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Updated: 6 hours 20 min ago

Wenn Worte scheitern, spricht Musik: Musiktherapie bei Demenz

Thu, 08/16/2018 - 07:30

Circa 10 Millionen Menschen werden jährlich mit der Diagnose Demenz konfrontiert, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die genauen Zahlen kennen wir nicht, da vor allem in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen viele Menschen, die unter Demenz leiden, nie eine offizielle Diagnose erhalten. Es ist zu erwarten, dass die Anzahl an Demenz-Erkrankten aufgrund der weltweit alternden Bevölkerung zukünftig steigen wird. Die Suche nach wirksamen Therapien und Behandlungen wird daher zunehmend wichtiger. Cochrane untersuchte in einem aktualisierten Review die Wirksamkeit von musikbasierten Behandlungen bei Demenz.

Immer mehr Menschen weltweit sind von Demenz betroffen. Die bisher bekannten Zahlen könnten sich laut WHO bis zum Jahr 2050 noch verdreifachen und von 50 auf 152 Millionen Erkrankte ansteigen.

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO, äußerte sich in einer Pressemitteilung im Dezember 2017 dazu wie folgt zu:

„Das Leiden, das dadurch entsteht, ist enorm. Es handelt sich hier um einen Weckruf: Wir müssen dieser weltweit wachsenden Herausforderung mehr Aufmerksamkeit schenken und sicherstellen, dass alle Menschen, die mit Demenz leben, wo auch immer sie leben, auch die Versorgung erhalten, die sie benötigen.“ *

Bestimmt würde hier jeder zustimmen, der schon einmal Bekannte oder Familienmitglieder, die unter Demenz leiden, mitbetreut hat.

Infobox: Was ist Demenz?
Oft assoziiert man Demenz mit Menschen, die unter altersbedingter Vergesslichkeit bis hin zur kompletten Desorientierung leiden. Das ist auch zum Teil richtig. Demenz ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen, die hauptsächlich eine stetig voranschreitende Auswirkung auf das Gedächtnis, die kognitiven Fähigkeiten und das Verhalten der Betroffenen haben.
Die allermeisten Demenzen werden durch Krankheiten des Gehirns verursacht.
Alzheimer ist (60 – 70% aller Fälle) die häufigste Ursache für eine Demenz. Andere Ursachen von Demenz sind unter anderem Hirnverletzungen und Durchblutungsstörungen im Gehirn, Morbus Parkinson oder zu hoher, über längere Zeiträume erfolgter Alkoholkonsum.

Auswirkungen für Demenz-Betroffene und Angehörige

Demenz-Betroffene entwickeln schrittweise immer stärkere Gedächtnis-, Denk- und Sprachstörungen. Dadurch wird es immer schwieriger für sie, sich zeitlich und räumlich zu orientieren, sozialen Anschluss zu finden und ihren Alltag zu bewältigen.

Betroffene leiden oft unter emotionalen Problemen und Depression. Dadurch kann mit der Zeit auch zunehmend die Lebensqualität sinken. Medikamentöse Behandlungen können den Verlauf einer Demenz zwar positiv beeinflussen, die fortschreitende Erkrankung kann aber weder geheilt noch aufgehalten werden. Betroffene benötigen deshalb verstärkt zusätzliche Hilfe und Unterstützung von Personen aus ihrem Umfeld, die sich um sie kümmern und ihnen einen sozialen, ‚menschlichen‘ Rahmen bieten.

Kommunikation jenseits der Worte

Miteinander Reden schafft oft die schnellste, uns geläufigste zwischenmenschliche Verbindung. Doch in fortgeschrittenen Stadien der Demenz kann es für Betroffene immer schwieriger werden, mit Worten zu kommunizieren. Hier wird es umso wichtiger, andere Kommunikationsmöglichkeiten in Erwägung zu ziehen. Musik könnte hier helfen! Denn selbst wenn Demenz-Betroffene nicht mehr sprechen können, sind sie oft noch in der Lage zu summen oder Musik zu begleiten.

Cochrane Review zu musikbasierten Behandlungen bei Demenz

In einem aktualisierten Cochrane Review beschäftigten sich die Autoren** deshalb mit der Frage, ob und inwiefern sich Musiktherapie vor allem auf das emotionale Wohlbefinden und die Lebensqualität von Menschen mit Demenz auswirkt. In zweiter Linie untersuchten sie die Wirkungen von musikbasierten Behandlungen hinsichtlich verhaltensbezogener, sozialer oder kognitiver (Denken und Erinnern) Probleme.

Die Cochrane Autoren analysierten hierfür die Ergebnisse von Studien, in denen Studienteilnehmer, die in Pflegeheimen wohnten und verschiedene Schweregrade von Demenz aufwiesen, musikbasierte Behandlungen erhielten. Die Studien teilten die Teilnehmer zufällig entweder in eine Gruppe, die musikbasierte Behandlungen erhielt oder in eine Vergleichsgruppe, die keine oder eine andere Behandlungsform wie z. B. Kunsttherapie erhielt, ein. Die Autoren zogen nur Studien in Erwägung, in denen den Teilnehmern mindestens fünf Musik-Behandlungssitzungen angeboten wurden. Insgesamt fanden sie 22 Studien, die ihren Kriterien entsprachen. Behandlungsergebnisse konnten für 21 dieser Studien mit insgesamt 890 Studienteilnehmern verglichen werden.

Was kam dabei raus?

Es stellte sich heraus, dass musikbasierte Behandlungen die Depressionssymptomatik von Betroffenen direkt nach der Behandlungsphase verbessern können, aber wahrscheinlich keine Verbesserungen bei starker innerer Unruhe oder aggressivem Verhalten bringen.

Musikbasierte Behandlungen könnten ebenfalls Angststörungen sowie das emotionale Wohlbefinden und die Lebensqualität verbessern. Die Behandlungen scheinen allerdings keine Auswirkung auf die Kognition der Betroffenen zu haben.

Insgesamt vermerkten die Autoren, dass die Qualität und Berichterstattung der Studien sehr unterschiedlich war, was ihr Vertrauen in die Ergebnisse beeinflusste. Mehr Details zu diesen Ergebnissen gibt es im vollständigen Cochrane Review.

Fazit? Musik berührt!

Musik ist eine Sprache, die Menschen auf der ganzen Welt berührt. Deshalb ist das therapeutische Potenzial von musikbasierten Behandlungen auf das emotionale Wohlergehen generell unumstritten und vielversprechend, zumal diese Art der Behandlung fast überall umsetzbar und anwendbar scheint.
Wie dieser Cochrane Review zeigt, können nur fünf Musiktherapie-Einheiten bei Demenz-Betroffenen so manch „wohltönende“ Erfolge erzielen, zumindest kurzfristig. Das lässt natürlich Raum nach oben. Denn wie musikbasierte Behandlungen bei Demenz-Betroffenen über längere Zeiträume hinweg wirken, darüber ist bisher wenig bekannt. Diese Evidenz-Lücke sollte laut den Cochrane-Autoren zukünftig ausgefüllt werden. Ihr Fazit lautet:

„Weitere Studien sollten untersuchten, wie lange die Wirkungen von musikbasierten Behandlungen anhalten wenn bezogen auf die Dauer und Anzahl der Behandlungen.“

 

Infobox: Demenz in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung stellt Informationen (Stand: 2011) rund um das Thema Demenz in den drei Ländern zur Verfügung.

In Deutschland leben gegenwärtig geschätzte 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. Informationen für Betroffene und Angehörige zum Thema Demenz gibt es unter anderem bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V., den lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz,  den Gesundheitsinformationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Zudem stellt das
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf ihrer Webseite einen E-Learning Kurs zu Demenz zur Verfügung.

In der Schweiz sind aktuell 148.000 Menschen an Demenz erkrankt. Zahlen und Fakten, sowie eine Bestandsaufnahme der Demenzversorgung in den Kantonen (2017) gibt es beim Bundesamt für Gesundheit. Die nationale Demenzstrategie 2014-2019 ist hier einzusehen. Die Schweizerische neurologische Gesellschaft stellt ebenfalls Informationen zur Verfügung.

In Österreich sind aktuell schätzungsweise 115.000 bis 130.000 Menschen von Demenz betroffen. Diese Information sowie weitere rund um das Thema Demenz stellt das Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz zur Verfügung. Hier sind ebenfalls Empfehlungen für den Umgang mit Menschen mit Demenz zu finden. Die österreichische Alzheimergesellschaft bietet ebenfalls Hilfe und Informationen.

 

Text: Andrea Puhl

*Übersetzt aus dem Englischen.

**Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

ADHS Medikamente: gefährliche Symptom-Hemmer?

Tue, 08/07/2018 - 08:44

Der Arzneistoff Methylphenidat, der hinter Markennamen wie Ritalin steckt, kann Symptome wie Hyperaktivität, Impulsivität und Konzentrationsstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) verringern. Begleiterscheinungen wie Kopfschmerzen oder Schlafstörungen sind jedoch leider keine Seltenheit. Bisher waren langfristige Risiken und der Nutzen des Wirkstoffes relativ unklar. Ein neuer Cochrane Review hat sich nun genau diesem Thema angenommen.

Methylphenidat ist der Wirkstoff, welcher bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS am häufigsten verschrieben wird. Jedoch machte schon ein in 2016 veröffentlichter Beitrag auf ‘Wissen Was Wirkt‘ deutlich, dass die Risiken und der Nutzen des ADHS-Medikamentes unklar sind, vor allem langfristig: „Methylphenidat hilft zwar, die Hauptsymptome, also Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen zu verringern, doch wie groß der Nutzen des Medikaments langfristig tatsächlich ist, kann nicht gesagt werden“, so das Fazit des Beitrags, welches sich auf einen Cochrane Review aus dem Jahr 2015 bezog.

Was ist Methylphenidat und wie häufig wird es angewendet?

Der Arzneistoff Methylphenidat blockiert die Wiederaufnahme von Dopamin in den Nervenzellen des Gehirns und entfaltet somit seine aktivierende Wirkung. Die Anwendung von Methylphenidat ist nicht neu. Schon seit mehr als 50 Jahren wird Methylphenidat angewandt, um die Symptome einer exzessiven Hyperaktivität und Impulsivität zu dämmen und die Aufmerksamkeit oder Fokussierung bei Kindern und Jugendlichen zu steigern. Die Anwendung vom Arzneistoff Methylphenidat ist weit verbreitet:

• Etwa 8 von 100 Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren weltweit und
• Zwischen 3-5 von 100 Kindern und Jugendlichen in Europa.

Während die Verordnungsrate weltweit insgesamt immer noch ansteigt, fällt sie in einigen Ländern langsam, darunter auch seit 2012 in Deutschland. Dennoch ist Methylphenidat das weltweit meist angewandte Medikament bei ADHS.

Wirksamkeit von Methylphenidat

Die Wirksamkeit von Methylphenidat wurde schon in vielen Studien untersucht. Laut den Gesundheitsinformationen des IQWIG zeigen Studienergebnisse, dass das Mittel die Hyperaktivität bei Kindern abschwächen und die Aufmerksamkeit verbessern kann.

(Quelle Infographik: gesundheitsinformation.de)

Sachlich gesehen und von jeglichem Zusammenhang gelöst scheinen diese Zahlen zu zeigen, dass Methylphenidat diese spezifischen Aufgaben erfüllt.

Tönt gut?

Neue Cochrane Evidenz untermauert so manche Besorgnis

Ein neuer Cochrane Review, der im Mai 2018 veröffentlicht wurde, befasste sich mit der Frage, ob die Anwendung von Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS mit schädlichen Wirkungen verbunden ist. Die Autoren* schlossen 260 hauptsächlich nicht-randomisierte Studien von unterschiedlichem Design, wie vergleichende und nicht-vergleichende Kohortenstudien, Patientenberichte etc., in den Review ein. Was kam dabei raus?

Unerwünschte Ereignisse treten häufig auf!

Das zusammengefasste Ergebnis aller im Review eingeschlossenen Studien zeigte, dass die Gabe von Methylphenidat zu schwerwiegenden, unerwünschten Ereignissen, inklusive Tod, Herzproblemen und psychosomatischen Störungen führen kann. Etwa eines von hundert Kindern und Jugendlichen schien an einem schwerwiegenden unerwünschten Ereignis zu erkranken. Zudem untersuchten die Autoren auch die Häufigkeit, mit der leichtere, unerwünschte Ereignisse eintraten. Diese äußerten sich unter anderem als Herzkreislaufprobleme, Schlafstörungen und Wachstumsstörungen. Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, die Methylphenidat erhielten, schienen ein oder mehrere leichtere, unerwünschte Ereignisse zu erleiden.

Niedrige Studienqualität schwächt die Aussagekraft der Ergebnisse

Wie immer untersuchten die Cochrane Autoren auch die Qualität der eingeschlossenen Studien, um eine genauere Aussage darüber treffen zu können, wie verlässlich die Ergebnisse letztendlich sind. Leider wurde die Studienqualität generell zwischen sehr niedrig bis niedrig eingestuft:

„Dementsprechend ist es nicht möglich, die Risiken für unerwünschte Ereignisse bei Kindern und Jugendlichen, denen Methylphenidat verschrieben wurde, genau einzuschätzen“, so die Autoren.
Einfach ausgedrückt heißt das, dass obwohl die Ergebnisse auf den ersten Blick aussagekräftig scheinen, diese trotzdem mit Vorsicht zu genießen sind. Es braucht weitere, gut konzipierte Studien, welche sich darauf konzentrieren, Untergruppen von Personen zu identifizieren, bei denen der Einsatz von Methylphenidat ratsamer ist als bei anderen.

Fazit

Es ist wichtig, dass sich sowohl Kliniker als auch Eltern, Lehrer oder andere Bezugspersonen unbedingt die möglichen unerwünschten Ereignisse des Wirkstoffs Methylphenidat bewusst machen. Diese sollten systematisch und sorgfältig bei Kindern und Jugendlichen, die Methylphenidat zur Behandlung von ADHS-Symptomen erhalten, überdacht und überwacht werden.
Genauere Details zu den Ergebnissen und dem Studiendesign finden Sie in der Review Zusammenfassung auf Deutsch, und im vollständigen Review auf Englisch.

Infobox ADHS:
• ADHS ist eine der am häufigsten diagnostizierten und behandelten Störungen der Entwicklung des Nervensystems. Weltweit sind je nach Klassifizierungssystem geschätzte 3 – 8 % aller Kinder und Jugendlichen von der Krankheit betroffen, wobei die Erkrankung bei Jungen etwa viermal häufiger diagnostiziert wird als bei Mädchen.
• Daten variieren laut Cochrane Autoren nur wenig zwischen verschiedenen Ländern.
• Aktuellen Prävalenzschätzungen zufolge sind in Deutschland ca. 5 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren von ADHS betroffen.
• In Österreich und der Schweiz wird von einer Prävalenz von ADHS im Kindes- und Jugendalter von 3-5 % gesprochen,
• Hauptsymptome der Erkrankung sind unter anderem: Fokussierungsschwierigkeiten und Störungen kognitiver Funktionen wie die Problemlösung, das Planen, die Orientierung, Flexibilität, das Arbeitsgedächtnis, Impulsivität und Hyperaktivität.
• Ursachen beruhen auf genetischen, sozialen und umweltbedingten Faktoren, sind aber bis heute noch nicht vollständig geklärt.

Text: Andrea Puhl

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

Stillen – Basis für das Leben!

Wed, 08/01/2018 - 07:36

Das Stillen fördern – eine Übersicht von Cochrane Ressourcen

tillfördernder Organisationen, Verbände und Netzwerke. Ziel der Kampagne ist es, das Stillen als natürlichste und beste Ernährungsform für Säuglinge in den Mittelpunkt zu rücken. Cochrane Evidenz zum Thema Stillen trägt zu diesem Ziel bei.

„Stillen – Basis für das Leben“! lautet das diesjährige Motto der Weltstillwoche – einer Initiative der WABA (World Alliance for Breastfeeding Action), WHO (World Health Organization), und UNICEF (United Nations International Children’s Emergency Fund). Natürlich gibt es andere Nahrungs-Alternativen für Säuglinge, denn nicht immer ist das Stillen möglich. Doch Muttermilch ist und bleibt die beste und zugleich günstigste Wahl.

Die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland hat Muttermilch als „die beste Nahrung für nahezu alle Säuglinge“ erklärt. Zudem stellt sie fest, dass „ausschließliches Stillen in den ersten sechs Monaten … für die Mehrzahl der Säuglinge die ausreichende Ernährung“ ist.

Die Europäische Lebensmittelbehörde sowie die WHO empfehlen Müttern das Gleiche. Zudem empfiehlt die WHO, schon innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt mit dem Stillen zu beginnen. Auch regt sie an, das Stillen bis zu 24 Monaten nach der Geburt neben der Beikost-Einführung fortzuführen.

Empfehlungen wie diese beruhen meist – und idealerweise immer – auf verlässlichem, wissenschaftlichem Fundament. Dazu gehört auch Cochrane Evidenz.

Infobox: Warum Stillen? 
• Stillen wirkt sich kurzfristig und langfristig positiv auf die Gesundheit von Säuglingen und ihren Müttern aus.
• Kinder, die während der ersten drei bis vier Lebensmonate nicht ausschließlich gestillt werden, sind anfälliger für Entzündungen des Magens, des Darmtraktes, der Atemwege, Lungen und Ohren.
• Kinder, die nicht gestillt werden, sind im späteren Leben eher übergewichtig oder haben Diabetes.
• Mütter, die nicht stillen, sind einem höheren Risiko für Brust- und Eierstockkrebs ausgesetzt.

WHO Leitlinie untermauert von Cochrane Evidenz

Die neue (2017) Leitlinie zum ‚Stillen‘ der WHO unter dem Titel „Protecting, promoting and supporting breastfeeding in facilities providing maternity and newborn services“ wurde wesentlich von Cochrane Evidenz gestützt. Die Leitlinie beinhaltet evidenzbasierte Empfehlungen zu Schutz, Förderung und Unterstützung des optimalen Stillens in Einrichtungen, in denen Gebärende und Neugeborene versorgt werden. Sie enthält Evidenz aus 16 Cochrane Reviews (7 Reviews der Cochrane Neonatal Group und 9 Reviews der Cochrane Pregnancy and Childbirth Group).

Cochrane Special Collection rund um das Thema Stillen

Zum Thema Stillen und zur Förderung des Stillens hat Cochrane letztes Jahr schon eine Sonderkollektion in der Cochrane Library zusammengestellt, die allen frei zugänglich ist. Sie soll Entscheidungsträgern* im Gesundheitswesen, Pflegefachpersonen sowie Interessengruppen, Frauen und Familien die bestmögliche Evidenz zum Stillen zur Verfügung zu stellen. Die Sonderkollektion führt bis 2017 ausgewählte Cochrane Reviews zu Interventionen, die das Stillen fördern, in Englischer englischer Sprache zusammen.

Stillen auf Cochrane Kompakt

Auch auf Cochrane Kompakt gibt es derzeit 41 laienverständliche Zusammenfassungen zu Cochrane Reviews in deutscher Sprache, die das Thema Stillen aufgreifen oder gar ausschließlich behandeln. Hierunter befinden sich unter anderem folgende Highlights und Ergebnisse in Bezug auf das Stillen:

Chirurgischer Eingriff zur Behandlung eines verkürzten Zungenbändchens (Ankyloglossie) bei jungen Säuglingen
„Beim Säugling mit Ankyloglossie und Stillschwierigkeiten verbessert die chirurgische Durchtrennung des Zungenbändchens das Stillen nicht durchgängig, verbessert wahrscheinlich jedoch die Schmerzen an den Brustwarzen der Mutter.“

Hausbesuche im ersten Zeitabschnitt nach der Geburt eines Säuglings
„Mehr Hausbesuche könnten möglicherweise mehr Mütter ermutigt haben, ihre Säuglinge ausschließlich zu stillen.“

Schulungen und Unterstützung zum Stillen für Frauen mit Mehrlingsschwangerschaften 
„Wir konnten keine Schlussfolgerungen aus der verfügbaren Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien darüber ziehen, ob Schulungen und Unterstützung von Müttern mit Mehrlingen beim Stillen helfen. Keine der Studien wurde geplant, um speziell an Müttern mit Mehrlingen ausgerichtete Unterstützung oder Schulungen anzubieten.“

Unterstützung für stillende Mütter
„Zusätzliche organisierte Unterstützung hilft Müttern, ihre Babys länger zu stillen. Die Stillunterstützung kann hilfreicher sein, wenn sie vorhersehbar ist, einem Plan folgt und Besuche von geschultem Gesundheitspersonal wie Hebammen, Pflegepersonal und Ärzten oder von geschulten Freiwilligen umfasst.“

Vorgeburtliche Schulung zum Stillen zur Steigerung der Stillzeit
„Derzeit gibt es keine gute Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien, die andeutet, dass diese Bemühungen, schwangere Frauen zu unterrichten, in mehr und längerem Stillen resultieren. Frauen, die eine Standard-Betreuung vor der Geburt erhalten, stillen meist in etwa demselben Umfang wie Frauen, die eine zusätzliche Schulung erhalten haben.“

Infobox: Weltstillwoche in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Während die Weltstillwoche in 120 Ländern der Welt zur gleichen Zeit stattfindet, findet sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu anderen Terminen aber unter dem gleichen Motto statt.
In Deutschland und Österreich findet die Woche von 01.- 07. Oktober 2018 statt. Grund hierfür ist ein „chronologisch-Biologischer“: da eine normale Schwangerschaft ca. 40 Wochen dauert, findet die Stillwoche immer in der 40. Kalenderwoche eines Jahres statt.
In der Schweiz finden während der Aktionswoche, die vom 15.-22.09 stattfindet, rund 130 Aktivitäten in mehr als 90 Städten und Gemeinden statt.

Weitere Cochrane Ressourcen

Deutsch
Auf Wissen Was Wirkt
Stillen am Arbeitsplatz
Von Kängurus abgeschaut – Hautkontakt für Leichtgewichte

Englisch
Auf Evidently Cochrane
• „Breastfeeding: evidence on effecting support and enablers for mothers and their babies“
• „New Lancet Breastfeeding Series is a call to action“
• „Exclusive breastfeeding or extra food and fluids: evidence and practice“

Text: Andrea Puhl

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

‚Räuberzeitschriften‘ und ‚Beuteverlage‘ – Verrohung der Sitten auch in der Publikationswelt?

Mon, 07/30/2018 - 11:40

Gerd Antes, wissenschaftlicher Vorstand der Cochrane Deutschland Stiftung, teilt in diesem kritischen Beitrag sein Wissen und seinen persönlichen Standpunkt bezüglich der Risiken von Open-Access Publikationen.

Seit Donnerstag, 19. Juli 2018, sind die deutschen Medien voll von martialischen Worten, die man im Zusammenhang mit der Publikationswelt wissenschaftlicher Arbeiten nicht erwarten würde. Auslöser ist eine umfangreiche Untersuchung durch den Norddeutschen Rundfunk (NDR), den Westdeutschen Rundfunk (WDR) und die Süddeutsche Zeitung. In dieser wurde die Autorenschaft in Zeitschriften, die seit einigen Jahren als ‚Predatory Journals‘ bezeichnet werden, genauer unter die Lupe genommen. Mit diesem Beitrag möchte ich die Thematik und den Hintergrund, der zur Entstehung von Predatory Journals führte, erörtern.

Der englische Begriff Predatory Journals ist spätestens seit Erstellung der ‚Beall´s List of Predatory Journals‘ ein Begriff für all jene, die der Vertrauenswürdigkeit von wissenschaftlichen Zeitschriften auf den Grund gehen wollen. Die deutschen Begrifflichkeiten folgten erst, als die Problematik auch in Deutschland mehr Wahrnehmung erfuhr.

 

Infobox: Was sind Predatory Journals oder Räuberzeitschriften?

Der Begriff Predatory Journal wurde vom Amerikanischen Bibliothekar Jeffrey Beall geprägt und umfasst hauptsächlich skrupulöse Online-Verlage, die Studien gegen Bezahlung durch die Autoren* kostenfrei im Netz zur Verfügung stellen. Diese Studien und Journale werden als wissenschaftlich und seriös dargestellt, ohne dass zwangsläufig ihre Qualität von unabhängigen Begutachtern (gründlich) geprüft worden ist.

Diese ‚Räuber- und Beuteaktivitäten‘ sind Folge einer Fehlentwicklung, zu deren Verständnis man sich der massiven Umwälzungen im wissenschaftlichen Publikationswesen bewusst werden muss.

Wer arm ist darf nicht lesen! – das Drama vom klassischen Publikationssystem

Im klassischen, konventionellen Publikationswesen wurden Projektberichte und -ergebnisse, Studienreports oder auch Editorials und Meinungsartikel über Verlage und deren Zeitschriften an die Leser gebracht. Dazu übergeben die Autoren ihre Texte nebst Urheberrecht an die Verlage. Für die Nutzung müssen die Zeitschriften oder die einzelnen Artikel dann von individuellen Lesern aus eigener Tasche finanziert oder von öffentlichen oder akademischen Institutionen wie z. B. Bibliotheken, abonniert oder gekauft werden. Hauptproblem dieses Finanzierungssystems war und ist, dass die Endpreise für Abonnements und Einzelkäufe immer teurer, oft gar unbezahlbar, wurden. Ein Teil der potentiellen Leserschaft wurde somit mangels Finanzkraft vollständig ausgeschlossen. Wer arm ist, kann nicht mehr lesen! Denn ein Artikel kostet im Einzelerwerb circa 36 Dollar.

Wer arm ist darf nicht publizieren! – Open Access wird teuer für Autoren

Die Kontrolle des Wissens durch private Verlage, deren überhöhte Preise und damit der eingeschränkte Zugang zum Wissen dieser Welt führte Anfang der 1990er Jahre zu einer Initiative, die unter dem Schlagwort Open Access (OA) den Umbau zum freien Zugang zur Literatur betrieb. Neben der technischen Umstrukturierung etablierte sich damit auch weltweit die Forderung, dass der Zugang zum Wissen kostenfrei sein muss. Nicht überraschend – in manch idealistischer Forderung jedoch übersehen – bedeutete dieser Schwenk einen tiefgehenden Einschnitt in die Finanzierungsstruktur der Publikationswelt. Die Last des Zahlens verlagerte sich von den Lesern auf die Autoren oder deren Arbeitgeber, das heißt, meist wissenschaftliche Institutionen. Nun kann, wer arm ist, nicht mehr schreiben! Denn eine Veröffentlichung in sogenannten OA-Zeitschriften kostet leicht über 1500 Dollar. Mit vielen Grafiken bis hin zu 5000 Dollar.

Qualität hat ihren Preis

Wie bei jeder fundamentalen Veränderung schuf diese Finanzierungsumwälzung Schlupflöcher für ‚Räuber‘. Im alten Modell rühmten sich die führenden Zeitschriften ihrer hohen Ablehnungsraten von Autoren und Artikeln, die den strengen Qualitätskriterien des Begutachtungsverfahrens (Peer Review) nicht gerecht wurden. Die Ablehnungsraten lagen zum Teil bei deutlich über 90 %. Das wurde als Qualitätsmerkmal betrachtet und gleichzeitig als Berechtigung für die hohen Preise. Skurril genug, da die Peer Reviewer ihre Arbeit umsonst machen.

Im neuen OA-Modell wurde dieses Prinzip auf den Kopf gestellt. Eine hohe Ablehnungsrate ist hier geschäftsschädigend, beschränkt es doch den eigenen Output und damit die Einnahmen. Es folgt fast zwangsläufig: Was liegt näher als die Qualitätsanforderungen zu senken? Vor allem ist dieser Schritt unvermeidlich, wenn beim beschränkten Markt der ‚seriösen‘ Autoren neue Zeitschriften auf den Markt kommen.

Finanzierungsumwälzung lässt Raum für Missbrauch

Vor diesem ökonomisch vorgezeichneten Weg dauerte es relativ lange, bis sich in diesem Feld ein großflächiger und vorsätzlicher Missbrauch offenbarte. Einzelpersonen und Firmen schufen neue Zeitschriften, die nur elektronisch existierten. Die einzigen Leistungen dieser Firmen bestanden und bestehen darin, unter Irreführung der Autoren eingereichte Texte eine gewisse Zeit brach liegen zu lassen, während der angeblich ein Turbo-Peer-Review erfolgt, um sie dann in einer professionell aussehenden Verpackung der Öffentlichkeit frei zugänglich – also OA – anzubieten.

Inzwischen gibt es eine unglaubliche Anzahl solcher Zeitschriften. Untrennbar mit dem Aufdecken dieser Entwicklung ist der Name Jeffrey Beall (siehe auch: Predatory open-access publishing) verbunden, der schon im Jahr 2008 damit begann, die unter dem Namen Beall’s List bekannte Auflistung von Predatory Journals zu entwickeln. Die Liste wies über die Jahre das rasante Wachstum dieser Art von Verlagen auf.

Gründe liegen oft näher als gedacht…

Nachdem in den Anfängen dieser Entwicklung ihr Ursprung fast ausschließlich in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen zu vermuten war (vor allem Indien und Nigeria), wurde in den letzten beiden Jahren zunehmend klarer, dass auch reiche Länder nicht verschont blieben. Im Gegenteil, sie waren in zunehmendem Maß aktiv daran beteiligt. Die Beteiligung ging nicht von bestimmten Verlagen und Zeitschriften aus, sondern auch von Autoren selbst, worauf unter anderem in der Zeitschrift Nature hingewiesen wurde.

(siehe: Stop this waste of people, animals and money; Predatory journals: Not just a problem in developing world countries; Is Canadian research falling prey to predatory journals?)

Presse greift Thema auf

Während in Kanada von Regierungs- und Wissenschaftsseite diese Entwicklung thematisiert und analysiert wurde, gab es in Deutschland bislang dazu nur konsequente Ignoranz. Erst jetzt wurde die Problematik in Presseberichten nach sehr umfangreichen, monatelangen Recherchen ans Tageslicht gebracht. Diese Pressemitteilung, zum Beispiel,
Mehr als 5000 deutsche Wissenschaftler haben in scheinwissenschaftlichen Zeitschriften publiziert“ ist in einer Fülle von Berichten, Interviews und Themensendungen aufgegriffen worden.

Auch international ist die Untersuchung aufgegriffen worden: „German Scientists Frequently Publish in Predatory Journals.

Soweit die aktuelle Entwicklung.

Die Diskussionen, die sich daraus bisher ergaben, möchte ich hier nicht aufgreifen. Das Spektrum geht von Dramatisierung bis hin zur Bagatellisierung, und ein erster Schritt muss sicherlich die Harmonisierung der Bewertungen sein.

Betonen möchte ich jedoch an dieser Stelle, dass diese Entwicklung meiner Meinung nach eine der systematisch übersehenen, unerwünschten Nebenwirkungen der Digitalisierung ist. Die technische Entwicklung erlaubt es selbst Einzelpersonen, eine professionell aussehende Zeitschrift ins Internet zu stellen, in der dann Wissenschaftler aus seriösen Institutionen arglos publizieren, ohne zu merken, auf welchem Terrain sie sich befinden.

Zu guter Letzt

Diese offene Flanke des wissenschaftlichen Publikationswesens bloßgelegt zu haben, sollte die Wissenschaft den Medien danken!

Text: Gerd Antes

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleich-ermaßen für beiderlei Geschlecht.

 

 

Ein großes JA zu Fahrradhelmen

Tue, 07/24/2018 - 12:44

Auch wenn heutzutage eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sport meist vor dem Fernseher im Wohnzimmer oder in Biergärten stattfindet, so ist doch die warme Jahreszeit für viele Menschen der zweitbeste Zeitpunkt (unmittelbar nach Neujahr), um selbst ein wenig aktiver zu werden. Und das ist gar keine schlechte Idee. Sportliche Aktivität – beispielweise der Radsport – bringt so einige gesundheitliche Vorteile mit sich. Aber auch Nachteile?

Sport ist Mord: Diesen Satz habe ich mir schon häufig anhören müssen. Da ich als Triathlet viel Zeit mit Ausdauertraining verbringe, wurde ich zum Beispiel schon häufig vor einem „Sportlerherz“ (Vergrößerung des Herzens/Verdickung der Wände durch Training) gewarnt. Auch wurde mir oft die Frage gestellt, ob ich denn keine Angst vor Verletzungen oder Sportunfällen habe. Nein, lautet dann meist meine klare Antwort. Natürlich gibt es immer wieder Berichte, zum Beispiel von Profisportlern*, die an Herzversagen starben, besonders beim Profi-Radsport, oder von dramatischen Stürzen. Doch wird im professionellen Sport oft außerhalb eines Bereichs trainiert, der als gesundheitsförderlich betrachtet werden kann. Das trifft bei mir nicht zu.

Sportlicher Leichtsinn

Doch zugegebener Weise fällt mir speziell beim Radsport immer wieder auf, wie leichtsinnig manche Fahrradfahrer mit ihrer Gesundheit umgehen. Sehr oft begegne ich bei meinen Trainingsfahrten Radlern, die ohne Helm unterwegs sind. Das ist natürlich eine Willensentscheidung, eine Helmpflicht gibt es in Deutschland und der Schweiz nicht. In Österreich besteht sie nur für Kinder unter 12 Jahren. Mit Unverständnis reagiere ich aber, wenn ich – und das kommt überraschenderweise des Öfteren vor – Menschen sehe, die einen Helm am Lenker ihres Sportgeräts befestigt haben, ihn aber nicht tragen.

Gründe dafür können vielfältig sein. Für die einen ist es Eitelkeit für die anderen Bequemlichkeit. Ich unterhielt mich über genau dieses Thema mit einer anderen Athletin, die Helme nur bei „langen Strecken“ trägt, und nicht etwa, wenn sie mal kurz zum Bäcker fährt. Auch das entfällt meiner Meinung nach jeder Logik.

Cochrane Evidenz spricht für Helm…

Cochrane-Evidenz zu Unfallfolgen mit und ohne Fahrradhelm ist – aus ethischen Gründen – eingeschränkt verfügbar. Es können selbstverständlich keine randomisiert kontrollierten Studien zu Unfällen durchgeführt werden. Wie müsste man sich das vorstellen? Man hätte eine Stichprobe gesunder Radfahrer, die zufällig eingeteilt wird in die Gruppen:

1. Stürzen ohne Helm
2. Stürzen mit Helm

Anschließend müsste untersucht werden, wie sich die Unfallfolgen unterscheiden. Das ist natürlich absurd.

…dank Fall-Kontroll-Studie!

Es gibt einen Cochrane Review, der die Ergebnisse von mehreren gut durchgeführten Fall-Kontroll-Studien zusammenfasst. Bei diesen wird nach Eintreten eines Ereignisses (z.B. einer seltenen Erkrankung, oder in diesem Fall einem Fahrradunfall) untersucht, welche Risikofaktoren bei den einzelnen Betroffenen vorlagen. Die Ergebnisse waren sehr eindeutig.

Zunächst wurde festgestellt, dass Helme gleichermaßen vor Unfällen mit als auch ohne KFZ-Beteiligung schützen. Zudem wurden bei Menschen mit Helm nach Sturz je nach Studie zwischen 63 % und 88 % seltener Verletzungen von Schädel und Gehirn festgestellt. Und eben diese Verletzungen sind potenzielle Todesursachen bei Radunfällen.

Helm als zuverlässige (Ver-) Sicherungsmaßnahme

Mit dem Helm verhält es sich ungefähr wie mit einer Haftpflichtversicherung. Im Idealfall muss man sie sein Leben lang nicht nutzen. Aber wenn es dann doch mal zu einem Schadensfall kommt, freut man sich, sie abgeschlossen zu haben.

Es ist völlig egal, wie lang oder kurz oder wo man mit dem Rad fährt. Unglücke können überall passieren und der Helm bietet den gleichen Schutz, ob auf einer Alpen-Überquerung oder auf der Fahrt zum Bäcker. Gerade in der Ära des E-Bikes, wo die Hemmschwelle, in den Radsport einzusteigen, deutlich gesunken ist, möchte ich an alle ambitionierten und gelegentlichen Rad-Nutzer unterstützt von Cochrane Evidenz appellieren: Tragen Sie Helme, sie können (Ihr) Leben retten.

Auch wenn es beim Radsport sehr eindrücklich ist, jede Aktivität birgt Potenziale, aber auch Risiken und Nebenwirkungen. Gerade wenn man mit Sport anfangen möchte, sollte man sich damit auseinandersetzen, wie dies möglichst risiko- und barrierefrei gelingt. Bewegung soll vor allem Spaß und nicht Angst oder Schmerzen verursachen.

Text: Tobias Leiblein

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

Omega-3-Fettsäuren – doch nicht das angepriesene Herz-Wundermittel

Thu, 07/19/2018 - 10:21

Essen ist die beste und wirksamste Medizin, heißt es oft. Und oftmals lösen neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Ernährung regelrechte „Gesundheitswellen oder –trends“ in der Bevölkerung aus. Omega-3-Fettsäuren sind zum Beispiel schon länger hoch im Kurs und anscheinend bekannt für ihre positive Wirkung auf Herz und Hirn. Ein aktuell erschienener Cochrane Review stellt diese weitverbreitete Ansicht nun jedoch auf den Kopf.

Das Schöne an Wissenschaft ist, dass sie nichts zementiert, sondern Erkenntnisse immer wieder überprüft, bis sie sich mit ihren Mitteln so nah wie möglich der ‚Wahrheit‘ angenähert hat. Auf diesem Weg werden so manche „Irrtümer“, die vorher als selbstverständlich angenommen wurden, korrigiert.

„Das Wichtigste ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“ – Einstein

Nicht immer stiften neue Erkenntnisse so viel Wirbel wie Einsteins Relativitätstheorie. Doch gerade diejenigen, die vielleicht gar nicht so ‘groß‘ rauskommen, können unter Umständen unser Leben schnell und auch auf ganz praktische Art und Weise beeinflussen. Das spiegelt sich dann zum Beispiel auf den Regalen unserer Supermärkte wieder: Heute steht probiotischer Jogurt, morgen die Superfoods und übermorgen vielleicht wieder etwas anderes an erster Stelle. Bis wieder eine neue Ernährungstudie publiziert wird und somit ein neuer Trend, folgt.

Herzhaft gut?

Omega-3-Fettsäuren sind nun seit geraumer Zeit in aller Munde und stehen weit oben auf der in unserem Kollektivbewusstsein als „Gut-fürs-Herz-und-Hirn“ abgespeicherten Gesundheitsliste. Nun werden wir allerdings eines Besseren belehrt, denn ein aktueller Cochrane Review stellt so manches richtig – oder zumindest einmal wieder deutlich in Frage.

Infobox: Was ist Omega-3 ?

Omega-3 ist eine Art von Fettsäure. Kleine Mengen an Omega-3-Fettsäuren sind für unsere Gesundheit lebensnotwendig und in den Nahrungsmitteln, die wir zu uns nehmen, enthalten.
Die Hauptarten von Omega-3-Fettsäuren sind alpha-Linolensäure (ALA), Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA).
ALA ist natürlicherweise in pflanzlicher Nahrung enthalten. So zum Beispiel in Nüssen und Samen (Walnüsse und Rapssaat sind reichhaltige Quellen).
EPA und DHA werden auch langkettige Omega-3-Fettsäuren genannt und sind in fetthaltigem Fisch, wie Lachs oder Fischölen einschließlich Lebertran enthalten. (Quelle: Cochrane Review)

Cochrane Review fechtet Status Quo an

Der erhöhte Verzehr von Omega-3-Fettsäuren wird nicht nur hierzulande, sondern weltweit befürwortet. Die Fette sind global sehr leicht als rezeptfreie Nahrungsergänzungen erhältlich und werden häufig gekauft und verwendet. Dies beruht unter anderem auf der Überzeugung, dass sie gegen Herzkrankheiten schützen sollen.

Um diesem Dogma auf den Grund zu gehen setzten sich Cochrane Autoren* zum Ziel, die Auswirkungen der Aufnahme von zusätzlichen Omega-3-Fettsäuren (zum Beispiel in Nahrungsergänzungsmitteln oder durch gesteigerte natürliche Zufuhr) im Vergleich zum normalen oder niedrigen Omega-3-Verzehr auf Erkrankungen des Herzens und des Kreislaufs zu bewerten. Dafür fassten sie die Ergebnisse von 79 randomisierten Studien mit 112.059 teilnehmenden Männern und Frauen zusammen.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Die Bemühungen der Autoren lohnten sich, denn sie kamen zu dem Gesamtergebnis, dass die zusätzliche Einnahme oder der vermehrte Verzehr von Omega-3-Fettsäuren keine oder nur eine geringe Wirkung auf das Risiko haben, eine Herzerkrankung oder einen Schlaganfall zu erleiden oder zu sterben.

Genauer gesagt…

… fanden die Autoren, dass die Einnahme von langkettigen, im Fisch enthaltenen, Omega-3-Fettsäuren (siehe Infobox) vor allem durch Nahrungsergänzungsmittel wahrscheinlich kaum einen oder gar keinen Unterschied im Risiko für Herzkreislauferkrankungen, koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall oder Herz-Unregelmäßigkeiten ausmachen. Auch zeigte die Einnahme von Omega-3 wenig oder keine bedeutsame Wirkung auf das Sterberisiko jeglicher Ursache.

Auch der Verzehr von der in pflanzlicher Nahrung enthaltener Omega-3-Fettsäure (ALA) hat wahrscheinlich wenig oder gar keine Wirkung auf Herzkreislauf-bedingte Todesfälle oder Todesfälle jeglicher Ursache. Der Verzehr von mehr ALA reduziert jedoch wahrscheinlich minimal das Risiko von Herzunregelmäßigkeiten.
(Detailliertere Ergebnisse im vollständigen Bericht)

Wie sicher sind die Ergebnisse?

„Wir können den Ergebnissen dieses Reviews vertrauen, die die weitverbreitete Meinung anfechten, dass Nahrungsergänzungsmittel mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren das Herz schützen. Dieser systematische Review umfasst Informationen von vielen Tausenden von Menschen über lange Zeiträume. Trotz dieser Menge an Informationen haben wir keine schützenden Wirkungen entdeckt.” – Hauptautor des Cochrane-Reviews, Dr. Lee Hooper von der University of East Anglia

Fazit:

Man lernt nie aus. Und sollte dies auch nie anstreben, denn das Neu-Erlernte könnte ganz schnell praktische Auswirkungen auf unsere Alltagsverhalten haben, wenn auch ‚nur‘ beim nächsten Einkauf von Nahrungsergänzungsmitteln.

Text: Andrea Puhl

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Zur Pressemitteilung 

Weniger Sitzen im Büro

Thu, 07/12/2018 - 08:07

Bei vielen von uns sieht der Berufsalltag sehr ähnlich aus: Wir sitzen im Büro. Jeden Tag, den ganzen Tag. Das hat sich als ziemlich ungesund herausgestellt. Und auch wenn Meldungen wie „Sitzen ist das neue Rauchen“ die Gefahr übertreiben, mehren sich die Hinweise, dass langes Sitzen die Lebenszeit verkürzt.

Besonders unfair daran ist: Selbst durch regelmäßigen Sport lässt sich diese Risiko nicht beseitigen. Wichtig wäre es also, die tägliche Sitzzeit zu reduzieren. Ein kürzlich aktualisierter Cochrane Review hat untersucht, ob es sinnvolle Maßnahmen gibt, mit denen die im Sitzen verbrachte Arbeitszeit verringert werden kann:
34 Studien mit insgesamt 3.397 Teilnehmern* haben verschiedene Maßnahmen überprüft, wie beispielsweise die Wirkung von Sitz-Steh-Tischen, aktiven Arbeitsstationen, oder Beratungsangeboten.

Sitz-Steh-Tische

Immer beliebter wird im Büro-Alltag der Gebrauch von Sitz-Steh-Tischen. Also Tische, die höhenverstellbar sind und sowohl das Arbeiten im Sitzen als auch im Stehen ermöglichen. Zehn der Studien, die in den Review mit eingeschlossen wurden und die sich mit Sitz-Steh-Tischen beschäftigt haben, sehen auf den ersten Blick sehr vielversprechend aus. Wer an einem Sitz-Steh-Tisch arbeitete, saß rund 1,5 bis zwei Stunden weniger pro Arbeitstag verglichen mit Personen, die einen nicht-höhenverstellbaren Tisch nutzten. Solche Tische reduzierten sogar die Sitzzeiten außerhalb der Arbeitszeit und die Länge der Sitzintervalle.

Und die gute Nachricht für Arbeitgeber: Die Umstellung auf Sitz-Steh-Tische hatte keine negativen Folgen für die Produktivität. Auch sonst gab es keine Nebenwirkungen, weder traten vermehrte Schmerzen des Bewegungsapparates auf, noch Venenprobleme.

Jedoch ist die Qualität der Evidenz hier noch immer sehr gering und es bleibt unklar, ob Sitz-Steh-Tische tatsächlich positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Noch fehlen Studien, welche den langfristigen Erfolg methodisch sauber überprüft haben. Die vorhandenen Studien schlossen meist nur wenige Teilnehmer ein und wiesen methodische Schwächen auf.

Alternative Methoden

Ob reine Steh-Tische anders als Sitz-Steh-Tische auf die gesamte Sitzdauer wirken und wie Laufband- oder Fahrradschreibtische (ja so etwas gibt es wirklich) wirken, bleibt aktuell unklar, da die Studienlage unzureichend ist. Auch ob kurzes Spazieren gehen in den Pausen die Sitzzeit reduziert, bleibt unklar. Halbstündliche Pausen von ein oder zwei Minuten scheinen die tägliche Sitzzeit immerhin um 15 bis 66 Minuten mehr zu verkürzen als zwei lange Pausen, die länger (als 15 Minuten) dauern.

Es gibt Hinweise dafür, dass am Bildschirm eingeblendete Aufforderungen aufzustehen sowie Beratung, Informationsmaterial und Feedback die tägliche Sitzzeit im Büro verkürzen. Allerdings war auch hier die verfügbare Evidenz unzureichend.

Fazit

Es gibt demnach schwache Evidenz dafür, dass Sitz-Steh-Tische die Sitzzeit im Büro verkürzen – zumindest im ersten Jahr ihres Einsatzes. Um Schlüsse über die Wirksamkeit anderer Maßnahmen zu ziehen, ist die Evidenz leider unzureichend. Weitere Forschung von hoher Qualität mit mehr Teilnehmenden und über längere Zeiträume ist notwendig.

Langes Sitzen als Gefahr zu bezeichnen klingt im ersten Moment etwas übertrieben. Leider ist es das nicht. Sitzen scheint ein Risikofaktor für eine verkürzte Lebenszeit zu sein. Noch wissen wir zu wenig darüber, mit welchen Maßnahmen wir die täglichen Sitzzeiten reduzieren können, aber es wäre unvorsichtig, diese Forschungslücke auf uns sitzen zu lassen.

Mehr Informationen finden Sie in der deutschsprachigen Zusammenfassung auf Cochrane Kompakt.

Text: Dieser Text basiert auf einem Beitrag vom 29. Juni 2015 und wurde von Barbara Nußbaumer-Streit aktualisiert, da der zugrundeliegende Cochrane Review aktualisiert wurde.

Sie auch auf Medizin Transparent: Sitzen wir uns zu Tode?

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

 

Gute Gesundheit bedarf guter Entscheidungen

Wed, 07/04/2018 - 13:27

Wer sucht, der findet“ Auf der Suche nach Informationen zu Gesundheitsfragen erhält man viele Treffer. Doch stimmt das, was man findet, überhaupt? Leider oftmals nicht. Deshalb müsste das Sprichwort in diesem Fall eher lauten: „Wer sucht, weiß oft nicht genau, was er findet.

Sicher suchen auch Sie manchmal nach guten Informationen, um Fragen zur Gesundheit entweder für sich selbst oder Ihre Nächsten zu beantworten. Zum Beispiel zur Wirksamkeit eines Medikamentes, einer pflegerischen Maßnahme, einer physiotherapeutischen Behandlung oder einer Lebensstilveränderung? Dann kennen Sie sicher das Problem: Egal wo Sie suchen ist das Ergebnis häufig eine schier endlose Treffermenge. Mitunter sind die Aussagen dazu, was Sie tun sollten und was nicht, beziehungsweise, was (angeblich) hilft und was schadet, sogar widersprüchlich. Und dann ist es Ihnen überlassen, ob Sie den Aussagen Glauben schenken und welche Entscheidungen Sie treffen.

Informationen zur Gesundheit kritisch bewerten

Viele Aussagen sind, selbst wenn Sie gut gemeint sind, nachweislich falsch, und manche sind sogar vorsätzlich irreführend, um anderen Interessen als dem Wohlergehen von Patienten* zu dienen (z. B. kommerziellen Interessen). So hat zum Beispiel eine in Österreich im Jahr 2015 durchgeführte Analyse von fast 1000 Medienartikeln ergeben, dass nur knapp 11 % der in ihnen vermittelten Informationen in Einklang mit dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand standen; 60 % hingegen wurden als „stark übertrieben“ bewertet (siehe dazu auch Bedroht schlechter Medizinjournalismus unsere Gesundheit?).

Was bedeutet das?

Es ist wichtig, kritisch zu sein und zu lernen, zuverlässige von unzuverlässigen Aussagen zu unterscheiden. Doch das ist einfacher gesagt als getan: die meisten Menschen haben nie gelernt, Gesundheitsinformationen angemessen zu bewerten.

Wo ist der Beweis?

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das sich genau diesem Problem angenommen hat, ist ‚Wo ist der Beweis – Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin‘. Es erklärt die wesentlichen Konzepte für die kritische Betrachtung von Aussagen zu Behandlungen in verständlicher Sprache.

Zudem entwickelt eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern, Angehörigen verschiedener Gesundheitsberufe, Journalisten, Lehrern und Vertreter weiterer Interessensgruppen seit einigen Jahren Lernmaterialien zur sogenannten ‚Informierten Entscheidungsfindung zur Gesundheit‘. Wesentliches Ziel des ‚Informed Health Choices Project‘: Menschen jeglicher Altersgruppen und Hintergründe sollen dazu befähigt werden, Gesundheitsinformationen kritisch zu hinterfragen; zuverlässige von unzuverlässigen Aussagen zu unterscheiden und informierte Entscheidungen auf der Grundlage zuverlässiger Informationen zu treffen.

 

 

Als Ausgangspunkt für die Entwicklung der Lernmaterialien erstellte die Projektgruppe eine Liste von derzeit 36 ‚Schlüsselkonzepten‘ (key concepts), deren Verständnis eine Voraussetzung ist, um Gesundheitsinformationen kritisch bewerten zu können. Sie sind in drei Themengruppen unterteilt:

  • erkennen, ob eine Aussage auf einer zuverlässigen oder unzuverlässigen Grundlage beruht;
  • verstehen, ob ein Vergleich zwischen Behandlungen zuverlässig ist, und
  • informierte Entscheidungen treffen.

Students 4 Best Evidence (S4BE) ist ein internationales Netzwerk von Schülern und Studierenden mit Interesse an Evidenzbasierter Gesundheitsversorgung. Diese von Cochrane unterstützte Gruppe hat den IHC-Schlüsselkonzepten eine Blogserie in englischer Sprache gewidmet. Zu jedem Konzept wurde ein Blogbeitrag und dazu ein kurzes Textvideo erstellt.

…und auf Deutsch?

Damit die 36 ICH-Schlüsselkonzepte auch im deutschsprachigen Raum einem möglichst breiten Publikum zugänglich werden, hat nun eine Gruppe von sieben Studierenden des Studiengangs BSc Physiotherapie der Hochschule 21, Buxtehude (Bild unten), unter Leitung von Cordula Braun alle 36 Videos auf Deutsch übersetzt. Wir hoffen auf ihre breite Nutzung!

Alle am Projekt beteiligten Studierende: Vinzenz Becker-Mosen, Alina Brand, Christian Diepold, Thomas Kleinophorst, Nikolas Mallwitz, Vivien Aline Reimers, Jonas Wagener.

Text: Cordula Braun

Quellen:

Chalmers, I. et al. Key Concepts for Informed Health Choices: a framework for helping people learn how to assess treatment claims and make informed choices. 2018. BMJ evidence-based medicine, 23(1), pp.29–33.

Evans, I., Thornton, H., Chalmers, I., Glasziou, P. Wo ist der Beweis? Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin. Testing Treatments – Better Research for Better Healthcare. 2013. Hrsg. Gerd Antes. 2013. Huber Verlag. http://de.testingtreatments.org/. (Deutsche Übersetzung; Originaltitel: „Testing Treatments – better research for better healthcare“; https://en.testingtreatments.org/).

Kerschner, B., Wipplinger, J., Klerings, I., Gartlehner, G. Wie evidenzbasiert berichten Print- und Online-Medien in Österreich? Eine quantitative Analyse. 2015. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen, 109(4-5):341-9.

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Ausgequalmt – Nikotinersatztherapie hilft beim Rauchstopp

Thu, 06/28/2018 - 08:48

Das Thema Rauchen ist in Österreich gerade hoch aktuell. Dass die Regierung das geplante Rauchverbot in der Gastronomie wieder gekippt hat, erhitzt viele Gemüter. Doch auch ohne ein Rauchverbot wächst bei vielen Rauchern und Raucherinnen der Wunsch ihrem Laster endgültig abzuschwören. Häufig werden dazu Hilfsmittel wie Nikotinkaugummi oder Nikotinpflaster verwendet, doch wie hilfreich sind solche Maßnahmen?

Jeder vierte Österreicher* ab 15 Jahre greift täglich zur Zigarette; weitere 6 % machen das gelegentlich. Am häufigsten wird in jungen Jahren geraucht. Bei den 15-29-Jährigen zünden sich 39 % täglich oder gelegentlich eine oder mehrere Zigaretten an. Mit der Zeit wächst aber bei vielen der Wunsch, mit dem Rauchen aufzuhören. In Österreich hat dies zumindest im letzten Jahr jeder dritte Raucher probiert. Bei den über 60-Jährigen sogar fast jeder Zweite. In Deutschland und der Schweiz wird etwas weniger geraucht:

In der Schweiz rauchten 2016 25 % der über 15-Jährigen. Bei Männern ist Rauchen beliebter als bei Frauen. Rund 30 % der Männer und 21 % der Frauen rauchen.
In Deutschland raucht jeder dritte Mann und jede vierte Frau. Hier ist der Anteil der Rauchenden bei den Jüngeren (18-29 Jahre) mit 35 % am höchsten. Bei Männern sinkt Rauchquote ab 45 Jahren, bei Frauen erst ab 65 Jahren.

Warum der Rauchstopp so schwer fällt

Doch warum fällt es vielen so schwer mit dem Rauchen aufzuhören, wo die gesundheitlichen Risiken wie Lungenkrebs und erhöhte Sterblichkeit so gut belegt sind? Schuld daran ist insbesondere der Inhaltsstoff Nikotin. Dieses Suchtmittel wird aus den Blättern der Tabakpflanze extrahiert und führt zur Freisetzung von Botenstoffen im Gehirn, die kurzfristig Glücksgefühle erzeugen. Der Körper gewöhnt sich daran und verlangt nach Nikotinnachschub. Dazu kommen Rituale, die häufig mit dem Rauchen antrainiert werden, wie die Zigarettenpause bei der Arbeit zusammen mit Kollegen oder das Rauchen beim Ausgehen mit Freunden. Diese Verknüpfung des Rauchens mit angenehmen Situationen erhöht den Belohnungseffekt von Zigaretten und führt schnell zu psychischer Abhängigkeit.

Erleichterung beim Rauchstopp

Beim Versuch mit dem Rauchen aufzuhören, fehlt dem Körper Nikotin. Entzugserscheinungen wie Reizbarkeit, Schlafstörungen, gesteigerter Hunger und schlechte Stimmung können die Folge sein. Für viele sind diese Symptome Grund genug den Rauchstoppversuch nach ein paar Tagen wieder abzubrechen. Nikotinersatztherapie, wird daher häufig verwendet, um die Entzugserscheinungen beim Rauchstopp zu lindern und das Aufhören zu erleichtern. Im Zuge der Nikotinersatztherapie werden dem Körper kleine Dosen Nikotin beispielsweise über Nikotinsprays oder Nikotinkaugummis zugeführt.

Wie wirksam Nikotinersatztherapie dabei hilft, dauerhaft vom Rauchen loszukommen, hat ein Team von Cochrane Autoren aus Großbritannien unter die Lupe genommen. Sie haben systematisch nach Studien gesucht, die die Wirksamkeit von Nikotinpflaster, -kaugummis, -sprays, und -tabletten als Unterstützungsmaßnahme beim Rauchstopp untersucht haben. Insgesamt wurden 136 Studien mit 64.000 Menschen herangezogen. Alle Studienteilnehmer wollten mit dem Rauchen aufhören und rauchten bis zum Beginn der Studie im Schnitt 15 Zigaretten täglich. Sechs Studien untersuchten die Raucherentwöhnung bei Schwangeren.

Alle Formen der Nikotinersatztherapie helfen

Alle Formen der Nikotinersatztherapie führten häufiger dazu, dass Personen langfristig (mindestens sechs Monate) mit dem Rauchen aufhörten. Die Chance, den Zigaretten dauerhaft abzuschwören war 50 %-60 % höher wenn Nikotinersatztherapie verwendet wurde, verglichen mit keiner Unterstützung. Interessanterweise war die Wirkung von Nikotinersatztherapie unabhängig von der Intensität der Begleitmaßnahmen (z.B. Beratung) und dem Umfeld.

Nebenwirkungen hängen von der Art der Nikotinersatztherapie ab. Bei Nikotinpflastern berichteten einige Personen von Hautirritationen, bei Nikotinkaugummis und –sprays erlebten einige Personen Irritationen der Schleimhaut im Mund. Es gibt keinen Hinweis, dass durch Nikotinersatztherapie das Risiko für Herzinfarkte steigt. Allerdings berichteten mehr Personen in der Nikotinersatzgruppe von Brustschmerz und Herzrasen. Bei Schwangeren erhöhte Nikotinersatztherapie ebenfalls die Chancen bis zum Zeitpunkt der Geburt, mit dem Rauchen aufzuhören. Die Qualität der zugrundeliegenden Studien ist hoch.

Fazit

Die aktuelle Studienlage zeigt, dass alle Formen von Nikotinersatztherapie (Nikotinpflaster, Nasenspray, Inhalator, Tabletten) die Chancen für einen erfolgreichen Rauchstopp erhöhen. Die Autoren dieses Cochrane Reviews schätzen die Aussagekraft der Studien sogar so hoch ein, dass sie davon ausgehen, dass zukünftige Studien dieses Ergebnis nicht verändern werden.
Wer also schon länger damit kämpft von Zigaretten loszukommen, könnte beim nächsten Anlauf Nikotinersatztherapie versuchen.

Link zum Cochrane Review:
http://cochranelibrary-wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD000146.pub5/abstract

PS: Rauchverbot in der Gastronomie
Wer gerne mehr darüber lesen möchte, warum ein Rauchverbot in der Gastronomie sinnvoll ist, kann das hier nachlesen: Schützen die nationalen Rauchverbote die Nicht-Raucher?

Text: Barbara Nußbaumer-Streit

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Honig gegen Husten: Wirkt Grossmutters Hausmittel doch?

Thu, 06/21/2018 - 08:37

Goldgelber süsser Honig, verrührt in heissem Tee oder Milch. Darauf haben zumindest unsere Grossmütter bei Husten geschworen. Nun zeigte ein aktualisierter Cochrane Review, dass dieses altbewährte Hausmittel vermutlich tatsächlich gegen Husten wirkt.

Bei Husten habe ich als Kind immer eine heisse Milch mit Honig von meiner Oma zubereitet bekommen. Damals gab es zur Wirksamkeit dieses Mittels wohl noch keine wissenschaftliche Evidenz und niemand wusste, wie das genau helfen soll. Aber lecker und süss war es allemal und geholfen hat es mir auch. Zwei Generationen später setzte ich dieses altbewährte Hausmittel auch bei meinem Sohn ein. Auch bei ihm schien ‚Grossmutters Geheimrezept’ zu wirken: seine nächtlichen Hustenanfälle nahmen ab und die ganze Familie konnte wieder besser schlafen. Im Gegensatz zu meiner Oma interessierte mich, ob die vermeintliche Wirkung des Honigs nur zufällig war oder ob es hierzu wissenschaftliche Beweise gibt.

Ein natürlicher Reflex

Husten ist grundsätzlich hilfreich, um unsere Atemwege von Fremdkörpern zu befreien. Oftmals bildet sich in den Bronchien ein lästiger Schleim, der durch Husten natürlicherweise abtransportiert wird. Daher sollte ein sogenannter ‚produktiver Husten’ nicht zu sehr unterbunden werden. Nach einer eigentlich banalen Infektion raubt uns aber oft ein trockener Reizhusten den Schlaf, den wir dann doch gerade so nötig haben. Denn Schlaf ist ja bekanntlich ‚die beste Medizin’ und Schlafmangel schwächt unser Immunsystem. Doch was hilft bei Reizhusten? Häufig geben Eltern ihren Kindern – wie auch ich meinem Sohn – Honig, entweder in warmem Tee oder eben heisser Milch.

Aber warum gerade Honig?

Es wird angenommen, dass Honig das Wachstum von Krankheitserregern in den oberen Atemwegen reduziert und entzündungshemmend wirkt. Zudem löst Honig den Husten, indem er die Sekrete verdünnt, sodass das Abhusten weniger Schmerzen verursacht. Diese Wirkung ist auf zahlreiche Inhaltsstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe und Flavonoide zurückzuführen.

Wissenschaftliche Evidenz

Anscheinend beschäftigt nicht nur mich die Frage nach der Wirkung des weit verbreiteten und altbewährten Hausmittels. Auch ein aktualisierter Cochrane Review ging dieser Frage nach. Die Autoren untersuchten, ob Honig tatsächlich die Hustensymptome bei Kindern und Jugendlichen zwischen 12 Monaten und 18 Jahren reduzieren hilft. Es wurden sechs Studien aus Iran, Israel, den USA, Brasilien und Kenia mit insgesamt 899 Teilnehmenden eingeschlossen. Insgesamt war die Studienqualität niedrig bis moderat.

Die Review-Ergebnisse zeigten u.a., dass nach einem Tag unter Honiggabe der Husten weniger lästig war als bei Gabe von rezeptfreien Medikamenten, atemwegserweiternden Medikamenten (Salbutamol), Placebo oder keiner Behandlung. Auch wirkte sich Honig auf die Häufigkeit des Hustens positiv aus: so gaben die Eltern an, dass nach einem Tag unter Gabe von Honig die Häufigkeit des Hustens im Vergleich bereits ein wenig vermindert war. Nach fünf Tagen war der Husten unter Honig weniger häufig als unter Salbutamol oder Placebo. Es zeigte sich auch, dass Honig sich besser auf den Schlaf von Kindern und deren Eltern auswirkte als andere rezeptfreie Medikamente, Antihistaminika, Placebo, oder keine Behandlung.
Im Cochrane Review wurden zudem auch Nebenwirkungen untersucht: so berichteten beispielsweise Eltern von 7 Kindern von insgesamt 149 Kindern unter Honiggabe von mehr Problemen beim Einschlafen, Unruhe und Überdrehtheit im Vergleich zu 2 Kindern mit rezeptfreien Hausmitteln. Auch traten unter Gabe von Honig bei 34 Kindern von insgesamt 402 Kindern Magen-Darm-Beschwerden häufiger im Vergleich zu 13 Kindern in der Placebo-Gruppe auf.

Und mein Fazit ?

Die Studien geben Hinweise, dass Honig gegen Husten bei Kindern wirksam sein könnte. Das altbewährte Hausmittel Honig meiner Oma wirkt also vermutlich tatsächlich. Und dies ohne gravierende Nebenwirkungen. Da die meisten Kinder aber nur für eine Nacht eine Behandlung erhielten und die Qualität der Evidenz nicht sehr hoch war, sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren. Nichtsdestotrotz sollte die Wirksamkeit sowie die möglichen Nebenwirkungen von Honig bei Husten in grösseren Studien und über einen längeren Zeitraum noch besser untersucht werden. Es spricht jedoch auch nichts dagegen, Kindern mit Husten zunächst einen heissen Tee oder eine Milch mit Honig zuzubereiten. Einzig Kindern unter einem Jahr darf kein Honig gegeben werden, da bei ihnen eine mögliche Vergiftung mit den Sporen des Bakteriums Clostridium botulinum droht.

Text: Anne Borchard 

Wenn die Luft wegbleibt: Asthma-Kontrolle durch individuell zugeschnittene Managementpläne

Thu, 06/14/2018 - 07:09

Der Sommer kommt, und mit ihm die Lust aktiv das sonnige Wetter zu genießen. Beim Wandern, Schwimmen oder Beach Volley Ball spielen bringen wir unsere Lunge auf Hochtouren. Was für die meisten kein Problem ist, kann für Asthma-Erkrankte zu viel sein.

Asthma Bronchiale ist laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine sehr weit verbreitete chronische Erkrankung. Die WHO schätzt, dass derzeit weltweit etwa 235 Millionen Menschen – 3 Mal die Einwohnerzahl Deutschlands – von Asthma Bronchiale betroffen sind.

Was ist Asthma Bronchiale?

Bei Asthma Bronchiale sind die oberen Atemwege (Bronchien) sehr empfindlich und chronisch entzündet. Ursache sind verschiedene Reizstoffe (z.B. Tierhaare, Pollen, Hausstaub, Rauch), die mit der Luft in die Lunge eingeatmet werden. Auch andere Faktoren wie beispielsweise sportliche Belastungen können Verengungen der Atemwege (Atemwegsobstruktion) auslösen. Diese Engstellen entstehen durch die krampfartige Kontraktion der glatten Bronchialmuskulatur und Schwellungen der Bronchialschleimhaut. Gelegentlich kommt es zur Bildung eines zähen Schleims, der die Atemwege verschließt, wodurch die Ausatmung zusätzlich erschwert ist. Häufig klagen Asthma-Patienten* deshalb über Beschwerden wie einer pfeifenden Atmung, einem Engegefühl in der Brust, Kurzatmigkeit, Luftnot und Husten.

Asthma Bronchiale zählt zu den chronischen Erkrankungen. Das bedeutet, dass sich das Asthma Bronchiale langsam entwickelt und lang andauert. Meistens sind die Symptome und Beschwerden nicht gleichbleibend schlimm, sondern gelegentlich stärker, schwächer oder gar nicht vorhanden. Wenn sich die Beschwerden kurzzeitig stark verschlimmern und es zur Luftnot kommt, wird von einem akuten Asthmaanfall gesprochen. Ein Anfall kann zum Notfall werden. Menschen, die an Asthma Bronchiale leiden, sollten den Umgang mit der Krankheit erlernen und auf Anzeichen achten, die einen Anfall ankündigen. Damit kann der Zustand stabilisiert und akute Asthmaanfälle vermieden/reduziert werden.

Was hilft gegen Asthma?

Bei einem akuten Asthmaanfall, der mit Atemnot einhergeht, muss sofort gehandelt werden. In dieser Akutsituation helfen inhalativ bronchienerweiternde Medikamente z.B. Beta-2-Sympathomimetika (Asthmaspray). Zur langfristigen Behandlung der Entzündung werden weitere Medikamente wie beispielsweise Glukokortikoide verordnet. Jeder Patient bekommt einen individuell abgestimmten Medikationsplan. Neben der Medikation ist das Selbstmanagement jedoch sehr wichtig, um der Symptomverschlimmerung vorzubeugen.

Möglicher Nutzen individueller Managementpläne

In einem aktuellen Cochrane Review von 2017 wurde von Cochrane-Autoren untersucht, ob sich ein personalisierter Management-Plan positiv auf den Zustand der Asthma-Patienten auswirkt.
Der Managementplan wurde vom behandelnden Arzt für jeden Asthmapatienten schriftlich erstellt. Er umfasst, welche Reizstoffe oder Situationen der Betroffene besser vermeiden sollte, welche Signale auf einen baldigen Asthma-Anfall hindeuten, wann und wie die Dosis des Medikaments erhöht werden kann und in welchem Fall der Betroffene einen Arzt aufsuchen sollte. Ziel dieses Plans ist es, den Zustand des Betroffenen möglichst stabil zu halten und eine Verstärkung der Symptomatik zu vermeiden. Dieser kann den Grad der Selbstständigkeit der Asthmapatienten erhöhen und das Wohlbefinden der Patienten steigern. Darüber hinaus kann die Kommunikation zwischen Arzt und Patient über diesen schriftlichen Plan verbessert werden, da der Krankheitsverlauf genau dokumentiert wird.

Im Review, welcher den Nutzen solcher Asthma-Pläne untersuchte, wurden 11 randomisiert kontrollierte Studien (verblindet und nicht verblindet) eingeschlossen. Die Studien wurden mehrheitlich im Rahmen der ärztlichen Grundversorgung sowie in acht unterschiedlichen Ländern durchgeführt: Großbritannien, USA, Kanada, Serbien, Niederlanden, Australien und Schweden. Die 2602 erwachsenen Studienteilnehmer wiesen eine diagnostizierte Asthma-Erkrankung verschiedener Schwere auf, waren jedoch frei von Begleiterkrankungen. Jeder Studienteilnehmer in der Interventionsgruppe erhielt einen persönlichen Asthma-Managementplan, der folgende Kriterien erfüllen musste:

• zeigt die Verschlimmerung der Symptome auf (Zustandskontrolle)
• beschreibt Maßnahmen bei Symptomverschlimmerung
• enthält Medikationsinstruktionen (wie, wann, welche Medikation)
• enthält Kontaktdaten von Gesundheitsdiensten
• basiert auf patientenspezifischen Parametern, wie Peak Flow oder Symptomenschwere

Die Kontrollgruppe erhielt die Regelversorgung. Zu unterschiedlichen Messzeitpunkten, die zwischen den Studien variierten (14 Wochen, 6 Monate bis zu 2 Jahren), wurde untersucht, wie häufig folgende Ereignisse in den Gruppen auftraten:

• Zahl der Patienten mit Symptomverschlimmerungen, die zur Notaufnahme oder Hospitalisierung führte.
• Extreme Symptomverschlimmerungen, die zum Beispiel zu Arbeitsunfähigkeit führten
• Schwere Nebenwirkungen, inklusive Tod
• Veränderung der Lebensqualität

Managementpläne können die Lebensqualität verbessern!

In fünf Studien mit insgesamt 1385 Patienten wurde die Anzahl der Patienten, die aufgrund von Symptomverschlimmerungen ins Krankenhaus kamen, untersucht. Es konnte kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen festgestellt werden. Eine Studie mit 141 Teilnehmern untersuchte, wie viele Patienten eine starke Symptomverschlimmerung erlitten. In der Interventionsgruppe traten bedeutsam weniger Fälle von extremen Symptomverschlimmerungen auf. Aufgrund der mangelnden Studienqualität, erscheinen diese Ergebnisse jedoch als wenig verlässlich.

Eine weitere Studie untersuchte, ob schwere Nebenwirkungen unterschiedlich häufig innerhalb der Gruppen auftaten. Tendenziell wiesen die Teilnehmer mit individuellem Managementplan seltener schwere Nebenwirkungen auf, als die in der Kontrollgruppe. Der Unterschied war jedoch nicht bedeutsam (signifikant) und die Studienqualität gering.

Die Lebensqualität, die in vier Studien (441 Patienten) untersucht wurde, verbessert sich mit der Verordnung eines Managementplans (Interventionsgruppe) deutlich im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Lebensqualität wurde jedoch in den Studien zu unterschiedlichen Zeitpunkten gemessen (nach 3, 12 oder 24 Monaten) was Vergleiche schwierig macht.

Fazit

Die Ergebnisse des Cochrane Reviews zeigen auf, dass die Asthma-Managementpläne zur Verbesserung der Asthmakontrolle nur einen geringen Nutzen aufweisen. Darüber hinaus ist zu beachten, dass die eingeschlossenen Studien von geringer Qualität waren. Insofern sind die Ergebnisse mit Vorsicht zu betrachten und zukünftige Studien könnten dieses Ergebnis noch verändern.

Faktenbox:

• In Deutschland erleiden etwa 6 von 100 Erwachsene regelmäßig Asthma-Anfälle. Nach neusten Befragungen des Robert Koch Instituts 2018 sind etwa 4 von 100 Kindern und Jugendlichen in Deutschland von Asthma Bronchiale betroffen.

• In der Schweiz ist jedes 10. Kind und jeder 14. Erwachsene von der Krankheit betroffen (LungenLiga).

• In Österreich leidet bei den über 15-Jährigen rund jeder 20. (4,4%) an Asthma Bronchiale (Österreichischer Gesundheitsbericht 2016).

Text: Maren Fendt

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

 

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Fakt oder Fiktion: wie und warum ich Cochrane Evidenz in der Lehre nutze

Thu, 06/07/2018 - 07:31

Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert, prägen unser Leben. Vorstellungen sind auch unsere Filter, durch die die ständig auf uns einwirkende Wissens- und Informationsflut strömt. Herzhaftes Halb-Wissen und eine verzerrte Wahrnehmung der Fakten sind oft das Resultat. Vor allem im Bereich Gesundheit, so meine Erfahrung, neigen wir dazu, unseren Vorstellungen freien Lauf zu lassen. Wie Cochrane Evidenz mir dazu verhilft, Vorstellungen mit fundiertem Wissen zu verknüpfen, möchte ich in diesem Erfahrungsbericht kurz vorstellen.

In meiner bisherigen Praxiserfahrung als Dozent der Gesundheitspädagogik werde ich oft mit ‚Vorstellungen‘ konfrontiert, also mit individuellen Interpretationen der Welt oder ‚Um‘-welt, deren Wechselwirkungen und Gesetzmäßigkeiten. Natürlich liegt das Augenmerk meiner Arbeit auf Vorstellungen, die gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen zu Grunde liegen.

„Regelmäßige Bewegung verhindert Herzinfarkt“, oder etwa doch nicht?

Ein Beispiel wäre die Vorstellung „regelmäßige Bewegung reduziert das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden.“ Ein anderes ist „regelmäßige Bewegung verhindert, dass ich einen Herzinfarkt erleide“. So ähnlich sie klingen, so unterschiedlich sind die darin verbunden Aussagen. Zur Komplettierung sei noch folgende Aussage genannt: „Jetzt noch mit dem Rauchen aufzuhören bringt mir nichts mehr“.

Können Vorstellungen falsch sein?

All diese Vorstellungen resultieren aus dem bereits Erlebten, also der individuellen und/oder kollektiven Erfahrung. Die beiden ersten Vorstellungen könnten zum Beispiel durch das Lesen einer einzelnen Information entstanden sein. Aufgrund bisheriger Erfahrungen und persönlicher Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel der Intelligenz oder Expertenwissen, werden verschiedene Aussagen unterschiedlich gewichtet und interpretiert. So liegt am Ende eine Vorstellung möglicherweise näher an einer „fachlichen Realität“ als die andere. Was aber alle Vorstellungen gemeinsam haben, ist, dass sie nicht „falsch“ sind.

In einem Studienfächer-übergreifenden Seminar zur evidenzbasierten Gesundheitsinformation wird mir häufig die Frage gestellt „Und was ist jetzt richtig?“ Auch privat bekomme ich viele Diskussionen zu unterschiedlichen gesundheitsrelevanten Themen mit, vor allem wenn es um die richtige Ernährung geht, aber auch zu vielen anderen Bereichen. Woran das liegt? Vereinfacht gesagt liegt es daran, dass es so viele Vorstellungen wie Menschen gibt. Jeder hat sein eigenes Konzept davon, was gesund ist, was funktioniert, und was nicht. Genährt wird dies durch ein Überangebot an Informations- und Erfahrungsquellen.

Hier gibt es meiner Erfahrung nach zwei Probleme:

1. Gesammelte Informationen und Erfahrungen können durchaus dem widersprechen, was ich hier als ‚fachliche Realität‘ bezeichnen möchte.

2. Man neigt stark dazu, nur die gesammelten Informationen und Erfahrungen in seine Vorstellungen zu integrieren, die diese ergänzen oder bestätigen.

Klar muss es ein Ziel der gesundheitspädagogischen Intervention sein, Vorstellungen, die gesundheitsschädliches Verhalten begünstigen, zu modifizieren oder zu ersetzen. Aber wodurch? Wo finde ich diese „fachliche Realität“? Das ist eigentlich die Frage, die ich zu beantworten versuche, wenn ich mal wieder „und was ist jetzt richtig?“ höre. Und in diesem Fall bediene ich mich, sofern das möglich ist, nicht meiner Vorstellung, sondern objektiver Evidenz.

Cochrane Evidenz schafft Klarheit im Unterricht

So konnte ich Cochrane-Reviews bereits mehrmals gezielt als Lehr- beziehungsweise Anschauungsmaterial für mein Seminar nutzen. Ein konkretes Beispiel:

Im vergangenen Winter fiel die Grippe-Welle besonders stark aus. Dementsprechend wurde im Wintersemester über den Sinn oder Unsinn der Grippe-Impfung diskutiert. Speziell zu diesem Thema erschien bereits ein ‘Wissen Was Wirkt’ -Beitrag, den ich mit dem zu Grunde liegende Review als Lehrmaterial nutzten konnte, um das Thema fachlich anzugehen.

In Hinblick auf die Studienleistung, die Entwicklung von Gesundheitsinformation, die auf eine speziell definierte Zielgruppe zugeschnitten war, lieferte Cochrane hier ein ideales Muster. Dabei lag das Augenmerk darauf, evidenzbasierte Information laiengerecht zu formulieren. Es konnten Möglichkeiten und potenzielle Fallstricke identifiziert werden. Welche statistischen Informationen sollen kommuniziert werden? Welche Formulierungen sind kritisch, weil sie entweder unverständlich sind oder falsch interpretiert werden können?

Mein Anliegen war es, Studierende für die Evidenz zu sensibilisieren und diese laienverständlich aufzuarbeiten. Wenn ich auf die Ergebnisse der Seminararbeiten schaue, sehe ich, dass dies (zumindest in manchen Fällen) gefruchtet hat.

Als Gesundheitswissenschaftler habe ich persönlich von Cochrane und ‘Wissen Was Wirkt’? profitiert und kann die Anwendung in der Lehre empfehlen. Und sei es nur, damit man als ‚Experte‘ nicht den Fehler macht, seine eigene Vorstellung, die sich im Laufe der Zeit aus verschiedenen Informationen und Erfahrungen gebildet hat, der Realität überzuordnen.

Text: Tobias Leiblein.

Über den Autor: Während meines Studiums der Gesundheitspädagogik begann ich 2015 als wissenschaftliche Hilfskraft für Cochrane Deutschland zu arbeiten. Dort bin ich bis heute in der Organisation der Workshops tätig. Nach Beendigung meines Studiums 2017 nahm ich meine Tätigkeit als Doktorand und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Freiburg auf. Außerhalb des Berufs ist Sport, speziell Triathlon, ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens.

Bye-bye Mittagsspeck – dank Kalorienangaben in Restaurants

Thu, 05/17/2018 - 07:05

Kalorienangaben zu Speisen und Getränken in Restaurants könnten die Kalorienaufnahme pro Mahlzeit um 8 % reduzieren. Das ergab ein im Februar veröffentlichter Cochrane Review. In Anbetracht der weltweit zunehmenden Anzahl übergewichtiger und adipöser Menschen und den damit einhergehenden Zivilisationskrankheiten ist dieses Ergebnis womöglich von großer Bedeutung.

So wie viele meiner Kollegen* esse auch ich in der Mittagspause fast täglich auswärts und oftmals gehen wir gemeinsam in die nahe gelegene Kantine oder in ein Restaurant. Wohin wir gehen, hängt meist davon ab, auf was wir Lust haben. Im Restaurant angekommen, haben wir dann die Qual der Wahl: gesund und lecker soll das Essen sein und nicht zu ‚kalorienlastig‘. Sonst laufe ich Gefahr nach dem Mittagessen eher an meinem Schreibtisch einzuschlafen, anstatt produktiv weiter zu arbeiten. Jedoch ist es oftmals schwierig, den Kalorienanteil meiner Mittagsmahlzeit richtig einzuschätzen. Mit dem Mittagessen nehme ich wohl oftmals mehr Kalorien zu mir, als ich eigentlich möchte. Und darin besteht ja gerade das Problem: eine ständig erhöhte Kalorienaufnahme bei gleichbleibenden Verbrauch trägt zur Entstehung von Übergewicht oder sogar Adipositas bei. Beide begünstigen die Entstehung von Zivilisationskrankheiten, wie u.a. Herzkreislauferkrankungen, verschiedene Krebsarten oder Diabetes. Um diesen Krankheiten vorzubeugen, ist es sinnvoll, in der Bevölkerung das Bewusstsein für eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu stärken – und diese eben auch anzubieten, da wo Menschen essen.

Kalorienzählen im Restaurant?

Kalorienangaben zu den Speisen und nicht-alkoholischen Getränken in Restaurants sind dabei ein interessanter Ansatz. Dies bedeutet, dass die jeweilige Kalorienzahl direkt auf der Speisekarte oder neben den angebotenen Speisen und Getränken, z.B. auf einem Schild, angegeben werden. So werden Menschen für den Kaloriengehalt der einzelnen Speisen und Getränke sensibilisiert. Sie können somit bewusster selbst entscheiden, wie viele Kalorien sie bei einer Mahlzeit auswärts essen möchten. Zusätzlich könnten solche Kalorienangaben Personen, die bereits übergewichtig oder adipös sind, beim Abnehmen unterstützen. Solche Kalorienangaben sind beispielsweise in den USA  oder Kanada bereits üblich.

Bewusster Einkaufen dank Kalorienangaben in Restaurants?

Wer mehr über den Energiegehalt einzelner Mahlzeiten weiß, kauft eventuell auch selbst im Supermarkt eher kalorienärmere Lebensmittel ein. So werden kalorienreichere Produkte in den Supermarktregalen stehen gelassen, während diejenigen mit einer besseren und gesünderen Zusammensetzung im Einkaufskorb landen. Sogenannte Reformulierung von Lebensmittel ist eine neue Entwicklung im Lebensmittelbereich. Dabei wird schon bei der Rezeptur gezielt der Anteil an bestimmten Nährstoffen wie Salz, Fett und Zucker im Vergleich zu handelsüblichen Produkten reduziert.

…. und wie sieht es mit der Evidenz aus?

Die Ergebnisse eines kürzlich veröffentlichten Cochrane Reviews scheinen zu bestätigen, dass eine gezielte Information der Verbraucher wirksam ist. Die systematische Übersichtsarbeit ging der Frage nach, ob die gekaufte bzw. verzehrte Kalorienmenge durch konkrete Angaben reduziert werden kann. Insgesamt wurden 28 Studien aus USA, Kanada und Europa eingeschlossen, welche alle den Einfluss von Kalorienangaben auf Speisekarten bzw. direkt neben den angebotenen Mahlzeiten auf das Kauf- und Konsumverhalten untersuchten. Elf Studien untersuchten den Zusammenhang zwischen Kalorienangaben und dem Kauf von verschiedenen Nahrungsmitteln oder Getränken in Lebensmittelgeschäften, Restaurants oder Kantinen. 17 Studien widmeten sich der Veränderungen des eigentlichen Ess- und Trinkverhaltens, wenn Kalorien angegeben werden. Insgesamt deuten die Ergebnisse tatsächlich darauf hin, dass die gekaufte Kalorienmenge gesenkt werden kann. Eine Metaanalyse von drei randomisiert-kontrollierten Studien zeigte, dass mit einer Kennzeichnung bei einem typischen Mittagessen von 600 Kalorien rund 50 Kalorien (8 %) eingespart werden können. Allerdings wurde dabei nur erfasst, was Menschen auswählen, jedoch nicht, was sie tatsächlich essen und trinken. Insgesamt wurde die Qualität der Evidenz in den eingeschlossenen Studien als niedrig bis sehr niedrig eingestuft.

Und im Gasthof ‚Zur Linde‘?

Auf Speisekarten in der Schweiz, Österreich oder Deutschland habe ich bisher vergeblich danach gesucht: Kalorienangaben sind weder gesetzlich vorgeschrieben noch üblich. Es müssen ausschließlich Informationen zu bestimmten Zutaten, wie beispielsweise allergenen Stoffen oder genetisch veränderten und bestrahlten Lebensmitteln auf Speisekarten oder Speisetafeln gut sichtbar für die Konsumenten angegeben werden. Bisher wird vor allem auf Maßnahmen wie Information oder Reformulierung von Lebensmitteln gesetzt. Dabei könnten die besseren Informationen auf Speisekarten auch als zusätzlicher Service am Gast verstanden werden – und nicht als Genussbremse.

Fazit

Übergewicht und Adipositas nehmen weltweit zu. Neben den bisherigen Maßnahmen im deutschsprachigen Raum, könnte auch die Angabe der Kalorienzahl in Restaurants und Kantinen sinnvoll sein, um die Auswahl von energieärmeren Speisen und nicht-alkoholischen Getränke zu erleichtern. Um jedoch genauere Aussagen treffen zu können, inwieweit diese tatsächlich zu einer dauerhaft reduzierten Kalorienaufnahme in der Bevölkerung führt, sind noch mehr und bessere Studien notwendig. Es wäre doch schön, wenn wir durch Kalorienangaben bewusster essen und dem Mittagsspeck endlich ‚Bye-bye‘ sagen könnten.

Text: Anne Borchard

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter (von anderen Blogbeiträgen so übernommen)

Bisherige Aktivitäten in deutschsprachigen Ländern:

Schweiz: Senkung des Anteils an zugesetzten Zuckern in Jogurts und Frühstückscerealien und der Salzgehalt in bestimmten Lebensmitteln auf freiwilliger Basis von der Lebensmittelindustrie.

Deutschland: In Zusammenarbeit mit der Lebensmittelindustrie konnte der Anteil an Trans-Fettsäuren in Lebensmitteln gesenkt werden. Als nächstes Ziel soll der Anteil an Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten reduziert werden.

Österreich: Reduktion des Salzgehaltes und die Modifikation bzw. Optimierung der Fett- und Kohlenhydratzufuhr u.a. auch durch Reformulierung der Lebensmittel.

http://www.wissenwaswirkt.org/wp-content/uploads/N_hrwertkennzeichnung-zum-Kauf-und-Konsum-von-ges_nderen-Nahrungsmitteln-oder-alkoholfreien-Getr_nken-1.mp4

Cochrane TaskExchange: Neue Funktionen vor allem für Anfänger bei Cochrane!

Wed, 05/09/2018 - 07:00

TaskExchange ist Cochrane’s Onlineplattform, auf der sich neue und alte Mitglieder der Evidenz-Community miteinander verbinden können, um ihre Arbeiten gemeinsam schneller zu erledigen. Was heißt das genau?

Cochrane’s TaskExchange verbindet Menschen, die Hilfe bei einem evidenzbasierten Gesundheitsprojekt brauchen, mit jenen, die Zeit und Erfahrung haben, dazu beizutragen. Hört sich gut an? Bisher haben über 500 Menschen schon über TaskExchange in Projekten zusammengearbeitet.

Neu ist, dass durch TaskExchange Cochrane-Anfängern jetzt ermöglicht wird, zu den Anfängerprojekten über den Link „Browse tasks for beginners“ direkt von der Homepage aus zu navigieren. Zusätzlich sind alle Anfängerprojekte in der Projektliste mit einem grünen Blatt versehen, sodass sie auch dort einfach identifizierbar sind.

„Viele unserer Beitragenden treten TaskExchange bei, um Erfahrungen im Evidenz-Erstellungsprozess zu sammeln,“ so Tari Turner, Co-Leiterin von TaskExchange. „Das können Medizinstudenten oder Studenten ähnlicher Studienrichtungen sein, Cochrane Crowd Mitglieder, oder einfach Menschen mit einem generellen Interesse an Evidenz, die aber wenig praktische Erfahrungen damit haben. Wir wollten es diesen Personengruppen einfacher ermöglichen, zum Evidenzprozess beizutragen. Neulinge können ab jetzt Anfängerprojekte direkt von der Homepage ansehen. Sie brauchen sich nicht mehr durch die ganzen Projekte durchzuarbeiten, die Vorerfahrung oder Expertenerfahrungen bedingen. Das macht es für sie natürlich wesentlich einfacher und attraktiver, sich zu engagieren.“

Diese Änderungen wurde von der Studentengruppe Students 4 Best Evidence sehr begrüßt. „Wir sind begeistert über die neue TaskExchange-Funktion,“ so Selena Ryan-Vig, Students4BestEvidence-Moderatorin. „Das macht es nicht nur einfacher für Studenten, zur Arbeit von Cochrane beizutragen, sondern es ermöglicht ihnen auch, wertvolle Arbeitserfahrung zu erlangen.“

Hilda Bastian, eines der Gründungsmitglieder von Cochrane, sagte einmal „junge Menschen sind einfach faszinierend. Sie verbinden ihr hohes Energielevel und Enthusiasmus mit der aktuellsten wissenschaftlichen Forschung. Es ist wundervoll dass TaskExchange versucht, dies auszuschöpfen.“

Um bei TaskExchange mitzumachen, müssen Sie sich zuerst bei TaskExchange anmelden. Sie können TaskExchange-Aktivitäten auch auf Twitter verfolgen oder die Koordinatoren per Email erreichen: taskexchange@cochrane.org.

Originaltext: Selena Ryan-Vig. Adaptiert und übersetzt: Andrea Puhl

 

Ach du dickes Ei: sind hohe Cholesterinwerte schädlich für’s Herz?

Wed, 05/02/2018 - 07:00

Am Wochenende landet traditionell auf vielen Frühstückstischen das morgendliche weiche Ei mit Wurst oder auch das Rührei mit Speck; Lebensmittel, die reich an gesättigten Fettsäuren und Cholesterin sind. Cholesterin ist ein fettähnlicher Stoff, der im Blut vorkommt und einen schlechten Ruf hat. Etwa 57 % der deutschen Männer und 61 % der deutschen Frauen überschreiten den mittlerweile gültigen Grenzwert von 190 mg/dl.

Warum gelten hohe Cholesterin-Werte als schädlich?

Die Cholesterin-Debatte existiert schon seit den 50er Jahren und wurde in Amerika angestoßen. Zwischen 1920 und1955 kam es dort zu einem enormen Anstieg an Todesfällen verursacht durch Herzinfarkte, was Aufsehen erregte. In einer Fall-Kontroll-Studie von 1953 fanden Forscher heraus, dass diejenigen, die einen Herzinfarkt erlitten hatten im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe höhere Gesamtcholesterinwerte und LDL-Werte (Low-Density-Lipoprotein, genaue Erklärung siehe weiter unten im Blog) aufwiesen. Die amerikanischen Forscher Keys und Hegsted fanden Hinweise dafür, dass die Cholesterin-Konzentration im Blut mit der Aufnahme von gesättigten Fettsäuren in Verbindung stehen könnte. Sie schlussfolgerten, dass gesättigte Fettsäuren die Cholesterinwerte im Blut und somit das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen könnten.

Infolge dieser Erkenntnisse wurden tierische Fette (Butter, Fleisch, Eidotter), die hauptsächlich gesättigter Natur und reich an Cholesterin sind, verteufelt. Cholesterinsenker – sogenannte Statine – kamen auf den Markt und Margarine-Hersteller machten kräftig Umsatz.

Doch was ist Cholesterin überhaupt?

Cholesterin ist ein wichtiger Baustoff des Körpers. Er wird benötigt, um z. B. Hormone und Gallensäure zu bilden und ist ein wichtiger Baustein der Zellwände. Der größte Teil des körpereigenen Bedarfs wird in der Leber hergestellt und nur ein kleiner Teil wird über die Nahrung aufgenommen. Cholesterin gehört zur Gruppe der Lipide (Fette) und ist weder wasser- noch fettlöslich. Um vom Blut transportiert zu werden, wird das Cholesterin zusammen mit Lipoproteinen (Proteine/Eiweiße und Fett) gebunden. Diese Verbindungen unterscheidet man entsprechend ihrer Dichte in HDL- und LDL-Cholesterin.

‚LDL‘ steht für Low-Density-Lipoprotein (Lipoprotein niedriger Dichte): Über diese Verbindung wird das Cholesterin aus der Leber in den Körper, die Organe und das Gewebe transportiert. Ein hoher LDL-Wert wird mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht, da es sich leicht an die Arterienwände anlagern kann. Deshalb steht LDL für das ‚schlechte‘ Cholesterin.

‚HDL‘ steht für High-Density-Lipoprotein (Lipoprotein hoher Dichte): In dieser Kombination wird das Cholesterin aus dem Gewebe zurück zur Leber transportiert.
Ein hoher HDL-Wert soll die Arterien schützen und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Daher wird das HDL auch als ‚gutes‘ Cholesterin bezeichnet.

Und was hat schädliches LDL-Cholesterin nun mit den gesättigten Fetten in der Nahrung zu tun?

Schädliches LDL-Cholesterin und gesättigte Fettsäuren in unserer Nahrung

Studien aus den 50er Jahren geben Hinweise darauf, dass die gesteigerte Aufnahme von gesättigten Fettsäuren zu erhöhten Gesamtcholesterinwerten und LDL-Werten führen kann und somit das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung gesteigert wird.

Dieser Zusammenhang wurde im Jahr 2015 durch Cochrane Autoren* untersucht. Der Review untersuchte, ob sich die Reduktion von gesättigten Fettsäuren auf das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirken könnte.

15 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt über 59.000 erwachsenen Teilnehmern wurden eingeschlossen. Die Teilnehmer waren Männer und Frauen mit und ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ausgeschlossen wurden Studien, die akut erkrankte Menschen, schwangere oder stillenden Frauen untersuchten.

Die Studien hatten gemeinsam, dass die Interventionsgruppe weniger gesättigte Fettsäuren zu sich nahm. Die Kalorien nahmen sie stattdessen über Kohlenhydrate, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, einfach gesättigte Fettsäuren und/oder Proteinen zu sich. In den meisten Fällen erhielt die Interventionsgruppe eine Ernährungsberatung, ergänzende Präparate (z. B. Kapseln mit ungesättigten Fetten) oder bekam die modifizierte Nahrung direkt verordnet. Die Kontrollgruppe behielt ihre Ernährungsgewohnheiten bei, erhielt ein Placebo oder bekam eine andere Diät (Kontroll-Diät) verordnet. Über mindestens zwei Jahre wurden die gesundheitsbezogenen Endpunkte Tod, Tod durch Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Auftreten von Schlaganfall und Krebs bei beiden Gruppen aufgezeichnet.

Ergebnisse:

Die eingeschlossenen Langzeitstudien ergaben, dass die Reduktion von gesättigten Fettsäuren das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden (Schlaganfall, Herzinfarkt) um 17 % verringern kann. Die Studien konnten jedoch keinen Unterschied zwischen den Gruppen in den allgemeinen und kardiovaskulär-bedingten Todesraten feststellen. Betrachtete man genauer, wodurch gesättigte Fette ersetzt wurden, so zeigte sich, dass vor allem ein Ersatz mit mehrfach ungesättigten Fetten positive Wirkung auf die Herz-Kreislauf-Gesundheit hatte. Wurden die gesättigten Fette durch Kohlehydrate oder Proteine ersetzt, zeigte sich kein positiver Gesundheitseffekt. Je größer die Reduktion der gesättigten Fette desto ausgeprägter war der schützende Effekt. Menschen, die noch keine Herz-Kreislauf-Erkrankung erlitten haben, profitieren besonders von einer Ernährung mit wenig gesättigten Fetten. Es wurden keine Nebenwirkungen beobachtet. Durch die Reduktion der gesättigten Fettsäuren kam es in einigen Fällen auch zu Gewichtsabnahmen.

Fazit

Gemäß den Studienergebnissen kann eine ausgewogene Ernährung, die reich an mehrfach ungesättigten und arm an gesättigten Fetten ist, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken.
Einige Menschen haben genetisch bedingt hohe Cholesterinwerte. Diese können sie insofern nicht allein durch entsprechende Nahrung regulieren und müssen in Absprache mit ihrem Arzt ggf. zu Medikamenten greifen, um das Erkrankungsrisiko zu verringern.

Es ist zu beachten, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen meist multifaktoriell bedingt sind. In der Regel kommen mehrere Risikofaktoren (z. B.: Rauchen, Bluthochdruck, Übergewicht, wenig Bewegung, Diabetes mellitus, Stress) zusammen, die das Auftreten der Erkrankung bedingen können.

Ein gesunder Lebensstil, bestehend aus einer ausgewogenen Ernährung, wenig Alkohol und Nikotin, wenig Stress aber viel Bewegung scheint die beste Prophylaxe gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sein.

Text: Maren Fendt

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.