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Updated: 1 day 43 min ago

Verrückt Vegan – Ist die orale Einnahme von Vitamin B12 bei Vitamin B12 Mangel wirksam?

Mon, 10/15/2018 - 13:38

Einige Menschen, vor allem Veganer*, kennen diesen Zustand. Vermehrt macht sich sowohl Müdigkeit als auch Schwäche breit und gelegentlich kommt es zu einem leichten Schwindelgefühl. Der Weg zum Arzt und der darauffolgende Bluttest bringen Gewissheit: Vitamin B12 Mangel. Was dann?

Schon wieder Vitaminmangel? „Mist“- war mein erster Gedanke als mich mein Arzt aufklärte. Manchmal kommt bei mir in solchen Fällen noch ein Eisenmangel dazu. Dieses Mal nicht.

Bei schweren Vitamin B12 Mängeln verabreicht mir mein Arzt das Vitamin intramuskulär, er spritzt es also direkt in einen Muskel. Gelegentlich, jedoch deutlich seltener, verschreibt er hoch dosierte oral-einzunehmende Vitamin B12 Präparate. Bei leichtem bis mittelschwerem Mangel ist es mir wie jedem Betroffenen überlassen, gegen diesen vorzugehen. Der nächste Weg führt mich also in der Regel zur Apotheke oder zum Drogeriemarkt, um Vitamin B12 Kapseln, Tropfen oder entsprechende Säfte zu kaufen. Genügend Auswahl gibt es ja. Doch welches Präparat ist geeignet, wie hoch muss die Tagesdosis sein und was ist Vitamin B12 überhaupt?

Was ist Vitamin B12?

Ein Vitamin ist eine organische Verbindung, die der menschliche Organismus für lebenswichtige Funktionen benötigt. Vitamin B12 oder Cobalamin gehört zu der Gruppe der wasserlöslichen Vitamine, die im Körper eine zentrale Rolle bei der Zellteilung und der Bildung von roten Blutkörperchen spielen. Zudem ist Vitamin B12 dabei beteiligt, die Schutzschicht der Nervenstränge (Myelinschicht) zu bilden und zu erhalten. Daneben wird es für die Umwandlung in Folsäure in ihre aktive Form benötigt und spielt eine wesentliche Rolle beim Homocysteinstoffwechsel. Homocystein ist ein Risikofaktor für Arteriosklerose und Herz-Kreisauf-Erkrankungen.

Wo kommt Vitamin B12 vor?

Der menschlichen Körper ist grössten Teils nicht in der Lage, Vitamine selbst zu produzieren, sondern darauf angewiesen, die Vitamine in ausreichender Menge über die Nahrung aufzunehmen. In der Natur werden Vitamine entweder von Pflanzen, Bakterien oder Tieren gebildet.
Vitamin A ist beispielsweise in Karotten, Kürbis und Aprikosen enthalten.

Vitamin B12 wird jedoch nicht von Pflanzen, sondern von Prokaryoten, also Bakterien oder Blaualgen, synthetisiert. Da diese Mikroorganismen bevorzugt in oder an tierischen Lebensmitteln gedeihen, nimmt der Mensch das Vitamin B12 bevorzugt über tierische Lebensmittel, wie Innereien (Leber, Niere), Muskelfleisch, Fisch, Eier, Milch und Milchprodukte auf. Vereinzelt gibt es auch pflanzliche Nahrungsmittel, die bakteriell vergoren auch Vitamin B12 enthalten wie:

• Sauerkraut
• Bier
• Algen (Nori, Süßwasser-Mikroalge Chlorella)

Leider gibt es bisher keine Belege dafür, dass dieses „vegane“ Vitamin B12 genauso gut vom menschlichen Körper aufgenommen wird, wie jenes, welches ihm über tierische Produkte zugeführt wird.

Wie entsteht ein Vitamin B12 Mangel?

Ein Vitamin B12 Mangel kann entstehen, wenn nicht ausreichend Vitamin B12 über die Nahrung aufgenommen wird, Drogenmissbrauch oder Resorptionsstörungen im Dünndarm vorliegen. Vitamin B12 Mangel ist nicht zu unterschätzen und kann sich – sollte er schwerwiegend sein – in Symptomen wie Schwäche, Müdigkeit, Schwindel, Blutarmut zeigen und sogar Nervenschäden führen.

Gibt es eine empfohlene Tagesdosis für Vitamin B12?

Um einem Mangel vorzubeugen, sollten täglich 3 µg Vitamin B12 (≈ 0,003 Milligramm mg) über die Nahrung aufgenommen werden. Diese Tagesdosis ist bei einem ausgewogenen Lebensstil in der Regel zu erreichen, da 100g Rindfleisch bereits 5 µg und 100g Camembert 3,1 µg enthalten. Detaillierte Nahrungsmitteltabellen finden Sie hier.

Sollte die Aufnahme des Vitamin B12 aus verschiedenen Gründen so erschwert sein, dass es zu einem Mangel kommt, muss gegebenenfalls nachgeholfen werden.
In einem aktuellen Cochrane Review  von März 2018 wurde von Cochrane-Autoren untersucht, ob oral verabreichtes Vitamin B12 bei vorliegendem Vitamin B12 Mangel ähnlich gute Auswirkungen auf die Vitamin B12 Konzentrationen im Blut hat, wie intramuskulär verabreichtes (gespritztes) Vitamin B12.

Studienmerkmale:

In dieses Review wurden 3 randomisierte-kontrollierte Studien eingeschlossen. Alle Studien wurden im Rahmen der ärztlichen Tertiärversorgung in den USA, der Türkei und im südlichen Indien durchgeführt. Die insgesamt 153 erwachsenen Studienteilnehmer waren zwischen 39-72 Jahre alt und wiesen einen therapiebedürftigen Vitamin B12 Mangel auf (Vitamin B12 Konzentration im Blut <148pmol/L). Anteilig wurden 74 Patienten (48,3%) der Interventionsgruppe zugewiesen, welche die oral verabreichte Vitamin B12 Therapie erhielt und 79 Patienten der Kontrollgruppe, die das Vitamin B12 intramuskulär verabreicht bekam. Die Dauer der Studiendurchführung sowie des Nachbeobachtungszeitraums variierte zwischen den Studien und betrug zwischen 3 bis 4 Monate.

Methode:

Die oralen sowie intramuskulär verabreichten Vitamin B12 Therapien wurden im Vorfeld nicht genauer definiert, was Dosis und Verabreichungsfrequenz betrifft. Dementsprechend unterscheiden sich die eingeschlossenen Studien hinsichtlich der Verabreichungsdauer, der Tagesdosis und der verabreichten Gesamtmenge des Vitamin B12. In 2 Studien erhielten die Patienten der Interventionsgruppe täglich 1000µg Vitamin B12, die als Tropfen (cyanocobalamin) eingenommen wurden. Die eingenommene Gesamtmenge während des Untersuchungszeitraums (90 Tage) lag zwischen 15mg und 90mg. In der dritten Studie wurde den Patienten der Interventionsgruppe täglich 2000µg Vitamin B12 in Form von Tabletten verabreicht. Die eingenommene Gesamtmenge, die während des Untersuchungszeitraums (120 Tage) eingenommen wurde, betrug 240mg. Die Kontrollgruppen der Studien erhielten eine intramuskulär injizierte Vitamin B12 Tagesdosis von 1000µg und somit je nach Dauer der Studie eine Gesamtmenge zwischen 9-15mg.

Um einen Unterschied zwischen den Therapieformen feststellen zu können, wurden die Patienten während und nach Durchführung der Studien hinsichtlich folgender Merkmale untersucht:

1. Vitamin B12 Konzentration im Blut

2. Klinische Marker und Symptome des Vitamin B12 Mangels

3. Nebenwirkungen

4. Sozioökonomische Effekte

Ergebnisse:

In den zwei Studien, in denen die Patienten der Interventionsgruppe 1000 μg Vitamin B12 pro Tag zum Einnehmen erhielten, konnten keine signifikanten Vitamin B12 Konzentrationsunterschiede im Blut zwischen Interventions- und Kontrollgruppe festgestellt werden. In der dritten Studie schnitt die Interventionsgruppe, die oral einzunehmendes Vitamin B12 verordnet bekam, zunächst besser ab als die Kontrollgruppe. Allerdings war die Dosis, die während des Untersuchungszeitraums in Tablettenform einzunehmen war im Vergleich zur Kontrollgruppe doppelt so hoch (2000 μg/pro Tag) und der Untersuchungszeitraum um 30 Tage länger als bei der Kontrollgruppe, weshalb die Aussagekraft der Ergebnisse in Frage zu stellen ist. Die orale Vitamin B12 Therapie ist wesentlich kostengünstiger als die intramuskulär zu verabreichende Therapie.

Fazit:

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass beide Verabreichungswege die Vitamin B12 Konzentrationen im Blut deutlich verbessern könnten, also einem Vitamin B12-Mangel entgegenwirken könnten. Da die Zahl der eingeschlossenen Studien und die totale Anzahl an Patienten (lediglich drei Studien mit insgesamt 153 Teilnehmern) unzureichend ist, sollten die Ergebnisse jedoch unter Vorbehalt betrachtet werden. Zudem weisen die eingeschlossenen Studien in der Art der Durchführung sehr große Unterschiede und eine hohe Fehleranfälligkeit auf. Die allgemeine Qualität der Evidenz war niedrig oder sehr niedrig. Deshalb lautet, in diesem Fall, dass die Ergebnisse mit Vorsicht zu genießen sind und weiterer Studienbedarf besteht.

Text: Maren Fendt

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

Wer hilft wie bei psychischen Gesundheitsproblemen?

Wed, 10/10/2018 - 07:55

Dieser Beitrag wurde von Kai Nitschke, einem deutschen Psychologen, verfasst und bezieht sich auf die Lage in Deutschland.

In Deutschland leidet beinahe jeder* Dritte an einer psychischen Krankheit [1]. Demnach kommt fast jeder im Laufe seines Lebens auf die eine oder andere Art entweder direkt oder indirekt mit psychischen Störungen in Kontakt. Trotz der Allgegenwärtigkeit dieser Störungen herrscht oft Unklarheit über den richtigen Ansprechpartner bei psychischen Problemen.

Den meisten Menschen ist klar, dass sie bei Atemwegserkrankungen einen Hals-Nasen-Ohren-Facharzt oder bei Zahnschmerzen einen Zahnarzt aufsuchen. Bei psychischen Problemen ist für sie der richtige Ansprechpartner nicht ganz so eindeutig. Verschiedene Berufsgruppen wie Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten klingen zwar ähnlich, weisen aber andere Schwerpunkte, Ausbildungshintergründe und Kenntnisse auf.

Im Film „Reine Nervensache“ erhält der Patient und Mafiaboss (Robert de Niro) Gesprächstherapie im Rahmen einer Psychotherapie von seinem Psychiater (Billy Crystal).

Vor allem Medien wie z. B. Spielfilme tragen zu dieser Verwirrung bei. Dort verschreibt ein Psychologe mal schnell ein paar Medikamente, was in Deutschland so nicht möglich ist. Die Berufsbezeichnungen können hierdurch zu Recht als verwirrend wahrgenommen werden. Umso wichtiger ist es, die Unterschiede, Hintergründe und Schwerpunkte von Psychiatern, Psychologen und Therapeuten zu kennen, damit Betroffene und Angehörige besser informierte Entscheidungen treffen können.

Berufsbild Psychiater

Psychiater sind Ärzte. Das bedeutet, dass sie zunächst ein Medizinstudium an einer Universität durchlaufen, in welchem das komplexe Zusammenspiel der physiologischen Prozesse des Körpers im Mittelpunkt steht. Innerhalb der ersten beiden Jahre werden die Medizinstudenten in Grundlagenfächern der Vorklinik unterwiesen (z.B. Chemie, Anatomie). Anschließend folgt das klinische Studium, in der innerhalb von drei Jahren 22 Fachgebiete und 14 Querschnittsbereiche unterrichtet werden. Zwei dieser Fachgebiete sind die Psychiatrie und Psychotherapie sowie Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ebenfalls müssen angehende Ärzte ein vier monatiges medizinisches Praktikum (Famulatur) durchlaufen, um die ärztliche Patientenversorgung kennenzulernen. Zum Abschluss des Studium muss noch ein praktisches Jahr (PJ) abgeschlossen werden, in dem Studenten in innere Medizin, Chirurgie und einem Bereich ihrer Wahl, z.B. in der Psychiatrie, ihre Erfahrungen sammeln. Unter Supervision werden hier ärztliche Tätigkeiten durchgeführt und erlernt.

Wenn sie danach Interesse haben, entscheiden sich Mediziner nach dem Abschluss ihres Medizinstudiums für eine fünf-jährige Weiterbildung als Fachärzte in der Psychiatrie und Psychotherapie. Dort fangen sie als Assistenzärzte an. In dieser Weiterbildung müssen sie zwei Jahre in der stationären psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung verbringen sowie ein Jahr in der Neurologie. Die restliche Ausbildungszeit wird in psychiatrienahen Feldern absolviert. Erst nach dem Abschluss dieser Zeit darf sich ein Mediziner Psychiater nennen.
Nach dem Abschluss dieser Ausbildung dürfen Psychiater Psychotherapie anbieten und diese mit der Krankenkasse abrechnen. Darüber hinaus dürfen sie sich als Ärztliche Psychotherapeuten bezeichnen. Da Ärzte sich in ihrem Studium und ihrer Ausbildung vor allem dem komplexen Zusammenspiel des Körpers widmen, dürfen nur sie Medikamente verschreiben, und nähern sich den psychischen Störungen oftmals von der organischen Seite.

Berufsbild Psychologe

Psychologen sind Personen, die das Studium der Psychologie abgeschlossen haben. Das bedeutet, dass sie ca. fünf Jahre lang (für Diplom bzw. Bachelor + Master) an einer Universität das menschliche Verhalten und die menschliche Psyche in verschiedenen Anwendungs- und Lebensbereichen studiert haben. Eines dieser Fächer ist (je nach Institutsausrichtungen und gewählten Schwerpunkten) die klinische Psychologie, welche sich mit den psychischen Krankheiten und deren Behandlung beschäftigt. Dort werden die Charakteristika psychischer Störungen und verschiedene Therapieverfahren – vor allem theoretisch – gelehrt.

Das Fach der klinischen Psychologie genießt zumeist eine besondere Gewichtung im Studium. Allerdings ist es auch möglich, sich auf Fächer wie z. B. Arbeits- und Organisationspsychologie, Sozialpsychologie oder biologische Psychologie zu spezialisieren. Obwohl sich die meisten Psychologen mit dem Wesen und der Behandlung psychischer Krankheiten beschäftigt haben, sind sie keine Therapeuten und dürfen keine Therapien anbieten, die durch die Krankenkassen abgerechnet werden. Hierfür ist eine weitere Ausbildung nötig (siehe psychologischer Psychotherapeut). Psychologen ist es nicht erlaubt, Medikamente zu verschreiben.

Berufsbild: Psychologischer Psychotherapeut

Psychologischer Psychotherapeut (PP) ist eine geschützte Berufsbezeichnung. Diese wurde 1999 im Psychotherapeutengesetz festgestetzt. Wer in Deutschland als psychologischer Psychotherapeut Therapien anbieten möchte, muss eine Ausbildung zum PP absolvieren. Um für die Ausbildung zum PP (für Erwachsene) zugelassen zu werden, muss ein absolviertes Psychologiestudium vorgewiesen werden. Wer eine Ausbildung zur Kinder- und JugendtherapeutIn durchlaufen möchte, muss entweder Psychologe, Pädagoge oder Sozialpädagoge sein.

Arten der psychologischen Psychotherapie

In Deutschland werden drei Therapiearten anerkannt, die Verhaltenstherapie (VT bzw. kognitive Verhaltenstherapie, KVT), die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) und die analytische Psychotherapie (auch als Psychoanalyse bekannt). Welche Schule für welche Störung bei welchem Patienten die effektivste ist, bleibt Gegenstand aktueller Forschung.

Obwohl in den Medien meistens der Psychoanalytiker porträtiert wird, gehören in Deutschland nur wenige Therapeuten (4 %) der rein analytischen Schule an [2]. Wesentlich häufiger sind Verhaltenstherapeuten (mit 49%) und rein tiefen-psychologische Therapeuten (33 %). Die restlichen 14 % gehören sowohl der tiefenpsychologischen als auch der analytischen Schule an.

Während sich die Ausbildungsinhalte für die drei Therapiearten unterscheidet, ist ihnen gemein, dass die Ausbildungszeit mindestens drei Jahre Vollzeit beträgt (600 Theorie, 600 Stunden Praxis und 1800 Stunden praktische Tätigkeit). Die Auszubildenden heißen PIAs (Psychotherapeut in Ausbildung). Da die Ausbildung für angehende PPs keine ausreichende organische Unterweisung umfassen kann, ist es ihnen nicht erlaubt Medikamente, zu verschreiben.

Abgrenzung zum Berufsbild des Heilpraktiker

In Deutschland bieten auch Heilpraktiker Psychotherapie an. Die Berufsbezeichnung des Heilpraktikers ist nicht geschützt. Um als Heilpraktiker arbeiten zu können, muss eine Prüfung abgelegt werden. Bei dieser Prüfung handelt es sich nicht um eine Fachprüfung, sondern um eine Unbedenklichkeitsprüfung, womit ausgeschlossen werden soll, dass angehende Heilpraktiker Schaden an der Gesundheit ihrer Klienten verursachen. Vor der amtlichen Prüfung findet in der Regel eine ein- bis dreijährige Ausbildung zum Heilpraktiker statt. Die Qualität der Ausbildung ist staatlich nicht geregelt. Heilpraktiker dürfen keine rezeptpflichtigen Medikamente verschreiben und ihre Kosten werden nicht standardmäßig von vielen Krankenkassen übernommen.

Alle Klarheit beseitigt?

Soweit zur Lage in Deutschland. Nebst den oben aufgeführten Studienberufen schafft die Existenz vom Berufsbild Heilpraktiker für Psychotherapie sowie Psychologischer Beratern (nicht geschützte Bezeichnung, somit nicht zwingend Psychologen), zusätzliche Verwirrung. Zu beachten ist, dass die Ausbildung und Arbeitserlaubnis im Fachbereich Psychologie und Psychotherapie in vielen Ländern unterschiedlich geregelt ist. Die Grundzüge sind meist ähnlich: Psychiater verschreiben Medikamente und bieten zusammen mit Psychotherapeuten Psychotherapie an. Psychologen arbeiten in einer Vielzahl von Bereichen, in denen Menschen eine Rolle spielen, sei es als Mitarbeiter oder als Kunden.

Text: Kai Nitschke

Kai Nitschke ist Diplom-Psychologe und arbeitet seit Dezember 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Cochrane Deutschland. Zuvor arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Neuropsychologe, Dozent, Methodiker und Statistiker vorrangig in der Forschung und Lehre an der Universität Freiburg und der Universitätsklinik Freiburg. Kai ist kein Psychotherapeut.

 

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

Quellen
[1] BPtK. (n.d.). Bevölkerungsanteil mit psychischen Erkrankungen in Deutschland nach Geschlecht und Altersgruppe im Jahr 2011. In Statista – Das Statistik-Portal. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/221496/umfrage/psychische-erkrankungen-in-der-deutschen-allgemeinbevoelkerung/.
[2] Schulz, H., Barghaan, D., Harfst, T., & Koch, U. (2008). Herausgeber: Robert Koch-Institut. Psychotherapeutische Versorgung. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 41.

Cochrane für Alle: Cochrane Colloquium 2018

Mon, 10/01/2018 - 14:34

Am diesjährigen 25. Cochrane Colloquium in Edinburgh trafen sich Patienten*, Akteure im Gesundheitswesen, Forscher sowie politische Entscheidungsträger zu einer gemeinsamen Tagung. Ihre Vision: einer auf verlässlicher Evidenz basierter Gesundheitsversorgung näher zu kommen. Hier einige Highlights.

Über 1200 Menschen aus aller Welt, die sich für eine bessere globale Gesundheitsversorgung einsetzen, beteiligten sich am diesjährigen Cochrane Colloquium vom 16. bis 18. September 2018 in Edinburgh. Erstmals organisierten Patienten die Konferenz mit. Dies mit dem Ziel, evidenzbasierte Forschung und medizinische Praxis mit den Erfahrungen von Betroffenen zusammenzubringen.

Input von Patienten und ihre Erfahrungen werden zunehmend als wichtige Quelle für eine gute Gesundheitsversorgung anerkannt. Um möglichst vielen Patienten das Mitwirken am Colloquium so einfach wie möglich zu gestalten wurde ein Konferenzdienst eingerichtet. Dank diesem ‘Beyond the room‘ Konferenzdiensts  konnten Menschen auch virtuell durch Live-Tweets und Podcasts am Colloquium teilnehmen und Fragen an die Referenten stellen, welche diese live beantworteten.

Wir sind alle Patienten und Versorger zugleich

Zahlreiche Workshops, Vorträge und Präsentation dienten dazu, dem Ziel ‘Cochrane für alle‘ näher zu rücken. Die Auftaktrede von Cochrane CEO Mark Wilson gab die Richtung vor: ‘Wir sind alle Patienten und Versorger zugleich‘, so Wilson gegenüber der Tatsache, dass fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens beide Rollen einnimmt. Deshalb auch die Notwendigkeit, die künstliche Zweiteilung zwischen Gesundheitspersonal auf der einen Seite und Patient auf der anderen aufzuheben.

Einbezug von Patienten

Immer mehr Patienten möchten bei ihrer Gesundheitsversorgung mitbestimmen und besser informiert sein. Dies spiegelt sich auch im Erfolg der ‘Cochrane — Wikipedia Initiative‘ wider, die besondere Aufmerksamkeit erhielt. Weltweit gibt es auf Wikipedia über 155,000 gesundheitsbezogene Artikel. Die ‘Cochrane Database of Systematic Reviews (CDSR)‘, ist mittlerweile die meist-zitierte Quelle in den gesundheitsbezogenen Wikipedia-Artikeln. Wenn man bedenkt, dass Wikipedia unter den Top 5 der meistbesuchten Webseiten weltweit ist, ist das ein klares Zeichen dafür, dass die evidenzbasierten Informationen von Cochrane immer mehr Menschen, Laien wie Mediziner zugleich, auf der ganzen Welt erreichen.

Patienten möchten sich aber nicht nur über ihre eigene Gesundheit informieren, sondern sich auch untereinander austauschen, ihre Erfahrungen teilen und sich gegenseitig unterstützen. Schon vor über 17 Jahren hatte Dr. Ann McPherson und Dr. Andrew Herxheimer – beide Cochrane Mitglieder und Ärzte – die Idee, ihre eigenen Krankheitserfahrungen auf der Webseite ‘Health Talk‘ öffentlich zu teilen. Nach dem Vorbild dieser Webseite entstanden in einigen Ländern – mitunter auch in Deutschland unter dem Namen Krankheitserfahrung  – ähnliche Webseiten. Andere sind noch in Planung, wie zum Beispiel in der Schweiz.

Während diese Webseiten in erster Linie für Patienten erstellt und von diesen genutzt werden, werden sie mittlerweile auch als Lehrmittel bei Medizinstudenten eingesetzt. Die rund 30’000 Videos mit über 100 verschiedenen Krankheitsbildern von ‘Health Talk‘ werden zum Beispiel an der Oxford Universität genutzt, um Medizinstudenten die praktischen Sorgen und Ängste von Patienten näher zu bringen. Dadurch könnten die nicht-messbaren, individuellen Überzeugungen und Gefühle von Patienten auch in der Versorgung berücksichtigt werden.

Betonung liegt auf dem Wort ‚Versorgung‘

Die Abschlussrede von Dr. Victor Montori, Professor der Medizin an der Mayo Klinik, Minnesota, USA, schließt und erweitert diesen Kreis zugleich: Der Fokus einer evidenzbasierten Gesundheitsversorgung, so Dr. Montori, läge auf dem Wort Versorgung und nicht auf dem Wort evidenzbasiert. Letzteres sei lediglich ein Adjektiv, um eine bessere, menschlichere, patientenorientiertere und auf dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Forschungstand basierende Versorgung zu gewährleisten.

Doch sei die Arbeit von Cochrane Autoren, auch wenn sie manchmal theoretisch oder praxisentfernt erscheinen mag, genau deshalb so wichtig: Sie legt die Basis dafür, dass Ärzte und andere Gesundheitsfachpersonen diese Versorgung auf wissenschaftlichem Fundament für ihre Patienten gewährleisten können.

In diesem Sinne freuen wir uns auf weitere Patientenbeteiligung bei zukünftigen Cochrane Colloquia.

Text: Anne Borchard und Andrea Puhl

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

Anekdoten sind kein zuverlässiger Wirksamkeitsbeleg

Thu, 09/27/2018 - 08:14

Dies ist der zweite einer Reihe von 34 Blog-Artikeln, der sich auf die Schlüsselkonzepte zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen bezieht, die vom IHC-Projekt (Informed Health Choices) entwickelt wurden.

Personen können ganz unterschiedlich auf die gleiche Behandlung reagieren…

Jeder Mensch ist einzigartig. Unterzieht sich ein Mensch einer medizinischen Behandlung oder Intervention , so kann sich die Interaktion zwischen seinem Körper und der Behandlung entweder als gesundheitsfördernd oder als schädlich erweisen. Diese Interaktion zwischen Körper und Behandlung könnte bei der einen Person deutlich anders aussehen als bei der anderen, auch wenn es sich um die gleiche Behandlung handelt.

Deshalb sind persönliche Erfahrungen und Anekdoten auch unzuverlässige Formen von Evidenz. Wenn wir Untersuchungen an einer einzigen Person durchführen, können wir nicht sicher sein, ob die Wirkungen der Behandlung nicht von der zufälligen Variation im Körper dieser Person abhängen. Daher müssen wir Behandlungen an einer großen Menge an Personen testen. Je mehr Personen untersucht werden, desto unwahrscheinlicher ist, dass unterschiedliche körperliche Faktoren die Ergebnisse beeinflussen.

Menschen neigen dazu, einen Zufall mit Ursache und Wirkung gleichzusetzen…

Es ist durchaus möglich, dass eine einzelne Wirkung während einer Behandlung bei einer Person überhaupt nicht wegen der Behandlung auftritt. (Dies werden wir in einem späteren Blogeintrag diskutieren. Schlüsselkonzept 1.3: Assoziation ist nicht dasselbe wie Kausalität).

Zum Beispiel ist es möglich, dass eine Person eine Erkältung entwickelt. Erkältungen dauern im Schnitt 7 Tage. Trotz der Evidenz, dass Antibiotika wahrscheinlich gegen eine Erkältung unwirksam sind, könnte es sein, dass die Person am 5. oder 6. Tag der Erkrankung anfängt, ein Antibiotikum einzunehmen und die Erkältung am 7. Tag nachlässt. Wir wissen, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Person wegen des Antibiotikums gesund wurde, da Erkältungen virale Infektionen sind und Antibiotika Bakterien behandeln. Die Person könnte allerdings glauben, dass das Antibiotikum der Grund für die Besserung war. Tatsächlich wären sie wahrscheinlich ohnehin genesen, auch ohne Medikation.

Hier gilt auch der Umkehrschluss: Angenommen, eine Person nimmt ein Arzneimittel, welches laut Forschung nicht häufig mit unerwünschten Wirkungen in Verbindung gebracht wird. Falls die Person zufällig am ersten Tag, an dem sie das Mittel nimmt, eine Migräne entwickelt, könnte sie annehmen, dass das Mittel die Migräne verursacht hat und die Behandlung abbrechen.

Es sind nicht nur Patienten*, die diesem Fehler verfallen. Es gibt viele Beispiele, wo Ärzte ein Mittel verschreiben, das für ein bestimmtes Leiden nicht zugelassen ist, nur weil sie schon einmal sahen, wie es bei anderen Patienten wirkte. Dieses Vorgehen zeigt Ignoranz gegenüber möglichen Schäden der Behandlungen, die ohne angemessene Untersuchungen unbekannt sind (siehe Schlüsselkonzept 1.1: Behandlungen können schaden).

Das Beispiel Diäthylstilböstrol (DES)

DES erlangte in den frühen 1950ern Beliebtheit. Es wurde angenommen, dass es eine Funktionsstörung der Plazenta verbessern kann, von der geglaubt wurde, dass sie Fehl- und Totgeburten verursachte. Jene, die es einnahmen, wurden durch Anekdoten von Frauen mit vorherigen Fehl- und Totgeburten ermutigt, die nach einer Behandlung mit DES ein lebendes Kind gebaren.

Zum Beispiel verschrieb ein britischer Kinderarzt nach Besprechungen mit einer schwangeren Frau, die zwei Totgeburten erlebt hatte, das Mittel ab der frühen Schwangerschaft. Die Schwangerschaft endete mit der Geburt eines lebenden Babys. Mit der Begründung, dass die natürliche Kapazität der Frau, erfolgreich Kinder zu kriegen, über Zeit verbessert wurde, verschrieb der Arzt während der vierten Schwangerschaft kein DES. Das Baby starb im Mutterleib aufgrund von Plazentainsuffizienz.

Demensprechend waren der Arzt und die Frau während ihrer fünften und sechsten Schwangerschaft überzeugt, dass DES wieder gegeben werden sollte. Die Schwangerschaften endeten beide mit lebenden Babys. Sowohl der Arzt als auch die Frau schlossen daraus, dass DES ein nützliches Mittel sei.

Leider basierte diese Schlussfolgerung auf einer Anekdote und wurde in angemessenen Untersuchungen mit großen Stichproben nie als korrekt erwiesen. Im gleichen Zeitraum, in dem die Frau ihre Behandlungen erfuhr, wurden Studien ohne systematische Fehler und mit sehr vielen Teilnehmern durchgeführt, die keine Evidenz für einen solchen Nutzen von DES fanden [1].

Zwanzig Jahre später kam Evidenz zu schädlichen Nebenwirkungen auf, als die Mutter einer jungen Frau mit einer seltenen Krebserkrankung der Vagina eine sehr wichtige Beobachtung machte: Der Frau war während der Schwangerschaft DES verschrieben worden und sie äußerte die Vermutung, dass das Mittel den Krebs ihrer Tochter verursacht haben könnte [2]. Diesmal erwies sich die Beobachtung als richtig. Noch wichtiger aber war, dass dies anhand von systematischer Forschung belegt werden konnte, die Stichproben einer großen Anzahl von Teilnehmern anstelle von einer oder zwei Personen berücksichtigte.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass eine große Anzahl übereinstimmender Anekdoten durchaus signifikante Aussagen über eine Behandlung machen können. Im Vereinigten Königreich [wie z. T. auch in Deutschland] ist das ganze System zur Berichterstattung von Nebenwirkungen eines Arzneimittels tatsächlich abhängig von der Sammlung von Patientenanekdoten. Aber um beurteilen zu können, ob Behandlungen sicher und wirksam sind sollten sie ihm Rahmen angemessener Vergleichsverfahren gründlich untersucht werden. Ohne diese Untersuchungen haben wir keine Ahnung, ob das, was wir verschreiben (oder verschrieben bekommen), eine Person umbringen oder ihr Leben retten könnte.

Text: John Castle
Englischer Originalartikel

Übersetzt ins Deutsche von: Annika Wenzel

 

https://www.wissenwaswirkt.org/wp-content/uploads/IHC-Key-Concept-1.mp4

Link zu deutschem Video auf Students4bestEvidence

Referenzen

[1] Chalmers I. Evaluating the effects of care during pregnancy and childbirth. In: Chalmers I, Enkin M, Keirse MJNC, eds. Effective care in pregnancy and childbirth. Oxford: Oxford University Press, 1989:3-38.
[2] Ulfelder H. The stilbestrol disorders in historical perspective. Cancer 1980:45-3008-11.

Unterschätzt: Selbstmord bei Studierenden

Mon, 09/10/2018 - 07:39

Zum Anlass des jährlichen internationalen Suizidpräventionstag am 10.September möchte auch Wissen Was Wirkt das seit jeher tabuisierte und unterschätzte Thema des Selbstmords in den Vordergrund rücken.

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nimmt sich alle 40 Sekunden ein Mensch das Leben. Bei jungen Menschen zwischen 15-29 Jahren ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache. Auch unter Studierenden ist die Prävalenzrate hoch. Ein Cochrane Review von 2014 untersuchte deshalb die Wirkung von Programmen zur Vorbeugung von Selbstmord bei Studierenden. Was kam dabei heraus?

Selbstmord kommt erschreckend häufig vor

Formal versteht man unter Selbstmord eine bewusste, absichtliche Handlung, die das eigene Leben beendet. Weltweit ist bei 1.4 % aller Todesfälle Selbstmord die Ursache, und die Häufigkeit, mit der Menschen zu dieser finalen Handlung greifen, ist auch in Europa erschreckend hoch. So nahmen sich 2015 56.000 Europäer* das Leben, darunter 10.200 Deutsche. In absoluten Zahlen lag Deutschland in dem Jahr an der Spitze, in relativen Zahlen knapp über dem europäischen Durchschnitt mit 12 Selbstmorden pro 100.000 Einwohner. In der Schweiz waren es im selben Jahr 13 und in Österreich 14 pro 100.000 Menschen. In Deutschland rangiert Suizid bei den häufigsten Sterbeursachen an 8. Stelle und ungefähr doppelt so viele Menschen verlieren ihr Leben durch Suizid als durch Verkehrsunfälle.

Totschweigen verdeckt die Tatsachen nicht

Diese Fakten sollten die Dimensionen des oft unterschätzen Themas Suizid auch für diejenigen, die bisher das Glück hatten, nicht direkt damit in Berührung zu kommen, ins Bewusstsein rücken. Denn obwohl es viele Sensibilisierungskampagnen wie zum Beispiel die Reden kann Retten-Kampagne des Kantons Zürich und der Schweizer Bahn gibt, wird das Thema oft totgeschwiegen. Für diejenigen, denen ein lieber Mensch, Freund oder Angehöriger, der sich das Leben genommen hat, in Erinnerung bleibt, sind Zahlen nicht notwendig, um sich die Bedeutung des Suizids in der Gesellschaft vor Augen zu halten.

Infobox: Suizid im Zeitverlauf

Historisch betrachtet wurde der Suizid unterschiedlich bewertet:
• Im alten Rom und Griechenland galt Selbstmord als Verbrechen an der Gesellschaft. Er wurde von Dienern und Sklaven als Diebstahl am Herrn betrachtet, der als einziger über Leben und Tod regieren durfte. Deshalb musste in Griechenland für einen Selbstmord erst die Erlaubnis eingeholt werden; in Rom war es verboten, so zur Entkräftung des Staates beizutragen. In Zeiten der Not war die Selbsttötung im Gegenzug jedoch begrüßt.
• Im feudalen Japan galt der rituelle Selbstmord (seppuku) hingegen als ein ehrenvoller Weg, dem verstorbenen Lehnsherrn treu zu bleiben oder die möglicherweise durch ein Fehlverhalten oder eine Pflichtverletzung verlorene Ehre der Familie wieder herzustellen.
• Spätestens seit den Konzilen von Arles (452 n. Chr.) wurden von der christlich-katholischen Kirche alle Arten von Suizid verurteilt und als Mord betrachtet.
• Ab dem 17. Jahrhundert begann man Suizid offiziell mit Geisteskrankheit in Verbindung zu bringen und wissenschaftliche Untersuchungen des Selbstmordes in Verbindung mit geistigen oder psychologischen Problemen begannen unter anderem dank dem französischen Arzt Esquirol im Jahr 1938.
Quelle: Todesursache Suizid

Vor allem junge Menschen sind betroffen

Gemäß der Zahlen der WHO begehen weltweit vor allem junge Menschen zwischen 15-29 Jahren Selbstmord. Während dies oft Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen betrifft, sind auch in Europa jüngere Altersgruppen von Sterblichkeit durch Suizid berührt. In Deutschland zum Beispiel nahmen sich im Jahr 2015 laut dem statistischen Bundesamt 964 Personen zwischen 15 und 30 Jahren ihr Leben selbst – etwa ein Zehntel aller Suizidfälle im diesem Jahr.

Studienzeit – schönste Zeit des Lebens

In diese Altersgruppe fällt natürlich auch die Studentenpopulation. Tatsächlich ist es gemäß eines Cochrane Reviews, der 2014 veröffentlicht wurde, nicht selten, dass gerade Studierende an Selbstmord denken, ihn planen oder ausführen. Selbstmordraten von 6.5 (USA), 8.2 (Vereinigtes Königreich) und 10.0 (China) pro 100.000 Vollzeitstudierenden werden im Review zitiert.

Dabei sollte doch die Studienzeit eine der schönsten Zeiten des Lebens sein, voller neu gewonnener Freiheit, Unabhängigkeit, neuer Freunde etc. – oder etwa nicht?

Die Kehrseite der Medaille

Im Review genannte Beweggründe, die Menschen und auch Studierende zum Suizid bringen können, sind unter anderem Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Mangel an sozialer Unterstützung, psychische Erkrankungen (manisch-depressive Störungen, Schizophrenie, Angstzustände, Drogenmissbrauch) und eine persönliche Neigung zu depressiven Gedankengängen. Hinzu kommt akademischer Druck, Stress und Leistungszwang.

Sind Programme, um Suizid(gedanken) bei Studierenden vorzubeugen…

Die Cochrane Autoren legen dar, dass weniger als die Hälfte der Studierenden, die über Selbstmordgedanken oder andere ernste psychische Erkrankungen berichten, professionelle Behandlungen erhalten haben. Sie sahen deshalb den Bedarf an Programmen zur Vorbeugung von Selbstmord (Suizidprävention) für Studierende, die nicht bereits als selbstmordgefährdet bekannt waren (Primärprävention). Über diese wollten sie mehr erfahren und dabei die Wirkung dieser Programme auf Selbstmord, suizidales Verhalten sowie auf Wissen und Einstellung in Bezug auf Selbstmord untersuchen.

…von Nutzen?

Die Ergebnisse des Reviews sind ernüchternd, weil spärlich.

Die Autoren fanden nur 8 Studien, die bis auf eine alle in den USA durchgeführt wurden und die sich sowohl mit Primärpräventionen (deren Zielgruppe Studierende waren, die noch nicht als selbstmordgefährdet bekannt waren), als auch mit Sekundärprävention beschäftigten (Zielgruppe: selbstmordgefährdete Studenten).

Drei dieser Studien mit 312 Studierenden fokussierten sich auf Präsenzunterricht zu Suizid und Suizidprävention. Die Ergebnisse zeigten, dass Unterricht das kurzfristige Wissen über Selbstmord und Suizidprävention bei Studierenden erhöht. Das Vertrauen in die Fähigkeit, einen Selbstmord zu verhindern, kann sich kurzfristig verbessern. Jedoch konnten keine langfristigen Wirkungen nachgewiesen werden. Auch sind die Auswirkungen dieser Programme auf das eigentliche suizidale Verhalten nicht bekannt.

Vier weitere Studien mit 53 bis 146 Personen untersuchten die Wirkung von Trainingsprogrammen von Schlüsselpersonen („Gatekeeper“), die die Warnsignale für seelische Krisen oder Selbstmordgefährdung bei Studierenden in ihrem Umfeld erkennen und darauf reagieren lernen sollten. Diese Programme können bei Gatekeepern geringe bis mittlere Verbesserungen beim suizidbezogenen Wissen und dem Vertrauen in die Fähigkeit, einen Selbstmord zu verhindern, bewirken. Allerdings fanden die Autoren keine Belege dafür, dass solche Schulungen die Einstellung der Schlüsselpersonen zu Selbstmord kurzfristig verbessern oder langfristige Verbesserungen beim suizidbezogenen Wissen oder Verhalten bewirken.

Eine letzte Studie hatte eine direktere Vorgehensweise. Dabei wurde der Zugang zu Zyanid (Blausäure) in den Labors eingeschränkt und eine fachkundige Beurteilung von Studierenden vorgeschrieben, die als selbstmordgefährdet galten. Die Maßnahme bewirkte eine deutliche Verringerung der Selbstmordrate unter den Studierenden. Ergebnisse wurden bis zu dem Zeitpunkt jedoch nicht in anderen Hochschulen repliziert.

(Für detaillierte Ergebnisse bitte den vollen Bericht lesen)

Fazit

Junge Generationen, darunter Studierende, sind Hoffnungsträger der Zukunft. Dass Suizid in dieser Altersgruppe eine der häufigsten Todesursachen ist, sollte sehr ernst genommen werden und effektive Präventionsprogramme sollten an der richtigen Stelle eingesetzt werden.

So auch zum Abschluss die Autoren:

„Während viele junge Menschen, die nicht studieren, ebenfalls ein hohes Suizidrisiko haben, ermöglichen Universitäten einzigartige Zugänge zu einer Gruppe von Menschen, die einem hohen Suizid-Risiko ausgesetzt ist. Somit bieten sie zentrale, potenzielle Möglichkeiten für Primärprävention durch Lehrplanänderungen, soziale Normierung und Campus-Richtlinien. Neue Forschung wird benötigt, um die Auswirkungen von Bildungs- und Trainingsprogrammen auf die Primärprävention von Selbstmordabsichten und -verhalten bewerten zu können.“

Infobox: Informations- und Hilfeorganisationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Praktische Informationen auf Deutsch zu Selbstmord und fachliche, direkte Unterstützung gibt es

In Deutschland:
Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS)
Telefonseelsorge und weitere Links 
In Österreich:
• Österreichische Gesellschaft für Suizidprävention (ÖGS)
Telefonseelsorge und weitere Links
In der Schweiz:
Pro Juventute: Beratung und Hilfe für Kinder und Jugendliche
Dargebotene Hand: Beratung und Hilfe für Erwachsene
Beratungsangebote nach Kantonen

Text: Andrea Puhl

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

Behandlungen können schaden

Thu, 09/06/2018 - 07:56

Dies ist der erste einer Reihe von Blog-Artikeln, der sich auf die Schlüsselkonzepte zur besseren Bewertung von Aussagen zu Behandlungen bezieht, die vom IHC (Informed Health Choices) Projekt entwickelt wurden. Jeder Blog-Artikel erklärt eines dieser Schlüsselkonzepte, um Aussagen zu Wirkungen von Behandlungen besser verstehen und einordnen zu können.

Behandlungen können schaden : Das ist einer der ersten und wichtigsten Gründe, warum wir Behandlungen prüfen müssen. Denn das zweite Prinzip der medizinischen Ethik lautet: Nicht-Schaden.

Es mag zwar selbstverständlich erscheinen, aber viele Beispiele aus der Geschichte haben gezeigt, dass Personen durch Behandlungen geschädigt oder sogar getötet werden können, wenn kein evidenz-basierter Ansatz verfolgt wird. Nur wenige wirksame Behandlungen sind zu 100 % sicher und die Hersteller werden immer wieder mögliche schädliche Wirkungen runterspielen (verschweigen) und bei Vorteilen übertreiben. Behandlungen werden oft nicht ausreichend überprüft oder Daten zu unerwünschten Ereignissen nicht richtig aufgenommen oder berichtet.

Beispiel 1. Antiarrhythmika bei Patienten, die einen Herzinfarkt haben

Nach einem Herzinfarkt entwickeln manche Personen Herzrhythmusstörungen, auch – kardiale Arrhythmien genannt. Diese Personen sind einem höheren Sterberisiko ausgesetzt als jene, die keine Herzrhythmusstörungen entwickeln. Da es Arzneimittel gibt, die diese Störungen unterdrücken, erschien es logisch, anzunehmen, dass diese Mittel auch das Sterberisiko nach einem Herzinfarkt vermindern würden. Folglich wurden sie hierfür eingesetzt.

Die Arzneimittel wurden in klinischen Studien überprüft, aber nur um zu ermitteln, ob sie Herzrhythmusstörungen vermindern und nicht, ob sie auch das Sterberisiko nach einem Herzinfarkt beeinflussen. Als die gesammelte Studienevidenz im Jahr 1983 zum ersten Mal systematisch geprüft wurde, lag keine Evidenz vor, dass diese Arzneimittel Sterberaten verminderten [1]. Tatsächlich hatten die Mittel die genau entgegengesetzte Wirkung. Dennoch wurden sie weiterhin eingesetzt – und töteten weiterhin viele Menschen – und das fast zehn Jahre lang.

Eine Schätzung besagt, dass sie, auf dem Höhepunkt ihrer Nutzung in den späten 1980ern für zehntausende vorzeitige Todesfälle allein in den USA verantwortlich waren. Tatsächlich töteten sie jährlich mehr Amerikaner, als im gesamten Vietnamkrieg fielen [2].

Dieses Beispiel zeigt, wie die Analyse der falschen Endpunkte irreführend sein kann.

Beispiel 2. Dr. Spock

Ratschläge können auch tödlich sein. Viele Menschen haben von dem amerikanischen Kinderpflege-Spezialisten Dr. Benjamin Spock gehört, dessen Bestseller Baby and Child Care über mehrere Jahrzehnte zu einer Bibel sowohl für Eltern und Profis wurde – vor allem in den USA und dem Vereinigten Königreich. Dr. Spock lag mit einem seiner gut gemeinten Ratschläge allerdings verheerend falsch.

Mit einem anscheinend logischen Hinweis sagte er: „Es gibt zwei Nachteile, wenn ein Baby auf dem Rücken schläft. Übergibt es sich, könnte es eher am Erbrochenen ersticken. Außerdem neigt es dazu, den Kopf auf die gleiche Seite zu drehen … dies könnte die Seite des Kopfes abflachen … Ich denke es ist besser, ein Baby daran zu gewöhnen, von Anfang an auf dem Bauch zu schlafen.“

Dieser Ratschlag wurde zur gängigen Praxis, obwohl er nie gründlich untersucht wurde und es wird angenommen, dass er zehntausende verhinderbare plötzliche Kindstode verursachte [3].

Als zu diesen schädlichen Wirkungen klare Evidenz aufkam, wurde die Praxis, Babys auf dem Bauch schlafen zu lassen, aufgegeben und die Anzahl plötzlicher Kindstode fiel drastisch.

Beispiel 3. Thalidomid (Sorry, aber es ist wirklich wichtig)

Dies zeigt, dass Expertenmeinungen nicht immer richtig sind. (Dies wird in einem späteren Blogeintrag dieser Reihe weiter diskutiert. Schlüsselkonzept 1.6: Expertenmeinungen sind nicht immer richtig.)

Thalidomid ist ein besonders erschreckendes Beispiel einer neuen medizinischen Behandlung, die mehr Schaden anrichtete als Gutes tat, weil sie nie hinsichtlich ihres Zwecks überprüft wurde. Dieses Schlafmittel wurde in den späten 1950ern als eine anscheinend sicherere Alternative zu den Barbituraten eingeführt, die zu dieser Zeit regelmäßig verschrieben wurden. Eine Überdosis an Thalidomid führte, anders als bei Barbituraten, nicht zu einem Koma. Thalidomid wurde vor allem schwangeren Frauen empfohlen, um Morgenübelkeit zu erleichtern.

In den frühen 1960ern bemerkten Geburtshelfer schließlich einen starken Anstieg an Fällen von schwer missgebildeten Armen und Beinen bei Neugeborenen. Dieses vorher sehr selten vorkommende Leiden führt zu derart extrem verkürzten Gliedmaßen, dass die Hände und Füße direkt aus dem Körper herauszuwachsen scheinen.

Ärzte* in Deutschland und Australien brachten diese Missbildungen später mit der Tatsache in Verbindung, dass die Müttern in der frühen Schwangerschaft Thalidomid eingenommen hatten [4]. Dies führte zu Geldforderungen von Patienten, die sich auf Millionen von Pfund beliefen.

Die Thalidomid-Tragödie machte Ärzte, Pharmaindustrie und Patienten gleichermaßen fassungslos und führte zu einer weltweiten Überholung der Medikamentenentwicklung [5].

Solche Beispiele sind zahlreicher als man sich vorstellen möchte und sie sind alle das Ergebnis von Ärzten, Forschern und Pharmaunternehmen, die Behandlungen nicht ausreichend überprüften – und damit Schäden oder Todesfälle von tausenden Menschen und unnötige Kosten in hunderten Gesundheitseinrichtungen verursachten.

Wir brauchen also Evidenz, weil wir wissen müssen, ob eine Behandlung mehr Schaden anrichtet als Gutes tut. Außerdem sollten wir immer die Möglichkeit bedenken, dass Behandlungen Schäden zur Folge haben können.

Text: John Castle

Englischer Originalartikel

Übersetzt von: Annika Wenzel

IHC Key Concept 1.1 Behandlungen können schädlich sein

https://www.wissenwaswirkt.org/wp-content/uploads/IHC-Key-Concept-1.1-Behandlungen-können-schädlich-sein.mp4

Referenzen

[1] Furberg CD. Effect of antiarrhythmic drugs on mortality after myocardial infarction. American Journal of Cardiology 1983;52:32C-36C.
[2] Chalmers I. In the dark. Drug companies should be forced to publish all the results of clinical trials. How else can we know the truth about their products? New Scientist 2004, 6 March, p19. Citing Moore T, Deadly Medicine. New York: Simon and Schuster, 1995.
[3] Gilbert R, Salanti G, Harden M, et al. Infant sleeping position and the sudden infant death syndrome: a systematic review of observational studies and historical review of clinicians’ recommendations from 1940-2000. International Journal of Epidemiology 2005;34(4):874- 87.
[4]Stephens T, Brynner R. Dark medicine: the impact of thalidomide and its revival as a vital medicine. Cambridge, Mass: Perseus Publishing, 2001.
[5] Thomson D, Capstick T. How a risk management programme can ensure safety in thalidomide use. Pharmaceutical Journal 2004 Feb 14:194-5.

Bilder:

Dr. Spock’s Babyns Child Care
Thalomid
Beide Bilder unter CC-Lizenz.

Link zum deutschem Video auf Students4bestEvidence 

Können Ohrentropfen Ohrenschmalz gut entfernen?

Thu, 08/30/2018 - 08:39

Ohrenschmalz betrifft jeden – darüber gesprochen wird eigentlich nie. Im Normalfall verursacht das natürliche Körpersekret ja auch keine Probleme. Unangenehm wird es jedoch, wenn es den Gehörgang verstopft und Schmerzen oder Schwerhörigkeit verursacht. Tropfen und Sprays werden angeboten, um lästiges Ohrenschmalz zu entfernen, doch wie gut wirken diese Produkte?

Zerumen, landläufig Ohrenschmalz genannt, ist ein natürliches Sekret, das von der Ohrenschmalzdrüse abgesondert wird. Alle Säugetiere, so auch der Mensch, produzieren Ohrenschmalz – und das nicht ohne Grund. Das Sekret übernimmt wichtige Aufgaben. Es befeuchtet den Gehörgang, entfernt Schmutz, Staub und abgestorbene Hautpartikel, schützt das Ohr vor Insekten und enthält Stoffe, die gegen Bakterien ankämpfen.

Wenn Ohrenschmalz zum Problem wird

Warum sollen wir das wichtige Ohrenschmalz also entfernen wollen? Es kann zum Problem werden, wenn übermäßige Mengen davon produziert werden, die sich nicht mehr selbst entfernen und den Gehörgang verstopfen. Das kann Schmerzen und auch eine Beeinträchtigung des Hörvermögens mit sich bringen. Wenn der Gehörgang einmal richtig verstopft ist, müssen Maßnahmen ergriffen werden, die den Ohrenschmalz erweichen und entfernen. Zum einen kann ein Arzt oder eine Ärztin diese zusammengeballte Masse mechanisch entfernen. Zum anderen können Ohrentropfen und manchmal auch Sprays verwendet werden. Diese Mittel sind entweder ölbasiert, wasserbasiert, oder eine Kombination davon. Es gibt auch Mittel aus Wasserstoffperoxid oder Glycerin. Ein Team von Cochrane Autoren und Autorinnen hat untersucht, wie wirksam diese Produkte bei der Entfernung von Ohrenschmalz sind.

Aktueller Forschungsstand

Das Cochrane-Team konnte nach einer umfangreichen Suche insgesamt 10 Studien mit 623 Personen identifizieren, die Ohrentropfen (und Sprays) untersucht haben. Neun dieser Studien wurden bei Personen, die mindestens 15 Jahre alt waren, durchgeführt. Das Risiko für Bias (systematische Fehler in der Planung, Durchführung, Auswertung der Studie) war in den einzelnen Studien insgesamt gering bzw. unklar.

In erster Linie war das Cochrane-Team daran interessiert, herauszufinden, wie gut die Mittel dabei helfen, den Gehörgang komplett von Ohrenschmalz zu befreien. Eine Studie verglich die Verwendung von Ohrentropfen mit aktivem Wirkstoff im Vergleich zu „Nichts-tun“. Hier zeigte sich, dass Ohrentropfen bei einer von fünf Personen den Gehörgang komplett freispülten, während der Gehörgang ohne Zutun nur bei einer von 20 Personen wieder frei wurde.

Verglich man Ohrentropfen mit aktivem Wirkstoff mit normalem Wasser oder Kochsalzlösung, konnte kein Unterschied in der Wirksamkeit beobachtet werden. Auch beim Vergleich „Wasser bzw. Kochsalzlösung“ mit „Nichts-tun“ zeigte sich kein Unterschied. Die Qualität der Evidenz war allerdings niedrig, unter anderem weil oft nur kleine Studien diese Vergleiche untersucht hatten.

Weniger als 30 Personen berichteten bei der Verwendung dieser Mittel von leichten unerwünschten Wirkungen wie Irritation, Schmerz und unangenehmem Geruch. Schwerwiegende unerwünschte Effekte wurden nicht berichtet.

Fazit

Das Cochrane-Team kam zu dem Schluss, dass Ohrentropfen bei verstopftem Gehörgang helfen können, Ohrenschmalz zu entfernen. Ob ein bestimmtes Produkt einem anderen überlegen ist, oder Mittel mit aktiven Inhaltsstoffen besser wirken als einfaches oder salziges Wasser, bleibt unklar.

Den Cochrane Review finden Sie unter: http://cochranelibrary-wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD012171.pub2/full.

Text: Barbara Nußbaumer-Streit

Herzschwäche: Hilft körperliche Aktivität?

Thu, 08/23/2018 - 07:10

Herzschwäche – auch Herzinsuffizienz genannt – ist ein weltweit zunehmendes gesundheitliches Problem. Sie wirkt sich bei den Betroffenen* unter anderem negativ auf ihre Belastungsfähigkeit, ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität und auf die Häufigkeit von Krankenhausaufenthalten aus. Herzschwäche ist auch eine der weltweit häufigsten Todesursachen. Ein Cochrane Review untersuchte, ob Bewegung den betroffenen Menschen helfen kann, die Symptome zu lindern.

Röchelnd und schwer atmend endeten in letzter Zeit immer öfters die sportlichen Aktivitäten einer Freundin. Beim Joggen nahmen ihre Leistungen stetig ab und sie fühlte sich zunehmend schwächer. Sie begründete dies mit dauerhaftem Stress und erschien immer seltener zu unseren gemeinsamen Lauftreffs. Und dies obwohl sie mit 40 Jahren eigentlich recht jung, sportlich und kerngesund schien. Da keine Besserung eintrat, riet ich ihr einen Arzt aufzusuchen. Dieser stellte nach zahlreichen und teils sehr aufwendigen Untersuchungen die Diagnose ‚Herzinsuffizienz’.

Wenn die Pumpleistung des Herzens abnimmt…

…ist das Herz nicht mehr in der Lage, den Körper mit genügend Blut und damit Sauerstoff zu versorgen. Dabei kann entweder nur die Funktion der linken Herzkammer (Linksherzinsuffizienz) oder die der rechten Herzkammer (Rechtsherzinsuffizienz) oder die beider Kammern (globale Herzinsuffizienz) betroffen sein. Je nach Typ der Herzschwäche treten unterschiedliche Symptome auf. Bei der Linksherzinsuffizienz leiden Betroffene oftmals unter Atemnot, einer schnellen Ermüdung und Abnahme der Leistungsfähigkeit bei körperlicher Belastung. Das Herz kann den Körper mit seinen Organen nicht mehr ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgen. Wenn jedoch aufgrund der geringeren Pumpleistung das sauerstoffärmere Blut nicht mehr ausreichend genug vom Herz zur Lunge gepumpt wird, handelt es sich um eine ‚Rechtsherzinsuffizienz’. Typische Kennzeichen sind unter anderem geschwollene Beine und Füße. Aufgrund der veränderten Druckverhältnisse in den Blutgefässen wird das Wasser in das Gewebe gedrückt und lagert sich dort ein.

Je nach Ausmaß der Beschwerden werden von der New York Heart Association (NYHA) vier verschiedene Stadien unterschieden:

Stadium I: Die Betroffenen haben noch keine Einschränkung ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit. Bei normaler körperlicher Belastung wie Treppensteigen spüren sie weder Luftnot noch Herzrhythmusstörungen und fühlen sich auch nicht übermäßig erschöpft.

Stadium II: Die Herzinsuffizienz geht mit leichten Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit einher. Die Betroffenen fühlen sich bereits bei alltäglicher körperlicher Belastung, wie beispielsweise Treppensteigen, schnell erschöpft oder bekommen Atemnot. Es treten keine Beschwerden in Ruhe auf.

Stadium III: Die körperlichen Einschränkungen nehmen zu und treten bereits bei geringen körperlichen Aktivitäten auf. Die Betroffenen leiden bereits unter Atemnot, wenn sie sich im Haus bewegen oder Hausarbeiten verrichten. In Ruhe treten die Symptome nicht auf.

Stadium IV: In diesem Stadium treten die Symptome bereits im Ruhezustand auf. Der Betroffene wird bettlägerig und ist sogar dort erschöpft und kurzatmig.

Gründe einer Herzschwäche

Typischerweise tritt eine Herzschwäche als Folge eines jahrelangen Bluthochdrucks, einer koronaren Herzkrankheit oder eines bereits erlittenen Herzinfarkts auf. Ein Hauptgrund für die Entstehung von Bluthochdruck ist eine zu salzreiche Ernährung. Seltener dagegen tritt die Herzinsuffizienz als Folge eines angeborenen Herzfehlers, einer Herzmuskelerkrankung oder –entzündung oder einer Stoffwechselerkrankungen, wie Diabetes Mellitus, auf. Aufgrund der zunehmend alternden Bevölkerung und der steigenden Anzahl an Menschen mit einer koronaren Herzerkrankung, nimmt auch die Anzahl an Menschen mit Herzschwäche stetig zu. So litten 2016 weltweit über 38 Millionen Menschen an einer Herzinsuffizienz.

Diagnose Herzschwäche – was dann?

Bisher ist die Diagnose einer verminderten Pumpleistung sehr aufwendig und manche Betroffene müssen sich zahlreichen Untersuchungen unterziehen. Dies insbesondere dann, wenn sie – wie meine Freundin – eine Herzinsuffizienz aufgrund einer untypischen Ersterkrankung erleiden. Oftmals lautet dann die Devise: Ausschlussverfahren. Die Betroffenen hangeln sich von einer Untersuchung zur nächsten, um dann letztendlich die Diagnose einer ‚Herzinsuffizienz’ zu erhalten. Häufig sind sie verunsichert, welche Art der Bewegung sie in welchem Ausmass überhaupt noch ausüben dürfen.

Hilft Bewegung ?

Früher wurde herzschwachen Patienten oftmals empfohlen sich zu schonen und Anstrengungen zu meiden. Und heute? Dieser Frage ging ein Cochrane Review nach.

In dem Review wurden 33 Studien mit 4740 Teilnehmern eingeschlossen, welche die Wirksamkeit von körperlicher Aktivität im Vergleich zu keiner Bewegung bei Erwachsenen mit Herzinsuffizienz untersuchten. Die Teilnehmenden waren mindestens 18 Jahre alt und wiesen eine Rechts- oder Linksherzinsuffizienz des NYHA-Stadiums III oder IV auf.
Die Bewegungsinterventionen – wie Radfahren, Spazierengehen, Treppensteigen oder Ballspielen – wurden zwischen 1 und 7 Mal wöchentlich, zwischen 15 und 120 Minuten und zwischen 15 und 120 Wochen entweder im Krankenhaus, in Patientengruppen oder im häuslichen Umfeld durchgeführt.

Die Ergebnisse zeigten, dass Bewegung (im Vergleich zu keiner) für Betroffene von Vorteil sein kann. Insbesondere nahm die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Patienten mit Bewegungsinterventionen zu. Auch die Häufigkeit der Krankenhausaufenthalte nahm ab. Es konnte auch gezeigt werden, dass Patienten mit einer Herzinsuffizienz Stadium IV und Personen zwischen 51 und 81 Jahren von Bewegungsprogrammen profitierten. Zwar reduzierten Bewegungsprogramme insgesamt nicht das kurzfristige Sterberisiko, dieses sank jedoch nach 12 oder mehr Monaten.

Fazit

Häufig werden Symptome wie Atemnot und Leistungsabfall entweder mit Altersschwäche oder – wie bei meiner Freundin – mit dauerhaftem Stress und Erschöpfung begründet. Von Betroffenen werden die Symptome oft erst einmal auf die leichte Schulter genommen, im Glauben, diese verschwinden ja sowieso bald wieder. Das ist aber eben nicht immer der Fall. Daher ist es so wichtig, die Gründe für die Herzinsuffizienz zu erkennen, diese wenn möglich zu behandeln und das Fortschreiten der Krankheit soweit wie möglich hinauszuzögern. Mit regelmäßiger Bewegung können Patienten selbst einen wichtigen Beitrag leisten. Und dies unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung. Der Review zeigt einmal mehr, dass Bewegung nicht nur für Gesunde von Vorteil ist. Jedoch werden noch mehr gut geplante Studien benötigt, um die Wirksamkeit von Bewegung sowie von Bewegungsprogrammen bei Herzinsuffizienz besser verstehen zu können.

Text: Anne Borchard 

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

Wenn Worte scheitern, spricht Musik: Musiktherapie bei Demenz

Thu, 08/16/2018 - 07:30

Circa 10 Millionen Menschen werden jährlich mit der Diagnose Demenz konfrontiert, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die genauen Zahlen kennen wir nicht, da vor allem in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen viele Menschen, die unter Demenz leiden, nie eine offizielle Diagnose erhalten. Es ist zu erwarten, dass die Anzahl an Demenz-Erkrankten aufgrund der weltweit alternden Bevölkerung zukünftig steigen wird. Die Suche nach wirksamen Therapien und Behandlungen wird daher zunehmend wichtiger. Cochrane untersuchte in einem aktualisierten Review die Wirksamkeit von musikbasierten Behandlungen bei Demenz.

Immer mehr Menschen weltweit sind von Demenz betroffen. Die bisher bekannten Zahlen könnten sich laut WHO bis zum Jahr 2050 noch verdreifachen und von 50 auf 152 Millionen Erkrankte ansteigen.

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO, äußerte sich in einer Pressemitteilung im Dezember 2017 dazu wie folgt zu:

„Das Leiden, das dadurch entsteht, ist enorm. Es handelt sich hier um einen Weckruf: Wir müssen dieser weltweit wachsenden Herausforderung mehr Aufmerksamkeit schenken und sicherstellen, dass alle Menschen, die mit Demenz leben, wo auch immer sie leben, auch die Versorgung erhalten, die sie benötigen.“ *

Bestimmt würde hier jeder zustimmen, der schon einmal Bekannte oder Familienmitglieder, die unter Demenz leiden, mitbetreut hat.

Infobox: Was ist Demenz?
Oft assoziiert man Demenz mit Menschen, die unter altersbedingter Vergesslichkeit bis hin zur kompletten Desorientierung leiden. Das ist auch zum Teil richtig. Demenz ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen, die hauptsächlich eine stetig voranschreitende Auswirkung auf das Gedächtnis, die kognitiven Fähigkeiten und das Verhalten der Betroffenen haben.
Die allermeisten Demenzen werden durch Krankheiten des Gehirns verursacht.
Alzheimer ist (60 – 70% aller Fälle) die häufigste Ursache für eine Demenz. Andere Ursachen von Demenz sind unter anderem Hirnverletzungen und Durchblutungsstörungen im Gehirn, Morbus Parkinson oder zu hoher, über längere Zeiträume erfolgter Alkoholkonsum.

Auswirkungen für Demenz-Betroffene und Angehörige

Demenz-Betroffene entwickeln schrittweise immer stärkere Gedächtnis-, Denk- und Sprachstörungen. Dadurch wird es immer schwieriger für sie, sich zeitlich und räumlich zu orientieren, sozialen Anschluss zu finden und ihren Alltag zu bewältigen.

Betroffene leiden oft unter emotionalen Problemen und Depression. Dadurch kann mit der Zeit auch zunehmend die Lebensqualität sinken. Medikamentöse Behandlungen können den Verlauf einer Demenz zwar positiv beeinflussen, die fortschreitende Erkrankung kann aber weder geheilt noch aufgehalten werden. Betroffene benötigen deshalb verstärkt zusätzliche Hilfe und Unterstützung von Personen aus ihrem Umfeld, die sich um sie kümmern und ihnen einen sozialen, ‚menschlichen‘ Rahmen bieten.

Kommunikation jenseits der Worte

Miteinander Reden schafft oft die schnellste, uns geläufigste zwischenmenschliche Verbindung. Doch in fortgeschrittenen Stadien der Demenz kann es für Betroffene immer schwieriger werden, mit Worten zu kommunizieren. Hier wird es umso wichtiger, andere Kommunikationsmöglichkeiten in Erwägung zu ziehen. Musik könnte hier helfen! Denn selbst wenn Demenz-Betroffene nicht mehr sprechen können, sind sie oft noch in der Lage zu summen oder Musik zu begleiten.

Cochrane Review zu musikbasierten Behandlungen bei Demenz

In einem aktualisierten Cochrane Review beschäftigten sich die Autoren** deshalb mit der Frage, ob und inwiefern sich Musiktherapie vor allem auf das emotionale Wohlbefinden und die Lebensqualität von Menschen mit Demenz auswirkt. In zweiter Linie untersuchten sie die Wirkungen von musikbasierten Behandlungen hinsichtlich verhaltensbezogener, sozialer oder kognitiver (Denken und Erinnern) Probleme.

Die Cochrane Autoren analysierten hierfür die Ergebnisse von Studien, in denen Studienteilnehmer, die in Pflegeheimen wohnten und verschiedene Schweregrade von Demenz aufwiesen, musikbasierte Behandlungen erhielten. Die Studien teilten die Teilnehmer zufällig entweder in eine Gruppe, die musikbasierte Behandlungen erhielt oder in eine Vergleichsgruppe, die keine oder eine andere Behandlungsform wie z. B. Kunsttherapie erhielt, ein. Die Autoren zogen nur Studien in Erwägung, in denen den Teilnehmern mindestens fünf Musik-Behandlungssitzungen angeboten wurden. Insgesamt fanden sie 22 Studien, die ihren Kriterien entsprachen. Behandlungsergebnisse konnten für 21 dieser Studien mit insgesamt 890 Studienteilnehmern verglichen werden.

Was kam dabei raus?

Es stellte sich heraus, dass musikbasierte Behandlungen die Depressionssymptomatik von Betroffenen direkt nach der Behandlungsphase verbessern können, aber wahrscheinlich keine Verbesserungen bei starker innerer Unruhe oder aggressivem Verhalten bringen.

Musikbasierte Behandlungen könnten ebenfalls Angststörungen sowie das emotionale Wohlbefinden und die Lebensqualität verbessern. Die Behandlungen scheinen allerdings keine Auswirkung auf die Kognition der Betroffenen zu haben.

Insgesamt vermerkten die Autoren, dass die Qualität und Berichterstattung der Studien sehr unterschiedlich war, was ihr Vertrauen in die Ergebnisse beeinflusste. Mehr Details zu diesen Ergebnissen gibt es im vollständigen Cochrane Review.

Fazit? Musik berührt!

Musik ist eine Sprache, die Menschen auf der ganzen Welt berührt. Deshalb ist das therapeutische Potenzial von musikbasierten Behandlungen auf das emotionale Wohlergehen generell unumstritten und vielversprechend, zumal diese Art der Behandlung fast überall umsetzbar und anwendbar scheint.
Wie dieser Cochrane Review zeigt, können nur fünf Musiktherapie-Einheiten bei Demenz-Betroffenen so manch „wohltönende“ Erfolge erzielen, zumindest kurzfristig. Das lässt natürlich Raum nach oben. Denn wie musikbasierte Behandlungen bei Demenz-Betroffenen über längere Zeiträume hinweg wirken, darüber ist bisher wenig bekannt. Diese Evidenz-Lücke sollte laut den Cochrane-Autoren zukünftig ausgefüllt werden. Ihr Fazit lautet:

„Weitere Studien sollten untersuchten, wie lange die Wirkungen von musikbasierten Behandlungen anhalten wenn bezogen auf die Dauer und Anzahl der Behandlungen.“

 

Infobox: Demenz in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung stellt Informationen (Stand: 2011) rund um das Thema Demenz in den drei Ländern zur Verfügung.

In Deutschland leben gegenwärtig geschätzte 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. Informationen für Betroffene und Angehörige zum Thema Demenz gibt es unter anderem bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V., den lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz,  den Gesundheitsinformationen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Zudem stellt das
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf ihrer Webseite einen E-Learning Kurs zu Demenz zur Verfügung.

In der Schweiz sind aktuell 148.000 Menschen an Demenz erkrankt. Zahlen und Fakten, sowie eine Bestandsaufnahme der Demenzversorgung in den Kantonen (2017) gibt es beim Bundesamt für Gesundheit. Die nationale Demenzstrategie 2014-2019 ist hier einzusehen. Die Schweizerische neurologische Gesellschaft stellt ebenfalls Informationen zur Verfügung.

In Österreich sind aktuell schätzungsweise 115.000 bis 130.000 Menschen von Demenz betroffen. Diese Information sowie weitere rund um das Thema Demenz stellt das Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz zur Verfügung. Hier sind ebenfalls Empfehlungen für den Umgang mit Menschen mit Demenz zu finden. Die österreichische Alzheimergesellschaft bietet ebenfalls Hilfe und Informationen.

 

Text: Andrea Puhl

*Übersetzt aus dem Englischen.

**Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

ADHS Medikamente: gefährliche Symptom-Hemmer?

Tue, 08/07/2018 - 08:44

Der Arzneistoff Methylphenidat, der hinter Markennamen wie Ritalin steckt, kann Symptome wie Hyperaktivität, Impulsivität und Konzentrationsstörungen bei Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) verringern. Begleiterscheinungen wie Kopfschmerzen oder Schlafstörungen sind jedoch leider keine Seltenheit. Bisher waren langfristige Risiken und der Nutzen des Wirkstoffes relativ unklar. Ein neuer Cochrane Review hat sich nun genau diesem Thema angenommen.

Methylphenidat ist der Wirkstoff, welcher bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS am häufigsten verschrieben wird. Jedoch machte schon ein in 2016 veröffentlichter Beitrag auf ‘Wissen Was Wirkt‘ deutlich, dass die Risiken und der Nutzen des ADHS-Medikamentes unklar sind, vor allem langfristig: „Methylphenidat hilft zwar, die Hauptsymptome, also Hyperaktivität und Konzentrationsstörungen zu verringern, doch wie groß der Nutzen des Medikaments langfristig tatsächlich ist, kann nicht gesagt werden“, so das Fazit des Beitrags, welches sich auf einen Cochrane Review aus dem Jahr 2015 bezog.

Was ist Methylphenidat und wie häufig wird es angewendet?

Der Arzneistoff Methylphenidat blockiert die Wiederaufnahme von Dopamin in den Nervenzellen des Gehirns und entfaltet somit seine aktivierende Wirkung. Die Anwendung von Methylphenidat ist nicht neu. Schon seit mehr als 50 Jahren wird Methylphenidat angewandt, um die Symptome einer exzessiven Hyperaktivität und Impulsivität zu dämmen und die Aufmerksamkeit oder Fokussierung bei Kindern und Jugendlichen zu steigern. Die Anwendung vom Arzneistoff Methylphenidat ist weit verbreitet:

• Etwa 8 von 100 Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren weltweit und
• Zwischen 3-5 von 100 Kindern und Jugendlichen in Europa.

Während die Verordnungsrate weltweit insgesamt immer noch ansteigt, fällt sie in einigen Ländern langsam, darunter auch seit 2012 in Deutschland. Dennoch ist Methylphenidat das weltweit meist angewandte Medikament bei ADHS.

Wirksamkeit von Methylphenidat

Die Wirksamkeit von Methylphenidat wurde schon in vielen Studien untersucht. Laut den Gesundheitsinformationen des IQWIG zeigen Studienergebnisse, dass das Mittel die Hyperaktivität bei Kindern abschwächen und die Aufmerksamkeit verbessern kann.

(Quelle Infographik: gesundheitsinformation.de)

Sachlich gesehen und von jeglichem Zusammenhang gelöst scheinen diese Zahlen zu zeigen, dass Methylphenidat diese spezifischen Aufgaben erfüllt.

Tönt gut?

Neue Cochrane Evidenz untermauert so manche Besorgnis

Ein neuer Cochrane Review, der im Mai 2018 veröffentlicht wurde, befasste sich mit der Frage, ob die Anwendung von Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS mit schädlichen Wirkungen verbunden ist. Die Autoren* schlossen 260 hauptsächlich nicht-randomisierte Studien von unterschiedlichem Design, wie vergleichende und nicht-vergleichende Kohortenstudien, Patientenberichte etc., in den Review ein. Was kam dabei raus?

Unerwünschte Ereignisse treten häufig auf!

Das zusammengefasste Ergebnis aller im Review eingeschlossenen Studien zeigte, dass die Gabe von Methylphenidat zu schwerwiegenden, unerwünschten Ereignissen, inklusive Tod, Herzproblemen und psychosomatischen Störungen führen kann. Etwa eines von hundert Kindern und Jugendlichen schien an einem schwerwiegenden unerwünschten Ereignis zu erkranken. Zudem untersuchten die Autoren auch die Häufigkeit, mit der leichtere, unerwünschte Ereignisse eintraten. Diese äußerten sich unter anderem als Herzkreislaufprobleme, Schlafstörungen und Wachstumsstörungen. Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, die Methylphenidat erhielten, schienen ein oder mehrere leichtere, unerwünschte Ereignisse zu erleiden.

Niedrige Studienqualität schwächt die Aussagekraft der Ergebnisse

Wie immer untersuchten die Cochrane Autoren auch die Qualität der eingeschlossenen Studien, um eine genauere Aussage darüber treffen zu können, wie verlässlich die Ergebnisse letztendlich sind. Leider wurde die Studienqualität generell zwischen sehr niedrig bis niedrig eingestuft:

„Dementsprechend ist es nicht möglich, die Risiken für unerwünschte Ereignisse bei Kindern und Jugendlichen, denen Methylphenidat verschrieben wurde, genau einzuschätzen“, so die Autoren.
Einfach ausgedrückt heißt das, dass obwohl die Ergebnisse auf den ersten Blick aussagekräftig scheinen, diese trotzdem mit Vorsicht zu genießen sind. Es braucht weitere, gut konzipierte Studien, welche sich darauf konzentrieren, Untergruppen von Personen zu identifizieren, bei denen der Einsatz von Methylphenidat ratsamer ist als bei anderen.

Fazit

Es ist wichtig, dass sich sowohl Kliniker als auch Eltern, Lehrer oder andere Bezugspersonen unbedingt die möglichen unerwünschten Ereignisse des Wirkstoffs Methylphenidat bewusst machen. Diese sollten systematisch und sorgfältig bei Kindern und Jugendlichen, die Methylphenidat zur Behandlung von ADHS-Symptomen erhalten, überdacht und überwacht werden.
Genauere Details zu den Ergebnissen und dem Studiendesign finden Sie in der Review Zusammenfassung auf Deutsch, und im vollständigen Review auf Englisch.

Infobox ADHS:
• ADHS ist eine der am häufigsten diagnostizierten und behandelten Störungen der Entwicklung des Nervensystems. Weltweit sind je nach Klassifizierungssystem geschätzte 3 – 8 % aller Kinder und Jugendlichen von der Krankheit betroffen, wobei die Erkrankung bei Jungen etwa viermal häufiger diagnostiziert wird als bei Mädchen.
• Daten variieren laut Cochrane Autoren nur wenig zwischen verschiedenen Ländern.
• Aktuellen Prävalenzschätzungen zufolge sind in Deutschland ca. 5 % der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren von ADHS betroffen.
• In Österreich und der Schweiz wird von einer Prävalenz von ADHS im Kindes- und Jugendalter von 3-5 % gesprochen,
• Hauptsymptome der Erkrankung sind unter anderem: Fokussierungsschwierigkeiten und Störungen kognitiver Funktionen wie die Problemlösung, das Planen, die Orientierung, Flexibilität, das Arbeitsgedächtnis, Impulsivität und Hyperaktivität.
• Ursachen beruhen auf genetischen, sozialen und umweltbedingten Faktoren, sind aber bis heute noch nicht vollständig geklärt.

Text: Andrea Puhl

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

Stillen – Basis für das Leben!

Wed, 08/01/2018 - 07:36

Das Stillen fördern – eine Übersicht von Cochrane Ressourcen

tillfördernder Organisationen, Verbände und Netzwerke. Ziel der Kampagne ist es, das Stillen als natürlichste und beste Ernährungsform für Säuglinge in den Mittelpunkt zu rücken. Cochrane Evidenz zum Thema Stillen trägt zu diesem Ziel bei.

„Stillen – Basis für das Leben“! lautet das diesjährige Motto der Weltstillwoche – einer Initiative der WABA (World Alliance for Breastfeeding Action), WHO (World Health Organization), und UNICEF (United Nations International Children’s Emergency Fund). Natürlich gibt es andere Nahrungs-Alternativen für Säuglinge, denn nicht immer ist das Stillen möglich. Doch Muttermilch ist und bleibt die beste und zugleich günstigste Wahl.

Die Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland hat Muttermilch als „die beste Nahrung für nahezu alle Säuglinge“ erklärt. Zudem stellt sie fest, dass „ausschließliches Stillen in den ersten sechs Monaten … für die Mehrzahl der Säuglinge die ausreichende Ernährung“ ist.

Die Europäische Lebensmittelbehörde sowie die WHO empfehlen Müttern das Gleiche. Zudem empfiehlt die WHO, schon innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt mit dem Stillen zu beginnen. Auch regt sie an, das Stillen bis zu 24 Monaten nach der Geburt neben der Beikost-Einführung fortzuführen.

Empfehlungen wie diese beruhen meist – und idealerweise immer – auf verlässlichem, wissenschaftlichem Fundament. Dazu gehört auch Cochrane Evidenz.

Infobox: Warum Stillen? 
• Stillen wirkt sich kurzfristig und langfristig positiv auf die Gesundheit von Säuglingen und ihren Müttern aus.
• Kinder, die während der ersten drei bis vier Lebensmonate nicht ausschließlich gestillt werden, sind anfälliger für Entzündungen des Magens, des Darmtraktes, der Atemwege, Lungen und Ohren.
• Kinder, die nicht gestillt werden, sind im späteren Leben eher übergewichtig oder haben Diabetes.
• Mütter, die nicht stillen, sind einem höheren Risiko für Brust- und Eierstockkrebs ausgesetzt.

WHO Leitlinie untermauert von Cochrane Evidenz

Die neue (2017) Leitlinie zum ‚Stillen‘ der WHO unter dem Titel „Protecting, promoting and supporting breastfeeding in facilities providing maternity and newborn services“ wurde wesentlich von Cochrane Evidenz gestützt. Die Leitlinie beinhaltet evidenzbasierte Empfehlungen zu Schutz, Förderung und Unterstützung des optimalen Stillens in Einrichtungen, in denen Gebärende und Neugeborene versorgt werden. Sie enthält Evidenz aus 16 Cochrane Reviews (7 Reviews der Cochrane Neonatal Group und 9 Reviews der Cochrane Pregnancy and Childbirth Group).

Cochrane Special Collection rund um das Thema Stillen

Zum Thema Stillen und zur Förderung des Stillens hat Cochrane letztes Jahr schon eine Sonderkollektion in der Cochrane Library zusammengestellt, die allen frei zugänglich ist. Sie soll Entscheidungsträgern* im Gesundheitswesen, Pflegefachpersonen sowie Interessengruppen, Frauen und Familien die bestmögliche Evidenz zum Stillen zur Verfügung zu stellen. Die Sonderkollektion führt bis 2017 ausgewählte Cochrane Reviews zu Interventionen, die das Stillen fördern, in Englischer englischer Sprache zusammen.

Stillen auf Cochrane Kompakt

Auch auf Cochrane Kompakt gibt es derzeit 41 laienverständliche Zusammenfassungen zu Cochrane Reviews in deutscher Sprache, die das Thema Stillen aufgreifen oder gar ausschließlich behandeln. Hierunter befinden sich unter anderem folgende Highlights und Ergebnisse in Bezug auf das Stillen:

Chirurgischer Eingriff zur Behandlung eines verkürzten Zungenbändchens (Ankyloglossie) bei jungen Säuglingen
„Beim Säugling mit Ankyloglossie und Stillschwierigkeiten verbessert die chirurgische Durchtrennung des Zungenbändchens das Stillen nicht durchgängig, verbessert wahrscheinlich jedoch die Schmerzen an den Brustwarzen der Mutter.“

Hausbesuche im ersten Zeitabschnitt nach der Geburt eines Säuglings
„Mehr Hausbesuche könnten möglicherweise mehr Mütter ermutigt haben, ihre Säuglinge ausschließlich zu stillen.“

Schulungen und Unterstützung zum Stillen für Frauen mit Mehrlingsschwangerschaften 
„Wir konnten keine Schlussfolgerungen aus der verfügbaren Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien darüber ziehen, ob Schulungen und Unterstützung von Müttern mit Mehrlingen beim Stillen helfen. Keine der Studien wurde geplant, um speziell an Müttern mit Mehrlingen ausgerichtete Unterstützung oder Schulungen anzubieten.“

Unterstützung für stillende Mütter
„Zusätzliche organisierte Unterstützung hilft Müttern, ihre Babys länger zu stillen. Die Stillunterstützung kann hilfreicher sein, wenn sie vorhersehbar ist, einem Plan folgt und Besuche von geschultem Gesundheitspersonal wie Hebammen, Pflegepersonal und Ärzten oder von geschulten Freiwilligen umfasst.“

Vorgeburtliche Schulung zum Stillen zur Steigerung der Stillzeit
„Derzeit gibt es keine gute Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien, die andeutet, dass diese Bemühungen, schwangere Frauen zu unterrichten, in mehr und längerem Stillen resultieren. Frauen, die eine Standard-Betreuung vor der Geburt erhalten, stillen meist in etwa demselben Umfang wie Frauen, die eine zusätzliche Schulung erhalten haben.“

Infobox: Weltstillwoche in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Während die Weltstillwoche in 120 Ländern der Welt zur gleichen Zeit stattfindet, findet sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu anderen Terminen aber unter dem gleichen Motto statt.
In Deutschland und Österreich findet die Woche von 01.- 07. Oktober 2018 statt. Grund hierfür ist ein „chronologisch-Biologischer“: da eine normale Schwangerschaft ca. 40 Wochen dauert, findet die Stillwoche immer in der 40. Kalenderwoche eines Jahres statt.
In der Schweiz finden während der Aktionswoche, die vom 15.-22.09 stattfindet, rund 130 Aktivitäten in mehr als 90 Städten und Gemeinden statt.

Weitere Cochrane Ressourcen

Deutsch
Auf Wissen Was Wirkt
Stillen am Arbeitsplatz
Von Kängurus abgeschaut – Hautkontakt für Leichtgewichte

Englisch
Auf Evidently Cochrane
• „Breastfeeding: evidence on effecting support and enablers for mothers and their babies“
• „New Lancet Breastfeeding Series is a call to action“
• „Exclusive breastfeeding or extra food and fluids: evidence and practice“

Text: Andrea Puhl

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

‚Räuberzeitschriften‘ und ‚Beuteverlage‘ – Verrohung der Sitten auch in der Publikationswelt?

Mon, 07/30/2018 - 11:40

Gerd Antes, wissenschaftlicher Vorstand der Cochrane Deutschland Stiftung, teilt in diesem kritischen Beitrag sein Wissen und seinen persönlichen Standpunkt bezüglich der Risiken von Open-Access Publikationen.

Seit Donnerstag, 19. Juli 2018, sind die deutschen Medien voll von martialischen Worten, die man im Zusammenhang mit der Publikationswelt wissenschaftlicher Arbeiten nicht erwarten würde. Auslöser ist eine umfangreiche Untersuchung durch den Norddeutschen Rundfunk (NDR), den Westdeutschen Rundfunk (WDR) und die Süddeutsche Zeitung. In dieser wurde die Autorenschaft in Zeitschriften, die seit einigen Jahren als ‚Predatory Journals‘ bezeichnet werden, genauer unter die Lupe genommen. Mit diesem Beitrag möchte ich die Thematik und den Hintergrund, der zur Entstehung von Predatory Journals führte, erörtern.

Der englische Begriff Predatory Journals ist spätestens seit Erstellung der ‚Beall´s List of Predatory Journals‘ ein Begriff für all jene, die der Vertrauenswürdigkeit von wissenschaftlichen Zeitschriften auf den Grund gehen wollen. Die deutschen Begrifflichkeiten folgten erst, als die Problematik auch in Deutschland mehr Wahrnehmung erfuhr.

 

Infobox: Was sind Predatory Journals oder Räuberzeitschriften?

Der Begriff Predatory Journal wurde vom Amerikanischen Bibliothekar Jeffrey Beall geprägt und umfasst hauptsächlich skrupulöse Online-Verlage, die Studien gegen Bezahlung durch die Autoren* kostenfrei im Netz zur Verfügung stellen. Diese Studien und Journale werden als wissenschaftlich und seriös dargestellt, ohne dass zwangsläufig ihre Qualität von unabhängigen Begutachtern (gründlich) geprüft worden ist.

Diese ‚Räuber- und Beuteaktivitäten‘ sind Folge einer Fehlentwicklung, zu deren Verständnis man sich der massiven Umwälzungen im wissenschaftlichen Publikationswesen bewusst werden muss.

Wer arm ist darf nicht lesen! – das Drama vom klassischen Publikationssystem

Im klassischen, konventionellen Publikationswesen wurden Projektberichte und -ergebnisse, Studienreports oder auch Editorials und Meinungsartikel über Verlage und deren Zeitschriften an die Leser gebracht. Dazu übergeben die Autoren ihre Texte nebst Urheberrecht an die Verlage. Für die Nutzung müssen die Zeitschriften oder die einzelnen Artikel dann von individuellen Lesern aus eigener Tasche finanziert oder von öffentlichen oder akademischen Institutionen wie z. B. Bibliotheken, abonniert oder gekauft werden. Hauptproblem dieses Finanzierungssystems war und ist, dass die Endpreise für Abonnements und Einzelkäufe immer teurer, oft gar unbezahlbar, wurden. Ein Teil der potentiellen Leserschaft wurde somit mangels Finanzkraft vollständig ausgeschlossen. Wer arm ist, kann nicht mehr lesen! Denn ein Artikel kostet im Einzelerwerb circa 36 Dollar.

Wer arm ist darf nicht publizieren! – Open Access wird teuer für Autoren

Die Kontrolle des Wissens durch private Verlage, deren überhöhte Preise und damit der eingeschränkte Zugang zum Wissen dieser Welt führte Anfang der 1990er Jahre zu einer Initiative, die unter dem Schlagwort Open Access (OA) den Umbau zum freien Zugang zur Literatur betrieb. Neben der technischen Umstrukturierung etablierte sich damit auch weltweit die Forderung, dass der Zugang zum Wissen kostenfrei sein muss. Nicht überraschend – in manch idealistischer Forderung jedoch übersehen – bedeutete dieser Schwenk einen tiefgehenden Einschnitt in die Finanzierungsstruktur der Publikationswelt. Die Last des Zahlens verlagerte sich von den Lesern auf die Autoren oder deren Arbeitgeber, das heißt, meist wissenschaftliche Institutionen. Nun kann, wer arm ist, nicht mehr schreiben! Denn eine Veröffentlichung in sogenannten OA-Zeitschriften kostet leicht über 1500 Dollar. Mit vielen Grafiken bis hin zu 5000 Dollar.

Qualität hat ihren Preis

Wie bei jeder fundamentalen Veränderung schuf diese Finanzierungsumwälzung Schlupflöcher für ‚Räuber‘. Im alten Modell rühmten sich die führenden Zeitschriften ihrer hohen Ablehnungsraten von Autoren und Artikeln, die den strengen Qualitätskriterien des Begutachtungsverfahrens (Peer Review) nicht gerecht wurden. Die Ablehnungsraten lagen zum Teil bei deutlich über 90 %. Das wurde als Qualitätsmerkmal betrachtet und gleichzeitig als Berechtigung für die hohen Preise. Skurril genug, da die Peer Reviewer ihre Arbeit umsonst machen.

Im neuen OA-Modell wurde dieses Prinzip auf den Kopf gestellt. Eine hohe Ablehnungsrate ist hier geschäftsschädigend, beschränkt es doch den eigenen Output und damit die Einnahmen. Es folgt fast zwangsläufig: Was liegt näher als die Qualitätsanforderungen zu senken? Vor allem ist dieser Schritt unvermeidlich, wenn beim beschränkten Markt der ‚seriösen‘ Autoren neue Zeitschriften auf den Markt kommen.

Finanzierungsumwälzung lässt Raum für Missbrauch

Vor diesem ökonomisch vorgezeichneten Weg dauerte es relativ lange, bis sich in diesem Feld ein großflächiger und vorsätzlicher Missbrauch offenbarte. Einzelpersonen und Firmen schufen neue Zeitschriften, die nur elektronisch existierten. Die einzigen Leistungen dieser Firmen bestanden und bestehen darin, unter Irreführung der Autoren eingereichte Texte eine gewisse Zeit brach liegen zu lassen, während der angeblich ein Turbo-Peer-Review erfolgt, um sie dann in einer professionell aussehenden Verpackung der Öffentlichkeit frei zugänglich – also OA – anzubieten.

Inzwischen gibt es eine unglaubliche Anzahl solcher Zeitschriften. Untrennbar mit dem Aufdecken dieser Entwicklung ist der Name Jeffrey Beall (siehe auch: Predatory open-access publishing) verbunden, der schon im Jahr 2008 damit begann, die unter dem Namen Beall’s List bekannte Auflistung von Predatory Journals zu entwickeln. Die Liste wies über die Jahre das rasante Wachstum dieser Art von Verlagen auf.

Gründe liegen oft näher als gedacht…

Nachdem in den Anfängen dieser Entwicklung ihr Ursprung fast ausschließlich in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen zu vermuten war (vor allem Indien und Nigeria), wurde in den letzten beiden Jahren zunehmend klarer, dass auch reiche Länder nicht verschont blieben. Im Gegenteil, sie waren in zunehmendem Maß aktiv daran beteiligt. Die Beteiligung ging nicht von bestimmten Verlagen und Zeitschriften aus, sondern auch von Autoren selbst, worauf unter anderem in der Zeitschrift Nature hingewiesen wurde.

(siehe: Stop this waste of people, animals and money; Predatory journals: Not just a problem in developing world countries; Is Canadian research falling prey to predatory journals?)

Presse greift Thema auf

Während in Kanada von Regierungs- und Wissenschaftsseite diese Entwicklung thematisiert und analysiert wurde, gab es in Deutschland bislang dazu nur konsequente Ignoranz. Erst jetzt wurde die Problematik in Presseberichten nach sehr umfangreichen, monatelangen Recherchen ans Tageslicht gebracht. Diese Pressemitteilung, zum Beispiel,
Mehr als 5000 deutsche Wissenschaftler haben in scheinwissenschaftlichen Zeitschriften publiziert“ ist in einer Fülle von Berichten, Interviews und Themensendungen aufgegriffen worden.

Auch international ist die Untersuchung aufgegriffen worden: „German Scientists Frequently Publish in Predatory Journals.

Soweit die aktuelle Entwicklung.

Die Diskussionen, die sich daraus bisher ergaben, möchte ich hier nicht aufgreifen. Das Spektrum geht von Dramatisierung bis hin zur Bagatellisierung, und ein erster Schritt muss sicherlich die Harmonisierung der Bewertungen sein.

Betonen möchte ich jedoch an dieser Stelle, dass diese Entwicklung meiner Meinung nach eine der systematisch übersehenen, unerwünschten Nebenwirkungen der Digitalisierung ist. Die technische Entwicklung erlaubt es selbst Einzelpersonen, eine professionell aussehende Zeitschrift ins Internet zu stellen, in der dann Wissenschaftler aus seriösen Institutionen arglos publizieren, ohne zu merken, auf welchem Terrain sie sich befinden.

Zu guter Letzt

Diese offene Flanke des wissenschaftlichen Publikationswesens bloßgelegt zu haben, sollte die Wissenschaft den Medien danken!

Text: Gerd Antes

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleich-ermaßen für beiderlei Geschlecht.

 

 

Ein großes JA zu Fahrradhelmen

Tue, 07/24/2018 - 12:44

Auch wenn heutzutage eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sport meist vor dem Fernseher im Wohnzimmer oder in Biergärten stattfindet, so ist doch die warme Jahreszeit für viele Menschen der zweitbeste Zeitpunkt (unmittelbar nach Neujahr), um selbst ein wenig aktiver zu werden. Und das ist gar keine schlechte Idee. Sportliche Aktivität – beispielweise der Radsport – bringt so einige gesundheitliche Vorteile mit sich. Aber auch Nachteile?

Sport ist Mord: Diesen Satz habe ich mir schon häufig anhören müssen. Da ich als Triathlet viel Zeit mit Ausdauertraining verbringe, wurde ich zum Beispiel schon häufig vor einem „Sportlerherz“ (Vergrößerung des Herzens/Verdickung der Wände durch Training) gewarnt. Auch wurde mir oft die Frage gestellt, ob ich denn keine Angst vor Verletzungen oder Sportunfällen habe. Nein, lautet dann meist meine klare Antwort. Natürlich gibt es immer wieder Berichte, zum Beispiel von Profisportlern*, die an Herzversagen starben, besonders beim Profi-Radsport, oder von dramatischen Stürzen. Doch wird im professionellen Sport oft außerhalb eines Bereichs trainiert, der als gesundheitsförderlich betrachtet werden kann. Das trifft bei mir nicht zu.

Sportlicher Leichtsinn

Doch zugegebener Weise fällt mir speziell beim Radsport immer wieder auf, wie leichtsinnig manche Fahrradfahrer mit ihrer Gesundheit umgehen. Sehr oft begegne ich bei meinen Trainingsfahrten Radlern, die ohne Helm unterwegs sind. Das ist natürlich eine Willensentscheidung, eine Helmpflicht gibt es in Deutschland und der Schweiz nicht. In Österreich besteht sie nur für Kinder unter 12 Jahren. Mit Unverständnis reagiere ich aber, wenn ich – und das kommt überraschenderweise des Öfteren vor – Menschen sehe, die einen Helm am Lenker ihres Sportgeräts befestigt haben, ihn aber nicht tragen.

Gründe dafür können vielfältig sein. Für die einen ist es Eitelkeit für die anderen Bequemlichkeit. Ich unterhielt mich über genau dieses Thema mit einer anderen Athletin, die Helme nur bei „langen Strecken“ trägt, und nicht etwa, wenn sie mal kurz zum Bäcker fährt. Auch das entfällt meiner Meinung nach jeder Logik.

Cochrane Evidenz spricht für Helm…

Cochrane-Evidenz zu Unfallfolgen mit und ohne Fahrradhelm ist – aus ethischen Gründen – eingeschränkt verfügbar. Es können selbstverständlich keine randomisiert kontrollierten Studien zu Unfällen durchgeführt werden. Wie müsste man sich das vorstellen? Man hätte eine Stichprobe gesunder Radfahrer, die zufällig eingeteilt wird in die Gruppen:

1. Stürzen ohne Helm
2. Stürzen mit Helm

Anschließend müsste untersucht werden, wie sich die Unfallfolgen unterscheiden. Das ist natürlich absurd.

…dank Fall-Kontroll-Studie!

Es gibt einen Cochrane Review, der die Ergebnisse von mehreren gut durchgeführten Fall-Kontroll-Studien zusammenfasst. Bei diesen wird nach Eintreten eines Ereignisses (z.B. einer seltenen Erkrankung, oder in diesem Fall einem Fahrradunfall) untersucht, welche Risikofaktoren bei den einzelnen Betroffenen vorlagen. Die Ergebnisse waren sehr eindeutig.

Zunächst wurde festgestellt, dass Helme gleichermaßen vor Unfällen mit als auch ohne KFZ-Beteiligung schützen. Zudem wurden bei Menschen mit Helm nach Sturz je nach Studie zwischen 63 % und 88 % seltener Verletzungen von Schädel und Gehirn festgestellt. Und eben diese Verletzungen sind potenzielle Todesursachen bei Radunfällen.

Helm als zuverlässige (Ver-) Sicherungsmaßnahme

Mit dem Helm verhält es sich ungefähr wie mit einer Haftpflichtversicherung. Im Idealfall muss man sie sein Leben lang nicht nutzen. Aber wenn es dann doch mal zu einem Schadensfall kommt, freut man sich, sie abgeschlossen zu haben.

Es ist völlig egal, wie lang oder kurz oder wo man mit dem Rad fährt. Unglücke können überall passieren und der Helm bietet den gleichen Schutz, ob auf einer Alpen-Überquerung oder auf der Fahrt zum Bäcker. Gerade in der Ära des E-Bikes, wo die Hemmschwelle, in den Radsport einzusteigen, deutlich gesunken ist, möchte ich an alle ambitionierten und gelegentlichen Rad-Nutzer unterstützt von Cochrane Evidenz appellieren: Tragen Sie Helme, sie können (Ihr) Leben retten.

Auch wenn es beim Radsport sehr eindrücklich ist, jede Aktivität birgt Potenziale, aber auch Risiken und Nebenwirkungen. Gerade wenn man mit Sport anfangen möchte, sollte man sich damit auseinandersetzen, wie dies möglichst risiko- und barrierefrei gelingt. Bewegung soll vor allem Spaß und nicht Angst oder Schmerzen verursachen.

Text: Tobias Leiblein

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlechter.

Omega-3-Fettsäuren – doch nicht das angepriesene Herz-Wundermittel

Thu, 07/19/2018 - 10:21

Essen ist die beste und wirksamste Medizin, heißt es oft. Und oftmals lösen neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema Ernährung regelrechte „Gesundheitswellen oder –trends“ in der Bevölkerung aus. Omega-3-Fettsäuren sind zum Beispiel schon länger hoch im Kurs und anscheinend bekannt für ihre positive Wirkung auf Herz und Hirn. Ein aktuell erschienener Cochrane Review stellt diese weitverbreitete Ansicht nun jedoch auf den Kopf.

Das Schöne an Wissenschaft ist, dass sie nichts zementiert, sondern Erkenntnisse immer wieder überprüft, bis sie sich mit ihren Mitteln so nah wie möglich der ‚Wahrheit‘ angenähert hat. Auf diesem Weg werden so manche „Irrtümer“, die vorher als selbstverständlich angenommen wurden, korrigiert.

„Das Wichtigste ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“ – Einstein

Nicht immer stiften neue Erkenntnisse so viel Wirbel wie Einsteins Relativitätstheorie. Doch gerade diejenigen, die vielleicht gar nicht so ‘groß‘ rauskommen, können unter Umständen unser Leben schnell und auch auf ganz praktische Art und Weise beeinflussen. Das spiegelt sich dann zum Beispiel auf den Regalen unserer Supermärkte wieder: Heute steht probiotischer Jogurt, morgen die Superfoods und übermorgen vielleicht wieder etwas anderes an erster Stelle. Bis wieder eine neue Ernährungstudie publiziert wird und somit ein neuer Trend, folgt.

Herzhaft gut?

Omega-3-Fettsäuren sind nun seit geraumer Zeit in aller Munde und stehen weit oben auf der in unserem Kollektivbewusstsein als „Gut-fürs-Herz-und-Hirn“ abgespeicherten Gesundheitsliste. Nun werden wir allerdings eines Besseren belehrt, denn ein aktueller Cochrane Review stellt so manches richtig – oder zumindest einmal wieder deutlich in Frage.

Infobox: Was ist Omega-3 ?

Omega-3 ist eine Art von Fettsäure. Kleine Mengen an Omega-3-Fettsäuren sind für unsere Gesundheit lebensnotwendig und in den Nahrungsmitteln, die wir zu uns nehmen, enthalten.
Die Hauptarten von Omega-3-Fettsäuren sind alpha-Linolensäure (ALA), Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA).
ALA ist natürlicherweise in pflanzlicher Nahrung enthalten. So zum Beispiel in Nüssen und Samen (Walnüsse und Rapssaat sind reichhaltige Quellen).
EPA und DHA werden auch langkettige Omega-3-Fettsäuren genannt und sind in fetthaltigem Fisch, wie Lachs oder Fischölen einschließlich Lebertran enthalten. (Quelle: Cochrane Review)

Cochrane Review fechtet Status Quo an

Der erhöhte Verzehr von Omega-3-Fettsäuren wird nicht nur hierzulande, sondern weltweit befürwortet. Die Fette sind global sehr leicht als rezeptfreie Nahrungsergänzungen erhältlich und werden häufig gekauft und verwendet. Dies beruht unter anderem auf der Überzeugung, dass sie gegen Herzkrankheiten schützen sollen.

Um diesem Dogma auf den Grund zu gehen setzten sich Cochrane Autoren* zum Ziel, die Auswirkungen der Aufnahme von zusätzlichen Omega-3-Fettsäuren (zum Beispiel in Nahrungsergänzungsmitteln oder durch gesteigerte natürliche Zufuhr) im Vergleich zum normalen oder niedrigen Omega-3-Verzehr auf Erkrankungen des Herzens und des Kreislaufs zu bewerten. Dafür fassten sie die Ergebnisse von 79 randomisierten Studien mit 112.059 teilnehmenden Männern und Frauen zusammen.

Lange Rede, kurzer Sinn:

Die Bemühungen der Autoren lohnten sich, denn sie kamen zu dem Gesamtergebnis, dass die zusätzliche Einnahme oder der vermehrte Verzehr von Omega-3-Fettsäuren keine oder nur eine geringe Wirkung auf das Risiko haben, eine Herzerkrankung oder einen Schlaganfall zu erleiden oder zu sterben.

Genauer gesagt…

… fanden die Autoren, dass die Einnahme von langkettigen, im Fisch enthaltenen, Omega-3-Fettsäuren (siehe Infobox) vor allem durch Nahrungsergänzungsmittel wahrscheinlich kaum einen oder gar keinen Unterschied im Risiko für Herzkreislauferkrankungen, koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall oder Herz-Unregelmäßigkeiten ausmachen. Auch zeigte die Einnahme von Omega-3 wenig oder keine bedeutsame Wirkung auf das Sterberisiko jeglicher Ursache.

Auch der Verzehr von der in pflanzlicher Nahrung enthaltener Omega-3-Fettsäure (ALA) hat wahrscheinlich wenig oder gar keine Wirkung auf Herzkreislauf-bedingte Todesfälle oder Todesfälle jeglicher Ursache. Der Verzehr von mehr ALA reduziert jedoch wahrscheinlich minimal das Risiko von Herzunregelmäßigkeiten.
(Detailliertere Ergebnisse im vollständigen Bericht)

Wie sicher sind die Ergebnisse?

„Wir können den Ergebnissen dieses Reviews vertrauen, die die weitverbreitete Meinung anfechten, dass Nahrungsergänzungsmittel mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren das Herz schützen. Dieser systematische Review umfasst Informationen von vielen Tausenden von Menschen über lange Zeiträume. Trotz dieser Menge an Informationen haben wir keine schützenden Wirkungen entdeckt.” – Hauptautor des Cochrane-Reviews, Dr. Lee Hooper von der University of East Anglia

Fazit:

Man lernt nie aus. Und sollte dies auch nie anstreben, denn das Neu-Erlernte könnte ganz schnell praktische Auswirkungen auf unsere Alltagsverhalten haben, wenn auch ‚nur‘ beim nächsten Einkauf von Nahrungsergänzungsmitteln.

Text: Andrea Puhl

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Zur Pressemitteilung 

Weniger Sitzen im Büro

Thu, 07/12/2018 - 08:07

Bei vielen von uns sieht der Berufsalltag sehr ähnlich aus: Wir sitzen im Büro. Jeden Tag, den ganzen Tag. Das hat sich als ziemlich ungesund herausgestellt. Und auch wenn Meldungen wie „Sitzen ist das neue Rauchen“ die Gefahr übertreiben, mehren sich die Hinweise, dass langes Sitzen die Lebenszeit verkürzt.

Besonders unfair daran ist: Selbst durch regelmäßigen Sport lässt sich diese Risiko nicht beseitigen. Wichtig wäre es also, die tägliche Sitzzeit zu reduzieren. Ein kürzlich aktualisierter Cochrane Review hat untersucht, ob es sinnvolle Maßnahmen gibt, mit denen die im Sitzen verbrachte Arbeitszeit verringert werden kann:
34 Studien mit insgesamt 3.397 Teilnehmern* haben verschiedene Maßnahmen überprüft, wie beispielsweise die Wirkung von Sitz-Steh-Tischen, aktiven Arbeitsstationen, oder Beratungsangeboten.

Sitz-Steh-Tische

Immer beliebter wird im Büro-Alltag der Gebrauch von Sitz-Steh-Tischen. Also Tische, die höhenverstellbar sind und sowohl das Arbeiten im Sitzen als auch im Stehen ermöglichen. Zehn der Studien, die in den Review mit eingeschlossen wurden und die sich mit Sitz-Steh-Tischen beschäftigt haben, sehen auf den ersten Blick sehr vielversprechend aus. Wer an einem Sitz-Steh-Tisch arbeitete, saß rund 1,5 bis zwei Stunden weniger pro Arbeitstag verglichen mit Personen, die einen nicht-höhenverstellbaren Tisch nutzten. Solche Tische reduzierten sogar die Sitzzeiten außerhalb der Arbeitszeit und die Länge der Sitzintervalle.

Und die gute Nachricht für Arbeitgeber: Die Umstellung auf Sitz-Steh-Tische hatte keine negativen Folgen für die Produktivität. Auch sonst gab es keine Nebenwirkungen, weder traten vermehrte Schmerzen des Bewegungsapparates auf, noch Venenprobleme.

Jedoch ist die Qualität der Evidenz hier noch immer sehr gering und es bleibt unklar, ob Sitz-Steh-Tische tatsächlich positive Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Noch fehlen Studien, welche den langfristigen Erfolg methodisch sauber überprüft haben. Die vorhandenen Studien schlossen meist nur wenige Teilnehmer ein und wiesen methodische Schwächen auf.

Alternative Methoden

Ob reine Steh-Tische anders als Sitz-Steh-Tische auf die gesamte Sitzdauer wirken und wie Laufband- oder Fahrradschreibtische (ja so etwas gibt es wirklich) wirken, bleibt aktuell unklar, da die Studienlage unzureichend ist. Auch ob kurzes Spazieren gehen in den Pausen die Sitzzeit reduziert, bleibt unklar. Halbstündliche Pausen von ein oder zwei Minuten scheinen die tägliche Sitzzeit immerhin um 15 bis 66 Minuten mehr zu verkürzen als zwei lange Pausen, die länger (als 15 Minuten) dauern.

Es gibt Hinweise dafür, dass am Bildschirm eingeblendete Aufforderungen aufzustehen sowie Beratung, Informationsmaterial und Feedback die tägliche Sitzzeit im Büro verkürzen. Allerdings war auch hier die verfügbare Evidenz unzureichend.

Fazit

Es gibt demnach schwache Evidenz dafür, dass Sitz-Steh-Tische die Sitzzeit im Büro verkürzen – zumindest im ersten Jahr ihres Einsatzes. Um Schlüsse über die Wirksamkeit anderer Maßnahmen zu ziehen, ist die Evidenz leider unzureichend. Weitere Forschung von hoher Qualität mit mehr Teilnehmenden und über längere Zeiträume ist notwendig.

Langes Sitzen als Gefahr zu bezeichnen klingt im ersten Moment etwas übertrieben. Leider ist es das nicht. Sitzen scheint ein Risikofaktor für eine verkürzte Lebenszeit zu sein. Noch wissen wir zu wenig darüber, mit welchen Maßnahmen wir die täglichen Sitzzeiten reduzieren können, aber es wäre unvorsichtig, diese Forschungslücke auf uns sitzen zu lassen.

Mehr Informationen finden Sie in der deutschsprachigen Zusammenfassung auf Cochrane Kompakt.

Text: Dieser Text basiert auf einem Beitrag vom 29. Juni 2015 und wurde von Barbara Nußbaumer-Streit aktualisiert, da der zugrundeliegende Cochrane Review aktualisiert wurde.

Sie auch auf Medizin Transparent: Sitzen wir uns zu Tode?

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

 

Gute Gesundheit bedarf guter Entscheidungen

Wed, 07/04/2018 - 13:27

Wer sucht, der findet“ Auf der Suche nach Informationen zu Gesundheitsfragen erhält man viele Treffer. Doch stimmt das, was man findet, überhaupt? Leider oftmals nicht. Deshalb müsste das Sprichwort in diesem Fall eher lauten: „Wer sucht, weiß oft nicht genau, was er findet.

Sicher suchen auch Sie manchmal nach guten Informationen, um Fragen zur Gesundheit entweder für sich selbst oder Ihre Nächsten zu beantworten. Zum Beispiel zur Wirksamkeit eines Medikamentes, einer pflegerischen Maßnahme, einer physiotherapeutischen Behandlung oder einer Lebensstilveränderung? Dann kennen Sie sicher das Problem: Egal wo Sie suchen ist das Ergebnis häufig eine schier endlose Treffermenge. Mitunter sind die Aussagen dazu, was Sie tun sollten und was nicht, beziehungsweise, was (angeblich) hilft und was schadet, sogar widersprüchlich. Und dann ist es Ihnen überlassen, ob Sie den Aussagen Glauben schenken und welche Entscheidungen Sie treffen.

Informationen zur Gesundheit kritisch bewerten

Viele Aussagen sind, selbst wenn Sie gut gemeint sind, nachweislich falsch, und manche sind sogar vorsätzlich irreführend, um anderen Interessen als dem Wohlergehen von Patienten* zu dienen (z. B. kommerziellen Interessen). So hat zum Beispiel eine in Österreich im Jahr 2015 durchgeführte Analyse von fast 1000 Medienartikeln ergeben, dass nur knapp 11 % der in ihnen vermittelten Informationen in Einklang mit dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand standen; 60 % hingegen wurden als „stark übertrieben“ bewertet (siehe dazu auch Bedroht schlechter Medizinjournalismus unsere Gesundheit?).

Was bedeutet das?

Es ist wichtig, kritisch zu sein und zu lernen, zuverlässige von unzuverlässigen Aussagen zu unterscheiden. Doch das ist einfacher gesagt als getan: die meisten Menschen haben nie gelernt, Gesundheitsinformationen angemessen zu bewerten.

Wo ist der Beweis?

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das sich genau diesem Problem angenommen hat, ist ‚Wo ist der Beweis – Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin‘. Es erklärt die wesentlichen Konzepte für die kritische Betrachtung von Aussagen zu Behandlungen in verständlicher Sprache.

Zudem entwickelt eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern, Angehörigen verschiedener Gesundheitsberufe, Journalisten, Lehrern und Vertreter weiterer Interessensgruppen seit einigen Jahren Lernmaterialien zur sogenannten ‚Informierten Entscheidungsfindung zur Gesundheit‘. Wesentliches Ziel des ‚Informed Health Choices Project‘: Menschen jeglicher Altersgruppen und Hintergründe sollen dazu befähigt werden, Gesundheitsinformationen kritisch zu hinterfragen; zuverlässige von unzuverlässigen Aussagen zu unterscheiden und informierte Entscheidungen auf der Grundlage zuverlässiger Informationen zu treffen.

 

 

Als Ausgangspunkt für die Entwicklung der Lernmaterialien erstellte die Projektgruppe eine Liste von derzeit 36 ‚Schlüsselkonzepten‘ (key concepts), deren Verständnis eine Voraussetzung ist, um Gesundheitsinformationen kritisch bewerten zu können. Sie sind in drei Themengruppen unterteilt:

  • erkennen, ob eine Aussage auf einer zuverlässigen oder unzuverlässigen Grundlage beruht;
  • verstehen, ob ein Vergleich zwischen Behandlungen zuverlässig ist, und
  • informierte Entscheidungen treffen.

Students 4 Best Evidence (S4BE) ist ein internationales Netzwerk von Schülern und Studierenden mit Interesse an Evidenzbasierter Gesundheitsversorgung. Diese von Cochrane unterstützte Gruppe hat den IHC-Schlüsselkonzepten eine Blogserie in englischer Sprache gewidmet. Zu jedem Konzept wurde ein Blogbeitrag und dazu ein kurzes Textvideo erstellt.

…und auf Deutsch?

Damit die 36 ICH-Schlüsselkonzepte auch im deutschsprachigen Raum einem möglichst breiten Publikum zugänglich werden, hat nun eine Gruppe von sieben Studierenden des Studiengangs BSc Physiotherapie der Hochschule 21, Buxtehude (Bild unten), unter Leitung von Cordula Braun alle 36 Videos auf Deutsch übersetzt. Wir hoffen auf ihre breite Nutzung!

Alle am Projekt beteiligten Studierende: Vinzenz Becker-Mosen, Alina Brand, Christian Diepold, Thomas Kleinophorst, Nikolas Mallwitz, Vivien Aline Reimers, Jonas Wagener.

Text: Cordula Braun

Quellen:

Chalmers, I. et al. Key Concepts for Informed Health Choices: a framework for helping people learn how to assess treatment claims and make informed choices. 2018. BMJ evidence-based medicine, 23(1), pp.29–33.

Evans, I., Thornton, H., Chalmers, I., Glasziou, P. Wo ist der Beweis? Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin. Testing Treatments – Better Research for Better Healthcare. 2013. Hrsg. Gerd Antes. 2013. Huber Verlag. http://de.testingtreatments.org/. (Deutsche Übersetzung; Originaltitel: „Testing Treatments – better research for better healthcare“; https://en.testingtreatments.org/).

Kerschner, B., Wipplinger, J., Klerings, I., Gartlehner, G. Wie evidenzbasiert berichten Print- und Online-Medien in Österreich? Eine quantitative Analyse. 2015. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen, 109(4-5):341-9.

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

Ausgequalmt – Nikotinersatztherapie hilft beim Rauchstopp

Thu, 06/28/2018 - 08:48

Das Thema Rauchen ist in Österreich gerade hoch aktuell. Dass die Regierung das geplante Rauchverbot in der Gastronomie wieder gekippt hat, erhitzt viele Gemüter. Doch auch ohne ein Rauchverbot wächst bei vielen Rauchern und Raucherinnen der Wunsch ihrem Laster endgültig abzuschwören. Häufig werden dazu Hilfsmittel wie Nikotinkaugummi oder Nikotinpflaster verwendet, doch wie hilfreich sind solche Maßnahmen?

Jeder vierte Österreicher* ab 15 Jahre greift täglich zur Zigarette; weitere 6 % machen das gelegentlich. Am häufigsten wird in jungen Jahren geraucht. Bei den 15-29-Jährigen zünden sich 39 % täglich oder gelegentlich eine oder mehrere Zigaretten an. Mit der Zeit wächst aber bei vielen der Wunsch, mit dem Rauchen aufzuhören. In Österreich hat dies zumindest im letzten Jahr jeder dritte Raucher probiert. Bei den über 60-Jährigen sogar fast jeder Zweite. In Deutschland und der Schweiz wird etwas weniger geraucht:

In der Schweiz rauchten 2016 25 % der über 15-Jährigen. Bei Männern ist Rauchen beliebter als bei Frauen. Rund 30 % der Männer und 21 % der Frauen rauchen.
In Deutschland raucht jeder dritte Mann und jede vierte Frau. Hier ist der Anteil der Rauchenden bei den Jüngeren (18-29 Jahre) mit 35 % am höchsten. Bei Männern sinkt Rauchquote ab 45 Jahren, bei Frauen erst ab 65 Jahren.

Warum der Rauchstopp so schwer fällt

Doch warum fällt es vielen so schwer mit dem Rauchen aufzuhören, wo die gesundheitlichen Risiken wie Lungenkrebs und erhöhte Sterblichkeit so gut belegt sind? Schuld daran ist insbesondere der Inhaltsstoff Nikotin. Dieses Suchtmittel wird aus den Blättern der Tabakpflanze extrahiert und führt zur Freisetzung von Botenstoffen im Gehirn, die kurzfristig Glücksgefühle erzeugen. Der Körper gewöhnt sich daran und verlangt nach Nikotinnachschub. Dazu kommen Rituale, die häufig mit dem Rauchen antrainiert werden, wie die Zigarettenpause bei der Arbeit zusammen mit Kollegen oder das Rauchen beim Ausgehen mit Freunden. Diese Verknüpfung des Rauchens mit angenehmen Situationen erhöht den Belohnungseffekt von Zigaretten und führt schnell zu psychischer Abhängigkeit.

Erleichterung beim Rauchstopp

Beim Versuch mit dem Rauchen aufzuhören, fehlt dem Körper Nikotin. Entzugserscheinungen wie Reizbarkeit, Schlafstörungen, gesteigerter Hunger und schlechte Stimmung können die Folge sein. Für viele sind diese Symptome Grund genug den Rauchstoppversuch nach ein paar Tagen wieder abzubrechen. Nikotinersatztherapie, wird daher häufig verwendet, um die Entzugserscheinungen beim Rauchstopp zu lindern und das Aufhören zu erleichtern. Im Zuge der Nikotinersatztherapie werden dem Körper kleine Dosen Nikotin beispielsweise über Nikotinsprays oder Nikotinkaugummis zugeführt.

Wie wirksam Nikotinersatztherapie dabei hilft, dauerhaft vom Rauchen loszukommen, hat ein Team von Cochrane Autoren aus Großbritannien unter die Lupe genommen. Sie haben systematisch nach Studien gesucht, die die Wirksamkeit von Nikotinpflaster, -kaugummis, -sprays, und -tabletten als Unterstützungsmaßnahme beim Rauchstopp untersucht haben. Insgesamt wurden 136 Studien mit 64.000 Menschen herangezogen. Alle Studienteilnehmer wollten mit dem Rauchen aufhören und rauchten bis zum Beginn der Studie im Schnitt 15 Zigaretten täglich. Sechs Studien untersuchten die Raucherentwöhnung bei Schwangeren.

Alle Formen der Nikotinersatztherapie helfen

Alle Formen der Nikotinersatztherapie führten häufiger dazu, dass Personen langfristig (mindestens sechs Monate) mit dem Rauchen aufhörten. Die Chance, den Zigaretten dauerhaft abzuschwören war 50 %-60 % höher wenn Nikotinersatztherapie verwendet wurde, verglichen mit keiner Unterstützung. Interessanterweise war die Wirkung von Nikotinersatztherapie unabhängig von der Intensität der Begleitmaßnahmen (z.B. Beratung) und dem Umfeld.

Nebenwirkungen hängen von der Art der Nikotinersatztherapie ab. Bei Nikotinpflastern berichteten einige Personen von Hautirritationen, bei Nikotinkaugummis und –sprays erlebten einige Personen Irritationen der Schleimhaut im Mund. Es gibt keinen Hinweis, dass durch Nikotinersatztherapie das Risiko für Herzinfarkte steigt. Allerdings berichteten mehr Personen in der Nikotinersatzgruppe von Brustschmerz und Herzrasen. Bei Schwangeren erhöhte Nikotinersatztherapie ebenfalls die Chancen bis zum Zeitpunkt der Geburt, mit dem Rauchen aufzuhören. Die Qualität der zugrundeliegenden Studien ist hoch.

Fazit

Die aktuelle Studienlage zeigt, dass alle Formen von Nikotinersatztherapie (Nikotinpflaster, Nasenspray, Inhalator, Tabletten) die Chancen für einen erfolgreichen Rauchstopp erhöhen. Die Autoren dieses Cochrane Reviews schätzen die Aussagekraft der Studien sogar so hoch ein, dass sie davon ausgehen, dass zukünftige Studien dieses Ergebnis nicht verändern werden.
Wer also schon länger damit kämpft von Zigaretten loszukommen, könnte beim nächsten Anlauf Nikotinersatztherapie versuchen.

Link zum Cochrane Review:
http://cochranelibrary-wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD000146.pub5/abstract

PS: Rauchverbot in der Gastronomie
Wer gerne mehr darüber lesen möchte, warum ein Rauchverbot in der Gastronomie sinnvoll ist, kann das hier nachlesen: Schützen die nationalen Rauchverbote die Nicht-Raucher?

Text: Barbara Nußbaumer-Streit

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.