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Updated: 3 hours 28 min ago

Helfen Patienteninformationen gegen unnütze Antibiotikagabe bei Erkältungen?

Thu, 01/12/2017 - 09:46

Bei fiesem Husten und Kratzen im Hals wollen viele Betroffene ein Antibiotikum einnehmen, weil sie denken, dies würde ihnen am besten und am schnellsten helfen. Dass Antibiotika bei Infektionen der oberen Atemwege meist nutzlos sind, wissen die wenigsten. Umso unzufriedener sind viele mit der ärztlichen Behandlung, wenn sie keines bekommen. Was kann man da tun?

Erkältungen mit Husten, Schnupfen, Halsschmerzen und vielleicht auch Fieber können sich bedenklich schlimm anfühlen, sind aber meist relativ harmlos und bessern sich nach ein paar Tagen von selbst. Gewöhnlich lösen Viren diese typischen Symptome aus. Gegen eine virale Infektion dieser Art gibt es keine Medizin, der Körper muss – und kann – sich selbst dagegen wehren.

Erkältete Personen denken oft, ein Antibiotikum könne ihnen helfen schneller wieder auf die Beine zu kommen und bitten in der Arztpraxis darum. Antibiotika sind bei viralen Infektionen allerdings wirkungslos; sie helfen nur gegen bakterielle Infektionen (wie zum Beispiel eine Blasenentzündung). Ärztinnen und Ärzte wissen das, resignieren aber zuweilen vor den Wünschen wehklagender Patienten.

Antibiotikaresistenzen

Das hat katastrophale Folgen: Die falsche Anwendung von Antibiotika führt dazu, dass immer mehr Bakterienstämme unempfindlich dagegen werden und die Antibiotika nicht mehr wirksam gegen sie sind; man spricht von Antibiotikaresistenzen. Zur Resistenzentwicklung trägt unter anderem der massenhafte Einsatz von (Breitband-)Antibiotika bei Menschen und auch in der Tierhaltung bei. Ein weiterer Grund ist das frühzeitige Absetzen von Antibiotika, nachdem die ersten Krankheitssymptome sich gebessert haben. Viele durch Bakterien verursachte Krankheiten, die man noch vor wenigen Jahrzehnten gut mit Antibiotika behandeln konnte, lassen sich deshalb inzwischen nur noch schwer behandeln. Das gilt vor allem für Infektionen, die man sich im Krankenhaus zuziehen kann, beispielsweise Lungenentzündungen und Blutvergiftungen (Sepsis).

Viele Patienten und Patientinnen sind sich dieser Konsequenzen nicht bewusst. Damit sie nicht denken, ihnen würde eine wirkungsvolle Behandlung verwehrt, wenn sie bei einer Erkältung kein Antibiotikum verschrieben bekommen, ist eine verständliche Aufklärung wichtig. Weil es für Laien aber nicht einfach ist, den Unterschied zwischen Viren und Bakterien und die Wirkungsweise von Antibiotika zu verstehen, braucht es oft mehr als eine kurze Erklärung in der Sprechstunde. Patienteninformationen wie diese vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln können bei der Aufklärung helfen.

Was sagt die Evidenz?

Ob solche Patienteninformationen tatsächlich die Häufigkeit der Antibiotikaverordnungen bzw. -einnahmen bei Infektionen der oberen Atemwege senken, hat ein britisch-australisches Team in einem Cochrane Review untersucht. Es fand in der medizinischen Fachliteratur zwei randomisierte kontrollierte Studien aus Großbritannien und Kentucky, USA. An beiden Studien nahmen Eltern von Kindern mit akuter Infektion der oberen Atemwege teil, die in zwei oder mehr Vergleichsgruppen zufällig eingeteilt wurden, die entweder Informationsmaterial erhielten oder nicht.

Weniger Antibiotika und trotzdem zufrieden

Ein achtseitiges Informationsheftchen, dessen Inhalt den Eltern zusätzlich vom Arzt erklärt wurde, führte dazu, dass die Antibiotikaeinnahme der Kinder von 42% auf 22% sank, ohne dass die Eltern mit der Behandlung unzufriedener gewesen wären oder öfter wegen der gleichen Erkrankung erneut in die Sprechstunde kamen. Die Qualität der Evidenz dieser britischen Studie bewertete das Reviewer-Team allerdings nur als „moderat“, weil unter anderem die Ärzte und Ärztinnen speziell darin trainiert waren den Eltern den Inhalt des Heftchens zu erklären. Daher sind die Studienergebnisse nicht uneingeschränkt verallgemeinerbar und künftige Studien müssten zum Beispiel mit Ärzten und Ärztinnen ohne vorheriges Training durchgeführt werden. Ergebnisse aus solchen Studien würden vermutlich zeigen, dass die Antibiotikaeinnahme nicht so stark reduziert wird.

Kombinierte man die Ergebnisse beider Studien zeigte sich, dass schriftliche Informationen auch insgesamt die Häufigkeit von Antibiotikaverschreibungen für erkältete Kinder senkten (41% im Vergleich zu 20 %). Hier bewerteten die Review-Autoren die Qualität der Evidenz gar als „niedrig“, was bedeutet, dass weitere Forschung sehr wahrscheinlich einen gewissen Einfluss auf die Häufigkeit der Antibiotikaverschreibungen haben wird.

Informationen schaffen Bewusstsein

Die Ergebnisse dieses Cochrane Reviews erlauben keine abschließenden Schlussfolgerungen über die beste Art der Patientenaufklärung. Es ist aber unbestritten, dass die Bereitstellung von Information für Patienten und Patientinnen (aber auch für Ärztinnen und Ärzte) wichtig ist, um ein Bewusstsein für das stetig wachsende Problem der Antibiotikaresistenzen zu schaffen. Aufklärung ist auch meist in den Strategien festgeschrieben, die immer mehr Länder der Welt entwickeln um der Resistenzproblematik entgegenzuwirken. Auch Deutschland (Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie DART), Österreich (Nationaler Aktionsplan zur Antibiotikaresistenz NAP-AMR) und die Schweiz (Nationale Strategie Antibiotikaresistenzen StAR) setzen in ihren nationalen Strategien unter anderem auf Information und Aufklärung.

Valérie Labonté

Bildnachweis: Tim Reckmann, Tabletten mit Rezept CC BY-NC-SA 2.0

Hier geht’s zum Cochrane Review: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD011360.pub2/full#CD011360-bbs1-0002

Gedächtnisstörungen nach einem Schlaganfall: hilft die kognitive Rehabilitation?

Mon, 01/02/2017 - 10:58

Beim Stichwort Schlaganfall denken viele zuerst an Lähmungen. Aber neben den körperlichen Fähigkeiten können auch die kognitiven Fähigkeiten stark beeinträchtigt sein. Ein Cochrane-Review hat untersucht, wie wirksam Maßnahmen zur Rehabilitation des Gedächtnisses nach einem Schlaganfall sind.

Plötzlich bleibt ein Blutgerinnsel irgendwo in einer kleinen Ader des Gehirns stecken und führt zu einer Minderdurchblutung, durch die Gehirnzellen absterben können. Oder ein kleines Blutgefäß im Gehirn platzt und es kommt zu einer Blutung. Beide Ereignisse nennt man landläufig Schlaganfall. Die Symptome treten „wie auf einen Schlag“ auf: ein Taubheitsgefühl oder eine Lähmung in Gesicht, Armen oder Beinen oder eine Sprachstörung, Sehen von Doppelbildern oder Probleme bei der Koordination. In den Industrieländern ist der Schlaganfall zudem die dritthäufigste Todesursache nach Herzerkrankungen und Krebs. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Schlaganfälle für rund 6 % aller Todesfälle verantwortlich. Wird ein Schlaganfall jedoch rechtzeitig erkannt und behandelt, können sich die Symptome zurückbilden. Auch im höheren Alter ist das Gehirn flexibel genug um durch gezieltes Training zu lernen und betroffene Funktionen ganz oder teilweise zurückzugewinnen.

Gedächtnis-Rehabilitation als Therapie

Wenig bekannt ist, dass die Betroffenen neben den körperlichen auch mit kognitiven Beschwerden wie Gedächtnisproblemen und Stimmungsschwankungen zu kämpfen haben. Auch Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit ähnlich wie bei Demenzerkrankungen kommen vor. Das kann zu vielen Schwierigkeiten im alltäglichen Leben führen und die Betroffenen abhängig von der Hilfe durch Angehörige oder Pflegende machen. Dabei hängen die Art und das Ausmaß der Gedächtnisbeeinträchtigung vom Schweregrad der Hirnschädigung, dem Alter und dem vorherigen Gesundheitszustand ab. Bei Schlaganfallpatienten werden kognitive Rehabilitationsprogramme eingesetzt, in denen beispielsweise Gedächtnisübungen gemacht oder Merksprüche eingeübt werden, um die Gedächtnisleistungen zu verbessern.

Ein neuer Cochrane-Review prüft die Wirksamkeit kognitiver Rehabilitation bei Menschen, die nach einem Schlaganfall von Gedächtnisproblemen betroffen sind. Die Autoren fanden 13 Studien mit insgesamt 514 Teilnehmern, deren Durchschnittsalter zwischen 31 und 68 Jahren lag und die entweder zuhause oder im Krankenhaus behandelt wurden. Die Patienten nahmen entweder einzeln oder in Gruppen an den Übungen teil und erhielten in einem Zeitraum von zwei bis zehn Wochen verschiedene Arten von Gedächtnistraining. Dabei wurde jede Form von Therapie, die die Gedächtnisfunktion verbessern könnte, als Gedächtnis-Rehabilitation eingestuft. Bei „internen“ Hilfestellungen stand das Erlernen von Eselsbrücken, Sprechübungen und bildlichen Vorstellungen im Vordergrund. „Externe“ Hilfsmittel wie Tagebücher oder Kalender sollten beim Erinnern und beim Abrufen von Information helfen. In den Kontrollgruppen bekamen die Patienten keine solchen gezielten Therapien zur Verbesserung der Gedächtnisleistung, jedoch verschiedene andere Reha-Maßnahmen.

Um herauszufinden, ob die Teilnehmer mit der Reha bessere Ergebnisse erzielten als die jeweilige Kontrollgruppe, benutzten die Forscher subjektive Bewertungen und objektive Messungen der Gedächtnisfunktionen. So wurden sowohl kurz- wie auch langfristige Wirkungen auf die Gedächtnisleistung, funktionelle Fertigkeiten, die Stimmung und die Lebensqualität betrachtet.

Wirkung kurzfristig und nicht objektiv messbar

Im Vergleich zu den Kontrollgruppen war die Verbesserung der subjektiven Gedächtnisleistung mit der Reha nur kurzfristig – etwa in den ersten vier Wochen nach der Behandlung – nachweisbar. Es gab keine ausreichende Evidenz, dass diese Verbesserung länger anhielt zum Beispiel wenn die Studienteilnehmer nach drei Monaten oder später erneut befragt wurden. Die Review-Autoren fanden keine signifikante kurz- oder langfristige Wirkung auf objektive Gedächtnistests oder funktionelle Fertigkeiten. Auch schien es keine Verbesserungen bezüglich Unabhängigkeit im alltäglichen Leben, Stimmung oder Lebensqualität der Betroffenen zu geben. Der Nutzen von Gedächtnis-Rehabilitation nach einem Schlaganfall war also, wenn überhaupt, nur subjektiv vorhanden und nicht von Dauer. Dies heißt nun nicht, dass in der Rehabilitation von Menschen nach einem Schlaganfall nicht auch versucht werden sollte, vorhandene Gedächtnisprobleme anzugehen. Leider war die Anzahl und Qualität der bisherigen randomisiert-kontrollierten Studien in diesem Bereich jedoch nicht ausreichend, um eine klare evidenzbasierte Empfehlung auszusprechen.

Text: Stephanie Heyl und Erik von Elm

Hier geht´s zum Cochrane Review: http://www.cochrane.org/CD002293/STROKE_cognitive-rehabilitation-memory-deficits-after-stroke

Umfassende gesetzliche Rauchverbote schützen Nichtraucher

Wed, 12/28/2016 - 12:24

Eine Zigarette oder Zigarre nach dem Festmahl gehört für viele zu einem gelungenen Festabend dazu. Auch wenn es gemütlich ist drinnen bei den Liebsten zu rauchen, sollte man sich überlegen doch lieber vor die Tür zu gehen. Denn Passivrauch schadet der Gesundheit von Nichtrauchern – ob groß oder klein.

Auch wenn über 70 Prozent der Deutschen nicht rauchen, sind viele Menschen durch Passivrauch gefährdet. Dieser birgt nämlich erhebliche gesundheitliche Gefahren. Daher ist ein (gesetzlicher) Nichtraucherschutz wichtig. Vor allem, weil Rauchen das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko darstellt.
Erfreulich ist, dass im deutschsprachigen Raum ein deutlicher Trend zum Nichtrauchen über alle Altersgruppen hinweg erkennbar ist. Am stärksten ist dieser Trend bei Kindern und Jugendlichen: Nur noch zehn Prozent der 12- bis 17-Jährigen greifen aktuell regelmäßig zum Glimmstängel. Vor 20 Jahren waren es fast dreimal so viele.

Eher unerfreulich ist hingegen die Tatsache, dass 2014 jede fünfte Person über 15 Jahre in der EU Passivrauch ausgesetzt war. Fast die Hälfte aller Passivraucher sind Kinder. Sie sind unter anderem  wegen ihrer höheren Atemfrequenz besonders von den giftigen Substanzen im Rauch gefährdet.

Laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) sind etwa 90 Stoffe des Zigarettenrauchs krebserregend oder potentiell krebserregend.
Jeder, der den blauen Dunst einatmet, erhöht sein Risiko für Lungenkrebs, und jüngere Frauen wahrscheinlich auch ihr Brustkrebsrisiko. Bei Nichtrauchern erhöht sich durch Passivrauch auch das Risiko für Herzkreislauferkrankungen mit Folgen wie Infarkten und Schlaganfällen, wenn auch nicht so gravierend wie bei Aktivrauchern.

Weltweit sterben ca. sechs Millionen Menschen an den Folgen des Rauchens. Geschätzte weitere 331.000 Menschen sind Opfer der Passivrauchfolgen, berichtete das Fachmagazin Lancet in einer Studie von 2015. Die Europäische Union schätzte die Anzahl der Todesopfer durch Passivrauch in der EU im Jahr 2007 auf über 200 pro Tag.

Handlungsfreiheit der Raucher nachrangig

Aufgrund des Rechts der Nichtraucher auf körperliche Unversehrtheit kann die allgemeine Handlungsfreiheit von Rauchern sekundär eingeschränkt werden.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz hat jeder Arbeitnehmer und jede Arbeitnehmerin einen Rechtsanspruch auf einen rauchfreien Arbeitsplatz.  Trotzdem darf in Österreich in Restaurants, Bars geraucht werden. Wenn ein Restaurant klein ist, braucht es nicht einmal einen Nicht-Raucherbereich.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz gelten seit einigen Jahren Gesetzte, die dass das Rauchen in öffentlichen Gebäuden, öffentlichen Verkehrsmitteln und Plätzen verbieten.
Primäres Ziel aus Sicht der Gesundheitsvorsorge muss der Schutz des Nichtrauchers vor Gesundheitsschäden sein, ein weiterer wichtiger Aspekt ist aber auch die Schaffung von Möglichkeiten für Raucher, um mit dem Rauchen aufzuhören.

Verbote bieten zugleich das Potential, soziale Werte und Normen bezüglich des Rauchverhaltens zu beeinflussen.

Interventionen zur Reduktion von Umgebungsrauch

In einem aktualisierten Cochrane Review wurde untersucht, welche Wirkung gesetzliche Rauchverbote auf die Gesundheit von Passivrauchern, und das Rauchverhalten aktiver Raucher haben. Die Autoren suchten in Datenbanken und auf Webseiten bis Februar 2015 nach Studien, die die Wirkung des Rauchverbots auf Gesundheitsaspekte und das Rauchverhalten untersuchen. Insgesamt wurden im aktualisierten Review 77 Studien begutachtet, 12 Studien wurden aus einem bestehenden Cochrane Review (2010) übernommen, 65 neue identifiziert.

Rauchverbote können auf lokalem, regionalem oder nationalem Level verhängt werden und sich auch in ihrem Ausmaß unterscheiden. So wurden gesetzliche Komplettverbote in Innenräumen inklusive Bars und Restaurants von den Review Autoren als ‘umfassende Rauchverbote‘ eingestuft; solche Komplettverbote wurden in der Mehrheit der begutachteten Studien untersucht (n=nicht berichtet). Solche, die das Rauchen in bestimmten Bereichen erlaubten, wurden als ‘partielle Rauchverbote‘ eingestuft (18 Studien).

In 42 Studien wurden Krankenhausdaten analysiert, um die Aufnahme- und Entlassungszahlen bestimmter Jahrgänge in verschiedenen Ländern zu untersuchen. Elf Studien verwendeten länderspezifische Umfragen bezüglich aktiver Rauchexposition in der Bevölkerung und vier Studien setzten passive Rauchexposition am Arbeitsplatz in Zusammenhang mit Gesundheitsergebnissen.

Was bringts?

Insgesamt zeigt sich ein Trend, dass insbesondere die Einführung von umfassenden Rauchverboten zur Reduktion von rauchbedingten kardiovaskulären Krankheiten und Todesfällen und somit zu verbesserter Gesundheit führt. Wurde nur ein partielles Verbot untersucht, waren die Ergebnisse nicht so deutlich. Interessant: Bei einer längeren Nachbeobachtung nach Einführung der Rauchverbote, stellen die Autoren fest, dass die positiven Gesundheitsergebnisse entweder konstant blieben oder sich sogar noch verbesserten.
Derartige Rauchverbote beziehen sich natürlich nur auf den öffentlichen Raum. Zuhause muss jeder und jede selbst Lösungen für ein gesundes Raumklima finden. Ein bisschen unverqualmte Luft wäre aber auf jeden Fall eine origineller Vorsatz für das neue Jahr.

Text: Stephanie Heyl

Hier geht´s zum Cochrane Review:  http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD005992.pub3/abstract;jsessionid=8E5062F7D039A671BFCC4C6A331D728B.f04t02

 

Cochrane Reviews informieren 90% der WHO Leitlinien

Mon, 12/19/2016 - 08:30

WHO Leitlinien dienen weltweit als Entscheidungshilfen in der gesundheitlichen Versorgung und tragen damit zu guten gesundheitspolitischen Entscheidungen und optimaler Therapie und mehr Sicherheit im klinischen Alltag bei. In viele dieser Leitlinien fließt Evidenz aus systematischen Reviews von Cochrane ein.

Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist „Gesundheit für alle“. Dies hat die WHO in ihrer gleichnamigen Strategie festgehalten und in kleinere, konkrete Schritte eingeteilt. Dazu gehören beispielsweise die Reduktion von verschiedenen Krankheiten, eine gesunde Umwelt oder adäquate Gesundheitsversorgung.

Die Entscheidungen, wie diese Ziele tatsächlich erreicht werden sollen, müssen durch wissenschaftliche Evidenz aus Studien gestützt werden, die darüber informiert, welche Maßnahmen erfolgsversprechend sind, und welche eher nicht.

Wissensexplosion

Jeden Tag erscheinen aber Unmengen an neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. In „PubMed“ – einer der wichtigsten Literaturdatenbanken der Medizin – werden jedes Jahr allein über 20.000 randomisierte, kontrollierte Studien gelistet und es werden jährlich mehr. All jene, die Antworten auf Fragen suchen, haben es deshalb schwer: Wie den Überblick behalten? Welchen Informationen trauen?

Systematische Reviews, wie sie von Cochrane Autoren erstellt werden, können Struktur in die Informationsflut bringen. Reviews fassen alle Studien zu einer gemeinsamen klinischen oder gesundheitsrelevanten Fragestellung zusammen, kombinieren die Ergebnisse aus Einzelstudien zu einem Gesamtergebnis (sog. Metaanalyse) und beurteilen, wie verlässlich dieses Gesamtergebnis ist.

Auf Basis solcher systematischen Reviews ist es viel leichter einen Überblick über die verfügbare Evidenz zu erhalten und die Wirksamkeit und Risiken von Maßnahmen einzuschätzen. Reviews sortieren praktisch die Evidenz. So bilden sie die Grundlage für Leitlinien, die konkrete Handlungsempfehlungen aussprechen.

Die Arbeit von Cochrane findet international Beachtung: einen Großteil der WHO Leitlinien bezieht sich auf Evidenz aus Cochrane Reviews. Somit beeinflussen Cochrane Reviews weltweit Gesundheitspolitik und Behandlungspraxis.

90% der WHO Leitlinien enthalten Cochrane Evidenz

Der Anteil der WHO Leitlinien, die Cochrane Reviews bei der Entwicklung verwendet hat, erreicht einen neuen Rekord. War bis 2015 bereits in 75% der WHO Leitlinien Cochrane Evidenz enthalten, ist der Anteil seit diesem Jahr sogar bei 90%. Bis zum 26. September 2016 wurden 474 Cochrane Reviews für 160 WHO Leitlinien (und für andere evidenzbasierte Empfehlungen) verwendet, die zwischen den Jahren 2008 und 2016 veröffentlicht wurden. 14 dieser 160 WHO Leitlinien haben sogar mehr als 10 Cochrane Reviews bei ihrer Erstellung verwendet.

Leitlinien: Entscheidungshilfen für eine bessere Versorgung und mehr Sicherheit

Systematisch entwickelte Leitlinien sind eine große Hilfe für Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Sie helfen, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern, da sie bei speziellen Fragestellungen und/oder Krankheiten praxisorientierte und aktuelle Informationen zur Behandlung und Entscheidungsfindung liefern. Sie unterstützen rationale Entscheidungen unter Einbezug von Patientenpräferenzen und vorhandenen Ressourcen. Obwohl Leitlinien nicht verbindlich sind, sind sie ein vielgenutztes Tool.

Evidenzbasierte Leitlinien fördern auch die Transparenz der medizinischen Entscheidung, indem sie nach einem definierten Vorgehen entwickelt werden. In die Entwicklung einer Leitlinie sind idealerweise Experten aus verschiedenen Fachbereichen und Regionen, sowie Patienten mit eingebunden. Nicht selten werden Leitlinien auch für einen bestimmten geographischen Kontext oder für eine bestimmte Personengruppe, beispielsweise ältere Personen oder Kinder.

Text: K. Sauer

Cochrane Crowd: Mitmachen erwünscht!

Mon, 12/12/2016 - 09:53

Sie messen die Temperatur von Flüssen, kartografieren die Ausbreitung von eingeschleppten Pflanzenarten oder befragen Bauern nach ihrer Mundart. Der neue Trend heisst Citizen
Science, zu Deutsch: Bürgerwissenschaft.

Manche Projekte werden von engagierten Laien angeregt und durchgeführt, andere werden von Wissenschaftlern geplant, wären aber ohne die
tatkräftige Unterstützung von Laien schlichtweg nicht durchführbar. Bei Cochrane tragen seit März 2014 Citizen Scientists auf einer neuen Online-Plattform zur Identifikation von
randomisierten kontrollierten Studien (kurz: RCTs) bei. Das gleicht der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen, macht aber trotzdem Spass.

Im Hobbykeller selbst Teilchen zu beschleunigen und ein bisschen Antimaterie zu erzeugen, wird wohl auch weiterhin Utopie bleiben. Trotzdem ist es für Laien in vielen Bereichen möglich, eigene
Fragen zu stellen, damit die Forschungslandschaft etwas mitzugestalten oder mit der kostbaren Ressource Zeit ein sinnvolles Projekt zu unterstützen. Ganz nebenbei trägt das auch zu einer
Demokratisierung des Wissenschaftsbetriebs bei.

Seit der Zugang zum Internet in unseren Breiten von fast überall möglich ist, wird auch die Mitarbeit in Forschungsprojekten immer einfacher und findet so ausserhalb der „Elfenbeintürme“ der akademischen Wissenschaft statt.

Die Arbeit von Cochrane wäre ohne die vielen kleinen Beiträge Einzelner ohnehin schwer vorstellbar. Das fängt mit dem Engagement der vielen TeilnehmerInnen in klinischen Studien an. Und geht weiter mit den vielen verschiedenen Schritten, die nötig sind, bis die Daten einer Studie möglichst vollständig erhoben, analysiert und veröffentlicht sind.

Bevor dann – oft Jahre später – ein Autorenteam einen systematischen Review zu einer definierten Fragestellung erstellen kann, muss die vorhandene Forschungsliteratur in elektronischen Datenbanken erfasst und mit Schlagwörtern „suchbar“ gemacht werden. Schon früh wurde bei Cochrane erkannt, dass ein eigenes Register sinnvoll ist, das aus mehreren Quellen mit Angaben zur wissenschaftlichen Literatur gespeist wird und in das nur Referenzen von kontrollierten Vergleichsstudien Eingang finden.

Das Cochrane Central Register of Controlled Trials (kurz: CENTRAL) umfasst heute fast eine Million Referenzen zu solchen Studien. Jeder kann mithelfen, anhand der Titel und Zusammenfassungen (den sogenannten „Abstracts“) der bereits veröffentlichten Artikel diejenigen herauszufiltern, die von RCTs berichten und für zukünftige systematische Reviews besonders wichtig sein könnten. Dafür sind ein solides Leseverständnis in Englisch gefragt und die Bereitschaft zu lernen, wie einige wesentliche Studientypen unterschieden werden.

Cochrane Crowd: Plattform für Citizen Scientists

Konkret sieht das so aus: Die Plattform Cochrane Crowd enthält aktuell eine große Menge an unsortierter Referenzen inklusive Titel und das Abstract aus der Datenbank EMBASE. Die Citizen Scientists sichten diese kurzen Texte und entscheiden, ob es sich dabei um einen RCT handelt, die Referenz also für eine mögliche Aufnahme in CENTRAL geeignet ist.

Eine spielerische Anleitung erklärt, wie die RCTs erkannt und von den vielen weniger interessanten Studien unterschieden werden können, die keine zufällige Zuteilung der Teilnehmer in die Vergleichsgruppen benutzt haben. Dabei gibt es Entscheidungshilfen und einige Testläufe am Anfang. Wer diese erfolgreich absolviert hat, wird auf die echten Referenzen losgelassen. Aber keine Angst: dabei ist niemand alleine. Ein ausgetüftelter Algorithmus legt fest, welches Abstract von wie vielen Reviewern unabhängig voneinander klassifiziert wird und wie viele Klassifizierungen vor Aufnahme in CENTRAL (oder Ausschluss) nötig sind.

Die Citizen Scientists können bequem zuhause am Computer oder unterwegs am Smartphone so viele oder wenige Abstracts sichten wie sie wollen. Das Ganze funktioniert auch offline. Mit hinterlegten Suchwörtern können dazu auch eigene Interessenschwerpunkte festgelegt werden. Auch wenn jede(r) nur wenige Klassifizierungen vornimmt, kommt insgesamt eine ansehnliche Anzahl zusammen.

Eine Million – ein hochgestecktes Ziel

Schon zehn Minuten Mitarbeit am Tag, zum Beispiel am Morgen im Bus, bringen das gesamte Projekt weiter. Seit Beginn haben bereits fast 4000 Menschen aus 88 Ländern zu Cochrane Crowd beigetragen. Jetzt nähert sich Cochrane Crowd dem Meilenstein von einer Million einzelnen Klassifizierungen!

Um diese magische Grenze noch in diesem Jahr zu knacken, startet am 19. Dezember um 11 Uhr MEZ ein sogenannter Challenge. In den folgenden 48 Stunden sollen so viele Klassifizierungen wie möglich vorgenommen werden. Alles wird genau gezählt und für jede neue macht Cochrane eine Spende an Ärzte ohne Grenzen oder UNICEF in Großbritannien. Es gibt also gleich mehrere Gründe zum Mitmachen!

Wir hoffen, die Server sind auf den Ansturm vorbereitet…

Text: Stephanie Heyl und Erik von Elm

Die Geschichte hinter dem Cochrane-Logo

Tue, 11/22/2016 - 12:46

Das Cochrane-Logo spiegelt die Ergebnisse eines Systematischen Cochrane Reviews mit Kultcharakter wider. In dem Review von 1989 ging es um die Frage, ob die Reifung der Lungen bei Frühgeborenen durch die Gabe von Kortikosteroiden unterstützt werden kann. Ein findiger Cartoonist kreierte aus den Studienergebnissen ein prägnantes Logo.

Beauftragt wurde der Cartoonist David Mostyn vor 24 Jahren von Iain Chalmers, einem britischen Arzt, Gesundheitsforscher und einem der Gründer der ursprünglichen Cochrane Collaboration. Anlass war die Eröffnung des britischen Cochrane Zentrums. Mostyn arbeitete sich durch einen systematischen Review von Patricia Crowley in dem die Wirksamkeit der pränatalen Gabe von Kortikosteroiden auf die Sterblichkeit bei Frühgeborenen untersucht wurde.
Bei Frühgeborenen kommt es häufig zu Atembeschwerden, da (unter anderem) ihre Lungen oft noch nicht vollständig ausgereift sind. Man vermutete damals, dass die Überlebenschancen von Frühgeborenen erhöht werden können, wenn der Mutter kurz vor der Geburt intravenös ein Kortikosteroid verabreicht wird, das die Lungenreifung ihres Kindes fördern kann. Deshalb analysierte Crowley 1989 Studien zum Thema, die bereits von 1972 bis 1981 durchgeführt worden waren, aber jeweils verschiedene Schlussfolgerungen zogen. Crowley’s Gesamtergebnis (Metaanalyse) zeigte dann, dass die Sterblichkeit von Frühgeborenen durch Kortikosteroidgabe um 30-50 Prozent verringert werden konnte. Mehreren Tausend Frühgeborenen hätte diese Behandlung also das Leben gerettet, wäre dieser Review früher durchgeführt und seine Schlussfolgerung  konsequent umgesetzt worden.

Der Cartoonist Mostyn abstrahierte Crowleys wissenschaftliche Darstellung der Ergebnisse der Metaanalyse und umrandete sie mit den Initialen der Cochrane Collaboration. Die horizontalen Balken stehen jeweils für das Ergebnis einer einzelnen Studie, die in die Metaanalyse einfloss und die statistisch mit allen anderen Studien kombiniert wurde. Je länger die Linie jeder einzelnen Studie, desto ungenauer ist ihr Ergebnis. Die Raute ganz unten symbolisiert das Gesamtergebnis dieser Metaanalyse. Die vertikale Linie hilft die Ergebnisse zu interpretieren: alle Studienergebnisse, die eindeutig links dieser Linie liegen bedeuten (per Definition), dass die pränatale Gabe von Kortikosteroiden die Sterblichkeit bei Frühgeborenen senkt. Studien, die die Linie schneiden, konnten keine eindeutigen Schlüsse ziehen, lieferten aber wertvolle Daten für das Gesamtergebnis, das ebenfalls eindeutig links der Linie liegt. Das bedeutet, dass die Studienergebnisse insgesamt zeigen, dass die Gabe von Kortikosteroiden wirksam ist und die Sterblichkeit bei Frühgeborenen senkt. (Wäre das Logo spiegelverkehrt würde das – in diesem Fall – bedeuten, dass die Kortikosteroidgabe die Sterblichkeit nicht senkt im Vergleich zu keinem oder einem anderen Medikament.)

Seit den 1990ern wurden vermehrt Kortikosteroide zur Lungenreifung bei Frühgeburten eingesetzt, was seither vermutlich schon Tausenden Babys das Leben gerettet hat oder sie zumindest vor Komplikationen bewahren konnte. Die Ergebnisse der ursprünglichen Metaanalyse wurden 2006 unter Einbeziehung von neueren Studien von Roberts und Dalziel bestätigt (hier geht’s zur aktualisierten deutschen Zusammenfassung). Allerdings ist nichts in Stein gemeißelt und die aktuelle Evidenzlage scheint sich zu ändern: für Länder mit schwachen Einkommen beispielsweise empfiehlt die WHO heutzutage Kortikosteroidgabe nur unter bestimmten Voraussetzungen wie beispielsweise einer ausreichend ausgestatteten Neugeborenenpflege. Mehr dazu gibt‘s in einem der nächsten Beiträge.

Text: Stephanie Heyl, red.

Greifen nationale Maßnahmen gegen zu hohen Salzkonsum?

Wed, 11/09/2016 - 09:54

In nahezu allen Ländern essen die meisten Menschen zu viel Salz. Ein zu hoher Salzkonsum ist ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere für Schlaganfall. Die moderate Senkung der Salzzufuhr wäre ein wichtiger Beitrag zur Prävention von Bluthochdruck und seiner Folgekrankheiten.

Wenn wir angesehenen Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) glauben, sind 5 bis 6 Gramm Salz am Tag genug. In den reichen Ländern wird aber im Schnitt fast doppelt so viel konsumiert. Laut einer Metaanalyse, die im British Medical Journal veröffentlicht wurde, steigt mit höherer Salzaufnahme das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten: pro fünf Gramm Salz zusätzlich pro Tag steigt das Risiko einen Schlaganfall zu erleiden um 23 Prozent. Der Studie zufolge könnten durch eine Reduktion des täglichen Salzkonsums um fünf Gramm weltweit jährlich 1,25 Millionen Schlaganfälle verhindert werden.

Verstecktes Salz in Lebensmitteln

Aber es ist nicht so einfach, den Konsum von Salz zu senken, denn es ist oft in Fertigprodukten versteckt und nur unzureichend deklariert. Entweder wir essen gerne Speisen, die besonders salzig sind, oder solche mit relativ geringem Salzgehalt, dafür aber in großen Mengen. So stammt ein Viertel des täglich aufgenommenen Salzes in Deutschland aus Brot, gefolgt von Fleisch- und Wurstwaren, Käse und Milchprodukten. Das Robert Koch Institut (RKI) hat bundesweit die Natrium-Ausscheidung von etwa 7.000 Personen zwischen 18 und 79 Jahren gemessen und daraus, sowie aus Befragungsdaten, die individuelle Salzzufuhr berechnet. Laut dieser Studie nehmen Frauen täglich durchschnittlich 8,4 Gramm und Männer 10 Gramm Salz zu sich. Etwa drei bis fünf Gramm zu viel.

Helfen Initiativen bei der Salzreduktion?

Um die Salzmenge in der Nahrung zu reduzieren, haben Regierungen und Organisationen verschiedener Länder Maßnahmen entwickelt, die auf Bevölkerungsebene wirksam sein sollten. Ein Cochrane-Review bietet nun erstmals eine Übersicht zur Wirksamkeit dieser Initiativen. Ein Team kanadischer und australischer Autoren und Autorinnen suchte nach Studien und Forschungsberichten in elektronischen Datenbanken bis Januar 2015. Zehn Studien mit insgesamt 64.798 teilnehmenden Personen lieferten genügend Daten für quantitative Analysen. Manche der zehn Länder verfolgten nur eine, andere mehrere Initiativen zur Senkung des Salzkonsums. So organisierte Japan eine öffentliche Gesundheitskampagne und England fuhr mehrgleisig etwa durch überarbeitete Angaben auf Lebensmittelpackungen oder Beschränkungen bei der Vermarktung für Kinderprodukte.

Durchwachsene Ergebnisse

In China, Frankreich, Irland, England und Finnland konnte eine Abnahme des Salzkonsums nach der Intervention festgestellt werden. In Kanada und der Schweiz kam es sogar zu einer vermehrten Salzaufnahme, und in Österreich, den Niederlanden und den USA konnte keine Veränderung festgestellt werden. Interessant war, dass in den Ländern, die auf mehrere Interventionen gleichzeitig setzten, mit vier von sieben Ländern mehr als die Hälfte einen Erfolg verbuchen konnte. Dort, wo Frauen und Männer getrennt analysiert wurden, zeigte sich bei den Männern eine deutlichere Abnahme des Salzkonsums durch die Intervention als bei den Frauen.

Bewertung der Wirksamkeit schwierig

Aufgrund der hohen Heterogenität der eingeschlossenen Studien war es nicht möglich ein Ergebnis über alle Studien hinweg zu berechnen. Daher lässt sich keine pauschale Schlussfolgerung ableiten. Aus diesem Grund wird in diesem Review die Qualität der Evidenz als niedrig eingestuft. Insgesamt betrachtet, zeigen die Ergebnisse aber, dass durch Regierungen veranlasste Maßnahmen das Potential haben, bevölkerungsweit eine Reduktion des Salzkonsums zu bewirken. Dies gilt vor allem für Männer und wenn mehr als eine Maßnahme parallel angewandt werden. Wichtig war, dass eine Intervention dabei direkt am Produkt selbst ansetzte, etwa durch einen geringeren Salzgehalt oder durch Deklaration auf der Verpackung. Die Deutsche Hochdruckliga (DHL) fordert beispielsweise eine Kennzeichnung von verstecktem Salz in Lebensmitteln mit Ampelfarben: Rot symbolisiert viel, Grün wenig enthaltenes Salz. So hätte jeder Verbraucher eine Chance, seinen Salzkonsum und damit auch sein Krankheitsrisiko zu senken.

Text: Stephanie Heyl
Bildnachweis: SteFou! CC BY 2.0

Hier geht´s zum Cochrane Review:
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD010166.pub2/full

Können Kompressionsstrümpfe eine tiefe Venenthrombose auf Flugreisen verhindern?

Thu, 11/03/2016 - 11:11

Etwa 90 Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben Veränderungen an den Beinvenen, weniger als ein Drittel sind deswegen in Behandlung. Von einer tiefen Venenthrombose (TVT) sind ungefähr 0,1 Prozent der Allgemeinbevölkerung betroffen, wobei die Häufigkeit in Abhängigkeit von Alter, ethnischer Herkunft und zahlreichen Risikofaktoren stark schwanken kann.

Eigentlich ist die Entstehung eines Blutgerinnsels (Thrombus) ein Schutzmechanismus des Körpers. Die Blutgerinnung schützt den Organismus etwa nach einer Verletzung vor dem Verbluten, indem das Gerinnungssystem die Wunde verschließt. In den Blutgefäßen dagegen soll das Blut jedoch gut strömen und nicht verklumpen. Entsteht dort ein Thrombus, kann das lebensgefährliche Folgen wie beispielsweise eine Lungenembolie haben. Grundsätzlich sind Thrombosen in allen Blutgefäßen möglich, sie treten jedoch in den tiefen Beinvenen am häufigsten auf.

Das Risiko einer Thrombose steigt bei erhöhter Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Eine veränderte Zusammensetzung oder niedrigere Fließgeschwindigkeit des Blutes, aber auch Schäden an der inneren Gefäßwand können die Klümpchenbildung im Blut begünstigen. Neben Flüssigkeitsmangel, der Einnahme von Kontrazeptiva, sowie dem Rauchen ist auch mangelnde Bewegung – zum Beispiel langes Sitzen – ein bedeutender Risikofaktor für Thrombosen. Die Symptome sind meist Schmerzen und Schwellungen am Knöchel oder Unterschenkel, wobei auch Rot- oder Blaufärbungen der Haut auftreten können. Bildet sich ein Blutgerinnsel in einer tieferen Beinvene (tiefe Venenthrombose, TVT) so kann diese entweder mit oder ohne Symptome einhergehen.

Behandlung mit Medikamenten oder Kompressionstherapie

Um zu verhindern, dass ein Thrombus überhaupt entsteht oder größer wird, können Gerinnungshemmer wie Heparin eingenommen werden. Derartige Medikamente bergen allerdings das Risiko von Blutungen, was bei Verletzungen oder chirurgischen Eingriffen lebensgefährlich sein kann. Eine andere Möglichkeit der Vorbeugung sind medizinische Thromboseprophylaxe- oder Kompressionsstrümpfe. Diese sollen die Entstehung von Blutgerinnseln in den Beinen verhindern, indem verschiedene Druckstärken innerhalb des Strumpfs von außen auf verschiedene Stellen des Beins ausgeübt werden. Der vorhandene Druck nimmt wie der Gewebedruck in Richtung Knöchel zu und in Richtung des Herzens ab. Indem das Venen- und Lymphsystem durch den Druck entlastet wird, kann das Blut leichter durch die Gefäße fließen und schneller zurück zum Herzen gelangen, wodurch die Bildung von Thromben verhindert werden soll. Die Bewegung der Beine ist zusätzlich zum Thrombosestrumpf eine wichtige Maßnahme zur Prophylaxe, da die Mobilisierung bei adäquater Kompression den Stillstand des Blutes verhindert und den Rückfluss in der Vene unterstützt. Kompressionsstrümpfe wirken nur als Widerlager für Muskelbewegungen und sollten in aufrechter Haltung getragen werden. Daher sind sie bei immobilen Menschen nur eingeschränkt wirksam.

Hilft der Kompressionstrumpf bei langen Flugreisen?

Unfreiwilliges Liegen nach einer Operation oder langes Sitzen auf Fernreisen können das Risiko einer tiefen Venenthrombose erhöhen. In einem aktualisierten Cochrane-Review sollte der Trage-Effekt von Kompressionsstrümpfen auf die Entstehung einer TVT auf einem mehrstündigen Flug geprüft und bewertet werden. Es wurden elf randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 2.906 Teilnehmern in den Review eingeschlossen. In neun Studien an 2.881 Teilnehmern wurden die Auswirkungen des Tragens von druckgraduierten Kompressionsstrümpfen mit denen des Nicht-Tragens verglichen. In acht Studien nahmen Personen teil, die ein geringes bis mittleres Risiko hatten eine TVT zu entwickeln; in zwei Studien hatten die Teilnehmer es ein hohes Risiko. Alle Flüge dauerten mindestens fünf Stunden. Nach dem Flug wurden alle Passagiere behutsam untersucht, um auch solche Probleme der Blutzirkulation in den Beinen zu entdecken, die die Teilnehmer selbst nicht bemerkten.

Unterschiedliche Evidenz

Von 2.637 Probanden entwickelten 50 eine symptomlose TVT, drei davon trugen Kompressionsstrümpfe, 47 nicht. Aufgrund der hohen Qualität der Evidenz in den Studien schlossen die Autoren, dass Flugpassagiere, die auf Langstreckenflügen Kompressionsstrümpfe tragen, deutlich seltener eine symptomlose TVT entwickeln. Hingegen konnte mit moderater Qualität der Evidenz bei 16 von 1.804 Personen eine oberflächliche Venenthrombose (akute Thrombose und Entzündung der oberflächlichen Venen) festgestellt werden, von denen vier mit und 12 ohne Strümpfe unterwegs waren. Die Autoren konnten zudem einen reduzierenden Einfluss von Kompressionsstrümpfen auf die Bildung von Ödemen (Wassereinlagerungen im Zellzwischenraum des Gewebes) erkennen; dieser war jedoch basierend auf sechs Studien mit Evidenz von niedriger Qualität, von denen zwei wegen abweichender Messmethoden nicht in die statistische Auswertung miteinbezogen werden konnten. Niemand starb während der Erhebung der Daten und keiner der Passagiere bekam eine Lungenembolie oder eine TVT mit Symptomen (wie Schmerzen oder Schwellungen). Daher lässt sich die Wirkung des Tragens von Kompressionsstrümpfen auf diese gravierenden Ereignisse nicht beurteilen. Um die Ergebnisse insgesamt besser einordnen zu können, bräuchte es weitere randomisierte Studien mit einer höheren Teilnehmerzahl.

Hier geht’s zum Original Cochrane Review: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD004002.pub3/full

Text: Stephanie Heyl
Bildnachweis: Faisal Akram  CC BY-SA 2.0

Literaturrecherche & Co.: Workshops von Cochrane im deutschsprachigen Raum

Mon, 10/31/2016 - 12:34

Sie wollen Literatur systematisch recherchieren, Reviews erstellen oder Statistik-Programme bedienen? Cochrane Deutschland, Österreich und Schweiz bieten maßgeschneiderte Workshops für Review-Autoren und -Autorinnen und andere Interessierte an.

Die in den Cochrane-Workshops vermittelten Grundlagen befähigen Wissenschaftler dazu, methodisch hochwertige Forschung zu betreiben und Gesundheitsinformationen für Fachpublikum und Öffentlichkeit in der Cochrane Library bereitzustellen.

Cochrane Workshops für alle Schritte der Review-Erstellung

Die Durchführung von sogenannten systematischen Reviews, wie Cochrane sie erstellt, erfolgt in mehreren Schritten: 1.) Zu Beginn muss eine präzise Fragestellung formuliert werden wie beispielsweise: „Kann Vitamin D Asthmaanfällen vorbeugen und/oder die Kontrolle von Asthmasymptomen verbessern?“. 2.) Passend zu dieser Frage wird dann in elektronischen Literatur-Datenbanken nach bereits existierenden klinischen Studien gesucht. 3.) Für die Erstellung des systematischen Reviews müssen die gefundenen Studien dann nach ihrer Eignung bewertet werden. 4.) Die benötigten Daten werden extrahiert und ihre Qualität bewertet. 5.) Letztlich wird je nach Datenlage eine statistische Auswertung durchgeführt, um eine Gesamtaussage über alle eingeschlossenen Studien hinweg treffen zu können.

Um den Autoren und Autorinnen solcher systematischer (und auch anderer) Übersichtsarbeiten Hilfestellung zu geben, bieten Cochrane Deutschland, Österreich und Schweiz Workshops im deutschsprachigen Raum an. Denn nur gut geschulte Autoren und Autorinnen können verlässliche wissenschaftliche Arbeit leisten, die letztlich dazu dienen soll medizinische Entscheidungen im Gesundheitssystem zu verbessern.

Systematische Recherche nach relevanter Literatur

Der Kurs „Systematische Literaturrecherche“, der von Cochrane Deutschland organisiert und durchgeführt wird, richtet sich v.a. an Medizinerinnen, Autoren, medizinische Dokumentare und Bibliothekarinnen, die medizinische Datenbanken (zum Beispiel Medline oder die Cochrane Library) effektiv und systematisch nach Fachliteratur durchsuchen wollen. Der Kurs findet einmal im Frühjahr jeden Jahres in Freiburg im Breisgau statt. Einen ähnlichen Kurs „Literaturrecherche“ bietet auch Cochrane Österreich in Zusammenarbeit mit der Donau-Universität Krems als Grund- und Aufbaukurs im Mai eines jeden Jahres an.

Do it yourself: Nutzen und Erstellen von systematischen Reviews

In den Kursen „Cochrane Reviews: Basiskurs für Autoren“ (Cochrane Schweiz), „Systematische Übersichtsarbeiten“ (Cochrane Deutschland) und „Kritische Bewertung medizinischer Studien“ (Cochrane Österreich) erlernen die Teilnehmerinnen Fertigkeiten, um die Qualität wissenschaftlicher Studien zu bewerten und selbst systematische Übersichtsarbeiten oder Cochrane Reviews durchzuführen.

Grundlagen der medizinischen Statistik

Kenntnisse in medizinischer Statistik (Methode zur Analyse wissenschaftlicher Daten) sind immer notwendig, um einerseits Daten auszuwerten, aber auch um klinische Studien zu verstehen. Hierzu haben Cochrane Österreich, Schweiz und Deutschland verschiedene Workshops geplant, die sich mit Grundlagen der Statistik sowie mit verschiedener Statistiksoftware (zum Beispiel SPSS, Stata oder R) zur Auswertung der erhobenen Studiendaten befassen. Die Kurse richten sich an alle, die Entscheidungen auf Basis wissenschaftlicher Studien treffen oder Forschungsprojekte planen, betreuen und durchführen. Alle Statistik-Kurse finden einmal jährlich statt.

Weitere Workshops zu ähnlichen Themen finden Sie auf den Webseiten von Cochrane Schweiz, Österreich oder Deutschland.

Text: Katharina Kunzweiler

Cochrane erhält Förderung von 1,15 Millionen US-Dollar

Thu, 10/20/2016 - 08:55

Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung würdigt die Arbeit von Cochrane mit einer Summe von 1,15 Millionen US-Dollar. Mit dem Geld sollen Ergebnisse aus der Gesundheitsforschung aktualisiert, vernetzt und kommuniziert werden.

Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung fördert die globale Entwicklung, Gesundheit und Bildung, insbesondere in einkommensschwachen Ländern. Im Gesundheitssektor beispielsweise liegt der Fokus ihrer Aktivität auf der Bekämpfung von Krankheiten wie AIDS, Malaria und Tuberkulose sowie von Kinderkrankheiten, die in den Industrieländern fast der Vergangenheit angehören. Die Finanzierung der Impfstoffsuche ist ebenso Teil ihrer Hilfe wie die Bereitstellung von Medikamenten. Menschen mit geringen Ressourcen soll geholfen werden, Wege aus der Armut zu finden und eine Chance auf Bildung zu bekommen. Besonders Frauen sollen Hilfe bei Familienplanung und Bildung erhalten.

Evidenzsystem der nächsten Generation

Cochrane hat es sich als Non-Profit-Organisation zur Aufgabe gemacht, evidenzbasierte Gesundheitsinformation weltweit für jeden leicht zugänglich zu machen. Zu diesem Zweck werden systematische Übersichtsarbeiten (Reviews) über klinische und andere Interventionsstudien im Gesundheitsbereich produziert und verbreitet. Hier wird die Förderung der Stiftung helfen, im Rahmen des sogenannten „Next generation evidence systems“ einer immer größer werdenden Datenmenge beizukommen. Das „Next generation evidence system“ fußt auf den Cochrane-Projekten „Linked Data“ und „Project Transform“, deren Ziel insbesondere die Vernetzung von Daten und Informationen und die Zusammenarbeit zwischen Cochrane-Gruppen ist.

„Linked Data“ erlaubt es, Review-Inhalte in wissenschaftlichen Datenbanken zu verknüpfen und mit Metadaten (d.h. mit Informationen, die diese Dokumente beschreiben und klassifizieren) und systematischem medizinischem Fachvokabular zu erweitern. So können Reviews leichter anhand von Schlagworten gefunden und von anderen Expertinnen hinzugefügte Kommentare gleich miterfasst werden. Im „Project Transform“ soll durch Kooperation innerhalb des globalen Netzwerks der Cochrane-Gemeinschaft die Effizienz erhöht werden, aktuelle und hochwertige Studien aufzuspüren und deren Relevanz immer neu zu aktualisieren und abzusichern.

Spezieller Fokus: Mutterschaft und Kindergesundheit

Die Förderung durch die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung soll auch verschiedenen Cochrane-Gruppen zugutekommen, deren Schwerpunkte die Gesundheit von Kindern und Neugeborenen, sowie Schwangerschaft und Geburt sind. Dadurch wird deren Arbeit von September 2016 bis Ende Februar 2017 finanziell unterstützt.

Die Review-Gruppe Child Health repräsentiert vor allem die Belange von Babys, Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 18 Jahren. Ärzten und Ärztinnen sowie Pflegenden, die in der Gruppe mitarbeiten, soll Bildungsförderung zukommen, die es ihnen erlaubt, evidenzfundierte Entscheidungen für die Gesundheit der Kinder zu treffen.

Die Gruppe Pregnancy and Childbirth war die erste überhaupt gegründete von insgesamt 53 Cochrane-Gruppen und erstellt Reviews zu Interventionen während der Schwangerschaft und der Geburt als auch den ersten 30 Tagen nach der Geburt sowie der Stillzeit. Mit einer umfangreichen Datenbank aller randomisierten, kontrollierten Studien soll Ärzten und Ärztinnen, Hebammen, Studierenden und Eltern der rasche Zugang zur besten Evidenz in der Schwangerschaft und darüber hinaus ermöglicht werden. Die Neonatal Group erstellt und verbreitet systematische Reviews zur Wirksamkeit von Therapieeffekten in der neonatalen und perinatalen Medizin.

Mark Wilson, Geschäftsführer von Cochrane zeigte sich „erfreut und geehrt, diese Förderung der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung zu erhalten“ und sieht dies als Bestätigung der strategischen Arbeit von Cochrane.

Text: Stephanie Heyl

Vorräte des Schlangen-Gegengifts FAV-Afrique aufgebraucht – was jetzt?

Mon, 10/17/2016 - 14:30

Schlangenbisse sind in tropischen Gebieten eine häufige Todesursache, gehören aber trotzdem zu den vernachlässigten tropischen Krankheiten. Bis Mitte diesen Jahres gab es das wichtigste Gegengift gegen Schlangenbisse in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara noch: Das von der französischen Pharmafirma Sanofi produzierte FAV-Afrique. Dieses Antiserum ist eins der wenigen Produkte, das die Bisse der zehn gefährlichsten Schlangen südlich der Sahara behandeln kann.

FAV-Afrique ist bezüglich Sicherheit und Wirksamkeit von guter Qualität und rettete schon oft Leben oder bewahrte Menschen vor Verstümmelungen. Letztes Jahr wies Wissen Was Wirkt bereits auf den Produktionsstopp von FAV-Afrique hin, nun ist seit Juni 2016 das Verfallsdatum der letzten Chargen abgelaufen und es ist noch immer kein Ersatz in Sicht. Die Behandlung von Schlangenbissen ist deutlich erschwert, Ärzte vor Ort werden zukünftig nur noch Symptome behandeln können. Globale Akteure des Gesundheitswesens und Regierungen betroffener Regionen zeigen irritierenderweise recht wenig Interesse an diesem Problem, das in manchen Regionen eine enorme Dimension hat.

Alle 5 Minuten stirbt ein Mensch durch einen Schlangenbiss

Allein in Afrika wird die Zahl der jährlich Gebissenen auf eine Million geschätzt, davon benötigt die Hälfte eine Behandlung.  Die geschätzten Zahlen der Toten durch Schlangenbisse pro Jahr schwanken zwischen 4.000 und 30.000. Meist sind 10- bis 30-Jährige betroffen, die in armen bäuerlichen Gegenden mit mangelnder Gesundheitsversorgung leben. Da viele Opfer entweder keine Hilfe suchen oder zu traditionellen Heilern gehen, ist die tatsächliche Zahl der Toten vermutlich höher. Der Verlust von Gliedmaßen durch Notfall-Amputationen nach Schlangenbissen ist mit einer lebenslangen Einschränkung der Betroffenen bezüglich Familie und Arbeit verknüpft.

Gegengifte als einzige effektive Behandlungsmöglichkeit

Vergiftungen durch Schlangenbisse lassen sich vor allem durch Antiseren behandeln, in denen Antikörper gegen Schlangengifte enthalten sind. Das im Blut des Opfers zirkulierende Gift wird durch das Serum in der Menge reduziert und in der Giftigkeit gemindert. Deshalb müssen Gegengifte besser und breiter verfügbar gemacht werden und gehören in jeden Erste-Hilfe-Koffer eines Arztes in Risikogebieten. Seit 1977 sind Antiseren in der WHO-Liste der unentbehrlichen Medikamente aufgeführt. Die Herstellung eines Antiserums wie FAV-Afrique ist aufwendig und macht es zu einem vergleichsweise teuren Medikament.

Sanofi steigt aus der FAV-Produktion aus

Wie erst später bekannt wurde, fiel die Entscheidung bei Sanofi intern schon 2010, das Serum FAV-Afrique nicht mehr herzustellen. Auf Nachfrage von Ärzte ohne Grenzen entgegnete der Pharmariese im Juli 2013, es gebe bereits viele Konkurrenzprodukte aus Indien oder Lateinamerika und der Absatz von FAV-Afrique habe sich wirtschaftlich nicht mehr rentiert. Die letzte Charge lief bei Sanofi im Januar 2014 vom Band und war sehr schnell ausverkauft, was wiederum zu Engpässen führte. Nun ist FAV-Afrique vom Markt verschwunden, das Verfallsdatum der letzten Dosen endete im Juni 2016. Sanofi selbst fokussiert nun auf die Produktion von Tollwut-Antiseren und hofft auf die Übergabe der FAV-Herstellung an ein anderes Unternehmen (Tech Transfer) bis Ende 2016. Bis Produktion und Vertrieb jedoch laufen, wird Zeit vergehen: Ein Ersatz für FAV-Afrique wird vermutlich erst Ende 2018 oder Anfang 2019 auf dem Markt sein. Es ist eine gefährliche Lücke in der Versorgung entstanden, die vielen Menschen das Leben oder die Unversehrtheit kosten kann.

Ein Problem in den Fokus der Öffentlichkeit rücken

Allerdings ist der Verlust von FAV-Afrique nicht für alle Schlangenbissopfer spürbar. Viele von ihnen können sich das Medikament ohnehin nicht leisten. Eine Behandlung mit vier Phiolen Serum kostet 480 Euro und entspricht oft mehreren Jahresgehältern der am meisten betroffenen Bevölkerungsgruppen. Patienten haben darauf  nur deshalb Zugriff, weil Hilfsorganisationen ihnen das Mittel zur Verfügung stellen.
Von Sanofi fordern Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, sofort mit der überbrückenden FAV-Afrique-Produktion zu beginnen, um die Versorgungslücke zu schließen, bis ein Ersatzprodukt verfügbar ist. Gleichzeitig soll der Pharmakonzern die Vertragsverhandlungen mit potentiellen Interessenten beschleunigen, damit der Tech Transfer schnell abgeschlossen werden kann.
Internationale Geberländer werden aufgefordert, den Schlangenserum-Markt finanziell zu fördern, damit qualitativ hochwertige Produkte insbesondere für Entwicklungsländer verfügbar werden. Nicht selten greifen arme Länder auf billigere zweitklassige Produkte zurück, die zudem noch nicht ausreichend bewertet wurden. Daher müssen andere Anbieter Studien durchführen, die die Sicherheit und Wirksamkeit ihrer Produkte belegen, damit auch Alternativen zu FAV-Afrique eingesetzt werden können.

Vielleicht ist ein Anfang gemacht

Die WHO hat kürzlich begonnen, ein Programm zur Evaluation bereitzustellen, das es erlaubt, die Qualität und Sicherheit alternativer Antiseren zu prüfen und zu bewerten. Finanziell wird das Programm auch von Ärzte ohne Grenzen unterstützt. „Langfristig ist die Idee, dass Afrika eine eigene Produktion von Antiseren aufbaut“, sagt Marco Alves, Koordinator der Medikamenten-Kampagne bei Ärzte ohne Grenzen.

Text: Stephanie Heyl
Bildnachweis: Tambako The Jaguar CC BY-ND 2.0

Fluorid-Mundspülungen für Kinder: Spülen, Ausspucken – gesunde Zähne?

Mon, 10/10/2016 - 11:41

Zahnschäden sind bei Erwachsenen und Kindern in Industrieländern weit verbreitet, wobei der Grad der Schäden zwischen den sozioökonomischen Gruppen variiert: In sozial schwächeren Schichten gibt es tendenziell mehr zerstörte Zähne. Die Weichen werden schon in der Kindheit gestellt und eine schlechte Mundgesundheit geht nicht selten mit späteren Herzerkrankungen und Diabetes einher.

Zahnreparatur ist nerven-, kosten- und zeitintensiv, daher ist es rentabler, die Priorität auf die Prophylaxe zu setzen und etwaigen Zahnschäden zum Beispiel mit fluoridhaltigen Produkten vorzubeugen. Fluorid kommt als Spurenelement natürlicherweise in Umwelt und Lebensmitteln vor und wird in manchen Gegenden dem Trinkwasser zugesetzt. Laut der deutschen Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung ist fluoridhaltiger Zahnschmelz säureresistenter und weniger anfällig für Karies. Aus dem Grund finden sich immer mehr fluoridhaltige Gels, Tabletten und Mundspülungen insbesondere für Kinder in den Regalen. Grund genug, einen Blick auf die tatsächliche Wirkung zu werfen.

Wirken Mundspülungen für Kinder und sind sie sicher?

Ein Team britischer Wissenschaftler überarbeitete nun in einem aktualisierten systematischen Review zusammen mit der Cochrane-Gruppe für Mundgesundheit (Cochrane Oral Health) einen 2003 erstmals erschienenen Review, um herauszufinden, wie wirksam und sicher Fluorid-Mundspülungen für Kinder und Jugendliche zur Vorbeugung von Kariesschäden sind. Sie analysierten 37 kontrollierte randomisierte Studien mit insgesamt 15.813 Kindern von 6 bis 14 Jahren. Für unter 6-Jährige werden Mundspülungen wegen der Verschluckungsgefahr nicht empfohlen.

Die meisten Kinder bekamen eine Natrium-Fluoridlösung mit einer Konzentration von 0,023 Prozent Fluorid zum täglichen Spülen oder einer Konzentration 0,09 Prozent für die wöchentliche oder 14-tägliche Anwendung. Sämtliche Studien wurden für eine Dauer von zwei bis drei Jahren in Schulprogrammen in verschiedenen Ländern durchgeführt, zwei davon bezogen zusätzliche Nutzung zuhause mit ein.

Es gibt einen karieshemmenden Effekt

Die Schäden an den bleibenden Zähnen wurden entweder pro Zahn oder pro Zahnoberfläche – Backenzähne haben jeweils 5 Oberflächen, Schneidezähne nur 4 – ermittelt. Die kombinierten Ergebnisse aus 35 Studien zeigten, dass durch Fluoridgabe eine durchschnittliche Reduktion von 27 Prozent der Schäden an den Zahnoberflächen stattgefunden hat. Bezogen auf die Anzahl an insgesamt geschädigten Zähnen fand eine Reduktion um 23 Prozent statt, was aus den zusammengefassten Ergebnissen von 13 Studien ermittelt wurde. Gemessen wurde dies anhand geschädigter, fehlender oder gefüllter bleibender Zähne derjenigen Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig und kontrolliert eine Fluorid-Mundspülung verwendeten im Vergleich zu jenen, die eine Placebolösung (ohne Fluorid) oder gar keine Behandlung erhielten. Dieser prophylaktische Nutzen ist sogar vorhanden, wenn die Kinder bereits Zugang zu sonstigen Fluoridquellen besaßen, etwa Fluoridzahnpasta verwendeten oder in Gegenden mit fluoridiertem Wasser wohnten.

Evidenz von moderater Qualität

Die Autoren waren von der Wirkung jedoch nur dürftig überzeugt und beurteilten die Qualität der vorhandenen Evidenz als moderat. Die meisten Studien (28) wiesen methodische Mängel auf bargen ein Befangenheitsrisiko und bei 9 Studien war das Risiko nicht klar.

Zu wenige Informationen lieferten die Studien über unerwünschte Nebenwirkungen dieser Mundspülungen. So berichteten drei Studien nicht ausreichend über auftretende Zahnverfärbungen und eine Studie nur dürftig über allergische Irritationen im Bereich der Mundschleimhaut. Auch konnten keine Hinweise gefunden werden, wie die Kinder mit der Anwendung zurechtkamen. Den Autoren war ebenfalls nicht klar, ob die Ergebnisse auf Kinder in anderen Kontexten (außerhalb des schulischen Bereichs) übertragbar sind.

Sind die Ergebnisse brauchbar?

Ein zentraler Kritikpunkt ist das Alter der Studien. Die Basis für die Evidenz stammt hauptsächlich aus Studien der Jahre 1960-1970, in denen fluoridierte Zahnpasten nicht verbreitet waren. Acht Studien zwischen 1980 und 1990 zeigten zwar keinen kleineren Behandlungseffekt durch Mundspülungen mit Fluorid im Vergleich zu den Jahren davor, dennoch bleibt offen, ob die Ergebnisse heute noch relevant sind.

Trotz des Alters der Studien schließen die Autoren, dass durch die regelmäßige Verwendung von Fluorid-Mundspülungen Zahnschäden bei bleibenden Zähnen von Kindern stark reduziert werden können – auch in der aktuellen klinischen Praxis.
Was lässt sich verbessern?

Der Fokus sollte zukünftig auf direkten Vergleichsstudien entweder zwischen verschiedenen Inhaltsstoffen fluoridhaltiger Mundspülungen untereinander oder zwischen Mundspülungen und anderer präventiver Maßnahmen liegen. Auf jeden Fall müssen in die Bewertung relevante Ergebnisse wie unerwünschte Wirkungen, Annehmbarkeit durch die Benutzer und Spülungskonzentration und -häufigkeit mit einbezogen werden.

 

Text: Stephanie Heyl
Bildnachweis: The Photographer, CC0 1.0

 

Hier geht‘s zum Cochrane Review:

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD002284.pub2/full

Positiv getestet und doch nicht krank? Alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit

Tue, 10/04/2016 - 08:50

Röntgen, Abtasten oder Blutuntersuchungen: Es gibt viele Arten von Tests, die dabei helfen, eine Krankheit zu diagnostizieren. Doch diese Tests liefern nicht ohne weiteres ein „Ja“ oder „Nein“ als Antwort. Oftmals muss aus einem Testergebnis erst die Wahrscheinlichkeit errechnet werden, mit der eine bestimmte Person tatsächlich krank ist oder auch nicht.

Diagnostische Tests liefern Hinweise darauf, ob eine Krankheit vorliegt oder nicht. Um ein Testergebnis einordnen zu können, braucht ein Arzt oder eine Ärztin weitere Informationen über die getestete Person und auch über die Eigenschaften des verwendeten Tests. Erst wenn genügend Informationen verfügbar sind, kann eine sichere Diagnose gestellt werden.

Ist es wahrscheinlich, krank zu sein?

Es klingt paradox, doch um die Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte Krankheit zu berechnen, muss man die Wahrscheinlichkeit kennen, mit der diese bestimmte Erkrankung überhaupt auftreten kann. Ein einfaches Beispiel: Bei einem Patienten, der sich in Mitteleuropa mit Fieber einer Ärztin vorstellt, ist es relativ unwahrscheinlich, dass er Malaria hat. Teilt er der Ärztin aber mit, dass er kürzlich von einer Reise aus den Tropen zurückkam, muss bei ihm die Diagnose Malaria in Betracht gezogen werden.

Man spricht hier von Krankheitsprävalenz: Wie oft kommt eine bestimmte Krankheit in einer bestimmten Region oder einer bestimmten Bevölkerungsgruppe durchschnittlich vor, und wie wahrscheinlich ist es demnach für eine individuelle Person, daran erkrankt zu sein?

Wie gut ist der Test? Sensitivität und Spezifität

Wahrscheinlichkeiten spielen aber nicht nur auf der Patientenseite eine Rolle. Auch ein diagnostischer Test erkennt eine vorhandene Krankheit nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit. Mit einer Ultraschalluntersuchung – auch das ist ein diagnostischer Test – wird es beispielsweise nicht bei allen Personen mit Schmerzen im Unterbauch gelingen, eine akute Blinddarmentzündung sicher zu bestätigen oder auszuschließen. In einigen Fällen muss eine weitere Untersuchung wie zum Beispiel eine Computertomographie durchgeführt werden, um eine Diagnose zu stellen.

Die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Test eine vorhandene Krankheit auch tatsächlich erkennt, ist die sogenannte Test-Sensitivität. Hat beispielsweise ein HIV-Test eine Sensitivität von 99,9 Prozent, bedeutet das, dass bei 99,9 Prozent oder 999 von 1.000 tatsächlich Erkrankten das Ergebnis eines Bluttests positiv ausfällt. In der Fachsprache wird das „richtig positives“ Testergebnis genannt, da der Test die vorhandene Infektion aufgespürt hat. Eine Trefferquote von 99,9 Prozent bedeutet aber auch, dass 0,1 Prozent – oder 1 von 1.000 Erkrankten – fälschlicherweise ein negatives Testergebnis bekommt: ein „falsch negatives“ Testergebnis.

Umgekehrt gibt es für Gesunde, die sich einem Test unterziehen, eine bestimmte Wahrscheinlichkeit, dass der Test bestätigt, dass keine Erkrankung vorliegt: die sogenannte Test-Spezifität – die Wahrscheinlichkeit, dass Gesunde ein korrektes, weil negatives Testergebnis erhalten.

Hat ein HIV-Test eine Spezifität von 99 Prozent, erhalten 99 von 100 Gesunden auch ein negatives Testergebnis (ein „richtig negatives“ Testergebnis). Aber eine gesunde Person wird fälschlicherweise positiv getestet (was im Falle eines HIV-Tests anhand einer zweiten Blutprobe noch einmal überprüft wird, sodass keine falsche Diagnose kommuniziert wird).

Falsch positive Testergebnisse lassen sich nicht vermeiden. Eine hohe Test-Sensitivität („die Kranken entdecken“) geht immer zu Lasten der Spezifität („die Gesunden entdecken“) und umgekehrt. Im Falle von HIV ist es wichtiger, möglichst viele Kranke zu identifizieren, um zu vermeiden, dass sich die Krankheit weiter verbreitet. Deshalb wird beim HIV-Test eine höhere Sensitivität gegenüber der Spezifität vorgezogen (auch wenn die Unterschiede nur sehr gering sind).

Positive und negative Vorhersagewerte – noch mehr Wahrscheinlichkeiten

Kennt die Ärztin nun das Testergebnis und die Wahrscheinlichkeit ihres Patienten, eine bestimmte Krankheit zu haben, kann sie nun endlich die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der der Patient entweder – wie im Beispiel – tatsächlich mit HIV infiziert ist (bei positivem Testergebnis) oder nicht mit HIV infiziert ist (bei negativem Testergebnis). Dazu bedient sie sich einer statistischen Formel, in die die Wahrscheinlichkeit des Patienten, infiziert zu sein (die „Krankheitsprävalenz“), die Test-Sensitivität sowie die Test-Spezifität eingehen. Der so errechnete positive Vorhersagewert ist die Wahrscheinlichkeit des Patienten, tatsächlich infiziert zu sein.

Jemand aus der Allgemeinbevölkerung beispielsweise wird unter der Annahme eines geringen Krankheitsrisikos auf HIV getestet, da die Prävalenz für die Erkrankung in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland beispielsweise bei nur 0,1 Prozent liegt. Der berechnete positive Vorhersagewert liegt dann bei 0,09 (die Formeln zur Berechnung stehen am Ende des Textes). Das bedeutet: Bei einem positiven Testergebnis ist diese Person mit einer 9-prozentigen Wahrscheinlichkeit tatsächlich mit HIV infiziert. Gehört der oder die Getestete hingegen einer HIV-Hochrisikogruppe mit einer Krankheitsprävalenz von 10 Prozent an, läge der berechnete positive Vorhersagewert bei 0,92. Was bedeutet, bei einem positiven Testergebnis ist der oder die Getestete mit einer 92-prozentigen Wahrscheinlichkeit erkrankt. Mit steigendem Krankheitsrisiko steigt also auch die Wahrscheinlichkeit an, bei positivem Testergebnis tatsächlich krank zu sein.

Für die Praxis bedeutet das, dass ein diagnostischer Test alleine oftmals nicht ausreicht, um eine „Ja“- oder „Nein“-Diagnose zu stellen. Auch die individuelle Situation der Getesteten und das Einschätzungsvermögen von Arzt oder Ärztin spielen eine wichtige Rolle bei der Diagnosestellung.

 

Text: Harriet Sommer, Valérie Labonté, Gabriel Torbahn

Bildnachweis Foto Malariaschnelltest: CDC Global via flickr unter CC-Lizenz

 

Für Interessierte: die Berechnung von Sensitivität, Spezifität und prädiktiven Werten

Die Test-Sensitivität lässt sich einfach berechnen, indem die Anzahl richtig positiver Testergebnisse durch die Summe aus richtig positiven und falsch negativen Testergebnissen geteilt wird. Als Hilfe dient eine klassische Vierfeldertafel:

Die Formel zur Berechnung der Test-Sensitivität ist: a/a+c, hier: 999/ (999 + 1) = 0,999 = 99,9 %. Die Test-Spezifität wird analog berechnet als Quotient aus richtig negativen und der Summe aus falsch positiven und richtig negativen Testergebnissen: d/b+d, hier: 99/(1+100) = 0,99 = 99 %.

Anmerkung: Die Zahlen aus dem Beispiel lassen sich natürlich nicht mit dem Test selbst bestimmen, sondern müssen vom Testhersteller ermittelt werden, indem zum Beispiel mit Referenztests verglichen wird.

Positive und negative Vorhersagewerte lassen sich mit Hilfe des Satzes von Bayes über bedingte Wahrscheinlichkeiten mit Sensitivität, Spezifität und Krankheitsprävalenz (PR) berechnen.

Positiver prädiktiver Wert: [Sens*PR]/[Sens*PR+(1–Spez)*(1–PR)],

negativer prädiktiver Wert: [Spez*(1–PR)]/[Spez*(1–PR)+(1–Sens)*PR].

Folgende Tabelle zeigt die errechneten positiven prädiktiven Werte (PPV oder „positive predictive value“) für verschiedene Prävalenzen (geringes, mittleres oder hohes Krankheitsrisiko) mit einer Sensitivität von 99,9 % und einer Spezifität von 99 %:


Man sieht schön, dass mit steigendem Krankheitsrisiko bzw. höherer Krankheitsprävalenz die Wahrscheinlichkeit, krank zu sein, in Form des positiven prädiktiven Wertes ansteigt.

 

Text: Harriet Sommer, Valérie Labonté, Gabriel Torbahn

Bildnachweis Vierfeldertafel und Tabelle: Harriet Sommer

 

Konzentrationsschwierigkeiten nach Chemotherapie – was hilft Betroffenen?

Sun, 10/02/2016 - 17:44

Im Verlauf einer Krebserkrankung erhalten Betroffene häufig eine nicht-lokale, also eine systemische Behandlung, wie z.B.: eine Chemotherapie. Bei 70% der Behandelten wirkt sich diese auf die kognitiven Leistungen aus. Ein Cochrane-Review hat untersucht, ob begleitende, nicht-medikamentöse Behandlungen, wie Meditation oder Computer-gestütztes Gehirntraining diese Funktionsstörungen vorbeugen oder lindern können.

Frühere Diagnosen und bessere medizinische Behandlungen haben dazu beigetragen, dass Menschen mit der Diagnose Krebs häufiger überleben und länger leben als früher. Bei Darmkrebs beispielsweise stieg die Überlebensrate in den letzten 15 Jahren von 50% auf 60%.

Nebeneffekt „Chemo-Nebel“

Viele Betroffene haben aber mit langwierigen Folgen der Krebsbehandlung zu kämpfen. 7 von 10 Überlebenden leiden unter kognitiven Funktionsstörungen, wie nachlassende Gedächtnisleistung. Das Lernen, die Konzentration und das Treffen täglicher Entscheidungen fallen ihnen schwer. Diese Einschränkungen können Nebeneffekte einer systemischen Krebsbehandlung wie z.B.: einer Chemotherapie sein. Landläufig werden diese kognitiven Probleme als „Chemo-Nebel“ oder „Chemo-Gehirn“ bezeichnet.

Wie wirken ergänzende Therapien?

Ein aktueller Cochrane-Review hat untersucht ob nicht-pharmakologische Interventionen bei Personen, die zuvor eine systemische Krebstherapie erhielten, Auswirkungen auf kognitive Leistungen haben.

Insgesamt wurden 6 Interventionen im Rahmen von 5 Studien untersucht. Jeweils 2 Studien testeten Computer-gestütztes Training, sowie Programme für kognitive Bewältigungskompetenzen, jeweils eine Studie fokussierte auf Meditation, sowie Bewegungsintervention. Alle 5 Studien untersuchten Brustkrebs-Patientinnen – insgesamt 235 Frauen.

Die wichtigsten Ergebnisse

Die Ergebnisse legen nahe, dass das Training kognitiver Fertigkeiten und das Training kognitiver Bewältigungskompetenzen zur Verbesserung der Gedächtnisleistung und für die Lebensqualität nützlich sein können. Es gab nicht genug Evidenz um etwas über die Wirksamkeit von Meditation und Bewegungsübungen auf die Gedächtnisleistung sagen zu können.

Die Qualität der Evidenz war jedoch niedrig, sodass keine verlässlichen Empfehlungen für oder gegen diese Interventionen gegeben werden können. ‚Es bleibt unklar was Betroffenen gut helfen kann um kognitive Funktionsstörungen zu verringern oder die kognitive Funktionsfähigkeit bei Menschen, die systemische Therapien zur Krebsbehandlung erhalten haben, aufrechtzuerhalten. Eine Reihe von Studien sind im Laufen, die darauf abzielen, präzisere Aussagen treffen zu können, ob und welche Interventionen zur Verbesserung und Erhaltung kognitiver Leistungsfähigkeit wirksam sein könnten.

 

Hier geht’s zum Cochrane-Review

http://www.cochrane.org/de/CD011325/interventionen-bei-kognitiven-storungen-aufgrund-von-nicht-lokalisierten-krebstherapien-wie