung gesetzliche Rauchverbote auf die Gesundheit von Passivrauchern, und das Rauchverhalten aktiver Raucher haben. Die Autoren suchten in Datenbanken und auf Webseiten bis Februar 2015 nach Studien, die die Wirkung des Rauchverbots auf Gesundheitsaspekte und das Rauchverhalten untersuchen. Insgesamt wurden im aktualisierten Review 77 Studien begutachtet, 12 Studien wurden aus einem bestehenden Cochrane Review (2010) übernommen, 65 neue identifiziert.

Rauchverbote können auf lokalem, regionalem oder nationalem Level verhängt werden und sich auch in ihrem Ausmaß unterscheiden. So wurden gesetzliche Komplettverbote in Innenräumen inklusive Bars und Restaurants von den Review Autoren als ‘umfassende Rauchverbote‘ eingestuft; solche Komplettverbote wurden in der Mehrheit der begutachteten Studien untersucht (n=nicht berichtet). Solche, die das Rauchen in bestimmten Bereichen erlaubten, wurden als ‘partielle Rauchverbote‘ eingestuft (18 Studien).

In 42 Studien wurden Krankenhausdaten analysiert, um die Aufnahme- und Entlassungszahlen bestimmter Jahrgänge in verschiedenen Ländern zu untersuchen. Elf Studien verwendeten länderspezifische Umfragen bezüglich aktiver Rauchexposition in der Bevölkerung und vier Studien setzten passive Rauchexposition am Arbeitsplatz in Zusammenhang mit Gesundheitsergebnissen.

Was bringts?

Insgesamt zeigt sich ein Trend, dass insbesondere die Einführung von umfassenden Rauchverboten zur Reduktion von rauchbedingten kardiovaskulären Krankheiten und Todesfällen und somit zu verbesserter Gesundheit führt. Wurde nur ein partielles Verbot untersucht, waren die Ergebnisse nicht so deutlich. Interessant: Bei einer längeren Nachbeobachtung nach Einführung der Rauchverbote, stellen die Autoren fest, dass die positiven Gesundheitsergebnisse entweder konstant blieben oder sich sogar noch verbesserten.
Derartige Rauchverbote beziehen sich natürlich nur auf den öffentlichen Raum. Zuhause muss jeder und jede selbst Lösungen für ein gesundes Raumklima finden. Ein bisschen unverqualmte Luft wäre aber auf jeden Fall eine origineller Vorsatz für das neue Jahr.

Text: Stephanie Heyl

Hier geht´s zum Cochrane Review:  http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD005992.pub3/abstract;jsessionid=8E5062F7D039A671BFCC4C6A331D728B.f04t02

 

Cochrane Reviews informieren 90% der WHO Leitlinien

Mon, 12/19/2016 - 08:30

WHO Leitlinien dienen weltweit als Entscheidungshilfen in der gesundheitlichen Versorgung und tragen damit zu guten gesundheitspolitischen Entscheidungen und optimaler Therapie und mehr Sicherheit im klinischen Alltag bei. In viele dieser Leitlinien fließt Evidenz aus systematischen Reviews von Cochrane ein.

Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist „Gesundheit für alle“. Dies hat die WHO in ihrer gleichnamigen Strategie festgehalten und in kleinere, konkrete Schritte eingeteilt. Dazu gehören beispielsweise die Reduktion von verschiedenen Krankheiten, eine gesunde Umwelt oder adäquate Gesundheitsversorgung.

Die Entscheidungen, wie diese Ziele tatsächlich erreicht werden sollen, müssen durch wissenschaftliche Evidenz aus Studien gestützt werden, die darüber informiert, welche Maßnahmen erfolgsversprechend sind, und welche eher nicht.

Wissensexplosion

Jeden Tag erscheinen aber Unmengen an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. In „PubMed“ – einer der wichtigsten Literaturdatenbanken der Medizin – werden jedes Jahr allein über 20.000 randomisierte, kontrollierte Studien gelistet und es werden jährlich mehr. All jene, die Antworten auf Fragen suchen, haben es deshalb schwer: Wie den Überblick behalten? Welchen Informationen trauen?

Systematische Reviews, wie sie von Cochrane Autoren erstellt werden, können Struktur in die Informationsflut bringen. Reviews fassen alle Studien zu einer gemeinsamen klinischen oder gesundheitsrelevanten Fragestellung zusammen, kombinieren die Ergebnisse aus Einzelstudien zu einem Gesamtergebnis (sog. Metaanalyse) und beurteilen, wie verlässlich dieses Gesamtergebnis ist.

Auf Basis solcher systematischen Reviews ist es viel leichter einen Überblick über die verfügbare Evidenz zu erhalten und die Wirksamkeit und Risiken von Maßnahmen einzuschätzen. Reviews sortieren praktisch die Evidenz. So bilden sie die Grundlage für Leitlinien, die konkrete Handlungsempfehlungen aussprechen.

Die Arbeit von Cochrane findet international Beachtung: einen Großteil der WHO Leitlinien bezieht sich auf Evidenz aus Cochrane Reviews. Somit beeinflussen Cochrane Reviews weltweit Gesundheitspolitik und Behandlungspraxis.

90% der WHO Leitlinien enthalten Cochrane Evidenz

Der Anteil der WHO Leitlinien, die Cochrane Reviews bei der Entwicklung verwendet hat, erreicht einen neuen Rekord. War bis 2015 bereits in 75% der WHO Leitlinien Cochrane Evidenz enthalten, ist der Anteil seit diesem Jahr sogar bei 90%. Bis zum 26. September 2016 wurden 474 Cochrane Reviews für 160 WHO Leitlinien (und für andere evidenzbasierte Empfehlungen) verwendet, die zwischen den Jahren 2008 und 2016 veröffentlicht wurden. 14 dieser 160 WHO Leitlinien haben sogar mehr als 10 Cochrane Reviews bei ihrer Erstellung verwendet.

Leitlinien: Entscheidungshilfen für eine bessere Versorgung und mehr Sicherheit

Systematisch entwickelte Leitlinien sind eine große Hilfe für Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Sie helfen, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern, da sie bei speziellen Fragestellungen und/oder Krankheiten praxisorientierte und aktuelle Informationen zur Behandlung und Entscheidungsfindung liefern. Sie unterstützen rationale Entscheidungen unter Einbezug von Patientenpräferenzen und vorhandenen Ressourcen. Obwohl Leitlinien nicht verbindlich sind, sind sie ein vielgenutztes Tool.

Evidenzbasierte Leitlinien fördern auch die Transparenz der medizinischen Entscheidung, indem sie nach einem definierten Vorgehen entwickelt werden. In die Entwicklung einer Leitlinie sind idealerweise Experten aus verschiedenen Fachbereichen und Regionen, sowie Patienten mit eingebunden. Nicht selten werden Leitlinien auch für einen bestimmten geographischen Kontext oder für eine bestimmte Personengruppe, beispielsweise ältere Personen oder Kinder.

Text: K. Sauer

Cochrane Crowd: Mitmachen erwünscht!

Mon, 12/12/2016 - 09:53

Sie messen die Temperatur von Flüssen, kartografieren die Ausbreitung von eingeschleppten Pflanzenarten oder befragen Bauern nach ihrer Mundart. Der neue Trend heisst Citizen
Science, zu Deutsch: Bürgerwissenschaft.

Manche Projekte werden von engagierten Laien angeregt und durchgeführt, andere werden von Wissenschaftlern geplant, wären aber ohne die
tatkräftige Unterstützung von Laien schlichtweg nicht durchführbar. Bei Cochrane tragen seit März 2014 Citizen Scientists auf einer neuen Online-Plattform zur Identifikation von
randomisierten kontrollierten Studien (kurz: RCTs) bei. Das gleicht der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen, macht aber trotzdem Spass.

Im Hobbykeller selbst Teilchen zu beschleunigen und ein bisschen Antimaterie zu erzeugen, wird wohl auch weiterhin Utopie bleiben. Trotzdem ist es für Laien in vielen Bereichen möglich, eigene
Fragen zu stellen, damit die Forschungslandschaft etwas mitzugestalten oder mit der kostbaren Ressource Zeit ein sinnvolles Projekt zu unterstützen. Ganz nebenbei trägt das auch zu einer
Demokratisierung des Wissenschaftsbetriebs bei.

Seit der Zugang zum Internet in unseren Breiten von fast überall möglich ist, wird auch die Mitarbeit in Forschungsprojekten immer einfacher und findet so ausserhalb der „Elfenbeintürme“ der akademischen Wissenschaft statt.

Die Arbeit von Cochrane wäre ohne die vielen kleinen Beiträge Einzelner ohnehin schwer vorstellbar. Das fängt mit dem Engagement der vielen TeilnehmerInnen in klinischen Studien an. Und geht weiter mit den vielen verschiedenen Schritten, die nötig sind, bis die Daten einer Studie möglichst vollständig erhoben, analysiert und veröffentlicht sind.

Bevor dann – oft Jahre später – ein Autorenteam einen systematischen Review zu einer definierten Fragestellung erstellen kann, muss die vorhandene Forschungsliteratur in elektronischen Datenbanken erfasst und mit Schlagwörtern „suchbar“ gemacht werden. Schon früh wurde bei Cochrane erkannt, dass ein eigenes Register sinnvoll ist, das aus mehreren Quellen mit Angaben zur wissenschaftlichen Literatur gespeist wird und in das nur Referenzen von kontrollierten Vergleichsstudien Eingang finden.

Das Cochrane Central Register of Controlled Trials (kurz: CENTRAL) umfasst heute fast eine Million Referenzen zu solchen Studien. Jeder kann mithelfen, anhand der Titel und Zusammenfassungen (den sogenannten „Abstracts“) der bereits veröffentlichten Artikel diejenigen herauszufiltern, die von RCTs berichten und für zukünftige systematische Reviews besonders wichtig sein könnten. Dafür sind ein solides Leseverständnis in Englisch gefragt und die Bereitschaft zu lernen, wie einige wesentliche Studientypen unterschieden werden.

Cochrane Crowd: Plattform für Citizen Scientists

Konkret sieht das so aus: Die Plattform Cochrane Crowd enthält aktuell eine große Menge an unsortierter Referenzen inklusive Titel und das Abstract aus der Datenbank EMBASE. Die Citizen Scientists sichten diese kurzen Texte und entscheiden, ob es sich dabei um einen RCT handelt, die Referenz also für eine mögliche Aufnahme in CENTRAL geeignet ist.

Eine spielerische Anleitung erklärt, wie die RCTs erkannt und von den vielen weniger interessanten Studien unterschieden werden können, die keine zufällige Zuteilung der Teilnehmer in die Vergleichsgruppen benutzt haben. Dabei gibt es Entscheidungshilfen und einige Testläufe am Anfang. Wer diese erfolgreich absolviert hat, wird auf die echten Referenzen losgelassen. Aber keine Angst: dabei ist niemand alleine. Ein ausgetüftelter Algorithmus legt fest, welches Abstract von wie vielen Reviewern unabhängig voneinander klassifiziert wird und wie viele Klassifizierungen vor Aufnahme in CENTRAL (oder Ausschluss) nötig sind.

Die Citizen Scientists können bequem zuhause am Computer oder unterwegs am Smartphone so viele oder wenige Abstracts sichten wie sie wollen. Das Ganze funktioniert auch offline. Mit hinterlegten Suchwörtern können dazu auch eigene Interessenschwerpunkte festgelegt werden. Auch wenn jede(r) nur wenige Klassifizierungen vornimmt, kommt insgesamt eine ansehnliche Anzahl zusammen.

Eine Million – ein hochgestecktes Ziel

Schon zehn Minuten Mitarbeit am Tag, zum Beispiel am Morgen im Bus, bringen das gesamte Projekt weiter. Seit Beginn haben bereits fast 4000 Menschen aus 88 Ländern zu Cochrane Crowd beigetragen. Jetzt nähert sich Cochrane Crowd dem Meilenstein von einer Million einzelnen Klassifizierungen!

Um diese magische Grenze noch in diesem Jahr zu knacken, startet am 19. Dezember um 11 Uhr MEZ ein sogenannter Challenge. In den folgenden 48 Stunden sollen so viele Klassifizierungen wie möglich vorgenommen werden. Alles wird genau gezählt und für jede neue macht Cochrane eine Spende an Ärzte ohne Grenzen oder UNICEF in Großbritannien. Es gibt also gleich mehrere Gründe zum Mitmachen!

Wir hoffen, die Server sind auf den Ansturm vorbereitet…

Text: Stephanie Heyl und Erik von Elm

Die Geschichte hinter dem Cochrane-Logo

Tue, 11/22/2016 - 12:46

Das Cochrane-Logo spiegelt die Ergebnisse eines Systematischen Cochrane Reviews mit Kultcharakter wider. In dem Review von 1989 ging es um die Frage, ob die Reifung der Lungen bei Frühgeborenen durch die Gabe von Kortikosteroiden unterstützt werden kann. Ein findiger Cartoonist kreierte aus den Studienergebnissen ein prägnantes Logo.

Beauftragt wurde der Cartoonist David Mostyn vor 24 Jahren von Iain Chalmers, einem britischen Arzt, Gesundheitsforscher und einem der Gründer der ursprünglichen Cochrane Collaboration. Anlass war die Eröffnung des britischen Cochrane Zentrums. Mostyn arbeitete sich durch einen systematischen Review von Patricia Crowley in dem die Wirksamkeit der pränatalen Gabe von Kortikosteroiden auf die Sterblichkeit bei Frühgeborenen untersucht wurde.
Bei Frühgeborenen kommt es häufig zu Atembeschwerden, da (unter anderem) ihre Lungen oft noch nicht vollständig ausgereift sind. Man vermutete damals, dass die Überlebenschancen von Frühgeborenen erhöht werden können, wenn der Mutter kurz vor der Geburt intravenös ein Kortikosteroid verabreicht wird, das die Lungenreifung ihres Kindes fördern kann. Deshalb analysierte Crowley 1989 Studien zum Thema, die bereits von 1972 bis 1981 durchgeführt worden waren, aber jeweils verschiedene Schlussfolgerungen zogen. Crowley’s Gesamtergebnis (Metaanalyse) zeigte dann, dass die Sterblichkeit von Frühgeborenen durch Kortikosteroidgabe um 30-50 Prozent verringert werden konnte. Mehreren Tausend Frühgeborenen hätte diese Behandlung also das Leben gerettet, wäre dieser Review früher durchgeführt und seine Schlussfolgerung  konsequent umgesetzt worden.

Der Cartoonist Mostyn abstrahierte Crowleys wissenschaftliche Darstellung der Ergebnisse der Metaanalyse und umrandete sie mit den Initialen der Cochrane Collaboration. Die horizontalen Balken stehen jeweils für das Ergebnis einer einzelnen Studie, die in die Metaanalyse einfloss und die statistisch mit allen anderen Studien kombiniert wurde. Je länger die Linie jeder einzelnen Studie, desto ungenauer ist ihr Ergebnis. Die Raute ganz unten symbolisiert das Gesamtergebnis dieser Metaanalyse. Die vertikale Linie hilft die Ergebnisse zu interpretieren: alle Studienergebnisse, die eindeutig links dieser Linie liegen bedeuten (per Definition), dass die pränatale Gabe von Kortikosteroiden die Sterblichkeit bei Frühgeborenen senkt. Studien, die die Linie schneiden, konnten keine eindeutigen Schlüsse ziehen, lieferten aber wertvolle Daten für das Gesamtergebnis, das ebenfalls eindeutig links der Linie liegt. Das bedeutet, dass die Studienergebnisse insgesamt zeigen, dass die Gabe von Kortikosteroiden wirksam ist und die Sterblichkeit bei Frühgeborenen senkt. (Wäre das Logo spiegelverkehrt würde das – in diesem Fall – bedeuten, dass die Kortikosteroidgabe die Sterblichkeit nicht senkt im Vergleich zu keinem oder einem anderen Medikament.)

Seit den 1990ern wurden vermehrt Kortikosteroide zur Lungenreifung bei Frühgeburten eingesetzt, was seither vermutlich schon Tausenden Babys das Leben gerettet hat oder sie zumindest vor Komplikationen bewahren konnte. Die Ergebnisse der ursprünglichen Metaanalyse wurden 2006 unter Einbeziehung von neueren Studien von Roberts und Dalziel bestätigt (hier geht’s zur aktualisierten deutschen Zusammenfassung). Allerdings ist nichts in Stein gemeißelt und die aktuelle Evidenzlage scheint sich zu ändern: für Länder mit schwachen Einkommen beispielsweise empfiehlt die WHO heutzutage Kortikosteroidgabe nur unter bestimmten Voraussetzungen wie beispielsweise einer ausreichend ausgestatteten Neugeborenenpflege. Mehr dazu gibt‘s in einem der nächsten Beiträge.

Text: Stephanie Heyl, red.

Greifen nationale Maßnahmen gegen zu hohen Salzkonsum?

Wed, 11/09/2016 - 09:54

In nahezu allen Ländern essen die meisten Menschen zu viel Salz. Ein zu hoher Salzkonsum ist ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere für Schlaganfall. Die moderate Senkung der Salzzufuhr wäre ein wichtiger Beitrag zur Prävention von Bluthochdruck und seiner Folgekrankheiten.

Wenn wir angesehenen Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) glauben, sind 5 bis 6 Gramm Salz am Tag genug. In den reichen Ländern wird aber im Schnitt fast doppelt so viel konsumiert. Laut einer Metaanalyse, die im British Medical Journal veröffentlicht wurde, steigt mit höherer Salzaufnahme das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten: pro fünf Gramm Salz zusätzlich pro Tag steigt das Risiko einen Schlaganfall zu erleiden um 23 Prozent. Der Studie zufolge könnten durch eine Reduktion des täglichen Salzkonsums um fünf Gramm weltweit jährlich 1,25 Millionen Schlaganfälle verhindert werden.

Verstecktes Salz in Lebensmitteln

Aber es ist nicht so einfach, den Konsum von Salz zu senken, denn es ist oft in Fertigprodukten versteckt und nur unzureichend deklariert. Entweder wir essen gerne Speisen, die besonders salzig sind, oder solche mit relativ geringem Salzgehalt, dafür aber in großen Mengen. So stammt ein Viertel des täglich aufgenommenen Salzes in Deutschland aus Brot, gefolgt von Fleisch- und Wurstwaren, Käse und Milchprodukten. Das Robert Koch Institut (RKI) hat bundesweit die Natrium-Ausscheidung von etwa 7.000 Personen zwischen 18 und 79 Jahren gemessen und daraus, sowie aus Befragungsdaten, die individuelle Salzzufuhr berechnet. Laut dieser Studie nehmen Frauen täglich durchschnittlich 8,4 Gramm und Männer 10 Gramm Salz zu sich. Etwa drei bis fünf Gramm zu viel.

Helfen Initiativen bei der Salzreduktion?

Um die Salzmenge in der Nahrung zu reduzieren, haben Regierungen und Organisationen verschiedener Länder Maßnahmen entwickelt, die auf Bevölkerungsebene wirksam sein sollten. Ein Cochrane-Review bietet nun erstmals eine Übersicht zur Wirksamkeit dieser Initiativen. Ein Team kanadischer und australischer Autoren und Autorinnen suchte nach Studien und Forschungsberichten in elektronischen Datenbanken bis Januar 2015. Zehn Studien mit insgesamt 64.798 teilnehmenden Personen lieferten genügend Daten für quantitative Analysen. Manche der zehn Länder verfolgten nur eine, andere mehrere Initiativen zur Senkung des Salzkonsums. So organisierte Japan eine öffentliche Gesundheitskampagne und England fuhr mehrgleisig etwa durch überarbeitete Angaben auf Lebensmittelpackungen oder Beschränkungen bei der Vermarktung für Kinderprodukte.

Durchwachsene Ergebnisse

In China, Frankreich, Irland, England und Finnland konnte eine Abnahme des Salzkonsums nach der Intervention festgestellt werden. In Kanada und der Schweiz kam es sogar zu einer vermehrten Salzaufnahme, und in Österreich, den Niederlanden und den USA konnte keine Veränderung festgestellt werden. Interessant war, dass in den Ländern, die auf mehrere Interventionen gleichzeitig setzten, mit vier von sieben Ländern mehr als die Hälfte einen Erfolg verbuchen konnte. Dort, wo Frauen und Männer getrennt analysiert wurden, zeigte sich bei den Männern eine deutlichere Abnahme des Salzkonsums durch die Intervention als bei den Frauen.

Bewertung der Wirksamkeit schwierig

Aufgrund der hohen Heterogenität der eingeschlossenen Studien war es nicht möglich ein Ergebnis über alle Studien hinweg zu berechnen. Daher lässt sich keine pauschale Schlussfolgerung ableiten. Aus diesem Grund wird in diesem Review die Qualität der Evidenz als niedrig eingestuft. Insgesamt betrachtet, zeigen die Ergebnisse aber, dass durch Regierungen veranlasste Maßnahmen das Potential haben, bevölkerungsweit eine Reduktion des Salzkonsums zu bewirken. Dies gilt vor allem für Männer und wenn mehr als eine Maßnahme parallel angewandt werden. Wichtig war, dass eine Intervention dabei direkt am Produkt selbst ansetzte, etwa durch einen geringeren Salzgehalt oder durch Deklaration auf der Verpackung. Die Deutsche Hochdruckliga (DHL) fordert beispielsweise eine Kennzeichnung von verstecktem Salz in Lebensmitteln mit Ampelfarben: Rot symbolisiert viel, Grün wenig enthaltenes Salz. So hätte jeder Verbraucher eine Chance, seinen Salzkonsum und damit auch sein Krankheitsrisiko zu senken.

Text: Stephanie Heyl
Bildnachweis: SteFou! CC BY 2.0

Hier geht´s zum Cochrane Review:
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD010166.pub2/full

Können Kompressionsstrümpfe eine tiefe Venenthrombose auf Flugreisen verhindern?

Thu, 11/03/2016 - 11:11

Etwa 90 Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben Veränderungen an den Beinvenen, weniger als ein Drittel sind deswegen in Behandlung. Von einer tiefen Venenthrombose (TVT) sind ungefähr 0,1 Prozent der Allgemeinbevölkerung betroffen, wobei die Häufigkeit in Abhängigkeit von Alter, ethnischer Herkunft und zahlreichen Risikofaktoren stark schwanken kann.

Eigentlich ist die Entstehung eines Blutgerinnsels (Thrombus) ein Schutzmechanismus des Körpers. Die Blutgerinnung schützt den Organismus etwa nach einer Verletzung vor dem Verbluten, indem das Gerinnungssystem die Wunde verschließt. In den Blutgefäßen dagegen soll das Blut jedoch gut strömen und nicht verklumpen. Entsteht dort ein Thrombus, kann das lebensgefährliche Folgen wie beispielsweise eine Lungenembolie haben. Grundsätzlich sind Thrombosen in allen Blutgefäßen möglich, sie treten jedoch in den tiefen Beinvenen am häufigsten auf.

Das Risiko einer Thrombose steigt bei erhöhter Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Eine veränderte Zusammensetzung oder niedrigere Fließgeschwindigkeit des Blutes, aber auch Schäden an der inneren Gefäßwand können die Klümpchenbildung im Blut begünstigen. Neben Flüssigkeitsmangel, der Einnahme von Kontrazeptiva, sowie dem Rauchen ist auch mangelnde Bewegung – zum Beispiel langes Sitzen – ein bedeutender Risikofaktor für Thrombosen. Die Symptome sind meist Schmerzen und Schwellungen am Knöchel oder Unterschenkel, wobei auch Rot- oder Blaufärbungen der Haut auftreten können. Bildet sich ein Blutgerinnsel in einer tieferen Beinvene (tiefe Venenthrombose, TVT) so kann diese entweder mit oder ohne Symptome einhergehen.

Behandlung mit Medikamenten oder Kompressionstherapie

Um zu verhindern, dass ein Thrombus überhaupt entsteht oder größer wird, können Gerinnungshemmer wie Heparin eingenommen werden. Derartige Medikamente bergen allerdings das Risiko von Blutungen, was bei Verletzungen oder chirurgischen Eingriffen lebensgefährlich sein kann. Eine andere Möglichkeit der Vorbeugung sind medizinische Thromboseprophylaxe- oder Kompressionsstrümpfe. Diese sollen die Entstehung von Blutgerinnseln in den Beinen verhindern, indem verschiedene Druckstärken innerhalb des Strumpfs von außen auf verschiedene Stellen des Beins ausgeübt werden. Der vorhandene Druck nimmt wie der Gewebedruck in Richtung Knöchel zu und in Richtung des Herzens ab. Indem das Venen- und Lymphsystem durch den Druck entlastet wird, kann das Blut leichter durch die Gefäße fließen und schneller zurück zum Herzen gelangen, wodurch die Bildung von Thromben verhindert werden soll. Die Bewegung der Beine ist zusätzlich zum Thrombosestrumpf eine wichtige Maßnahme zur Prophylaxe, da die Mobilisierung bei adäquater Kompression den Stillstand des Blutes verhindert und den Rückfluss in der Vene unterstützt. Kompressionsstrümpfe wirken nur als Widerlager für Muskelbewegungen und sollten in aufrechter Haltung getragen werden. Daher sind sie bei immobilen Menschen nur eingeschränkt wirksam.

Hilft der Kompressionstrumpf bei langen Flugreisen?

Unfreiwilliges Liegen nach einer Operation oder langes Sitzen auf Fernreisen können das Risiko einer tiefen Venenthrombose erhöhen. In einem aktualisierten Cochrane-Review sollte der Trage-Effekt von Kompressionsstrümpfen auf die Entstehung einer TVT auf einem mehrstündigen Flug geprüft und bewertet werden. Es wurden elf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 2.906 Teilnehmern in den Review eingeschlossen. In neun Studien an 2.881 Teilnehmern wurden die Auswirkungen des Tragens von druckgraduierten Kompressionsstrümpfen mit denen des Nicht-Tragens verglichen. In acht Studien nahmen Personen teil, die ein geringes bis mittleres Risiko hatten eine TVT zu entwickeln; in zwei Studien hatten die Teilnehmer es ein hohes Risiko. Alle Flüge dauerten mindestens fünf Stunden. Nach dem Flug wurden alle Passagiere behutsam untersucht, um auch solche Probleme der Blutzirkulation in den Beinen zu entdecken, die die Teilnehmer selbst nicht bemerkten.

Unterschiedliche Evidenz

Von 2.637 Probanden entwickelten 50 eine symptomlose TVT, drei davon trugen Kompressionsstrümpfe, 47 nicht. Aufgrund der hohen Qualität der Evidenz in den Studien schlossen die Autoren, dass Flugpassagiere, die auf Langstreckenflügen Kompressionsstrümpfe tragen, deutlich seltener eine symptomlose TVT entwickeln. Hingegen konnte mit moderater Qualität der Evidenz bei 16 von 1.804 Personen eine oberflächliche Venenthrombose (akute Thrombose und Entzündung der oberflächlichen Venen) festgestellt werden, von denen vier mit und 12 ohne Strümpfe unterwegs waren. Die Autoren konnten zudem einen reduzierenden Einfluss von Kompressionsstrümpfen auf die Bildung von Ödemen (Wassereinlagerungen im Zellzwischenraum des Gewebes) erkennen; dieser war jedoch basierend auf sechs Studien mit Evidenz von niedriger Qualität, von denen zwei wegen abweichender Messmethoden nicht in die statistische Auswertung miteinbezogen werden konnten. Niemand starb während der Erhebung der Daten und keiner der Passagiere bekam eine Lungenembolie oder eine TVT mit Symptomen (wie Schmerzen oder Schwellungen). Daher lässt sich die Wirkung des Tragens von Kompressionsstrümpfen auf diese gravierenden Ereignisse nicht beurteilen. Um die Ergebnisse insgesamt besser einordnen zu können, bräuchte es weitere randomisierte Studien mit einer höheren Teilnehmerzahl.

Hier geht’s zum Original Cochrane Review: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD004002.pub3/full

Text: Stephanie Heyl
Bildnachweis: Faisal Akram  CC BY-SA 2.0

Literaturrecherche & Co.: Workshops von Cochrane im deutschsprachigen Raum

Mon, 10/31/2016 - 12:34

Sie wollen Literatur systematisch recherchieren, Reviews erstellen oder Statistik-Programme bedienen? Cochrane Deutschland, Österreich und Schweiz bieten maßgeschneiderte Workshops für Review-Autoren und -Autorinnen und andere Interessierte an.

Die in den Cochrane-Workshops vermittelten Grundlagen befähigen Wissenschaftler dazu, methodisch hochwertige Forschung zu betreiben und Gesundheitsinformationen für Fachpublikum und Öffentlichkeit in der Cochrane Library bereitzustellen.

Cochrane Workshops für alle Schritte der Review-Erstellung

Die Durchführung von sogenannten systematischen Reviews, wie Cochrane sie erstellt, erfolgt in mehreren Schritten: 1.) Zu Beginn muss eine präzise Fragestellung formuliert werden wie beispielsweise: „Kann Vitamin D Asthmaanfällen vorbeugen und/oder die Kontrolle von Asthmasymptomen verbessern?“. 2.) Passend zu dieser Frage wird dann in elektronischen Literatur-Datenbanken nach bereits existierenden klinischen Studien gesucht. 3.) Für die Erstellung des systematischen Reviews müssen die gefundenen Studien dann nach ihrer Eignung bewertet werden. 4.) Die benötigten Daten werden extrahiert und ihre Qualität bewertet. 5.) Letztlich wird je nach Datenlage eine statistische Auswertung durchgeführt, um eine Gesamtaussage über alle eingeschlossenen Studien hinweg treffen zu können.

Um den Autoren und Autorinnen solcher systematischer (und auch anderer) Übersichtsarbeiten Hilfestellung zu geben, bieten Cochrane Deutschland, Österreich und Schweiz Workshops im deutschsprachigen Raum an. Denn nur gut geschulte Autoren und Autorinnen können verlässliche wissenschaftliche Arbeit leisten, die letztlich dazu dienen soll medizinische Entscheidungen im Gesundheitssystem zu verbessern.

Systematische Recherche nach relevanter Literatur

Der Kurs „Systematische Literaturrecherche“, der von Cochrane Deutschland organisiert und durchgeführt wird, richtet sich v.a. an Medizinerinnen, Autoren, medizinische Dokumentare und Bibliothekarinnen, die medizinische Datenbanken (zum Beispiel Medline oder die Cochrane Library) effektiv und systematisch nach Fachliteratur durchsuchen wollen. Der Kurs findet einmal im Frühjahr jeden Jahres in Freiburg im Breisgau statt. Einen ähnlichen Kurs „Literaturrecherche“ bietet auch Cochrane Österreich in Zusammenarbeit mit der Donau-Universität Krems als Grund- und Aufbaukurs im Mai eines jeden Jahres an.

Do it yourself: Nutzen und Erstellen von systematischen Reviews

In den Kursen „Cochrane Reviews: Basiskurs für Autoren“ (Cochrane Schweiz), „Systematische Übersichtsarbeiten“ (Cochrane Deutschland) und „Kritische Bewertung medizinischer Studien“ (Cochrane Österreich) erlernen die Teilnehmerinnen Fertigkeiten, um die Qualität wissenschaftlicher Studien zu bewerten und selbst systematische Übersichtsarbeiten oder Cochrane Reviews durchzuführen.

Grundlagen der medizinischen Statistik

Kenntnisse in medizinischer Statistik (Methode zur Analyse wissenschaftlicher Daten) sind immer notwendig, um einerseits Daten auszuwerten, aber auch um klinische Studien zu verstehen. Hierzu haben Cochrane Österreich, Schweiz und Deutschland verschiedene Workshops geplant, die sich mit Grundlagen der Statistik sowie mit verschiedener Statistiksoftware (zum Beispiel SPSS, Stata oder R) zur Auswertung der erhobenen Studiendaten befassen. Die Kurse richten sich an alle, die Entscheidungen auf Basis wissenschaftlicher Studien treffen oder Forschungsprojekte planen, betreuen und durchführen. Alle Statistik-Kurse finden einmal jährlich statt.

Weitere Workshops zu ähnlichen Themen finden Sie auf den Webseiten von Cochrane Schweiz, Österreich oder Deutschland.

Text: Katharina Kunzweiler